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09.02.2020. Der Weser Kurier am Sonntag berichtet über den Offenen Brief und erste Reaktionen. Immerhin. Ein Anfang ist gemacht, die Diskussion ist eröffnet. Eine erste Antwort zu den Statements der drei Fraktionsvertreterinnen und des Sprechers der Sozialsenatorin ist an dieser Stelle angebracht.
1. Stichwort Statistik: Es leuchtet nicht ein, dass Bestandszahlen zum 31.12.2017 voneinander abweichen, wenn die Senatorische Behörde Ende April 2018 den politischen Gremien (Deputation, Jugendhilfeausschuss) andere Daten des Jugendamtes präsentiert als die, die dem Statistischen Landesamt übermittelt werden. Das betrifft selbstverständlich auch die Ausgaben der Hilfen zur Erziehung.
2. Stichwort Evaluation: Wenn die über 2.500 einzelnen Hilfen zusammengefasst und anhand eines systematischen Kriterienkatalogs analysiert werden, dann erst kann von einer Evaluation gesprochen werden.
3. Stichwort „Mehr Regelangebote gleich weniger Hilfen zur Erziehung“: Die Gleichung geht nicht auf. Bundesweiter Durchschnitt bei der HzE-Quote Kinder aus Familien Alleinerziehender: 40%. Also, auch Bundesländer mit besserer Infrastruktur (Kitas) haben eine ähnlich hohe Quote.
4. Stichwort Wirksamkeit: Bei der Zielgruppe des Aktionsplans ist es vergleichsweise unkompliziert, die Effekte des Gesamtpakets zu überprüfen. Und zwar indem die SGB II Ausgaben vor Beginn einer HzE, während des Verlaufs der Hilfe und zum Ende ermittelt werden. Dann hat man zwar noch immer keine differenzierte Erfolgskontrolle der eigentlichen Hilfe für das betreffende Kind, kann aber Rückschlüsse darüber anstellen, ob die unterstützende HzE sich positiv für die Familie auswirkt.
Nichts genaues weiß man nicht: Kinder von Alleinerziehenden in der Bremer Erziehungshilfe
Offener Brief an die Verantwortlichen des Senatsprogramms „Alleinerziehende“ und an die Akteure der Bremer Jugendhilfe
Bremen, Anfang Februar 2020
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit diesem Offenen Brief wende ich mich an Sie, weil ich mir Sorgen darüber mache, dass ein wichtiger Bestandteil im Kampf gegen die Armut in Bremen, im Konzept des Senatsprogramms „Alleinerziehende“, nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommt. Es geht darum, neben den von Ihnen richtigerweise aufgeführten Themenfeldern „Ausbildung“, „Arbeitsmarkt“, „bezahlbarer Wohnraum“, „Kita-Plätze“ den Fokus auch auf die „Hilfen zur Erziehung“ zu richten.
Ich gehe davon aus, dass Sie alle wissen, dass 40% der in den erzieherischen Hilfen betreuten Kinder und Jugendlichen aus den 14.000 Haushalten mit alleinerziehendem Elternteil kommen. Und sicherlich ist Ihnen bekannt, dass 80% der alleinerziehenden Mütter mit zwei und mehr Kindern von Transferleistungen des SGB II abhängig sind.
Hilfen für alleinerziehende junge Mütter und ihre Kinder – die in 2020 unter drei Jahre alt sind, die aber bis zur Volljährigkeit und in manchen Fällen auch darüber hinaus Hilfen zur Erziehung bekommen - müssen darauf abzielen, alle Familienmitglieder zu stärken. Die Mütter und die Geschwister müssen einbezogen und unterstützt werden. Längerfristige Herausnahmen, erst recht dauerhafte „Fremdplatzierungen“, sind kontra-indiziert.
Das Mitgefühl, das wir für andere, vom Krieg und einer mörderischen Politik betroffene Menschen aufbringen, beiseite zu rücken und statt dessen darüber nachzudenken, wie unsere Privilegien und ihr Leiden überhaupt auf der gleichen Landkarte Platz finden und wie diese Privilegien - auf eine Weise, die wir uns lieber gar nicht vorstellen mögen - mit ihrem Leiden verbunden sind, insofern etwa, als der Wohlstand der einen die Armut der anderen zur Voraussetzung hat - das ist eine Aufgabe, zu deren Bewältigung schmerzliche, aufwühlende Bilder allenfalls die Initialzündung geben könnten.
