Das harte Brot der Liebe
Wenn ich Paare sehe, die sich mit Zungenküssen und Fummeleien verabschieden, die Hände nicht voneinander lassen können und Trennungsschmerzen haben, weil sie sich für die nächsten paar Stunden auf Arbeit oder an der Uni nicht sehen, dann weiß ich: sie sind noch nicht lang zusammen. Ein bisschen Neid und Wehmut ist dabei, aber auch ein hämisches: Das geht bald vorbei.
Irgendwann ist man nicht mehr verrückt nacheinander. Zumindest nicht die ganze Zeit. Du siehst den anderen essen, die Klotür hinter sich schließen (hoffentlich), wie er seine Zähne putzt, erlebst Blähungen, Rülpser, Schwächen und Mängel. Die Idealisierung verschwindet. Die Liebe ändert ihre Temperatur. Wenn sie im Plusbereich bleibt, kann man bleiben, sonst geht die Suche nach Glück noch mal von vorne los.
Früher habe ich Leute ausgelacht, die meinten, Liebe sei Arbeit. Ich war mir sicher: meine Liebe nicht. Ihre Liebe ist vielleicht Arbeit, weil sie solche herzlosen Zombies sind, aber meine Liebe würde für immer leuchten. Strahlend hell und heiß.Aber das tut sie nicht. Nicht mehr nach Jahren der Nähe. Sie wird niedergedrückt vom Alltag, sie hat Schwierigkeiten, nicht unterzugegen und zwischen den Sofakissen zu verschwinden. Mit den Jahren wird es schwerer, nachsichtig zu sein, duldsam und dankbar dafür, dass es der anderen mit einem aushält. Stattdessen herrscht das Marktprinzip: Entwertung durch permanente Verfügbarkeit. Erst wenn das Angebot verknappt wird, wenn alles auf der Kippe steht, geht die Lampe plötzlich wieder an und das Leuchten kehrt zurück. Manchmal nur für einen kurzen, verzweifelten Moment, manchmal für ein paar weitere Jahre.
Vor kurzem waren wir zu einer diamantenen Hochzeit eingeladen. Ich bastele ein Geschenkbuch, kaufte mir ein Abendkleid und dachte darüber nach, wie alt wir werden müssten, um auch zu Diamanten geschliffen zu werden. Als wir dann krank wurden und nicht fahren konnten, dachte ich darüber nach, wie viele böse Worte 60 Jahre bedeuten, wie viel Betrug, wie viele Verletzungen, wie viele glückliche Momente und Zuversicht, wie viel Geduld und Nachsicht miteinander. Ich wurde demütig und dachte, dass eine Ehe tatsächlich Arbeit ist, und zwar Arbeit an sich selbst, die Bereitschaft, sich mit unangenehmen Fragen zu befassen und sich immer wieder neu zu erfinden. Als Mensch und auch als Partner. Und wie bewundernswert es ist, wenn einem das gelingt, wenn man den anderen nicht nur aushält, sondern sich gemeinsam entwickelt.














