Psychologische Krankheiten der Dunmer in der 3. Ära
[Eine Arbeit vom Journalisten-Pseudonym Jorygg Roth, welcher es Journalisten aus allen Ären erlaubte, ihre wichtige, redaktionelle Aufklärungsarbeit zu veröffentlichen, ohne in Gefahr zu geraten.]
Psychologische Krankheiten. Etwas, das selbst die stärkste Heilungsmagie kaum zu bewältigen weiß und ein Problem in vielen Ländern Tamriels. Ich kenne die psychischen Probleme, die durch die Armut in der Kaiserstadt, vor allem bei den Bettlern, entstehen können und auch die Probleme, die durch den starken Fokus an Stärker bei den Nord entstehen, wenn man nicht diesem Ideal entspricht. Doch scheint dies stets ein menschliches Problem zu sein. Bretonen leiden, wenn sie zu schwach für Ritter und zu untalentiert für die Magie sind. Nord leiden, wenn sie zu schwach zum Kämpfen und zu ungeschickt zum Schmieden sind. Doch wie sieht das bei den Elfen aus? Als ich für dieses Thema recherchierte, begann ich im Hafenbezirk der Kaiserstadt. Dort, vor einem großen Schiff, dass gerade aus Vvardenfell angereist war, sprach ich mit Banus Seran, einem ehemaligen Piraten, den es in den Handel getrieben hat. Er erzählte mir viel über die möglichen psychischen Probleme von Dunkelelfen.
»Wir reisen bald wieder los«, sagte der Dunkelelf und strich sich sein vom Alter ergrautes Haar über seine faltige Stirn. »Wenn du was über Probleme erfahren willst, dann komm mit nach Vvardenfell.«
Zu erst überlegte ich, warum ich mitkommen sollte. Doch dann traf es mich wie ein Schlag. Vvardenfell. Der Sitz des beliebtesten Dunmer-Gottes überhaupt. Ich stimmte zu.
Während meiner Reise werde ich genau drei Gespräche führen und Dinge in Erfahrung bringen, die mich in den Tiefsten meines inneren selbst erschüttern werden. Bis heute weiß ich nicht, wie ich das Ende dieser Reportage deuten solle, und überlasse es euch, werte Leser, ein Urteil zu fällen.
Meine ersten Schritte auf Vvardenfell, tat in im beschaulichen Seyda Neen, einer kleinen, im Sumpf der Bitterküste gelegenen, an den Ascadian Inseln grenzenden Hafenstadt im äußersten Süd-Westen der Vulkaninsel. Hier ragten erstaunlich kaiserlich anmutende Wohn- und Handelshäuser aus dem schlammigen Boden empor und zeugen nur wenig von der so oft gepriesenen, dunkelelfischen Kultur. Und auch die Bewohner sind so divers, wie es die Insel zu sein scheint.
In einem kleinen Handelshaus im Nord-Westen des Ortes kam ich für diese Nacht zu ruhe. Betrieben wurde das hohe Gebäude, dass über einen Steg, der über die Sümpfe führte, mit welchen die Bewohner ohne Beschwerden zu leben schienen, erreichbar war, von Arrille, einem stets hochmütig dreinblickendem Hochelfen, mit streng zusammengebundenem, goldenen Haar. Als ich ihn über das Thema meiner Reise befragte, sagte er mir lediglich, dass es die Dunkelelfen hier noch am besten hätten. Alle anderen Völker würden als minderwertig angesehen und auch so behandelt werden. Etwas, dass ich eigentlich mit Hochelfen in Verbindung bringe, doch ich erzählte ihm das nicht. Eine Rothwardonin im oberen Stockwerk nahm sich meinem Thema deutlich offener an und riet mir, meine Suche in Balmora fortzuführen. Und ich traute ihr. Der Ratsitz des Hauses Hlaalu war eh mein Ziel gewesen, denn die Größe der Stadt war auch außerhalb der Dunkelelfen-Provinz weithin bekannt gewesen.
Mit einem Schlickschreiter, einem Transportmittel, das mehr einem Insekten ähnelte, als einer Kutsche, gelangte ich nach einem halben Tag endlich nach Balmora. Hier oben, von der Ausstiegsplattform der Schlickschreiter aus, konnte ich die gesamte, majestätische Stadt erblicken. Grobe, hellbraune Klotze mit abgerundeten Ecken standen eng aneinander und formten auf natürliche Art und Weise Straßen und Gassen. An den Häusern hingen verschiedene Papier-Laternen. Eine Orientierungshilfe, wie mir der Fahrer des Schlickschreiters erklärte.
