Online-Dating und die halben Wahrheiten – oder: Wenn aus „ehrlich“ plötzlich ein sehr flexibles Konzept wird
Online-Dating beginnt ja meistens ziemlich harmlos. Zwei Menschen schreiben, es ist nett, ein bisschen neugierig, ein bisschen vorsichtig optimistisch. Einer erzählt ein Stück aus seinem Leben, der andere auch. Man tauscht sich aus, lacht vielleicht sogar – und denkt sich: Könnte passen.
Ein Mann, netter Schreibstil, angenehmer Ton, ziemlich schnell sehr offen mit seinem Privatleben. Er erzählte Dinge, die erstmal Vertrauen erzeugen: Alltag, Situation, ein bisschen persönliche Geschichte. Keine großen red flags auf den ersten Blick. Eher so ein „wir schauen mal“-Gefühl.
Er wollte unbedingt ein Foto von mir haben.
Ich hingegen bin da vorsichtig – ich arbeite in der Öffentlichkeit und stelle nicht einfach Bilder von mir ins Netz oder verschicke sie leichtfertig. Das ist keine Geheimniskrämerei, sondern schlicht Selbstschutz.
Er hat sein Foto geschickt. Ich meins nicht. Soweit, so üblich.
Und genau da passiert im Online-Dating etwas Spannendes:
Sobald eine Seite mehr „Sichtbarkeit“ bekommt als die andere, verschiebt sich das Gleichgewicht.
Durch sein Foto hatte ich irgendwann auch seinen Namen. Und wie das heute so ist: Ein Name plus ein ungutes Bauchgefühl reicht oft schon, um ein paar Dinge zu prüfen.
Was ich dann herausgefunden habe, passte nicht mehr zu dem Bild, das er von sich erzählt hatte.
Es waren keine Hollywood-Lügen. Kein „ich bin eigentlich ein Geheimagent“.
Eher diese leisen Verschiebungen: andere Lebensumstände als beschrieben, Hinweise darauf, dass da wohl doch noch eine Beziehung existiert, obwohl er sich als „frei und alleine lebend“ dargestellt hatte.
Ich habe ihn darauf angesprochen. Mehr als einmal.
Und das ist der Punkt, an dem Online-Dating oft seine wahre Farbe zeigt.
Denn statt Klarheit kam: Abwehr.
Abstreiten. Umdeuten. Und dieses typische „Das stimmt so nicht“-Gefühl, obwohl die einzelnen Puzzleteile einfach nicht zusammenpassen wollten.
Das Frustrierende daran: Ich konnte meine Informationen nicht offenlegen. Und damit wird man automatisch in diese ungleiche Position gedrängt – man weiß etwas, kann es aber nicht „beweisen“, ohne Grenzen zu überschreiten. Also bleibt man im Gespräch und versucht, über Wahrnehmung und Nachfragen an Wahrheit zu kommen.
Spoiler: Das funktioniert selten.
Der wirklich interessante Moment kam, als ich den Vorschlag gemacht habe, uns einfach auf neutralem Boden zu treffen. Kein großes Ding, kein Drama – ein normales Kennenlernen im echten Leben.
Seine Reaktion: Ablehnung.
Und zwar nicht ein „Ich bin gerade unsicher“ oder „Lass uns das später machen“, sondern eher eine Ausweichbewegung mit Begründungen, die so konstruiert wirkten, dass man sie beim zweiten Hören schon wieder vergessen hatte. Irgendwas in Richtung „passt gerade nicht“ und „kompliziert“.
In dem Moment war es eigentlich schon klar.
Denn wenn jemand wirklich frei, ehrlich und interessiert ist, dann ist ein Treffen normalerweise kein philosophisches Problem. Es ist eher die logische Fortsetzung eines Gesprächs.
Ich habe den Kontakt dann beendet.
Nicht dramatisch. Nicht mit großer Ansage. Einfach, weil ich für mich entschieden habe: Unehrlichkeit ist keine Basis, auf der ich weiter Zeit investieren möchte.
Und genau da liegt vielleicht die wichtigste Erkenntnis im Online-Dating:
Es geht selten um die eine große Lüge.
Sondern um viele kleine Verschiebungen, die zusammen ein Bild ergeben, das einfach nicht mehr stimmig ist.
Halbwahrheiten sind dabei besonders tückisch. Sie klingen erstmal nicht falsch genug, um sofort aufzuhören – aber auch nicht ehrlich genug, um wirklich Vertrauen entstehen zu lassen. Man bleibt hängen in diesem Zwischenraum aus „Vielleicht missverstehe ich das“ und „Irgendwas stimmt hier nicht“.
Und dieser Zwischenraum ist auf Dauer ziemlich anstrengend.
Ich persönlich habe daraus wieder einmal gelernt:
Wenn ich mehr Energie darauf verwenden muss, Dinge zu überprüfen, als sie einfach zu erleben, dann ist das kein Kennenlernen mehr – sondern ein innerer Alarmzustand mit Chatfunktion.
Online-Dating kann vieles sein: spannend, überraschend, manchmal sogar schön.
Aber eines sollte es nicht sein: ein Puzzle, bei dem man ständig merkt, dass Teile bewusst nicht zusammenpassen.
Und wenn doch – dann darf man den Tisch auch einfach verlassen. Ohne Erklärungsmarathon. Ohne Beweisführung. Einfach mit dem klaren Gedanken:
Das fühlt sich nicht ehrlich an. Und das reicht.