Meine persönliche Reizdarmgeschichte Teil 3
Ich bin wieder back on track bzw. habe ich derzeit Ruhe zum Schreiben. In diesem Eintrag geht es um meine Zeit in der Klinik.
Auch hier möchte ich wieder die Warnung für mögliche Trigger aussprechen. Es geht hier um meine Symptomatik, Depressionen und essgestörtes Verhalten. Weiterhin möchte ich mit diesem Eintrag auch darauf aufmerksam machen, dass es absolut kein Zeichen von Schwäche ist, wenn man professionelle Hilfe benötigt. Niemand muss mit allem allein klarkommen. Bei körperlichen Beschwerden gehst du zum Arzt - warum auch nicht mit psychischen Problemen?
Vielleicht kann dich mein Eintrag ermutigen, da ich auch einiges aus meinem Klinikalltag erzählen werde.
Wie in meinem letzten Eintrag erwähnt, bin ich durch die Hilfe einer Sozialarbeiterin zur Klinik gekommen. Sie suchte damals mit mir nach passenden Angeboten und rief sogar dort an. Sie suchte mit mir damals explizit nach Kliniken, die Essstörungen behandelten, da ich große Angst hatte, an einer zu leiden. Die Klinik, die für mich infrage kam, lag sogar in meinem Landkreis. Es handelte sich hierbei um eine Klinik für Psychosomatik. Ich vereinbarte dort ein Aufnahmegespräch. Zusätzlich musste ich mir im Vorfeld einen Einweisungsschein für die Behandlung in der Klinik bei meiner Hausärztin holen. Tatsächlich hat es dort nicht lang gedauert, bis ich dran kam. Als ich dort war, musste ich zunächst einen Fragebogen zu meiner aktuellen Situation, meinen körperlichen Beschwerden und meiner psychischen Verfassung ausfüllen. Danach konnte ich mit einer Psychologin sprechen. Auch hier ging es darum, nochmal zu schildern, was ich hatte und wie ich mich fühlte (und letztlich auch, unter welchem Leidensdruck ich stand). Die Psychologin erklärte mir, dass es einige Zeit dauern könnte, bis ich dran kommen könnte. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass ein stationärer Aufenthalt das Beste für mich wäre. In der Klinik gab es auch Tagesklinik-Plätze, bei denen ich eventuell eher dran kommen könnte. Aber das wollte ich nicht. Innerlich hatte ich den Wunsch "abgeschirmt" zu sein. Ich rechnete mit 6 -8 Wochen Wartezeit. Ich habe während des Gesprächs mit der Psychologin viel geweint und bin dann anschließend völlig verweint mit meinem Vater heimgefahren. Trotzdem war ich froh, dass sich endlich den Mut gehabt hatte, mir Hilfe zu holen. Genau weiß ich es nicht mehr, aber tatsächlich waren es nur 3-4 Wochen gewesen, in denen ich warten musste. Ich bekam einen Brief, in dem vermerkt war, wann ich in die Klinik konnte und bei wem ich mich melden musste. Den Therapieplatz nahm ich mehr als dankbar an!
Aber natürlich musste ich da vorher noch etwas klären, denn ich befand mich im Endes des 2. Ausbildungsjahres. Also nahm ich mir ein Herz und suchte das Gespräch mit meiner Klassenlehrerin und meiner Ausbilderin. Beide reagierten sehr verständnisvoll und wünschten mir alles Gute für die Klinikzeit. Dadurch, dass das Ausbildungsjahr fast vorbei war, fielen auch in der Berufsschule keine großartigen Projekte oder Arbeiten an, die essenziell für das Zeugnis gewesen wären. Auch meine Zwischenprüfung war schon durch. Ebenso verpasste ich in der Praxis erstmal nichts. Damit habe ich ziemlich Glück gehabt. Ich möchte hier aber auch nochmal betonen, dass es nicht den einen richtigen Zeitpunkt für eine Therapie gibt. Es ist auch egal, in welcher Phase deines Lebens du gerade steckst, ob du nun wie ich in der Ausbildung bist oder im Studium: deine Gesundheit geht immer vor! Schieb sie nicht auf die lange Bank!
Nachdem die Gespräche durch waren, begann ich mich auf meine Therapie vorzubereiten. Dann kam der Tag: meine Mama fuhr mich früh in die Klinik. Dort musste ich auf die Schwester zur Aufnahme warten. Die Schwester klärte mit mir wichtige Dinge (Medikamenteneinnahme, ob was beim Essen zu beachten ist, die allgemeinen Klinikregeln). Mein Zimmer teilte ich mit einer anderen Person. Einzelzimmer waren möglich, aber ich glaube, dafür musste man Privatpatient sein, um sich das leisten zu können. Aber so schlecht war es auch nicht, zu zweit ein Zimmer zu teilen, wie sich später herausstellen sollte. Meine derzeitige Zimmernachbarin war nicht besonders gesprächig, allerdings wurde sie bald entlassen, sodass sich die Sache eh erübrigte.