»Rot bedeutet Zwielicht«, hatte der jung aussehende Dunkelelf gesagt, als er sich den weiten Strohhut vom Kopf nahm und sein dunkelblaues Haar enthüllte. »Bordelle, wenn du Glück hast. Attentäter, wenn du Pech hast. Blau bedeutet arkanes. Magiergilde, Verzauberungen und der gleichen. Weiß dient lediglich der Beleuchtung und wird für die Hauptstraßen genutzt. Wenn du dich eines Tages verläufst, suche das weiße Licht und du findest den Weg. Gelb bedeutet Geld. Vor allem hier bei den Hlaalus. Banken und Besitztümer des hohen Hauses werden mit gelbem Licht beschienen.«
»Gibt es denn keine Straßenschilder?«, fragte ich den Mann.
Er entgegnete mir zunächst mit krächzendem Lachen. »Die findest du nur in der Wildnis. Sie zeigen dir, wo der nächste Ort ist. Aber Straßenschilder in den Städte gibt es nicht. Dafür ist ja das Licht da.«
Hier war ich nun. In Balmora. Zweitgrößte Stadt der Insel, so sagte man mir. Und ich glaube es auch. Während meines Ritts gab mir der Fahrer einige Auskunft über mögliche Gesprächspartner für mein Thema und mein erster Halt war weit im Norden, fast schon angrenzend zum örtlichen Tribunalstempel. Hier, unter einer kleinen Brücke, die zwei Häuser verband, fand ich eine gut versteckte Schmiede, betrieben von einem Nord namens Jegg Colus. Ich wollte mit jemanden reden, der auch die Kultur außerhalb von Vvardenfell kannte, für einen umfassenderen Blick auf die Thematik. Ich fragte ihn nach einem Gespräch und der kräftige Mann stimmte zu.
Jegg war ein hochgewachsener Nord, wie er im Buche stand. Groß, kräftig und mit weißem Haar, dass er zu einem Zopf verband. Sein Geschäft war schwül und eng. Neben seiner Schmiede passte lediglich ein Verkaufstresen und zwei Regale hinein, auf welchen seine Waren ausgestellt worden waren. Die für die Dunmer dieser Region typischen, viel zu kleinen und ovalen Fenster aus Grünglas waren weit geöffnet, halfen aber kaum bei der Hitze.
»Es freut mich, dass Sie sich die Zeit nehmen, Herr Colus.«
»Klar, klar. Ich bin für jede Form der Ablenkung dankbar. Also? Was kann ich für sie tun?«
Meine Gedanken rasten und ich überlegte, wie ich das Thema am besten starten sollte. »In Himmelsrand gibt es ja einige Berufe, die deutlich bevorzugt werden von ihren Bewohnern, oder?«
»Sie als Schmied würden dort ein hohes Ansehen genießen. Aber wie sieht es hier auf Vvardenfell aus?«
»Ha!«, grölte der Mann und schlug sich auf seine enge und dunkle Lederhose, beugte sich in einem der zwei Stühle vor. »Die Dunkelelfen geben nichts auf die Kunst des Schmiedens. Gar nichts.«
»Bist du ein Magier? Dann tust du das gleiche wie Sotha Sil. Bist du Krieger? Dann eiferst du Almalexia nach. Bist du Schreiberling oder Nutten-Preller, so lebst du im Sinne des Vivec. Aber ein Schmied? Der hat es wohl nie zu etwas geschafft.«
»Sie fühlen sich also benachteiligt?«
»Einen scheiß tue ich, junge. Ich kann gut leben, weil ich mit der Festung drüben zusammenarbeite und auf die Meinung von Dunkelelfen gebe ich wenig. Aber es nervt. Zu jedem Beruf des Tribunals gibt es Feiern aber nicht für Schmiede, Zimmerer, Alchemisten oder sonstigen wichtigen Berufen. Keiner feiert einen Bäcker!«
»Wie würden Sie sagen, macht sich diese Bevorzugung mancher Berufe psychisch bemerkbar?«
Plötzlich lockerte sich das angespannte Gesicht des Nord und er lehnte sich wieder zurück, verschränkte die Arme. »Ich weiß es nicht. Ich sehe auf der Straße immer wieder, wie Kinder sich fertig machen, weil ein anderer lieber Jäger sein will, statt ein Poet, eine Kriegsherrin oder ein ... was auch immer Sotha Sil tut. Aber warum redest du mit mir darüber?«
