täglich grüßt das murmeltier
Ich melde mich mal wieder aus der Ferne. Ist ja schon eine Weile her. Es ist aber auch nicht viel passiert und ich kann mich derzeit nicht aufraffen in der Regenerierungszeit zwischen den Shows etwas zu schreiben.
Wir haben mittlerweile zwei neue Kollegen. Das Kiwi-Paar hat sich unserem „Team“ in Bowen angeschlossen. Nun sind wir also schon eine Weile zu viert. Sophie und Mike wohnen auch in einem Van. In jeder Show stellen wir Hank mit der Front an ihren Van, damit wir ein kleines privates Viereck haben. Das klappt ganz gut.
Wir dachten anfangs zwei neue Kollegen würde weniger Arbeit bedeuten. Das stellte sich schnell als falsch heraus. Unsere Chefs zauberten einfach zwei neue Spielstände aus ihrem Lkw.
Rockhampton, letzte Woche, war besonders hart. Vier Tage lang arbeiteten wir von 9am-10.45pm mit insgesamt zwei Stunden Pause am Tag. Anne war erkältet und verbrannte sich ziemlich stark den Spann beider Füße (Sonnenbrand- geschwollen und rot) und alle hatten, schon bevor der erste Tag begann, die Schnauze voll.
Damit ihr euch mal ein Bild von der Szenerie machen könnt, versuche ich etwas näher zu erklären wie alles abläuft.
Anne arbeitet am Slushiestand, Mike am Bogenschiessstand und Sophie und ich an je einem Fischstand. Kinder können Plastikfische aus dem Wasser fischen, während ich über das Headset erkläre und kommentiere was sie tun. Natürlich muss ich auch mögliche Kunden animieren zu spielen “have a go, catch a Fish, win a price” usw.
Die Rummel in Australien unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht groß von Rummeln in Deutschland. Doch als ewiger Zuschauer ist der zweite Blick sehr aufschlussreich.
Mir ist aufgefallen wie viele Zwillingskinder es auf den Shows gibt. Eineiige Zwillinge und Rotschöpfe. Auch anderen Backpackern ist das nicht entgangen. Außerdem gibt es keinen Alkohol. In Australien ist das Trinken in der Öffentlichkeit untersagt. So auch auf den Shows. Manchmal gibt es Bars in der Nähe der Show, wo Besucher hinter verschlossenen Wänden ein heimliches Bier trinken können.
Das Alkoholverbot wird offensichtlich strikt eingehalten. Was nicht heißt, dass es keine Betrunkenen gibt. Gerade kotzt ein Typ vor unserem Van ins Gras. Anne ist der unverkennbare Geruch von hochprozentigem Alkohol schon auf der ersten Show aus den Slushiebechern entgegengeschlagen. Auffüllen lassen kann man sie zum halben Preis! Abtrinken müssen sie aber selber.
Australier sind dick. Dicker sogar als Amerikaner, die man sich immer am Dicksten von allen Menschen auf der Welt vorstellt. Sie sind oft so dick, dass sie im Rollstuhl sitzen. Davon gehe ich einfach aus, weil ich mir in diesen Fällen selten vorstellen kann, wie eine solche Masse an Mensch noch in der Lage wäre zu laufen. Im Übrigen sind auch ca. 80% der Kinder hier übergewichtig. Sie werden aber auch schätzungsweise bis sie sieben Jahre alt sind angeschnallt im Buggy rumgefahren. Gemüse und Obst ist sehr teuer. Fleisch, Fastfood und Süßigkeiten hingegen sehr billig und überall zu finden. So auch an unserem Arbeitsplatz.
Es gibt keine Crêpe oder Bratwurst. Dafür mit Sahne gefüllte Waffeln, Dagwood Dogs (in Ketschup getunkte Wurst im frittierten Teigmantel) und Slushies an jedem zweiten Stand.
Da wird ordentlich zugeschlagen. Das habe ich in Rockhampton buchstäblich zu fühlen bekommen. Mein Stand war unter einem Kettenkarussell und ohne Dach positioniert. (Da musste ich natürlich an meine Liebe Familie und ihre Kettenkarussellgeschichte denken)
Zuckerwatte gibt es auch. Allerdings in bunten Farben, schon fertig und in ganzen Eimern.
Neben einem 875ml großen Slushie, darf eine Sache bei dem Rummelbesuch in Australien nicht fehlen: eine „showbag“.