In der Klinik bekam jeder neue Patient zum Anfang einen sogenannten "Paten", der dir die Räumlichkeiten zeigte und erklärte, wie es in der Klinik so vor sich ging. Wir hatten z. B. einen extra Essenraum, in dem wir unsere Mahlzeiten einnehmen sollten und mussten (auf dem Zimmer essen war nur in absoluten Einzelfällen erlaubt). Außerdem wurden Dienste eingeteilt:
- Müll rausstellen in die entsprechenden Container
- Kühlschrankdienst (wir hatten einen Kühlschrank zur Verfügung, in dem man selbst mitgebrachte oder gekaufte Lebensmittel lagern konnte, allerdings musste man den Namen und das Anbruchdatum draufschreiben; der Dienst hat dann überlagerte Lebensmittel weggeschmissen)
- Vorbereitung von Frühstück und Abendbrot (wir konnten uns da so Büffetähnlich bedienen)
- die Mittags"container" in die Wärmeplatten stellen (das Mittagessen kam fertig portioniert und wurde gewärmt, mehr zum Essen später)
- jemand, der sich ein Freitagabendprogramm für die Station ausdenkt
- ich weiß nicht, ob ich noch was vergessen habe...eventuell war es noch mehr, aber ich weiß es nicht genau
Mein Pate war ein Mann, der sogar in meiner Therapiegruppe und mir sehr sympathisch war. Generell waren wir ein bunt gemischter Haufen vom Alter her. In meiner Gruppe war sogar eine Seniorin, die total niedlich war. Ich glaube, die jüngste Person war damals 15 Jahre...ansonsten ging es durch alle Schichten. Ich fand es nicht schlimm, dass in meiner Gruppe überwiegend Menschen waren, die altersmäßig in der "Mitte" waren bzw. schon in Rente. Ich finde, dieser "Mix" machte die Therapie so wertvoll, da man untereinander von den Erfahrungen des/der anderen lernte.
An meinem ersten Tag musste ich mich außerdem noch vom Oberarzt körperlich durchchecken und abfragen lassen. Zudem musste ich noch routinemäßig ein EKG machen. Von psychischer Sicht aus wurde ich am Computer befragt. Da wurden mir teils sehr komische Fragen zu meiner psychischen Verfassung und zu meinem Verhalten gestellt. Die waren so strange, dass ich heute noch darüber lachen muss :D Den genauen Namen des Tests habe ich mir nicht gemerkt, aber ich musste denselben Test kurz vor Ende meines Klinikaufenthalts nochmal machen.
Gleichzeitig stellt man sich sicher die Frage, was man denn in einer psychosomatischen Klinik den ganzen Tag so macht. Deswegen hier mein Wochenplan und einige Erläuterungen dazu:
Die Therapien liefen von Montag bis Freitag. Der Morgen startete mit der Morgenbewegung bzw. Patientenrunde. Meist machten wir einen Spaziergang übers Klinikgelände, bei schlechtem Wetter saßen wir drin und haben haben ein kurzes Spiel gemacht, um die Gehirnzellen wach zu rütteln. Bei der Patientenrunde wurden die Dienste für die Woche neu verteilt (siehe oben) und wichtiges (u.a. von den Schwestern) angesprochen. Danach gings zum Frühstück. Über den Vormittag hatten wir dann Therapien bis zum Mittag. Dasselbe Spiel dann Nachmittag bis zum Abendbrot. Alles, was auf meinem Plan angekreuzt ist, war für mich verpflichtend bezüglich der Teilnahme.
- Bewegungstherapie: dort haben wir uns wirklich bewegt, aber nicht in Form von krassem Sport. Es war mehr so eine Therapie, in der es um Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit ging.
- Selbstständige Entspannung: wie der Name schon sagt, sollten wir uns da selbst entspannen mittels progressiver Muskelentspannung etc.
- Rollenspiel: dort sollten wir in andere Rollen schlüpfen, um Alltagssituationen nachzuspielen, die uns schwer fallen
- Einzelvisite bzw. Gruppenvisite: entweder kamen die Ärzte persönlich ins Zimmer oder es fand eine Gruppenvisite mit allen der Therapiegruppe in einem Raum statt (es ging um das aktuelle "Vorankommen", wie es einem ging, was weiter geplant ist für den Klinikaufenthalt und danach)
- Musiktherapie: meine Lieblingstherapie! Wir durften uns Musikinstrumente schnappen und darauf nach Lust und Laune herumklimpern. Einmal haben wir auch versucht, unsere Empfindungen nachzuspielen, das war total toll! Das Äquivalent war die Gestaltungstherapie.
