Impressionen des ersten Tages.

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@favoriten2014
Impressionen des ersten Tages.
Archive auf Zeit - von Stefanie Wenner
Theater zu archivieren ist ein Widerspruch in sich. Klassische theaterhistorische Sammlungen archivieren Artefakte: Programmhefte, Regiebücher, Notizen, Besetzungslisten, etc. Damit ist noch nichts über die Inszenierung gesagt, oder wenig. Erfahren haben die jeweilige Aufführung nur die Anwesenden, nur sie können bezeugen, was geschah, sind lebendiges Archiv. Das ist die Stärke des Theaters, gerade heute. Es behält eine Widerständigkeit durch seine komplexe Materialität, wie auch immer sie sich im Einzelnen zusammensetzen mag. Festivals sind Archive auf Zeit, eine temporäre Sammlung, ein Ausschnitt, eine Rahmung, die hervorhebt, was in ihr erscheint und durch Programmhefte, Videos, Kritiken und Fotos sind sie Gedächtnisspeicher. Festivals sind auch Spektakel. Sie folgen der Logik von Konsumierbarkeit gegen alle Bestrebungen von KuratorInnen oder KünstlerInnen, die Zuschauer zu aktivieren. Sie repräsentieren bei aller Kritik an Repräsentation gegenwärtige Kunstproduktion. Sie stellen einen Kanon her, mindestens einen Kanon tourender Produktionen der gegenwärtigen Saison. Denn während im Kontext bildender Kunst ins nationale Archiv und Gedächtnis eingeschrieben wird, wer in den entsprechenden Sammlungen auftaucht, sind KünstlerInnen der „Performing Arts“ noch längst kein nationales Kulturgut, wenn sie auf Festivals auftauchen, schon gar nicht im Rahmen derer der freien Szene. Wenn es ein erklärtes Ziel dieser Szene ist, kulturell mehr Bedeutung zu erhalten, dann immer vor dem ambivalenten Hintergrund einer auch nationalen Selbsterzählung. Das Archiv bleibt bislang zumeist ein Speicher kultureller Abgrenzung. Ein Archiv des freien Theaters müsste konstruktiv mit diesem Paradox umgehen, denn öffentliche Gelder kriegt die Kunst nicht umsonst, sie soll wirken, auf unterschiedliche Weise. Wer oder was also durch wen oder wie archiviert wird, ist von erheblicher politischer Bedeutung. Wenn etwa performative Künste im Rahmen von Bildender Kunst gesammelt werden, wie das seit einigen Jahren der Fall ist, mit prominenten Beispielen wie Tino Sehgal, dann befragen sie auch die Container der Kunst. Sie widersetzen sich der tradierten Logik der Sammlung. Die Arbeiten lassen sich nicht einlagern, sie sind kein im traditionellen Sinne materielles, akkumulierbares Gut. Was könnte das übertragen für das Theater bedeuten? Das Herstellen von Artefakten? Aufführungen ohne Publikum?
Ein Festival wird finanziert durch öffentliche Mittel und auch hier gibt es Interessen, zeigt sich die Frage nach der Aufgabe von Kunst und ihrer gesellschaftlichen Nutzung. Das ist die Kehrseite der Suche nach einer Wirksamkeit von Kunst, die Aufgabe ihrer Freiheit. Und das fängt schon bei ihrer Archivierung an. Denn produzieren wir angesichts eines Archivs dann Theater auf eine Weise, die es archivierbar macht? Wird eine weitere Bedingung den zahlreichen Konditionen der Produktion auch von freiem Theater hinzugefügt? Rebecca Schneider macht sich in „Performing Remains“ dafür stark, dass der Körper das stärkste Archiv und die Beteiligung an einer Aufführung in welcher Form auch immer ein effektives Mittel der Tradierung ist. Die individuellen Körper einer Gemeinschaft bildeten so ein stabiles, wenn auch unsortiertes Archiv. Es lässt sich nicht verschlagworten, es ist vergänglich und lässt sich nicht ohne weiteres nutzen. Vielleicht kann ein Festival ein Zeitraum sein, in dem dieses Archiv aktiviert und wahrnehmbar gemacht wird.
Großer Bahnhof - Von Wolfgang Kienast aka Martini
Möglicherweise haben Impulse aus dem Hier und Jetzt Einfluss auf die zukünftige Gestalt von Feldern, an die heute niemand denkt. Es ist viel Platz zwischen Zufall und Planung. Hätte nicht immer alles anders kommen, sein und werden können? Natürlich. Selbstredend auch bei den FAVORITEN. Vielleicht, nur als Beispiel, würden wir uns heute in Lünen treffen und nicht in Dortmund, hätten Entscheider vor mehr als hundertundsiebzig Jahren angesichts regional bedeutsamer Infrastrukturmaßnahmen eine alternative Lösung favorisiert.
Lünen? FAVORITEN fußt auf “Theaterzwang” und “Theaterzwang” auf dem Dortmunder Lehrlingstheater, welches von jungen Menschen ins Leben gerufen wurde, die unzufrieden waren mit den Verhältnissen, die sie damals, in den 1970er Jahren, erfuhren, die sich aus dem Strukturwandel ergaben, der Scheiße lief und einfach nicht zu ignorieren war.
