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Orgcore
Ich fände es ja geiler, wenn Orgcore nicht »organic hardcore« wäre, sondern Hardcore mit Orgeln.
Hart an der Grenze zwischen albern und geil, find ich… Wie sehr ihr das?
Dezinonolen
#Mukkermukke 2: Die Band Sungazer hat einen Song im Tempo von 33 Beats per Minute produziert – und den Beat in Dekanonolen aufgeteilt. Sprich: in 19 Schläge pro Takt. Was eine Primzahl ist. Wodurch sich der Takt unmöglich gerade aufteilen lässt.
Die 33 BPM sind an der unteren Grenze dessen, was die menschliche Wahrnehmung noch als Beat verarbeiten kann – ehe alles in arrhythmische Matsche zerfällt.
Eine Dekanonole in 33 BPM ist ca. 100 Millisekunden lang. Was an der oberen Grenze dessen liegt, was die menschliche Wahrnehmung verarbeiten kann – ehe man einen durchgehenden Piepton hört.
Es ist also ein Song, der beide Grenzen unserer Wahrnehmung gleichzeitig austestet. Er ist gleichzeitig fast zu langsam und fast zu schnell.
Das Lustige: Wenn man ihn anhört, dann klingt er wie ein Song in ca. 100 BPM im 3/4-Takt (mit einem kleinen Sprung). 100 BPM ist das sogenannte „neutrale“ Tempo von Musik. Es entspricht etwa anstrengungsloser Schrittgeschwindigkeit.
Man kann den Song also auf 3 Arten fühlen und zwischen diesen Gefühlen oszillieren. Very cool!
https://www.instagram.com/reel/CUavhABLz7I/
Ein Beispiel dafür, wie es das quintolische »Drunk Feeling« allmählich in den Mainstream schafft. Oder, wie es ein Kumpel ausdrückt: »Wie absurd spät der erste Clap kommt – pockeeeet 🔥. How far can I push it without falling apart.«
Wobei, Mainstream. Okay, na ja. Andererseits: Der Typ hat mehr als 3 Follower. Also mehr als alle postmodernen Jazzbands, die sonst quintolisch grooven, zusammen.
So oder so: Geiler Track.
Assouf
Wenn man Blues als Klangmetapher für staubige Straßen sieht, dann müsste Sahara Blues zwangsläufig eines der besten Blues-Subgenres sein. Ich finde, das ist auf jeden Fall so. Hier ein paar Beispiele dieser Stilrichtung, die wahlweise auch Assouf oder Tichumaren genannt wird und die elektrische Bluesgitarren mit traditionellem Touareg-Folk kombiniert (und inzwischen teils auch mit experimentellen elektronischen Sounds, zum Beispiel denen von Floating Points). Ein, wie ich finde, sehr beseeltes Genre, das zahlreiche Polaritäten zu integrieren versucht (traditionell und modern, Afrika und USA/Europa).
Rituale
Ungefähr zu dieser Jahreszeit, wenn es draußen nicht mehr kalt und noch nicht warm ist, höre ich folgende zwei Songs:
1. Neil Young - Theme from Dead Man
2. Djuma Soundsystem - Les Djinns (Trentemoller Remix)
Song 1 erinnert mich an eine durchgekiffte Aprilnacht Anfang der 2000er mit meinem damals besten Freund, in der wir kurz vor Morgenanbruch den gleichnamigen Film von Jim Jarmush guckten und überwältigt von dessen Soundtrack waren.
Song 2 erinnert mich an Spaziergänge durchs Hamburger Karoviertel, ebenfalls kurz nach Ostern, irgendwann Mitte der 2000er, als die Schanze noch mehr die Schanze war und die Welt und wir noch hedonistischer.
Es sind keine bestimmten Erinnerungen, die ich mit den beiden Songs verknüpfe. Keine Romanze und kein sonstiges bemerkenswertes Erlebnis. Es ist mehr die Erinnerung an diese klare, allmählich lauer werdende Luft. An diese frische, aus mir heraussprudelnde Frühlingsenergie. An diese diffuse, kribbelnde Vorfreude auf den nahenden Sommer mit seinen leichten, lichten Momenten.
Es sind zeitlose Songs für mich. Und ich bin glücklich, sie jedes Jahr um diese Zeit wieder und wieder voller Hingabe zu hören.
