Früher hatte es eine Zeit gegeben in der er sich häufig am Schreibtisch wiedergefunden hatte, um Briefe zu verfassen. Die Tischplatte war voll gewesen mit Papier, Stiften und vergeblichen Versuchen den perfekten Brief zu schreiben. Viele hatten ihren Weg nicht mal in einen Briefumschlag gefunden. Manche waren vielleicht sogar abhandengekommen. Und ein paar wenige hatten ihren Weg zu seiner Familie gefunden. Dabei war es ganz unterschiedlich wer welche bekam. Mal seine Eltern und seine Geschwister, mal seine Nonna, mal sein Onkel. Er hatte sie immer dann geschrieben, wenn er im Internat war.
Seitdem er nicht mehr dort war, machte er es aber nicht mehr. Irgendwie war es dann nicht mehr das gleiche gewesen. Außerdem gab es doch Handys. Warum also sollte er dann noch einen schreiben?
Das fragte er sich auch, als er sah, was er da alles vor sich ausgebreitet hatte. Delian hatte ihn auch schon gefragt was er vor hatte. Für den Italiener war es dabei selbstverständlich wonach es aussah. Hatte er ihm auch so gesagt, ehe er ihn ins Haus geschoben hatte, damit er in Ruhe schreiben konnte. Dieser Brief war was ganz besonderes und dafür wollte er Zeit für dich haben. Jedes Wort wählte er ganz bewusst. Das konnte man auch daran sehen wie viel Mühe er sich dabei gab ordentlich zu schreiben. Der Brief musste einfach perfekt werden. Schließlich hatte er doch sogar extra Briefpapier geholt. Und Wachs. Für ein Briefsiegel. Sogar mit passenden Stempel.
"Arseny. My Twin. @diaryofarseny
Ich sitze gerade im Garten von unserem neuen Haus. Vor mir sind drei Reihen Erdbeeren. Zwei müssen noch wachsen, aber die erste Reihe hat mein Vater schon vor Wochen eingepflanzt, weil Delian ihn drum gebeten hat. Ich höre die Vögel zwitschern und habe schon feststellen dürfen das in dem Baum ein Eichhörnchen Paar lebt. Es ist schön hier. Wirklich schön.
Aber in jedem Moment, den ich hier erlebe, frage ich mich wie du darauf reagieren würdest. Würdest du lächeln? Was würdest du sagen?
Vieles hier fühlt sich vertraut an. Ist ja klar. Rom war und ist immer schon meine Heimat. Aber Seoul… es wird immer ein Teil meines Lebens sein. Eine Stadt in der ich so viele Dinge erlebt habe. Freundschaften, Beziehungen, Trauma. Alles Mögliche eben. Dort habe ich fast schon mehr Kapitel geschrieben, als hier in Rom. Aber auch kein Wunder nach so einer langen Zeit...
Ich habe hier schon viele Orte wieder entdeckt, die ich gar nicht mehr auf dem Plan hatte.. und Italienisch jetzt jeden Tag zu hören, ist auch super ungewohnt! Es bringt sogar ein Problem mit sich. Anstatt nur in Italienisch zu antworten, rutscht mir auch das ein oder andere Englisch oder sogar koreanisch raus. Jedes Mal werde ich angeschaut wie so ein Auto. Sollen die doch einfach mal die Sprachen lernen, also echt.
Und trotz solcher Kleinigkeiten oder vielleicht genau wegen dieser, fühlt sich manches hier noch unvollständig an. Möglicherweise liegt es auch daran, dass mir mein Bester Freund fehlt. Du warst bei so vielen möglichen Kapiteln in meinem Leben mit dabei, dass es jetzt ganz komisch ist. Ich kann dir nicht einfach so die Orte hier zeigen. Mein Lieblingscafé oder die ganzen Bauten hier, wie das Kolosseum zum Beispiel.