- Gruppengespräch: immer zusammen mit meiner Therapiegruppe. Dort ging es darum, innerhalb der Gruppe eigene Probleme und Sorgen anzusprechen und sich auszutauschen. Begleitet wurde das Ganze durch einen Therapeuten.
- Autogenes Training bzw. angeleitete Entspannung: wurde von den Schwestern übernommen. Hätte ich heute noch Bock drauf.
- Stationsrunde: hier wurde über aktuelle und wichtige Sachen gesprochen mit der Stationsleitung.
-Teerunde: gemeinsame, selbstständige Runde zum Quatschen mit meiner Therapiegruppe
- Info: hier waren meist kurzweilige Vorträge zum Thema Depression etc. gemeint.
- Wochen- bzw. Abschlussrunde: hier wurden zwei Therapiegruppen zusammengetrommelt. Jeder sollte etwas zum eigenen Wohlbefinden sagen und was er oder sie sich zum Wochenende vorgenommen hatte. Außerdem mussten wir jede Woche einen Wochenbericht schreiben, um sozusagen unsere Fortschritte und Erkenntnisse zu dokumentieren. Zum Ende des Aufenthalts musste übrigens auch ein Abschlussbericht geschrieben werden.
Ich hatte natürlich auch eine Einzeltherapeutin. Die Termine mit ihr machte ich individuell aus.
Mittwochs früh wurde ich immer gewogen.
Am Anfang musste ich auch jede Woche zur Wirbelsäulengymnastik, weil ich ungefähr so viel körperliche Kraft habe wie labbrige Spagetti. Nordic Walking wurde mir wegen meinem Untergewicht untersagt.
Am Wochenende hatten wir freie Zeit. Im Prinzip waren wir bis auf die Essenszeiten nicht gebunden. Ausflüge bzw. Besuch war gestattet. Zum Teil konnte man sich für die Mahlzeiten auch entschuldigen lassen, wenn man unterwegs war. Ich glaube, jetzt kommt die Frage: was, du darfst da raus? Jep. Meine Station war keine geschlossene. Wenn ich auf dem Klinikgelände war bzw. in die Stadt wollte, musste ich mich allerdings vorher in einem Buch austragen, damit die Pflegenden wussten, wo ich war. Allerdings durften wir aus versicherungstechnischen Gründen nicht außerhalb der Stadt sein. Insgesamt war es gestattet, zwei Tage in der Regelaufenthaltszeit zu beantragen, bei denen man "nachhause" fahren durfte. Das nannte sich Belastungstage. Ich nahm beide in Anspruch, weil ich zur Taufe meiner Nichte natürlich zuhause sein wollte. Den zweiten "Zuhause-Tag" habe ich dann wirklich nur zuhause verbracht. Ich finde diese Tage sinnvoll, da man hier das "Gelernte" ausprobieren konnte. Zum Teil war es aber auch echt schwer und nach dem zweiten BT habe ich zurück in der Klinik erstmal geheult. Es ist so, dass die Klinik dir einen geschützten Rahmen bietet und sich erstmal vieles verbessert. Das kann allerdings schnell einreißen. Wichtig ist, dass man sich dessen bewusst ist. Der Heilungsweg verläuft nicht linear, es gibt immer wieder Rückschläge. Genauso oft steht man aber auch wieder auf. Wichtig ist, dass man sich nach dem Klinikaufenthalt unbedingt in ambulante Behandlung begibt. Das ist eine große Stütze im Alltag!
Nun möchte ich auch nochmal das Thema Essen aufgreifen: das Klinikessen war ehrlich gesagt eher meh. Mit frischer, gesunder Kost hatte das aufgewärmte Zeug nichts zu tun. Klar gab es Mahlzeiten, die ganz ok waren, aber natürlich wusste ich auch, dass mir zumindestens zum Mittagessen nichts anderes übrig blieb, als das zu essen, was da war. Weil das Essen vorportioniert war, konnte ich mir auch nicht selbst was nehmen. Manchmal aß ich zu meiner eigenen Überraschung alles auf. Manchmal schaffte ich das Essen aber auch nicht aufgrund meiner Beschwerden oder weil es einfach nicht wirklich schmeckte (oder es wirklich zu viel war). Zum Frühstück bzw. Abendbrot gab es eine Art Büffet. Frühs gab es Semmeln, Aufstrich, Cerealien etc. Abends meist Brot und Aufstriche und durch uns vorbereitete Salate. Ich nutze das Angebot mit dem Kühlschrank und lagerte darin alle Lebensmittel, die ich kühlen musste. Das gab mir etwas Freiheit und ich fand sogar ein bisschen Freude daran, mir selbst was machen zu können, was mir schmeckte. In der Klinik selbst habe ich nicht zugenommen. Zu dem Zeitpunkt habe ich allerdings auch nicht begriffen, dass ich deutlich mehr essen musste, um zuzunehmen. Allerdings war ich bei den Mahlzeiten in Gesellschaft, was mich etwas ablenkte.