Kohle- und stahlbasierte Strukturen. Noch weiter zurück. Dass sich die auf den Hund gekommene Hansestadt Dortmund überhaupt zum industriellen Schwergewicht hatte mausern können, verdankt sie maßgeblich ihrem Bahnhof, denn eine Station an der Strecke zwischen Rhein und Weser, einer Hauptschlagader wirtschaftlicher Entwicklung im Revier, war Lockmittel für Investoren. Er wurde 1847 von der Köln-Mindener-Eisenbahngesellschaft in Betrieb genommen.
Ebenso gut hätte Lünen das große Los ziehen können. Seinerzeit wurde ein entsprechendes Gutachten in Auftrag gegeben, geographischen Gegebenheiten folgend wäre diese Trasse sogar sinnvoller gewesen, - und Dortmund hätte seinen Platz am Nebengleis gefunden.
Was aber, wenn alles vollkommen anders gelaufen wäre: “Eisenbahnen, Eisenbahnen, so heißt das Heilmittel, was die kranke Industrie heilen soll. Schon lange ist die Patientin aus dem ruhigen Lebensprozesse gewichen, bald rennt und springt und tanzt die Arme, ihre Pulse fliegen, der Schweiß strömt von ihrer Stirne, bald liegt sie totähnlich im Starrkrampfe: Dieser Zustand gleicht in etwa den von der Tarantel Gestochenen; ...so sollen nun die Eisenbahnen die Nervenzufälle der Industrie heilen”, heißt es in einem 1835 im Rheinisch-Westfälischen Anzeiger veröffentlichten Leserbrief. Der Wunsch nach Entschleunigung war durchaus populär. Ich würde diesen Brief zu gern einmal getanzt auf einer Bühne sehen.
CHEERS FOR FEARS – Eine Produktionsplattform
Die 2013 gegründete Initiative Cheers for Fears fordert die Kunsthochschulen NRWs und den etablierten Ausbildungsalltag heraus: Ihr Ziel ist es, Studierende und AbsolventInnen künstlerischer Studiengänge, hochschul- und fachübergreifend miteinander in Kontakt zu bringen, Kollaborationen im Feld und an den Grenzen der Szenischen Künste anzuregen und sich über Arbeitsstrategien, Ästhetiken und Perspektiven
auszutauschen. Und das Ganze im Schulterschluss mit Lehrpersonal und Hochschulleitungen, sowie den Theatern und Produktionshäusern in der Region. Anstoß zur Gründung lieferte das Projekt “Urbane Szenerien – Realitäten einer Stadt”, welches zu den FAVORITEN 2012 eine hochschul- und disziplinübergreifende Arbeitsplattform ins Leben rief. Seitdem ist einiges passiert: Allmonatlich treffen sich Studierende,
um über Arbeiten und Arbeitsstände ins Gespräch zu kommen und mit verschiedenen Gästen und bei wechselnden Gastgebern über die Studien- und Arbeitsbedingungen in den Szenischen Künsten zu debattieren. Im März 2014 veranstaltete sie in Kooperation mit dem Ringlokschuppen Ruhr ein großes Festival, das Studierende der Folkwang Universität der Künste und der Ruhr-Universität (Szenische Forschung, Theaterwissenschaft) zu Workshops, Diskussionen und öffentlichen Arbeitspräsentationen einlud.
Anlässlich des Theaterfestival FAVORITEN 2014 erweiterte die Initiative ihren Kreis und rief auch Studierende und AbsolventInnen der Bereiche Bühnenbild, Medienkunst, Musik, Malerei und Tanzwissenschaft aus ganz NRW dazu auf, interdisziplinäre Konzepte für szenisch-künstlerische Arbeiten einzureichen. Im Maschinenhaus Essen kamen Ende Juli die Interessierten zusammen, um sich über ihre Projektideen auszutauschen, sie mit den Mentoren Felix Bürkle, Fabian Lettow und Alexandra Tivig weiterzuentwickeln und Mitstreitende für ihre Arbeiten zu finden.
Drei ausgewählte Projekte wurden in den darauffolgenden Monaten eigenständig an einer der beteiligten Hochschulen produziert. Zum Festival sticht Cheers for Fears nun in Richtung Dortmund in See und präsentiert dem Publikum gleich drei Premieren auf den Schultern einer kollektiven Kohorte aus angehenden jungen Künstlern der Region. Gerahmt werden die Präsentationen von Feedback-Gesprächen und Diskussionsrunden: Welche Fragen beschäftigen den künstlerischen Nachwuchs in NRW? Was drängt?
http://www.cheersforfears.de/?cat=1
BRXT: For Lovers
Eine Versetzung.
29.10., 17h Fletch Bizzel
Das Düsseldorfer Performance Kollektiv BRXT lädt befreundete Künstler und Kollegen dazu ein, für einen Monat in eine leerstehende Lagerhalle im Düsseldorfer Hafen zu ziehen. Hier entsteht ein künstlerischer Kosmos, der das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter auf die Probe stellt und damit auch nach zeitgenössischen Formen der Selbstinszenierung fragt. Zwischen Intimität und Post-Privacy, dadaistischem Readymade und Blow-Up Gemälde inszenieren die Performer von BRXT die Details ihres Alltags als absurdes Happening.