Susan Sontag, 1993. Sarajewo
Kulturelle Vielfalt als Herausforderung
Was ist aus den jungen Geflüchteten geworden, die Jahren in der Borgfelder Notunterkunft lebten? Am 21. Oktober stellte Carolin Henkenberens im Weser Kurier den 21jährigen Ali Alizadeh vor, der als Rettungssanitäter arbeitet. Am 10. November erzählte Jamshid Sahibi seine Geschichte, wie er in Bremen lesen und schreiben gelernt hat - in einer für ihn fremden Sprache.Mit Mustafa Mosavy, der in einem Jahr Abitur machen will, führte die WK-Journalistin ein Interview, das am 16. Dezember veröffentlicht wurde. Im vierten und letzten Bericht stellt Carolin Henkenberens den 20jährigen Mohammad Khawari vor. Hier ein Auszug:„Ich sage immer, meine beste Zeit war in der Turnhalle“, erklärt Khawari. Es klingt wie eine Verklärung angesichts der Zustände damals: kaum Privatsphäre, wenige Toiletten, karge Feldbetten. Doch Khawari sagt, was auch andere Geflüchtete aus Borgfeld schon im Interview gesagt haben: In der Turnhalle habe er Freunde gefunden. Die Zeit sei besonders gewesen, weil alle neu in Deutschland waren. Diese Zeit werde er nie vergessen.
Kita-Krise. Fakten auf den Tisch, Dinge beim Namen nennen.
Die Fakten (1): Kita-Plätze. Nachfrage und Angebot.
Alarmstimmung in Bremen und Bremerhaven. 1.066 Kinder sind angemeldet, haben keinen Kita-Platz. Alle wissen, dass wesentlich mehr Kinder betreut werden müssten. Wie immer gibt es eine Dunkelziffer. Eine vorsichtige Annäherung an die quantitative Dimension ist dank der vorliegenden aktuellen Daten der Bertelsmann-Stiftung (Studie Kita-Personal braucht bessere Arbeitsbedingungen; September 2019) möglich:
„Same procedure as last year, Ms. Bogedan?“ „Same procedure as EVERY YEAR, James!!!“
Mir treibt es die Schamesröte (Farbton rot-grün-rot) ins Gesicht.
Und wieder sind es die Quartiere mit den größten sozialen Problemen, die betroffen sind.
Sieht so unser vollmundig propagierter Aufbruch aus?
Ich bin überzeugt, dass wir sehr schnell in dieser Stadt einen BÜRGERRAT installieren müssen. Also ein nach demografischen Kriterien ausgelostes Beratungsforum, das sich mit der sozialen Lage in Bremen, mit der Haushaltsnotlage, mit Plänen B und C beschäftigen. Zum Beispiel mit der Frage, wie die Stadtgesellschaft den enormen Fachkräftemangel notdürftig kompensieren will. Die fehlenden 240 Erzieherinnen und Erzieher (lt. Bertelsmann-Stiftung) - oder sind es mittlerweile schon viel mehr - werden auf Jahre hinaus nicht zur Verfügung stehen. Nicht in Bremen, nicht mt dieser Vergütung.
Ein Bremer BÜRGERRAT wird die Probleme nicht lösen. Er ist auch kein Ersatz für die politische Willensbildung, die in der Bürgerschaft stattfindet, stattfinden muss.
"Ich male, weil ich meinen Kopf frei haben will”
Was ist aus den jungen Geflüchteten geworden, die vor vier Jahren in der Borgfelder Notunterkunft lebten? Am 21. Oktober stellte Carolin Henkenberens im Weser Kurier den 21jährigen Ali Alizadeh vor, der als Rettungssanitäter arbeitet. Am 9. November erzählt Jamshid Sahibi dem Weser Kurier seine Geschichte. Jamshid hat in Bremen schreiben und lesen gelernt. Nicht in seiner Muttersprache Dari, sondern in deutsch.
AWO-ISS-Studie: Armut in der Kindheit kann das Leben von Menschen langfristig belasten.
AWO-ISS-Studie: Armut in der Kindheit kann das Leben von Menschen langfristig belasten.
„Einmal arm, immer arm“ – ganz so vorgezeichnet sind Lebenswege armer Kinder nicht. Die aktuelle Auswertung der AWO-ISS-Langzeitstudie zeigt aber: Armut in der Kindheit kann das Leben von Menschen langfristig belasten.
Volles Haus beim Fest der Kulturen
Freitag, 25.10.19. Der Saal der Ev.Kirchengemeinde Horn ist pickepackevoll. 120 Gäste wollen teilhaben am Fest der Kulturen. Die Organisatoren von der Gemeinde, von FluchtRaum Bremen e.V. und von Zuflucht e.V. haben nicht damit gerechnet, dass so viele Menschen interessiert sind, mitbekommen möchten, wie das “Ankommen in Bremen” für junge Geflüchtete aussieht, welche Geschichten sie erzählen, was ihre Mentorinnen, Alltagsbegleiterinnen berichten.
In der Einladung heißt es: “Unsere Gäste erwartet ein buntes, lockeres, informatives, geselliges Programm - verbunden mit afghanischer und ghanaischer Kochkunst.”
Carolin Henkenberens stellt im Weser Kurier den 21jährigen Ali Alizadeh vor, der vor vier Jahren als unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter nach Bremen kam, vier Monate in der Borgfelder Sporthalle “Am Saatland” notuntergebracht wurde. Mittlerweile hat er seine Ausbildung zum Rettungssanitäter erfolgreich absolviert. Hier die Geschichte über Alis Ankommen.
