Eben erst bin ich aus dem Kino zurückgekehrt, nachdem ich mir Christopher Nolans Verfilmung von Homers "Die Odyssee" angesehen habe.
Ehrlich gesagt hatte ich mich erst ein bisschen davor gesträubt, weil ich den Hype vor jedem Nolan-Film für sehr übertrieben halte. Aber das Internet war diesmal so dermaßen heiß auf den Film, dass ich schon quasi aus "Gruppenzwang" heraus ins Kino gehen musste.
Und es hat sich durchaus gelohnt. Nolan hat einen guten Film gedreht, die drei Stunden Laufzeit gehen entsprechend flott vorbei.
Nach der erfolgreichen Eroberung von Troja mittels des trojanischen Pferdes, das von Odysseus ersonnen worden war, möchte Odysseus schnellstens wieder heim in sein Reich Ithaka und zu seiner Frau Penelope, die bereits seit 10 Jahren auf das Kriegsende warten musste.
Doch die Rückfahrt wird zur Irrfahrt. Odysseus ringt mit der Natur, den Göttern, mit Ungeheuern und auch mit sich selbst. Er verliert sogar das Gedächtnis. Wird er jemals wieder den Weg nach Hause finden...?
Die Beziehungen zwischen den Figuren und deren Emotionen stehen im Mittelpunkt des Films und sind meist spannender als die Actionszenen (z.B. als die Szenen mit Monstern und übernatürlichen Elementen wie dem Zyklopen oder der Hexe Circe).
Die Darsteller sind insgesamt gut besetzt, besonders Anne Hathaway brilliert als Penelope. Ausgerechnet Matt Damon als Odysseus ist jedoch eher durchschnittlich und viel zu sehr Matt Damon - nur mit Rauschebart. Auch Tom Holland als Telemachus ist lediglich solide und verblasst im Vergleich zu anderen Darstellern, z.B. zu Robert Pattinson.
Das Gejammere aus der rechten Ecke, weil einige Rollen mit schwarzen oder asiatischen bzw. transsexuellen Personen (Elliot Page, übrigens auch sehr gut!) kann nur als Ausdruck eines sehr beschränkten Kunstverständnisses sein. Es hat keinen Einfluss auf die Handlung, dass einige Figuren eine andere Hautfarbe oder Sexualität haben.
Christopher Nolan versucht bei der Inszenierung gerne auf Authentizität und auf praktische Spezialeffekte zu setzen, das war auch in früheren Filmen so. Das hat durchaus seinen Reiz, aber stellenweise wirken manche Szenen dadurch ein bisschen unspektakulär.
Bei einer Laufzeit von 172 Minuten lohnt es sich, möglichst bequem zu sitzen.
Manchmal hätte ich etwas mehr "Wumms" und Dramatik gewünscht. Der Kampf gegen den Zyklopen ist zum Beispiel ein wenig fade und witzlos. Das hat man z.B. 1954 in der Verfilmung mit Kirk Douglas unterhaltsamer und einfallsreicher präsentiert. Gelegentlich dümpelt der Film etwas vor sich hin.
Die Verlockung durch die Sirenen sowie die Bedrohung durch Skylla und Charybdis ist in wenigen Minuten im Vorbeisegeln erledigt, als ob man dafür nicht mehr genug Zeit oder keine Lust gehabt hätte. Aber wie gesagt, Action und Effekte sind nicht der Kern dieses Films, sondern die Menschen und deren Gefühle.
Die Sirenen sieht man übrigens auch kaum, sie liegen weit weg regungslos auf einem Riff herum. Wer ein Effektfeuerwerk mit Epos und Pathos sucht, ist bei älteren Odysseus-Verfilmungen vielleicht besser aufgehoben.
Die Dialoge sind teilweise in ihrem Sprachstil eher modern gehalten und dadurch manchmal fast schon simpel, wenn man bedenkt, dass die Vorlage ein Epos eines antiken Dichters ist.
Dennoch ist dies einer von Nolans besseren Filmen. Mir gefiel generell, wie nur mit Licht, Schatten und mit der starken Filmmusik auch dann Spannung erzeugt werden konnte, selbst wenn vielleicht gerade nichts Wichtiges geschah.
Trotz der oben genannten Schwächen ein guter Film.