Das Konzentrat der zweimonatigen Arbeitszeit wird nach einer Präsentation in Düsseldorf schließlich für einen Tag nach Dortmund umziehen und Bühne, Hof und Foyer des Dortmunder Traditionshauses Fletch Bizzel besetzen.
Produziert in der Werft 77 des Kunst im Hafen e.V. im Reisholzer Hafen Düsseldorf in Kooperation mit dem FFT Düsseldorf. / Konzept: Kenny Rüdiger, Marius Baumgartner / Musik: Lars Bechstein (Posaune), Leif Berger (Schlagzeug), Alexander Dawo (Kontrabass), Ole Hübner (Elektronik, Synthesizer, Vocals), Johannes Mang (Schlagzeug) / Physical Performance: Hannah Nürnberg, Helena Aljona Kühn, Kim Töpfer, Melissa Steinsiek-Moßmeier / Digital Performance: Sebastian Meija, Tanja Ritterbex / Video-/Soundinstallation: Tim Löhde / Förderer: Stiftung für Kunst, Kultur und Soziales der Sparda Bank West, Kunst- und Kulturstiftung der Stadtsparkasse Düsseldorf, Brauerei Kürzer, Provinzial Versicherungen und Dj ́s Delight Sound & Light Equipment.
Adaptiert für Dortmund im Rahmen der Cheers for Fears – Produktionsplattform 2014. Veranstaltet vom NRW Landesbüro Freie Kultur, in Kooperation mit dem Maschinenhaus Essen und dem Theaterfestival FAVORITEN 2014. Gefördert vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW sowie der Kunststiftung NRW.
http://www.favoriten2014.de/programm_29-10-2014/cheere-for-fears-brxt.php
Bianca Mendonça: To Be Heard
Eine physische Klangraumerfahrung.
31.10., 15h + 18h MAO // Öffentliche Probe am 30.10., 15h MAO
Der Klang ist ein wesentliches Element der menschlichen Kommunikation. Die Choreografin Bianca Mendonça beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Klang- und Körperwahrnehmung. Mit von Körper und Stimme erzeugtem Klangmaterial jenseits der Sprache sucht sie nach Strategien einer Choreographie fürs Ohr.
To Be Heard lädt dazu ein, sich mit geschlossenen Augen auf eine physische und auditive Reise zu begeben: Die Zuschauer sind aufgerufen, ihren visuellen Sinn für einen Moment zurückzustellen und das Bühnengeschehen im ästhetischen Experiment durch hörende und fühlende Wahrnehmung zu erfahren.
Gemeinsam mit Tänzern und Klangkünstlern entsteht eine Soundlandschaft aus Körpern, in der Erinnerungen und Gefühle in Klang und Raum übersetzt werden. Der Keller des Museums Ostwall verwandelt sich für die Dauer der Performance in einen Raum, der ins Unbewusste eintauchen lässt und feinfühlig neue Formen der Begegnung zwischen Zuschauern und Darstellern erprobt.
Konzept: Bianca Mendonça / Choreografie: Bianca Mendonça in Zusammenarbeit mit den Tänzern / Tanz: Valérie Kommer, Carmen Kraus / Sounddesign: Senking / Kooperation: Zentrum für Zeitgenössischer Tanz der HfMT Köln, Dans och Cirkushögscholan Stockholm / Diese Produktion entstand im Rahmen der Cheers For Fears - Produktionsplattform 2014. Veranstalter: Landesbüro Freie Kultur NRW / Förderer: MFKJKS NRW, Kunststiftung NRW / Kooperation: Maschinenhaus Essen, Theaterfestival FAVORITEN 2014.
http://www.favoriten2014.de/programm_31-10-2014/to-be-heard.php
Martina Gimplinger: No Place like Home
Verselbstständigtes.
31.10., 19h MAO
“In Momenten einzelner, szenischer Arbeiten habe ich mich zuhause gefühlt: In der Bewegung eines schwarzen Theatervorhangs, der sich langsam von der Bühnenhinterwand bis nach vorne zur Rampe und wieder zurück bewegt. In einem zum Bild erstarrten Tänzer, der Beine und Arme nach oben hin von seinem Körper streckt. Die Klänge, Bilder und Bewegungen dieser Momente sind nicht unwiederbringlich verloren: Sie haben sich in mir verselbständigt und entkoppeln sich in einem Dritten, meinem eigenen, szenischen Geschehen.”
Etwas, das bleibt. Martina Gimplinger interessiert sich für dieses Phänomen in und an der Kunst. Sie lädt ihren persönlichen Fundus aus prägenden Erlebnissen und bewegenden Erfahrungen künstlerischer Prozesse auf und zieht gemeinsam mit Tänzern und Performern in die Momente der Bewegung ein. Ihr szenisches Referenzmaterial kommentiert eine zeitgenössische Ästhetik, die genau jene Lücken und Abwesenheiten produziert, die sie im Sehen und Erleben beheimatet und bewohnt.