Bremen: Prioritäten setzen, Bürgerräte einbeziehen
Rot-Grün-Rot hat sich ambitionierte Ziele gesetzt. Klimaschutz, Verkehrswende, Armutsbekämpfung, Bildungsoffensive, Digitalisierung. Auf den 143 Seiten des Koalitionsvertrages finden sich 172mal Formulierungen, die allesamt mit Wir wollen beginnen. Drei Beispiele:
Wir wollen, das alle jungen Menschen, aber insbesondere spät zugewanderte junge Menschen die Möglichkeit erhalten, einen berufsqualifizierenden Schulabschluss nachzuholen. (Zeile 768)
Wir wollen dafür sorgen, dass bei der Digitalisierung möglichst niemand abgehängt und ausgeschlossen wird, der teilhaben möchte. (Zeile 1960)
Wir wollen die Qualität der Versorgung steigern, durch erhöhte Investitionen in die Krankenhäuser und in die Fachkräfteausbildung. Gleichzeitig wollen wir die Profile der Krankenhäuser schärfen und optimieren. (Zeile 4017)
Drei willkürlich herausgegriffene Postulate (die komplette Auflistung gibt es auf Anfrage als PDF-Datei). Wir erahnen die finanziellen Dimensionen. Und wir kennen die reale Lage: Finanzierungsvorbehalt, Schuldenbremse, Haushaltsnotlage.
Hermann Kuhn hat recht. Die eigentlichen Koalitionsverhandlungen beginnen erst in den kommenden Wochen und Monaten mit der Aufstellung des Doppelhaushaltes für die Jahre 2020/2021.
Wir können abwarten, was bei den drei Partnern und innerhalb des Senats an konkreten Festlegungen herauskommt. Das wäre der übliche Weg.
Ein Regentag im Südwesten. Da bietet sich ein Besuch im Deutschen Zeitungsmuseum an. Das DMZ befindet sich im kleinen saarländischen Ort Wadgassen. Wen die Geschichte der gedruckten Presse und des Journalismus interessiert, für den tut sich eine riesige Fundgrube auf.
1867. Der amerikanische Buchdrucker Christopher Latham Sholes erfindet die erste Schreibmaschine- mit der immer noch aktuellen Tastaturbelegung QWERTY
Die 18-jährige Sarah-Lee Heinrich kennt Armut seit ihrer Kindheit. Wir haben nach ihrer ersten Uniwoche mit ihr gesprochen. Sie sagt: Anstre
Die Schriftstellerin und frühere DDR-Spitzensportlerin Ines Geipel fürchtet, die Deutschen könnten das Glück der friedlichen Revolution vers
„Die AfD schafft es, dass sich der Osten ein weiteres Mal abhandenkommt. Er wird zur politischen Manövriermasse von Westdeutschen wie Gauland, Höcke oder Kalbitz. Das ist abstossend, weil man eine traumatisierte Gesellschaft dabei noch einmal missbraucht. Mit dieser Partei geht es ja nicht ums Weltoffene, sondern in die Enge, in die Abgrenzung. In dieser Wahl manifestiert sich der Trend zum toxisch braunen Osten, und das hat natürlich Folgen. In der Turnhalle schreien die Zehnjährigen jetzt: Lügenpresse, Lügenpresse, in irgendeinem Garten hörst du: Ich schlag dir ein Holzscheit ins Hirn, du Judensau. Dieser offene Rassismus, dieses gesellschaftliche Klima wird jetzt gerade legitimiert. Es ist wie ein Sickersystem. Gerade auch junge Leute sagen: In Pirna leben oder in Freital? Nein danke. Unsere Kinder nehmen wir jetzt aus der Schule, die sollen in Dresden in eine Privatschule gehen und nicht mit diesen Nazi-Kindern gross werden. Aber das ist nicht hinzunehmen.“
Die Kluft zwischen Arm und Reich ist hierzulande so hoch wie nie zuvor. Forscher fordern daher eine Veränderung des Wirtschaftssystems.
Viel Luft nach oben
Immer mehr Geflüchtete finden Jobs (und Ausbildungsplätze) in Bremen. Eine gute Nachricht, aber kein Grund abzuheben. Bei aller Freude über die positiven Tendenzen ist festzustellen, dass Optimierungsbedarf besteht (butenunbinnen am 04.10.19)
In den kommenden zwei, drei Jahren müssen etwa 2.000 junge volljährig gewordene Geflüchtete ausgebildet und/oder beschäftigt werden. Viele sind nicht oder nur unzureichend auf den Einstieg in berufliche Ausbildung vorbereitet. Alarmierend ist die Tatsache, dass in diesem Zeitraum für gut 1.600 die so genannten erzieherischen Hilfen gemäß Sozialgesetzbuch VIII enden, und zwar allerspätestens mit 21 Jahren. Schulische und berufsvorbereitende Maßnahmen zur Kompensation der Defizite sind auf den Weg gebracht worden. Ob und in welchem Umfang und in welchem Tempo sie wirken, läßt sich noch nicht absehen.