Doch an was genau habe ich eigentlich in der Klinik gearbeitet? Welche Diagnose habe ich bekommen? Ging es mir besser?
Das mit der Essstörung hat sich als Diagnose schnell zerschlagen, weil ich mir bewusst war, wie dünn ich bin. Es lag also keine Körperschemastörung vor. Zumal wollte ich selbst meinen eigenen Verfall aufhalten. Meine eigene Traurigkeit hielt ich kaum aus. Mein Leben kam mir so leblos und grau vor. Es war höchste Zeit, endlich zu handeln. Die Ärzte diagnostizierten bei mir eine somatoforme Funktionsstörung des oberen und unteren Gastrointerstinaltrakts. Außerdem wurde daneben noch eine mittelgradige depressive Episode festgestellt. Mir half die Diagnose der Depression, weil das Kind nun einen Namen hatte und ich wusste, dass ich mir meine Empfindungen nicht klein reden lassen sollte.
Während meiner Klinikzeit konnte ich sogar ein paar Kontakte knüpfen, die sogar noch heute bestehen. Außerdem gab es sogar Momente, an denen ich Tränen lachte mit den anderen Patientinnen und Patienten. Also nix mit nur depri in der Ecke sitzen!
Tatsächlich habe ich in der Klinik verstanden, dass ich mich grundlegend sehr einsam fühlte. Das lag daran, dass ich außer meiner Mitbewohnerin keine wirkliche Bezugsperson in der Stadt hatte, in der ich für meine Ausbildung gewohnt habe. Zumal ich jedes Wochenende zu meiner Familie heimgefahren bin. Wie hätte ich so jemals Fuß fassen können? Ich habe mich ja sonst mit niemandem dort getroffen oder bin irgendwo hingegangen, wo ich Kontakte knüpfen konnte. Meine Freunde waren in ganz Deutschland verteilt. Außer einer Freundin wohnte niemand mehr in meiner Gegend. Ich fühlte mich dort einfach nicht zuhause und mein Körper zeigte diese Abneigung in Form meiner Symptome. Auch in meiner Ausbildung fühlte ich mich nicht wohl. Es ist nicht so, dass ich meinen Ausbildungsberuf schrecklich fand, aber ich war wenig gefordert und fühlte mich oft wieder der letzte Depp, da ich Arbeiten machen musste, deren Sinn ich nicht wirklich verstand. Wahrscheinlich war es der Umbruch zwischen Abitur (=Überforderung) zur Ausbildung (=Unterforderung). Manchmal beschlich mich der Gedanke, ob ich nicht doch etwas anderes hätte machen sollen. Durch die einsetzende Depression hatte ich auch meine Hobbys aufgegeben, sprich Malen und Zeichnen sowie andere kreative Sachen. Durch meine körperliche Schwäche war auch an andere Aktivitäten nicht zu denken. Ich war so schwach und kaputt, unendlich traurig. Zeitweise hatte ich sogar das Gefühl, kaum noch Freude empfinden zu können. Das war echt ein schlimmes Gefühl und das wünsche ich niemandem. Ich wusste: ich muss grundlegend was ändern. Das war und ist immer noch ein langer Weg, aber ich hatte nun den "Schubs" gekriegt, den ich die ganze Zeit gebraucht hatte, um mich wieder ernst zu nehmen. Mein Selbstbewusstsein war auch ziemlich im Eimer, was ich später noch gemerkt habe.
Rückblickend war es eine gute Entscheidung gewesen, in die Klinik zu gehen. Ich habe es absolut nicht bereut und würde es auch wieder tun, wenn es mir schlecht gehen sollte.
Ich hoffe, ich kann mit diesem Eintrag dem ein oder anderen die Angst vor einem Klinikaufenthalt nehmen.
Im nächsten Blogartikel geht es dann darum, wie ich nach der Klinik wieder im Alltag angekommen bin.