Tumblr, TikTok, Instagram. Das Internet ist voll von jungen Menschen, die ihr Leid nach außen tragen. Die verzweifelt versuchen gehört zu werden. Und verstanden. Voll von Menschen, die sich verloren fühlen. Auf ihrem Weg, der ihnen so falsch erscheint. Weil er sich so falsch anfühlt. Weil sie nur stolpern und scheitern. Weil gefühlt alles nur schlechter und nie besser wird.
Ich war einer von Ihnen. Nur gab es damals noch nicht so viele Möglichkeiten den eigenen Schmerz raus zu schreien. Völlig egal wer das hört. Ob es überhaupt jemand hört. Jedesmal wenn ich Post, Videos, Screens sehe, möchte ich jedem einzelnen sagen: Halte durch. Sei Stark. Du schaffst das.
Weil ich es auch geschafft habe. Obwohl ich über Jahrzehnte gedacht habe, ich halte das nicht aus.
Die erste depressive Phase bekam ich mit 15 Jahren. Mit selbstverletzendem Verhalten. Ich ritzte mir meine Arme auf, in der Hoffnung das auch nur ein einziger Schnitt vielleicht den Kummer stillen konnte, den ich damals in mir trug. Jede Abweisung traf mich hart und ließ mich immer weiter in dieses Loch fallen. Von dem ich nicht ahnte, dass es mich so viele Jahre begleiten würde. Von dem ich nie ahnte, was es aus mir machen würde. Wie zerbrechlich es mich werden lassen würde. Und doch gleichzeitig so stark, weil ich am Ende all dem trotzen konnte.
Es folgten Jahre voll von Scheiße. Von denen nur die wenigstens Menschen in meinem Leben wissen. Von falschen Entscheidungen und schlechten Erfahrungen. Von Dingen, bei denen ich kurz danach dachte: das bringt mich um. Aber nichts davon hat mich umgebracht. Auch wenn ich es selber immer und immer wieder versucht habe. Auf die unterschiedlichsten Art und Weisen.
Ich habe mich verletzt. Bis ich Ende 20 war. Mal mehr, mal weniger. Aber immer wieder. Und immer so, dass es niemand sehen konnte. Ich habe mir die Haut aufgeschnitten, in der Hoffnung etwas anderes zu fühlen. Als diesen Schmerz, den ich in mir trug. In der Hoffnung mich selbst zu spüren, dass ich noch lebe, obwohl sich alles taub anfühlte. Ich habe mich nachts ins Bett gelegt und mir selber vorher den Oberschenkel verbunden. Damit die Blutung über Nacht aufhört. Ich bin am nächsten Tag arbeiten gegangen, wie jeden Tag. Und habe mir zwischendurch über die Schnitte gestrichen. Nur um zu spüren, dass ich wirklich noch da war.
Ich habe angefangen zu trinken. Um zu vergessen. Um schlafen zu können. Um nahezu bewusstlos irgendwann ins Bett zu fallen. Mehr als gesund ist. Mehr als das man es als Gewohnheit abtun könnte. Das war nahezu schlimmer als Schnitte, denn diese Sucht wird man noch schlechter los.
Mir ging es weit über die 20er schlecht. Ich war Anfang 30, als ich immer noch das Gefühl hatte all das nicht zu können und zu wollen. Hab mit Depressionen gekämpft. Mit mir selbst. Um mich selbst. Jeden einzelnen Tag.
Es hat 20 Jahre gedauert, bis ich so weit war all das zu akzeptieren. Mir selber Zeiten zu gönnen, in denen ich mich eben nicht gut fühle. In denen ich in Erinnerungen schwelge, die mir nicht gut tun. In denen ich Personen vermisse, die mir weh taten. Die mein Herz brachen und mich damit alleine ließen. Enttäuschung heißt nur, dass man begreift, man wurde getäuscht. Und das es in dem Moment ist, wenn die Täuschung zu Ende ist. Ich habe nicht nur Jahre gebraucht, sondern Jahrzehnte. Und jedes Mal wenn ich heute Post, Bilder und Videos sehe, möchte ich jedem einzelnen sagen: halte durch. Es wird besser.
Es braucht seine Zeit. Du brauchst dein eigenes Heilmittel. Du musst lernen dich selber zu schützen, vor allem vor dir selbst. Aber irgendwann passiert das. Du wirst nicht alle schlechten Angewohnheiten los, aber die, die dich umbringen wollen. Irgendwann kannst du wieder schlafen. Irgendwann vergisst du die Person, die dich so ins Mark verletzt hat.
Irgendwann wird alles einfacher. Nicht gut. Nicht perfekt. Nicht das Instagram Sternchen Life, dass dir vorgegaukelt wird. Aber irgendwann kannst du Frieden schließen. Mit dir selbst. Und hörst auf gegen dich zu kämpfen und dich zerstören zu wollen. Alles was du brauchst ist Zeit. Zeit zum heilen.