Konzept und Künstlerische Leitung: Martina Gimplinger / Dramaturgie und Assistenz: Julian Gerhard / Mit: Asli Karali, Ekaterina Lizurchik und Ibrahima Biaye / Kooperation: Rottstraße 5 Kunsthallen Bochum, Ruhr-Universität Bochum / Diese Produktion entstand im Rahmen der Cheers For Fears - Produktionsplattform 2014. Veranstalter: Landesbüro Freie Kultur NRW / Förderer: MFKJKS NRW, Kunststiftung NRW / Kooperation: Maschinenhaus Essen, Theaterfestival FAVORITEN 2014
http://www.favoriten2014.de/programm_31-10-2014/cheers-for-fears-martina-gimplinger.php
Trailer Theaterfestival FAVORITEN 2014 in Dortmund
Ungerechtfertigt, aber JA. Ein Plädoyer. Von Jens Badura
Auch Jens Badura schreibt sich in die FAVORITEN 2014 ein, mit einem Plädoyer. Eine laute Stimme der Ästhetischen Theoriepraxis.
Debatten unter Kunstschaffenden drehen sich nicht selten vor allem um eines: Geld – Geld, das fehlt für die eigene Arbeit, Geld, das fehlt für die Entwicklung und Erhaltung eines Kultursektors, der sich an ästhetischen, nicht an ökonomischen Ansprüchen ausrichtet. Zugleich sind dieselben Kunstschaffenden genötigt, im aktuellen Förderdispositiv in eigener Sache und meist auch in Konkurrenz zu Gleichgesinnten erfolgreich zu operieren: Sie müssen Anträge schreiben – und dabei vor allem deutlich machen, welches Ziel mit ihren Projekten erreicht und welcher Nutzen durch diese generiert werden kann. Denn Geld gibt es nicht ohne Rechtfertigung – Vertrauen ins Können und Wollen ist kein zureichender Grund mehr.
Die Administration kreativer Horizonte mittels der geforderten Denksorte „Rechtfertigung durch Ziel und Nutzen“ lässt sich nicht ohne weiteres mit List und dem beliebten Argument „wenn ich das Geld erst habe mache ich sowieso was ich will“ sanieren. Denn die Einlassung auf das allgegenwärtige Rechtfertigungsdispositiv als Vorbedingung des Aufbruchs in die geförderte künstlerische Arbeit prägt die Möglichkeitsräume des Weges durch dieses Arbeiten.
Und: Die Arbeitseinheit „Projekt“ mit ihrem mit Management-Denkstil vollgestellten semantischen Hinterhof bewirkt Verschiebungen in der Vorstellungskraft, die sich nicht einfach später aus der künstlerischen Herstellungskraft ausbuchen lassen. Ganz abgesehen davon, dass Projekte in der Regel neue Projekte nach sich ziehen und die Werbung um Folgefinanzierungen zumeist einen zumindest impliziten und grosso modo-Nachweis hinsichtlich der Einhaltung der Zielerreichungsversprechen verlangen. Also doch immer auch ein bissl brav bleiben.
Es wäre daher dringend an der Zeit, aus dem fatalen Verklemmungszusammenhang von Finanznot- und Rechtfertigungsargumentationen herauszukommen. Klar – wer Kunst machen will muss leben und arbeiten können, und um das zu ermöglichen stehen heute vor allem solche Fördergefässe zur Verfügung, die in der skizzierten Dynamik gründen und diese antreiben. Ebenso klar ist, dass man da nicht einfach aussteigen kann ohne Alternative. Aber zugleich könnten quer zu überkommenen Sparten– und Institutionsautismen neue Formate für eine Re-Politisierung der Debatte über die Rolle von Kunst in der Gesellschaft angestiftet werden, damit die Kräfte und Ideen nicht automatisch in das Hamsterrad der Akquise und das Eigenmarkendesign fliessen – und der Austausch zwischen Künstler_innen nicht immer weiter durch strategischen Mitbewerbervorbehalt imprägniert wird.
Die Forderung nach künstlerischen Entfaltungsmöglichkeiten sollte daher nicht mehr vorrangig eine nach kompetitiver projektbezogener Finanzierung sein. Vielmehr ist das gemeinsame Anzetteln eines öffentlichen Streits um Relevanzen der Kunst gefragt – eines Streits, dem sich Kunstschaffende dann allerdings auch ernsthaft stellen bzw. ihn fortlaufend ausfechten müssten, weil Kontroversen über ästhetische Relevanzen nicht am Tisch der Jurys oder im Kurator_innengenius hinter verschlossenen Türen ausgetragen werden dürfen. Der Raum von Kunst würde als öffentliche Kontroverse konstituiert, die sich darum entfacht, wer was warum machen können soll. Es wäre ein Streit um Kunstverständnisse und Kunstfunktionszuschreibungen, ein Streit, bei dem ICH gesagt werden kann und das Hinstehen für Positionen und Überzeugungen nicht durch den Schleier von Antragslyriken hindurch weichgezeichnet wird: dafür stehe ich, das ist mir wichtig; hier ist, was ich tue, lasst Euch ein und es wird sich zeigen, warum ich es tue.
Sicher – dafür bräuchte es andere Konzepte von Publikum, von Kunstproduktion und –verhandlung, von Politik, Erwartungstransgressionsbereitschaft. Aber anfangen könnte man ja mal damit, Kunstinstitutionen aller couleur mit Lust und Anliegen von Markthallen der Aufmerksamkeitsökonomie zu Arenen der Kontroverse umzuwidmen und immer neu zu erproben, warum und welche Kunst in einer Gegenwart auf welche Weise wichtig wäre.