Weißt du, es ist einfach merkwürdig. Ich bin in meiner Heimat, da wo ich ursprünglich herkomme und trotzdem fehlt mir ein Stück zuhause. Nur ist es dieses mal kein Ort, sondern ein Mensch. Das ist so ein Moment, in dem ich merke, wie sehr ich mich eigentlich daran gewöhnt habe, dass du da bist. Du bist jetzt eben nicht einfach mal nur zehn Minuten Autofahrt entfernt. Kein Spontaner Movie Abend. Kein spontanes vorbeikommen, wenn irgendwas ist. Kein backen oder kochen. Ich glaube das ist der Grund, warum es mir am Ende doch so schwerfiel. Weil ich was ganz wichtiges in meinem Leben zurück lassen musste, ohne zu wissen wann wir uns das nächste Mal wieder sehen.
Delian hängt es glaube ich auch schon zu den Ohren raus, wenn ich ihm mal wieder ein „Guck mal, das würde Arseny gefallen!“ an den Kopf knalle…
Obwohl ich mich darüber freue wieder hier zu leben, bin ich eben trotzdem traurig, weil ich das alles ohne dich erleben muss. Ich kann dir nicht voller Stolz mein neues Zuhause und mein neues Leben zeigen. Also doch. Per Bild, Video oder Facetime, aber das wäre doch nicht das gleiche. Da sind wir uns doch einig, oder? ODER?
Es ist eben was ganz anderes sich gegenüber zu sitzen und dabei über belanglose Dinge zu reden, oder es per Telefon zu machen. Dann kann ich nicht deine Mimik lesen, mich an deine Schulter lehnen oder dich in den Arm nehmen. Herrgott nochmal, ich vermisse sogar die Kissenmauer von unseren Sleepovern.
Die Entfernung hat mir bewusst gemacht, wie wertvoll du für mich bist. Ich hoffe, nein ich weiß es eigentlich schon, dass es dir auch so geht.
Ich hoffe, dass du bald mit eigenen Augen sehen kannst, was ich mir hier zusammen mit Delian aufgebaut habe. Ich muss dir unbedingt alle Orte zeigen. Kleine versteckte Plätze, meine Lieblingsorte, Cafés. Alles eben.
Vor allem aber will ich gemeinsam mit dir hier Erinnerungen sammeln.
Bis dahin muss ich dich in jedem einzelnen dieser Momente, in denen ich dich besonders stark vermisse, mit mir herumtragen. Es ist zwar nicht dasselbe, aber der Gedanke hilft schon dabei es zu schaffen.
Hoffentlich konnte ich dir hiermit eine kleine Freude bereiten und uns beiden das vermissen erleichtern. <3
PS: Nein, ich habe es nicht vergessen. Der Brief ist extra frühzeitig abgeschickt worden, damit er dich genau dann erreicht..
Ich hoffe das Geschenk gefällt dir. ❤️"
Die Seiten des Briefes waren schneller gefüllt, als Caleb noch anfangs gedacht hatte. Sobald er einmal den Stift angesetzt hatte, waren die Wörter nur so aus ihm rausgekommen. Aber nicht nur das. Auch ein paar Tränen, die es sich auf dem Papier breit gemacht hatten, machte es ihn doch sehr emotional seinen Besten Freund nicht bei sich zu wissen.
Als er aber sein fertiges Werk nochmal durchlas, fing er auch an zu lächeln. Dass jemand mal so eine wichtige Freundschaft mit ihm haben würde, war etwas ganz Besonderes, dass es kein zweites Mal gab. Darauf war er stolz. Nicht jeder durfte immerhin in so einem engen Kontakt mit dem Halbfranzosen stehen.
Und genau deswegen steckte er den Brief fein säuberlich in einen Umschlag, bevor dieser in das Paket kam, in dem er allerlei Dinge für Arseny untergebracht hatte. "Ob er weinen wird?", fragte er sich hierbei leise, ehe er das Paket mit rein nahm und direkt in den Flur stellte. Er wollte es ja nicht vergessen. Das war immerhin wichtig.