»Ja, mir geht die Sache am haarigen Hintern vorbei. Ich wuchs in Weißlauf auf und weiß eine gute Schmiede-Arbeit zu schätzen. Aber ein Alchemist, der hier aufwuchs, wird seine Arbeit kaum zu schätzen wissen.«
»Ein ... Alchemist? Schwebt Ihnen da jemand bestimmtes vor.«
Jegg stand auf und hob seinen Massivholzstuhl locker über den Tresen und nickte. »Geh aus dem laden, dann Links über den Odai und dem Fluss Stadteinwärts lang. In der siebten Häuserreihe findest du ein einziges, einsames, blaues Licht. Sprich dort mit Dalyn Sarethi. Er ist Alchemist und weiß wohl besser, was es heißt, hier zu leben und kein Nutten-Preller, halbnackte-Kriegerin und ... nein ernsthaft. Was macht Sotha Sil eigentlich?«
Jeggs Worte hallten noch einige Zeit während meines Mittagessens im »Sieben-Teller« nach, während ich gekochte, gigantische Eier von Kwama und eingewickeltes Fleisch zu mir nahm. Ich hatte sehr lange Angst, einen Dunmer über ein solch heikles Thema auszufragen. Fast jeder hier diente dem Tribunal auf seine eigene Art und Weise und man warnte mich auf dem Schiff bereits davor, das Tirbunal nur in den höchsten Tönen zu loben. Doch sind diese es, welche so viele Probleme verursachen können.
Als ich mein Essen herunterwürgte, folgte ich Jeggs für Vvardenfell gewöhnlich grobe Wegbeschreibung und gelangte nach einiger Zeit in einen kleinen Laden, der sich in einem Wohnhaus befand. Als ich die massive Holz-Eisen Tür aufstemmte, drang mir direkt ein beißend-süßer Duft entgegen, den ich kaum zu identifizieren vermochte. Meine Augen begannen kurz zu Tränen, doch ich gewöhnte mich schnell daran. Vor mir erstreckte sich eine große Treppe. Wie ich vom Schlickschreiter-Fahrer gelernt hatte, befanden sich bei ärmeren Geschäften die Läden im Untergeschoss, während die Betreiber im oberen Stockwerk lebten. Also trat ich von der Treppe weg und lief weiter hinein in den Laden.
Direkt unter der Treppe stand ein dürrer Dunkelelf mit faltiger Stirn und blutroten Augen, die sich panisch auf mich fixierten, ganz so, als hätte er für den gesamten Tag keine Kundschaft erwartet. Zu erst dachte ich, ich sei im falschen Haus und es wäre ein normales Wohnhaus gewesen, in welches ich nun unrechtmäßig eingedrungen war, doch als ich die verschiedenen Fläschchen mit Flüssigkeiten auf dem Tresen bemerkte, wich meine Angst, doch die meines Gegenübers blieb.
Vorsichtig erklärt eich ihm, wer ich war und was ich wollte. Und als er sich als Dalyn Sarethi vorstellte, wich der letzte Funken meiner Angst und ich bat ihn um ein Gespräch, dass er zögernd annahm. Ich setzte mich ihm gegenüber an den Tresen.
»Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch nehmen.«
»Wie ich Ihnen ja schon kurz anriss, geht es bei meiner Reportage um die psychischen Einschränkungen, die mit den Berufen auf Vvardenfell einhergehen. Sie sind Alchemist, nehme ich an?«
»Ja.« Dalyn schaute mich weiter mit ängstlichem Blick an.
»Sie müssen nicht nervös sein, Herr Sarethi. Ich hege großen Respekt vor der Alchemie.«
»Kann ... kann ich kurz?«
Noch ehe ich antwortete, sprang der Dunkelelf auf und eilte die Treppe hoch. Erst fürchtete ich, er würde nicht mehr herunter kommen, doch dann, wenig Später trat er wieder zu mit. In seiner Hand ein kleines Kuscheltier.
