Mondscheintanzsonate
Huch, der Mond lacht schon wieder wohlgenährt über der Sonntagstraße, sein wolkenumschmeichelnder Schein erhellt geradlinig über der Straße aufgreihte Wipfel, einige bunthaarige Touristen nippen darunter verloren, aber wie befohlen an ihren Cocktails. Ein leises Klingeln an meinem Handgelenk erinnerte mich bei jedem Arbeitsgang an Dich. Wir hörten mutige Musik aus den Achtzigern, als Synthesizer noch Experimente erlaubten und Stimmen gewaltig beeindruckten. Beschwingt von treibenden Rhythmen von Gitarre und Schlagzeug, hier durch paar Effekte verfremdet, dort noch eine absichtlich monoton wirkende Männerstimme hinzugeleiert, arbeiteten wir die Bestellungen ab. Abgenutzt. Berlin ist, wo alternative Ernährungsformen sich mehr und mehr selbst mcdonaldisieren, obwohl sie McDonalds abstoßend finden. Die meisten Sänger der gehörten Lieder sind jetzt tot. "Come dance with us into the future" wirkt dreißig Jahre später niedlich und makaber zugleich. Die Zukunft ist einbetoniert, normiert und in Bildschirme oder hinter Schreibtische bei Versicherungsgesellschaften gezwängt. Sie baut hässliche Bahnhöfe, hässliche Bürogebäude, hässliche Flughäfen mit hässlichen Sicherheitskontrollen um die noch hässlicheren Grenzen irgendwie zu legitimieren. Am hässlichsten an ihr ist aber, dass sie vorgibt, all dies nicht zu tun, und das ist das fatale an der Gegenwart, die auch die Zukunft zu sein scheint, denn Utopien scheitern allzuoft an der Angst der Menschen, Anderes zu wagen. Zuhause. Der Mond scheint jetzt durchs Fenster, einige Wolken tanzen mit ihren Schleiern davor. Dahinter röhrt die S-Bahn leise und bald müde. Das Uhrwerk der Stadt fängt zu ächzen an, die Schwerfälligkeit ein jeder Bewegung zeugt von der Lust auf die kalte Jahreszeit. Befreiung durch Ausbruch, Flucht in die Natur. Die tiefe Unzufriedenheit mit dem Zustand städtischen Seins. Ein Helikopter fliegt vorbei und ich frage mich warum. Es gibt doch in hunderten Kilometer Entfernung keine Gipfel, von denen Menschen gerettet werden wollen - und andere Einsatzszenarien wollen mir partout nicht einfallen. Nun sei es so, auch das bekommen wir anerzogen: alles hat so seine Bewandnis, auch die Polizei erledigt ja "nur ihren Job". Wenn es doch so einfach wäre. Einfacher wäre ein Leben, in dem das Vertrauen in Staaten, ihre Macht und Mächte überginge in natürliches Vertrauen unter Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen. In denen wir wahrhaft mündig sind und frei, uns selbst an|zu|erkennen und nicht die Schablonenmenschen aus den Showrubriken der Bahnhofshalleninfotainmentscreens. Ich bin froh, dass Du nicht dazugehörst. Ich bin froh, dass Du raus möchtest. Mit Dir gehe ich auch nach Perleberg.













