kapitel I: der rabenbaum. eines kühlen sommermorgens fand sie sich inmitten der felder wieder, als wär’s ein traum gewesen. so als wäre sie in der lausitz, nahe der mühle am koselbruch, nicht aber in heimischen gefilden, deren pfade sie sonst blind hätte folgen können. der himmel hing tief an diesem tage, ein dichter nebel drückte sich herab, während sie dort stand und sich besann, welchen weg es nun einzuschlagen galt. so geschah es, dass sie sich für einen entschied, der fernab des nächsten ortes entlang in weitere feldwege mündete. er führte vorbei an obstbäumen und gebüsch; parallel zum nahe gelegenen waldrand verlief er. jenen feldweg, den sie schon hunderte male zuvor gelaufen war, und auch heute trugen ihre füße sie wie von selbst über das knirschende gestein hinweg, und das, obwohl der ort ihr so ungewohnt fremd vorkam. und dann, aus dem nichts, erblickte sie ihn: den rabenbaum. skelettartig und unheimlich ragte er am horizont hervor, erst sichtbar gemacht durch den ihn umgebenden nebel, der den waldrand hinter ihm in einen düsteren schleier hüllte. nie zuvor hatte sie ihn wahrgenommen, diesen baum. wie sie an diesem tage nun dort gelandet war, das konnte sie sich nicht mehr so recht erklären. ihren blick losreißen aber, das konnte sie noch viel weniger. »wie ein rabe, der sich jeden moment in die lüfte zu schwingen droht«, dachte sie. mit seinen knorrigen flügeln aus geäst, seinem gen himmel ragenden rumpf. doch still blieb er, wie auch die raben, die auf seinen zweigen thronten. gruselig war das! wie sie dort saßen, auf dem rabenskelett, das aus knochen von abertausenden raben zu bestehen schien. da saßen sie nun, auf dem gerippe ihrer brüder und schwestern. keinen mucks gaben sie von sich, kein windstoß strich über die landschaft— bäume und büsche blieben starr und unbeirrt, als hätte jemand die zeit angehalten. unheimlich blieb‘s, bis endlich die sonne über den baumspitzen hervortrat. erst dann legte sich eine friedliche atmosphäre über die kleine welt, da bei den feldern.





















