"Ein süsses Monster für Frau Kunzeā ā DrittklƤssler erkunden Generative AI
Eine Polizeikakerlake, ein Hund mit Rucksack, ein Seeungeheuer in einem Einmachglas: So sieht die KI-Welt für Berliner DrittklƤssler aus. Der Workshop āKreativ mit KIā macht SpaĆ ā und wirft wichtige, wenn nicht gar weltbewegende Fragen auf.
Das dritte Schuljahr beginnt für die Kinder einer Grundschule am Prenzlauer Berg mit den Medientagen ā und mit einem KI-Workshop. Die meisten haben den Begriff ākünstliche Intelligenzā schon mal gehƶrt ā aber hier erleben sie ihn zum ersten Mal selbst. Spielerische Begegnungen mit den einfachsten KI-Tools, also mit Sprachmodellen und Bildgeneratoren. Wir beginnen den Kurs nicht am Bildschirm, sondern am Basteltisch. Die Kinder malen, schneiden und fotografieren. Einige bauen Figuren aus ihrer Trinkflasche, andere skizzieren Autos, Burgen oder eine Katze mit Flügeln. Diese analogen Entwürfe dienen als Vorlagen, mit denen spƤter die KI gefüttert wird. Diese Erfahrung wirft die erste wichtige Frage zu dieser neuen Technologie auf: Welche Rolle spielt der künstlerische Prozess im Vergleich zum fertigen Werk? Wenn das Ergebnis, das die KI liefert, so ungleich schneller und mƶglicherweise sogar besser ist als das, was wir Menschen erschaffen, dann bleibt nur der schƶpferische Prozess als Ziel. Wie viel Freude dieser Prozess macht - also Malen und Basteln - muss man DrittklƤsslern nicht erklƤren. Aber ohne diese ErgƤnzung wƤre der KI-Kurs nicht komplett.
Nachdem die analogen Arbeiten via Foto digitalisiert wurden, erklären wir der KI unsere Vorstellungen: die Prompts. Mit Zustimmung ihrer Eltern durften die Kinder ihre Ideen direkt im Dialog mit der KI beschreiben. Damit wurde eine völlig neue Art der Interaktion mit Computern ausprobiert: Man schreibt nicht mehr, sondern spricht mit der KI wie mit einem Menschen. Es war bemerkenswert und zugleich beunruhigend zu sehen, wie perfekt die KI die Illusion eines echten Gesprächspartners erzeugt, wie aufrichtig und unbeschwert die Kinder in ihrem flüssigen Dialog mit dem Computer sind.
āDer Roboter soll wie ein MarienkƤfer aussehen, aber mit Polizeilicht.ā Die Worte werden von einem Sprachmodell transkribiert und an das System übertragen. Nicht alles klappt auf Anhieb. Das Bild ist zu hell. Der Geist ist zu groĆ. Die ZƤhne sind zu eckig. Und so beginnt ein Prozess wie ein Pingpongspiel: eingeben, warten, bewerten, anpassen. Neu eingeben. Dieses Hin und Her ist ein wesentliches Prinzip der Arbeit mit KI-Systemen: der iterative Prozess. Fast wie nebenbei lernen die Kinder in diesem Kurs etwas über visuelle Gestaltung im Allgemeinen. Sie eignen sich den Wortschatz und die Konzepte an, die für die Korrekturanweisungen erforderlich sind: āfotorealistischā, āZoomā, āHintergrundā, āFormatā usw. Neue Begriffe werden zu ihren Werkzeugen, und sie entwickeln ein Gespür für Details. āKannst du einfügen, dass der Hund flauschiges Fell hat? Wie ein Golden Retriever?ā Ein Kind entwickelt eine Bibliothek mit ZaubertrƤnken und ein Monster, das in einem Glas gefangen ist. āEin Seeungeheuer in einem Glas, wie eine eingelegte Gurke, nur mit ZƤhnen. Im Cartoon-Stil.ā
Aber nicht nur visuell-ästhetisch haben wir Neuland betreten. Für uns freie Dozenten gibt es kein Curriculum, nach dem wir die Lerninhalte zum Thema entsprechend gestalten könnten. Es gibt keine Richtlinien für den Einsatz von KI an Grundschulen. Es gibt eine Liste mit Empfehlungen, die von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung veröffentlicht wurde. Diese bezieht sich jedoch nur auf "textgenerierende KI-Anwendungen" und stammt vom April 2024. Also aus einem Land vor VEO3, Sora oder Gemini 2.5. Die "Guidance for Generative AI in Education and Research" der UNESCO ist auch ein Jahr alt, richtet sich dafür in einen Abschnitt direkt an "Art Coaches" - und fordert dabei das Unmögliche: "..assess whether the GenAI tools are locally accessible, open source, rigorously tested or validated by authorities."
Die Einwilligung der Eltern mit der KI zu sprechen gilt für einzelne Kinder, aber wer kann garantieren, dass nicht auch andere Stimmen im Raum von einer KI genutzt werden? Bilder und Namen, die über Messenger-Apps geteilt werden, werden zu Datensätzen, mit denen die Anbieter ihre KI-Modelle trainieren. Und ist das überhaupt ein Problem? Das sind Fragen, die unabhängig vom Thema Datenschutz aufkommen. Denn auch wenn geschützte Stimmen und Bilder nicht veröffentlicht werden, stehen sie dennoch als Trainingsdaten für KI zur Verfügung, sobald man diese Dienste nutzt. Und - von all diesen Fragen ganz abgesehen: es gibt keine Garantie dafür, dass das, was wir hier tun, in wenigen Monaten noch als sinnvoll angesehen wird. Wie sollen sich Lehrer und Schulen, wie soll sich die Menschheit auf dieses Tempo einstellen?
Am Ende des Workshops hƤlt jedes Kind zwei Postkarten in der Hand ā hochwertig gedruckt, mit dem eigenen Motiv. Stolz zeigen sie diese ihren Mitschülern, stecken sie in ihre FedermƤppchen oder beschlieĆen, die Karte ihrer Oma zu schenken. āDas ist ihr Hund als Superheldā, erklƤrt ein MƤdchen.
Ob man dran glaubt oder nicht, ob pro oder contra: der Umgang mit KI ist unvermeidlich, denn die technischen VerƤnderungen schaffen Fakten. Es bleibt die Wahl, Zuschauer zu bleiben ā oder mitzuspielen.