CV
Jens Badura ist Philosoph und hat die Dozentur für Ästhetische Theoriepraxis an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) inne. Zudem ist er Gastprofessor für Künstlerische Forschung an der Kunstuniversität Graz. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen neben Ästhetik und Kulturphilosophie auch das Verhältnis von Kunstproduktion und Kulturpolitik.
www.konzeptarbeit.ch
Auf’s Ohr Ein Wanderzirkus zum Zuhören.
„Gefühlsecht“ lautet das Thema des 20. Hörspielforums NRW, das dieser Tage in Köln stattfindet. Wir sind gespannt, wie viel "echtes Gefühl" unser Wanderzirkus zum Zuhören in der Festivalwoche erzeugen wird und stimmen hiermit schon mal ein:
Im Rahmen einer Kooperation mit der Film- und Medienstiftung NRW setzt das Theaterfestival FAVORITEN 2014 einen besonderen Akzent auf das Genre Hörspiel. Mit drei Live-Hörspielen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und damit einen guten Überblick über aktuelle Verwebungen von Hörspiel und Freien Darstellenden Künsten geben, wandern acht Hörspiele über die Festivalzeit durch die Stadt. David Rauer und Joshua Sassmannshausen erweitern das MAO um eine Wanderzelle in die Innenstadt – und schaffen Platz für kleine Auszeiten beim Stadtspaziergang. Zugleich ermöglichen die auditiven Erzählungen einen spielerischen Zugang zum Festivalzentrum. Alle Besucher sind eingeladen, sich frei im Haus zu bewegen und ihren perfekten Hörspielplatz zu erkunden. Acht renommierte HörspielmacherInnen eröffnen täglich eine andere Welt am unerwarteten Ort.
Weitere Informationen unter: http://www.favoriten2014.de/programm_taeglich/aufs_ohr-4000.php
Auf’s Ohr #1
Robert Schoen
Heidi Heimat
25.10., 12–18h West Center / Rheinische Str. 47 & MAO
Auf’s Ohr #2
Mariann Kaiser
Ferienwohnung für Vogel
26.10., 12–18h St. Josefinenstift & MAO, Ostwall 8-10
Auf’s Ohr #3
Clemens Schönborn
Die Kameliendame
27.10., 12–18h Platz von Leeds & MAO
Auf’s Ohr #4
Felix Kubin
Mother in the Fridge
28.10., 12–18h Heimatdesign & MAO
Auf’s Ohr #5
Helgard Haug und Daniel Wetzel (Rimini Protokoll)
Qualitätskontrolle oder warum ich die Räusper–Taste nicht drücken werde
29.10., 12–18h DOC, Kampstr. 45 & MAO
Auf’s Ohr #6
Paul Plamper
Der Kauf
30.10., 12–18h Dortmunder _U , Leonie-Reygers-Terrassen & MAO
Auf’s Ohr #7
Benjamin Quabeck & Philip Stegers
3 Tage Nordstadt
31.10. 12–18h Hauptbahnhof / CineStar, Steinstr. 44 & MAO
Auf’s Ohr #8
SKART
Conan Baby
1.11. 12–18h Sausalitos, Kleppingstr. 22 & MAO
1991 gegründet ist die Film- und Medienstiftung NRW die größte Länderförderung Deutschlands. Neben der Förderung innovativer audiovisueller Medieninhalte gehören auch Standortmarketing und -entwicklung zu ihren Aufgaben. Seit 1995 fördert der zentrale Ansprechpartner für Medien in NRW Innovationen und Strömungen im Sektor des Hörspiels. Einmal im Jahr organisiert die Stiftung mit dem Hörspielforum NRW eine wichtige Arbeitskonferenz von und für Hörspielschaffende.
Sebastian Matthias schreibt exklusiv für das #FAV14!
Wir freuen uns sehr!
Was ist nach der ersten Love Parade vor 25 Jahren noch vom Politischen im gemeinsamen Tanz zu Elektrobeats übrig geblieben? Ist diese kollektive Praktik der Liebe ganz dem kommerziellen Konsum anheim gefallen oder kann 2014 noch ein Wert an Raves oder Clubtanz gefunden werden, der über sein finanzielles Gewinnpotential hinausgeht? Betrachtet man den tänzerischen Groove in der seit den 90ern in Deutschland entstandenen Clubkultur aus einer tanzwissenschaftlichen und choreographischen Perspektive, zeigen sich Merkmale und Strukturen, die Hinweise auf Fragen zu Partizipation, Kollektivität und bürgerlichem Kunstgenuss geben. Fragen, die im Tanz als performativer Kunst oder auch in Tanzfestivals seit einiger Zeit gestellt werden. Es erscheint sinnvoll, beide Kontexte nebeneinander zu stellen.