»Ich brauche das, um ruhig zu bleiben.«
»Kein Problem. Wenn es Ihnen hilft?«
»Sie mögen also Alchemie?«
»Ja, natürlich. Es ist wie Heilmagie, nur braucht es dafür keinen Magier und man kann es mit sich herumtragen, nicht wahr?«
Ich bemerkte, wie Dalyn auf dem Stofftier herumdrückte. »Es ist sicher ein schwieriges Thema, aber wie lebt es sich als Alchemist in Vvardenfell?«
»Mies«, schoss es aus ihm. »Ich würde töten, um ein talentierter Krieger oder Magier zu sein. Dich töten, deine Kinder. Jeden.«
»Müsst Ihr mit vielen Anfeindungen leben, weil Ihr ein Alchemist seid?«
Er schüttelte den Kopf und begann sich auf dem Stuhl leicht vor und zurück zu bewegen. »Zur Zeit nicht, nein. Erwachsene Dunmer hassen einen auf andere Art und Weise.«
»Sie ignorieren einen. Kein Dunmer trat jemals durch diese Tür. Nicht einer. Als der Odai letzten Frühling über die Grenzen anstieg und Häuser angriff, wollte man nicht mal, dass ich beim Aufräumen anpacke.«
»Wie fühlen Sie sich dabei?«
Das Wippen von Dalyn wurde Stärker.
»Sie müssen mir nichts beantworten, wenn sie nicht können.«
Er drückte nun das Stofftier an seine Brust, gab ihm einen Kuss auf den Kopf. »Es geht schon. Ich fühle mich dann immer sehr nutzlos. Die einzigen, die meine miete hier zahlen, sind Fremdländer wie du, die nichts gegen die Alchemie haben.«
»Ich hörte von einer anderen Person, dass auch Kinder schwierig sein können, wenn es um Berufe geht.«
»Haben Sie auch als Kind Anfeindungen ertragen müssen?«
»Ja. Einmal, das weiß ich noch, als meine Klasse begann Illusionsmagie zu erlernen, was ich nicht konnte, weil mir die Befähigung fehlte. Sie haben mir auf einmal mit der Illusionsmagie das Augenlicht genommen.«
»Sie haben Euch blind gemacht?«
»Ja. Ich schrie für Stunden, weil ich nicht wusste was los war. Ich hörte nur das Lachen der anderen Kinder bis ich von einem Hügel fiel und mir das Becken brach. Und das war nicht mal das schlimmste, was sie mir antaten.«
»Das tut mir Leid zu hören.«
»Macht nichts. Sie wurdne Krieger und Magier. Forscher und Abenteurer. Keiner von ihnen ist noch am Leben. Nur der Dalyn lebt noch. Der schwächste von allen.«
Hier begann plötzlich meine ursprüngliche Reise aus den Rudern zu laufen, doch ich konnte nicht anders und fragte: »Warum verkauft Ihr Eure Mittel nicht an die Festung der kaiserlichen? Die lieben Alchemie.«
»Habe ich natürlich versucht. Ich bin nicht dumm!«
»Das habe ich nie behauptet.«
»Aber ich gehöre zum Tribunal-Tempel und mit uns handelt die Festung nicht.«
Als ich langsam meine Gedanken fahren ließ, musste ich einfach fragen. »Geben Sie den Tribunen die Schuld an dem, was euch widerfahren ist?«
»Ja, schon. Hätte sich einer der Tribunen nicht auch der Alchemie zuwenden können?«
»Vielleicht tun sie das ja. Sotha Sil ist für viele ein Mysterium.«
»Worauf ich hinaus will ... wenn Ihnen der Tempel nichts gutes gebracht hat, wieso treten Sie dann nicht aus?«
Die roten Augen des Dunmers rissen sich auf. »Aus dem Tempel austreten?«
»Ja. Es scheint doch eh niemanden zu geben, den das interessieren würde, oder irre ich mich?«
»Nein, nein. Meine Eltern sind tot. Es gibt sonst niemanden.« Der Blick des Dunkelelfen ging zu seinem Stofftier. »Ich hasse alles am Tempel«, flüsterte er. »Wirklich alles.«
»Möchten Sie, dass ich Euch begleite?«
Dieses Angebot schien ihn wie einen Schlag zu treffen. »Würdest du das tun?«
Der Tempel des Tribunals war im äußersten Norden der Stadt. Hier, im ummauerten, flachen Gebäude wartete ich draußen, während Dalyn drinnen seinen Austritt durchführte. Ich war unglaublich schockiert, über die Geschichten, die er mir auf dem Weg erzählte. Dinge, die man ihm als Kind antat und von denen er mich bat, sie nicht zu erzählen, was ich auch nicht tun werde. Doch sie zeigen ein grausames und neues Bild von Dunkelelfen.