About Jim
Schon krass, wie tief Jim Steinman in unserer Kultur sitzt. Wie sehr er dieses 80er-Feeling mitgeprägt hat. Diese grellen Neonfarben statt den heutigen gedeckten Tönen. Dieses fast schon verschüttete Genre der Rockoper. Dieses „Everything louder than everything else“. Diese unvergleichliche Art, schamfrei Kitsch zu erzeugen und zu genießen, einfach weil man ihn aus tiefstem Herzen meint - und in die Welt strömen lässt. RIP
Second Hand Nostalgie
Die Playlist »official unofficial electro videos« der Songwriterin Carrellee (klingt wie Carol Lee) hat mich verzaubert. Teils weckt sie in mir Gefühle aus Zeiten von Hope Sandoval und Anita Lane, teils verspüre ich Second-Hand-80er-Nostalgie: Ich sehne mich zurück in eine Zeit, in der ich kognitiv noch gar nicht weit genug war, um sie aus erster Hand zu erleben. Ich wünschte, es gäbe diese rohen Demoversionen auf Vinyl. Ich finde, sie sind perfekt.
Integrale Musiktheorie - ein paar erste Gedanken
Gestern habe ich in meinem Online-Portugiesisch-Kurs diesen kleinen charmanten Song kennengelernt. Er handelt von einer Frau, die jeden morgen mit dem Eléctrico 7 in Lissabon fährt - aber nicht, weil sie irgendwo hin muss, sondern weil sie in den Schaffner verliebt ist. Der Song ist voller großartiger Wortspiele, die südeuropäischen Liebespathos mit bürokratischen Beamtenvokabeln verquicken. Das Klicken eines Fahrkartenentwerters verursacht Herzrasen. Das Schicksal (fadário) wird durch einen Fahrplan (itenerário) bestimmt, der die Protagoniostin zum Beamten (funcionário) führt. Etc. Megacharmant.
Mein Lieblings-Bossanova-Song: Sowohl musikalisch als auch textlich. Die drei Strophen nutzen weitgehend die identischen Wörter, aber die Wörter werden in jeder Strophe vertauscht - sodass sie jedes Mal eine etwas andere Geschichte ergeben. Nur eines ändert sich nicht: Der arme Bauarbeiter auf dem Baugerüst stirbt jedes Mal am Ende. Alles andere aber, die Wege, die zu seinem Tod führen, sind austauschbar. Was manche - passend zur Zeit der Veröffentlichung 1971 mit dem brasilianischen Militärregime und dem hinter den Grenzen des Landes erblühenden Flower Power - als sozialistische Kritik an der Entfremdung des Arbeiters von der Gesellschaft interpretieren. Alles ist austauschbar, auch du selbst. Nur eines ist sicher: Am Ende verlierst du.
Ausführlich hier: https://en.wikipedia.org/wiki/Constru%C3%A7%C3%A3o_(song)
Mukkermukke #1: Phonon nutzt hier das Prinzip der “nested tuplets”. Er programmiert zum Beispiel Quintolen und in diese hineinverschachtelt noch einmal Triolen, o.ä. Also, einer der fünf Quintolenschläge wird wiederum in drei Triolen aufgeteilt. Mathematische Maschinenmusik, die ein Mensch kaum noch spielen könnte. Was aber vermutlich nichts macht, weil sich so was wohl eh nur Nerds anhören.
Ein Sounddesign, das die Grenze zum Hyperpop überschritten hat. Ein Genre, das eh gerade immer stärker unsere musikästhetische Wahrnehmung prägt. Ich stehe dem durchaus zwiespältig gegenüber, denn ich habe die leise Ahnung, dass genau hier die Demarkationslinie zwischen mir (sozialisiert mit Peter Burschs Akustik-Gitarren-Buch) und “diesen jungen Menschen” verlaufen könnte.
Dieses Album lag heute bei meinem Frisör Olli auf dem Plattenspieler, während er mir die Haare schnitt. Es ist sozusagen die Ursuppe des Café del Mar. Ein Freund merkte an, dass vermutlich jedes neue Genre und Subgenre eine solche Ursuppe hat: eine Szene von Gleichgesinnten, die sich gegenseitig inspirieren und das Genre kollaborativ erschaffen.