Phil Jackson erkennt zurecht, dass eine Party zu Technomusik nur den erwarteten Spaß und seinen emotionalen Mehrwert im Groove erzeugt, wenn alle Anwesenden auch bewusst an dem Clubabend teilnehmen und sein Gelingen unterstützen wollen: "The party arises from people's determination to participate. It must become visible on the surface of the flesh". Wer kommt, kommt wegen des gemeinsamen Tanzes und der kollektiv erlebten Rhythmuserfahrung. Interessanter Weise bedeutet dies nicht, wie man annehmen könnte, dass für einen groovigen Clubabend alle intensiv tanzen und ein bestimmtes Tanzrepertoire ausführen müssen. Jeder kann sich bewegen wie er will; auch schon ein kleines Wippen mit dem Kopf oder in den Knien genügt, um Bewegung und Tanz der anderen auf der Tanzfläche zu unterstützen. Dieses Mitwippen zu Grooves kann als Entrainment oder Prozess der Wahrnehmungsverarbeitung verstanden werden. Indem in der Wahrnehmung von akustischen oder visuellen Rhythmen Clubbesucher sich an diese Bewegungen körperlich angleichen, erleichtern sich Tanzbewegungen in einem dynamischen Spektrum gegenseitig und steigern somit die Ausdauer und Intensität der Tanzerfahrung erheblich. Tanzgesten werden nicht nur ausgetauscht; vielmehr generiert der kontinuierliche Bounce in den Körpern ein Umfeld, dessen Körperwellen eine Grundlage für eigene Differenzierungen in der Improvisation zur Verfügung stellt. Es entsteht ein Gewebe aus Bewegungen, in denen sich Rhythmen unterstützen, angleichen und differenzieren, ohne direkt an einen spezifischen Tanzpartner gebunden zu sein. Steht jedoch jemand auf der Tanzfläche still oder torkelt ungehalten durch die Gruppe, wird diese Person sofort ausgegrenzt, indem sich die anderen abwenden und sich kleine Lücken um diese Körper herausbilden. Jeder übernimmt so wie er kann und möchte durch seine körperliche Haltung Verantwortung für das Gelingen der Clubnacht. Die sich unbekannten Besucher haben in der Erleichterung des eigenen Tanzes einen persönlichen Mehrwert von den Anderen. Die Party ist abhängig von ihren Besuchern. Ein DJ allein kann dabei noch so gut sein; er wird die Party nicht retten können, wenn die Besucher nicht mit der Bewegung mitziehen.
In der Aufführungstheorie wurde bereits klar herausgearbeitet, dass die Ko-Präsenz anderer Zuschauer im Raum der Aufführung auch Einfluss auf die Erfahrung jedes Einzelnen nimmt. Doch wird durch die Verdunkelung und die Stillstellung des Zuschauers im bürgerlichen Theater in den Sitzen deren Präsenz als "Störfaktor" minimiert. Theaterwissenschaftler Kai van Eikels erkennt, dass das ästhetische Regime in diesem Kollektiv ‚Publikum’ eine symbolische Ökonomie ermöglicht, indem der Besucher seine Subjektivität verliert und zu ‚irgendjemand’ wird. Ähnlich der symbolischen Ökonomie der Nation motiviert dieses Regime Individuen dazu, sich zu einer imaginierten Gemeinschaft von Kunstliebhabern zugehörig zu fühlen, durch dessen Art der Einbeziehung die Differenzen zwischen den Besuchern verdunkelt und durch das Theaterlicht ausgeblendet wird. Für den Club wäre solch eine Gleichmachung fatal. Hüpfen alle gemeinsam hoch und runter, ermüdet sich dieses Unisono sehr schnell. Erst die Differenzierungen und die verschiedenen tänzerischen Ansätze ermöglichen eine progressive Entwicklung in der Improvisation, die die Tänzer fluchtpunktartig vor der Ermüdung vorwegzieht. Können die Zusammenhänge im Club auch für Tanz als performative Kunst gedacht werden und weitere Perspektiven zur Ko-Präsenz im Theater hinzufügen?
Wenn die Anwesenheit aller die Choreographie konkret unterstützen und beeinflussen könnte, würde die Beziehung zwischen Performern und Besuchern noch eine andere Dimension erhalten: Wird der Mehrwert der versammelten Körper auf das Entrainment ausgeweitet und durch die Choreographie weiter verstärkt, wäre das Publikum in seiner schon vorhandenen Kopräsenz stärker in der Pflicht und Verantwortung ohne gleichzeitig zum Performer werden zu müssen. Die Handlung der Besucher bliebe bei der ästhetischen Wahrnehmung; doch wohl in einem anderen Regime. Ein für alle Beteiligten des Events spürbarer, deutlicher Einbezug der Aufführungsbesucher könnte Tanzaufführungen zu einer gemeinschaftliche Praxis werden lassen, die Verantwortung des Einzelnen und Notwendigkeit von Differenz transparent und greifbar macht. Das Risiko und das Gelingen eines Grooves in der Tanzaufführung würde dann nicht nur bei den Performern liegen, sondern bei allen, die sich entscheiden zu dem Event zu gehen. Wäre dies nicht eine Praxis, die zu einer demokratischen Gesellschaft passen würde?