Showbags sind Plastiktaschen oder Rucksäcke, welche passend zu einem speziellen Thema mit Gegenständen oder Süßem gefüllt sind. Ein bisschen erinnert es mich an Schultüten. Nur rennen natürlich Erwachsene auch damit rum. Meist bleibt es auch nicht bei einer Tüte. Tatsächlich habe ich auf der letzten Show beobachtet, wie eine Familie so viele Showbags am Kinderwagen hängen hatte, dass dieser immer wieder umfiel. Beliebte Showbags sind Einhorn-, Spider-Man- oder Waffenshowbags.
Das mit den Waffen ist so ein Thema für sich. ..
Nachdem ich meine zwei Wochen im Marketing gearbeitet habe, um für die guten australischen Veterane und die neuen Programme der RSL (Retuned Services League) Gelder zu sammeln, wurde mir klar, welch eine große Bedeutung Kriegsveterane für die australische Bevölkerung darstellen. Mit Sicherheit ist meine Haltung zum Krieg und Waffen stark durch das Aufwachsen in meiner Generation und in Deutschland geprägt.
Hier ist es ein sehr großes Thema. „Sie haben ihr morgen für dein morgen geopfert“ heißt es auf T-shirt’s und im Salesjob sind Kunden nicht selten vor mir in Tränen ausgebrochen, wenn sie von ihren männlichen Angehörigen und deren Kriegserfahrungen berichteten. „Wenn einer in der Familie dient, dient die ganze Familie“ und „die Menschen sollten mehr Dankbarkeit dafür zeigen, was diese Menschen opfern!“ hieß es dann. Ja, wie man dazu steht, soll jeder für sich entscheiden, sage ich. Fakt ist: ich sehe jeden Tag auf dem Rummel wie sehr die Australier auf Waffen stehen.
Sicher, all diese Eindrücke sind sehr konzentrierte Beobachtungen von Menschen, die auf den Rummel gehen. Auch in Deutschland besteht ein Großteil der Rummelbesucher nicht aus der Upperclass der Gesellschaft. Hier findet man ebenfalls Eltern, die ihren Kindern liebevoll die erste oder auch zehnte Spielzeugwaffe kaufen.
Mit dem Unterschied jedoch, dass Papa nicht ohne Beine im Rollstuhl daneben sitzt.
Genau wie über deutsche Familien kann man auch über australische Familien und ihre Kindererziehung manchmal nur den Kopf schütteln. Das fällt an einem Kinderspielstand und aus einer Sozialpädagogen/Erzieherfamilie stammend, natürlich besonders stark auf. Selbst die hohen und aufgesetzt freundlich Stimmen, mit denen Eltern ihre Kinder ansprechen, kommen mir bekannt vor. Allerdings nicht, dass sie verzückt in den höchsten Tönen „good job, darling“, „good boy“ quietschen, wenn ihr dickes Kind nach dem fünften Versuch endlich einen Fisch aus dem Wasser zieht.
Viele Kleinkinder werden an der Leine spazieren geführt. Wenn die kleinen Bestien sich dann in die Leine schmeißen und animalisch auf allen vieren auf meinen Stand zu krabbeln, wird lächelnd am Plüschgeschirr gezogen.
Die Karnevalgesellschaft kann man sich wahrscheinlich ähnlich vorstellen wie in Deutschland. Ein bisschen asozial sind sie schon. Zwischen Backpackern und showpeople wird eine klare Grenze gezogen. Wir sind die, die auf dem Steinweg campen müssen, angeschrien werden, wenn das Auto im Weg steht oder froh sein können, wenn wir für den geringen Stundenlohn nicht auch noch die Toilettenkassette vom Wohnwagen des Chefs ausleeren müssen.
Unser kleines Team ist froh. Sarah und Boyd sind okay. Boyd zwar mehr als Sarah, aber wenigstens lassen sie uns nur auf dem Rummel arbeiten, schreien sich oder uns oder ihre Kinder nicht an und nehmen soweit erkennbar auch kein Crystal Meth.
Aber die endlos langen Schichten, in denen man nicht sitzen soll, die eigene Stimme im Lautsprecher mit dem ewigen Singsang, der Lärm, die kalten Duschen am Morgen oder Abend, die dreckigen Toiletten und das endlose Aufbauen vor jeder Show, werde ich nicht vermissen.