Nach einer Stunde trat Dalyn heraus, in seiner Hand eine Schriftrolle. »Ich bin ausgetreten. Kann hier also nicht mehr bestattet werden.«
»Befreiend!«, sagte er breit grinsend, stoppte das Grinsen aber schlagartig wieder. »Würdet ihr mir einen weiteren Gefallen tun? Ich würde gerne versuchen, dem kaiserlichen Kult beizutreten.«
»Wieso? Ihr könnt auch so mit den kaiserlichen handeln.«
»Das mag stimmen aber ich habe gehört, es gäbe einen Gott der Alchemie.«
»Oh, das müsste Julianos sein, ja.«
»Julianos. Klingt doch nett, oder?«
»Wenn du wirklich beitreten willst, begleite ich dich.«
Unser weg führte aus der Stadt, vorbei am Schlickschreiterhafen und über die Ausläufe des Odai. Einige Minuten gingen wie über Trampelpfade, vorbei an grünen Hügeln und fernen Ruinen der Dwemer, ehe sich die Festung in all ihrer kaiserlichen Pracht vor uns erstreckte.
Im Hof warf man uns zu nächst fragende Blicke z, ausgehend von kaiserlichen in ihren Rüstungen. Doch wir traten ein. Eine alternde Ork-Frau lotste uns nach unten in den Keller, als wir nach dem Kult fragten.
Unten begrüßte uns eine Nord mit feuerrotem Haar und genauso roter Robe. »Ja? Kann ich Euch beiden helfen?«
»Ich bin Dalyn Sarethi und würde gerne dem kaiserlichen Kult beitreten.«
Die Brauen der Dame schossen hoch und jeder in der kleinen Halle blieb still. »Sehr ... sehr gerne!«, sagte sie. »Seid ihr also aus dem Tempel ausgetreten?«
Ohne ein weiteres Wort hielt Dalyn ihr die Schriftrolle entgegen, die von der Nord angenommen und gelesen wurde. »Oh. Von heute. Ja, gut! Wir freuen uns natürlich immer, wenn der Glanz der Neun auf Dunkelelfen ... Verzeihung. Auf Dunmer übergeht. Sagt, was könnt ihr denn zum Kult beitragen?«
»Ich ... ich bin Alchemist.«
Ich erkannt, wie nervös Dalyns Finger zuckten, als er es aussprach.
»Oh, wirklich? Abelle!«, rief sie und aus einem der angrenzenden Räume trat eine Bretonin mit lockigem, braunen Haar heraus.
»Das ist Dalyn ... Sarethi«, sagte sie, als sie den Namen vom Dokument des Tempels ablas. »Er möchte dem Tempel beitreten und ist Alchemist.«
»Oh! Du auch?«, fragte die Bretonin begeistert. »Götter sei dank! Ich habe so viel zu tun, eine zweite Hand ist sehr gerne gesehen, vor allem wenn die so hübsch ist.«
»Kind, jetzt lass den Mann doch erst mal eintreten!«, keifte die Dame. »Gut. Kommen Sie am besten mit in die Schreinkammer.«
Und hier verließ ich Dalyn Sarethi und ließ ihn alleine.
Die ganze Situation mit Dalyn zeigte mir, wie weitgehend der glaube des Tempels ging. Er war so tief in den Köpfen der Dunkelelfen verankert, dass sie bereits negative Folgen hat. Das mag vielleicht einer der Nachteile dafür sein, nur drei statt neun Götter zu haben, dennoch ließ mir die Situation keinen Frieden. Hier hätte ich meine Arbeit ruhen lassen können, doch ich war wütend. Ich wuchs im festen Glauben auf, dass Glauben stets positives hervorzubringen hatte. Doch das Tribunal vermochte auch Böses zu tun. Und daher verbrachte ich einige Wochen damit, dem Tempel zu schreiben und sogar Vivec höchst selbst um eine Stellungnahme zu bitten, doch ohne Erfolg. Doch ich war wütend. Ich wollte, das jemand mit Macht das Problem der Berufe anerkennt und sich dazu äußert und wie es der Zufall so wollte, gab es eine gute Möglichkeit dazu.