Geschichtenerzähler - Subbotnik
Von denen bekommt man einfach nicht genug! Gleich drei Abende teilt die Theatergruppe subbotnik aus Düsseldorf und Köln mit den FAVORITEN 2014. Eine künstlerische Partnerschaft, die nicht nur unterschiedliche ästhetische Facetten des gegenwärtigen Geschehens in den Freien Darstellenden Künsten aufzeigt, sondern auch Einblick gibt in die Diversität aktueller Produktionszusammenhänge. Die eigenwillige Bühnensprache des 2012 gegründeten Kollektivs verbindet Vokal- und Instrumentalkompositionen, Erzählung und Live-Performance. Mit einfachen Mitteln entstehen filigrane Arbeiten, die freie Assoziationsräume und damit eine ungeheure Sogkraft ins Offene entwickeln. Bühne frei für die selten gesehene Lust am Spiel und Freude am Erzählen!
Am Samstag den 13.9.2014 um 20:00 Uhr ist die Premiere von "TRAUM EINES LÄCHERLICHEN MENSCHEN" im FFT in Düsseldorf.
Zusammenrücken
Es war ein turbulentes Theaterjahr 2013/14. Wie turbulent, das ist uns auch erst richtig beim Schreiben des Programmhefts klargeworden. So viele Reisen, Seherfahrungen, Begegnungen, die allesamt Wegbereiter gewesen sind für das Festivalprogramm, das am Mittwoch erscheint. Woraus die Konzentration für den Oktober entstanden ist, das möchten wir derweil mit euch gemeinsam anschauen. Vielleicht geht ja der ein oder andere mal einen Weg nach. Wir sind mit einer echten Landkarte von Marc Nikoleit auf jeden Fall bestens darauf vorbereitet.
Lebendiges Zeugnis für die unglaubliche Vielfalt und das kontinuierliche Engagement von Institutionen und Akteuren der Freien Darstellenden Künste NRWs und eine kleine Ahnung der Verbindungspunkte ins Umland:
Hier geht es zur Landkarte:
Eines lässt sich schon verraten: es bleibt voll!
Wir sehen uns morgen bei unserer Pressekonferenz im alten Museum Ostwall MAO!
#FAV14 #Erkundigung #6 - Sich als Andersartiges definieren und trotzdem mitspielen
Wir lieben auch die späten Vögel. Denn manche Dinge brauchen eben Zeit. So auch diese kleine Erinnerung an und Einlassung auf unsere letzte Erkundigung. Mit dem Titel Bühne in Buchstaben. Strategien der Übersetzung. haben wir uns zum sechsten Mal in dieser Reihe schließlich in Krefeld versammelt, um uns mit Fragen nach Vermittlung und Kontakt im Tanz zu beschäftigen: Braucht es Worte, um eine Verbindung zwischen Menschen und Bühnengeschehen herzustellen? Oder können uns auch zeitgenössische Phänomene des Tanzes zu einer anderen Sprachpraxis bringen? Gestartet in diese Erkundigung waren wir mit einer recht radikalen Sprachkritik – und wurden eines besseren belehrt.
Die Freien Darstellenden Künste prinzipiell als Ort der Kritik zu verstehen, als einen andersartigen Ort mitten in der und für die Gesellschaft, darin stimmten alle Gesprächspartner an diesem Abend überein. Aber wie sieht das praktisch aus? Wie sehen Formen der Kritik aus, die sich verstehen als positiver Beitrag zur allgemeinen Bewegtheit einer Gesellschaft, die nicht abschrecken und exkludieren, sondern Kontakt- und Begegnungsflächen schaffen, die einen Nährboden für neue Gedanken und Handlungen schaffen will? Wir glaubten erst Mal: Andere Formen des Austauschs als das Gespräch finden. Eben nicht versuchen, das gemeine Publikum mittels Publikumsgesprächen, Einführungen und mehr oder weniger sorgfältig arrangierten Werbetexten in den Kreis der Kenner aufzunehmen, sondern –
Schließlich ist es die geisteswissenschaftliche Elite der 80er Jahre gewesen, die mit ihren pseudo-sozialistischen Bildungsidealen die Sprachkultur der Künste begründet hat – bis heute zeugen Antragswesen und verbreitete Vorstellungen von kultureller Bildung von dieser Generation. Stop, zu einfach! Anna Wagner vom Theater Freiburg (zukünftig Mousonturm Frankfurt) interveniert sofort: Sprachkritik sei zu übersetzen in eine angewandte Sprechkritik. Am Theater Freiburg habe sie in ihrer Arbeit versucht, die Distanz zwischen den Seherfahrungen des Publikums und präsentierten künstlerischen Phänomenen auch mit einem Zuviel an Sprache zu überbrücken. Es sei die Angst vor dem Text, davor, nicht die richtigen Worte oder Wahrnehmungen zu besitzen um im Diskurs mitspielen zu können, die viele Menschen schlussendlich auch hemme, einen Zugang zu ungewohnten Erfahrungen herzustellen. Es gilt also, offene Gesprächssituationen zu schaffen, die einen Anschluss zum Alltag suchen, zum Beispiel als gemeinsames Essen oder gemeinschaftlicher Besuch an einem Arbeitsort, in denen zunächst alle Eindrücke und Gedanken ihren Platz finden können und man zusammen nach Deutungs- und Beschreibungsmöglichkeiten suchen kann.