Wenige Wochen nach Dalyns Eintritt in den kaiserlichen Kult wurde die Fertigstellung von Vivec-Stadt gefeiert. Hohe Tiere des Tempels, Adelige aus allen Häusern und Ehrengäste aus ganz Morrowind waren geladen und auch ich fand mich dort ein.
Mein erster und hoffentlich letzter Tag in Vivec begann schrecklich. Ich verlief mich ständig. Jede Wohninsel sah gleich aus und die Schilder, welche die Inseln benannten waren auf dunmerisch. Nichts, dass ich verstehen konnte. Doch dann erkannte ich ihn: Baar Dau. Der gewaltige dritte Mond Morrowinds. Eine kolossaler Fels, der aussah, als würde er jeder Zeit hinabstürzen, doch tat er es nicht. Ich wusste, dass der Tempel von Vivec direkt darunter war, also folgte ich dem Stein.
Am späten nachmittag waren die Feierlichkeiten in vollem Gange und ich versuchte mich daran, mit einigen Kanonikern zu sprechen, doch keiner wollte mich anhören. Es wurden sogar Wachen und Ordinatoren gerufen, um mich von den Kanonikern fernzuhalten. Das machte mich noch wütender. Wohlgenährte, dicke Tempel-Leute in feinen Gewändern. Fernab der Probleme der Bürger.
Doch dann, als die Menge zu toben begann, witterte ich meine große Chance. Ich rannte vorbei an den Ordinatoren, die mich vom Platz verwiesen haben und drängte zu den massen, in der Hoffnung, den Erzkanoniker selbst zu treffen. Doch ich fand mehr. Umringt von aberhunderten Dunkelelfen, stand, über jedem Kopf erhaben, Fürst Vivec höchstselbst. Der gold-blaue Fürst der Poesie leuchtete, als die Leute ihn zu jubelten. Ich überlegte, was ich tun solle und wie weit ich gehen wollte. Doch dann erinnerte ich mich wieder an Dalyn. Ich hörte die brüllenden Bekundungen der Elfen, und ohne Erwartung erhört zu werden rief ich:
»Wieso ist dir das Volk so egal, Vivec?«
Dann plötzlich hob sich die dunkle Hand des Fürsten und die Menge schwieg. Seine Augen richteten sich auf mich und er legte eine Hand auf meine Schulter.
»Die Anonymität deines Pseudonyms schützt dich nicht vor dem Zorn der Götter«, sagte er zu mir.
Ich musste meinen gesamten Mut zusammen nehmen. »Ich bin seit Wochen auf Vvardenfell und ich bin bestürzt, Fürst Vivec. Ich sprach mit Leuten, die durch das Tribunal leid ertragen mussten.«
»Mussten sie das?«, fragte er mit zweifacher Stimme. »Sprichst du von Jegg, der als Straftäter aus Himmelsrand floh und hier in meiner Heimat Unterschlupf fand? Er leidet nicht unter dem Tempel, denn er interessiert sich nicht für ihn. Oder meinst du Dalyn? Sein Leiden war groß, nicht wahr? Und doch ... keiner der Kinder die ihm leid zufügten lebt noch. Sie wurden bestraft.«
Ich schluckte. Wie konnte er von Jegg und Dalyn wissen? Wurde ich verfolgt, seit ich auf Vvardenfell bin? Und die Täter? Hatte er die Kinder auf ihren Missionen getötet? »Die Bestrafung der Täter hilft dem Opfer kaum.«
Vivec nahm seine mit Armreifen geschmückte Hand von meiner Schulter und legte sie sanft lachend an sein Kinn. »Du willst, dass ich Dalyn entschädige. Will er denn eine Entschädigung? Frag ihn in zwei Jahren, wenn er seine bretonischen Zwillinge auf dem Schoß hat und seine liebreizende Frau ihn küsst. Frag ihn, ob er dann noch eine Entschädigung einfordern möchte, ja?«
Vivec ging seinen Marsch über all die Wohninseln weiter und ließ mich völlig perplex zurück.