Ähnliches berichtet auch Anne Kleiner von ihrer Arbeit mit der Choreographin Gudrun Lange. Mit der Tanztafel haben sie in ihrem Düsseldorfer Ladenlokal und Büro in lockeren Abständen, doch zuverlässig einen Anlass für Kollegen, Freunde und Interessierte geschaffen, über Themen ins Gespräch zu kommen, die die Kompanie in ihrer Arbeit bewegte. Tafeln, sprechen, vielleicht noch tanzen – auch so kann der Austausch über eigene Interessen, die viele angehen können, aussehen.
Alles viel zu pädagogisch, findet Sebastian Blasius: Die Gedanken von Austausch, Vermittlung und Vernetzung befinden sich gegenwärtig in einer Bewegung der Ideologisierung. In diesem Setting gälte es, Modi zu finden, die Autonomie der Kunst wieder klar zu stärken. Dazu gehören weniger einladende Gesten zum gemeinsamen Dialog als der Selbstentzug der Kunst aus dem öffentlichen Leben. Um der Funktionalisierung der Künste in einem allgemeinen Verwertungszusammenhang entgegen zu gehen, präferiert er eine radikale Geste der Verweigerung: das Schweigen, den Streik. Es gälte, ein klares Zeichen zu setzen für die Wirkmächtigkeit künstlerischer Phänomene aus einem geschützten schaffenden Kosmos heraus. Doch wem gegenüber ist diese Geste angemessen – müsste sie sich nicht eher auf einen Kulturbetrieb richten als an eine Gesellschaft?
Denn hier liegen doch eminente Schieflagen: Das Antragswesen, das bestimmten Formen von Versprachlichung klar zu einer Deutungshoheit verhilft und damit Machtverhältnisse und die Sichtbarkeit künstlerischer Phänomene oftmals eindimensional stabilisiert. An dieser Stelle bringt die Tanzwissenschaftlerin Judith Ouwens sich ein und benennt, dass eine wesentliche Qualität im Sprechen über Tanz darin liegen müsse, einen dynamischen Vorgang in Gang zu setzten, der immer wieder dazu anregt, eine neue Sprache zu finden. Und dieser Diskurs ließe sich damit auch, wie Jürgen Sauerland-Freer von der Fabrik Heeder bemerkt, weniger leicht langfristig von einer Gruppe aneignen. Vielleicht ein Weg, die von Sebastian Blasius eingeforderte Re-Autonomisierung der Künste zu ventilieren – in einer Sprachkultur, die sich ein wenig die Logik der Bewegtheit, die auch viele Phänomene des Tanzes auszeichnet, aneignet.
Und damit schließt sich am Ende für uns ein kleiner Kreis zu vielen Gesprächen, die wir während der Erkundigungen und in deren Zwischenräumen bis hierhin geführt haben: Indem wir uns auf die Suche machen nach einer Sprache, die nicht zur Behauptung gerinnt. Eine Sprache, die die Dinge in Bewegung hält und zur Verhandlung freistellt, statt sie zu missbrauchen für Machtinteressen und Exklusivitäten. Und da kommen sich das Schweigen und die Schaffung überbordender Wortfelder dann doch erstaunlich nah.
#FAV14 #Erkundigung #6 Fabrik Heeder Krefeld
Zum Podcast der kompletten Podiumsdiskussion bei Mixcloud geht es hier entlang:
Podcast
Hier ein Video unserer vierten Erkundigung im Helios Theater in Hamm.
Last but not least... Finale #FAV14 #Erkundigung #6 am 14.6. in Krefeld
Genug ist genug! Zur finalen (!) FAV14 / Erkundigung wollen wir ein letztes Mal auf große Erkundungstour durch NRW aufbrechen. Schluss mit Diskussionen! Als Nächstes geht’s ans Tun: zunächst mit einem ausführlichen Workshop-Programm in den Herbstferien. Und schließlich werden die künstlerischen Arbeiten des Festivalprogramms der FAVORITEN 2014 selbst das differenzierteste Zeugnis über die hybride Kunstlandschaft NRWs liefern. Dass wir uns bislang den Phänomenen der Darstellenden Kunst öffentlich ausschließlich über Worte und Kognition genähert haben, hat viele Gründe. Zu einem möchten wir Mitte Juni in der Fabrik Heeder (LINK: https://www.krefeld.de/de/kultur/fabrik-heeder/) gemeinsam hinabtauchen: lange bevor der erste Schritt in Richtung Kunst gemacht, die erste Szene gebaut, der erste Schweinwerfer gerichtet oder der erste Mensch geladen werden kann, braucht es Worte, Worte, Worte. Sie fließen in den Förderantrag, die Werbung, die Regieanweisungen oder das anschließende Publikumsgespräch. Doch wie Worte für etwas finden, das sich der Sprache entzieht? Nicht selten erscheinen Text und Geschehen wir zwei voneinander abgeschnittene Welten. Wie lassen sich Zwischenräume herstellen, offene Sprachen in Bewegung, Gesten oder Ausrufe mit Gedankenstrichen? Wir möchten an der Annahme kratzen, dass es die eine Sprache für all die Facetten der Darstellenden Künste gibt und diskutieren ein letzten Mal zum Thema: Bühne in Buchstaben. Strategien der Übersetzung. Mit an unserem Tisch sitzt unter anderem Anne Kleiner (LINK: http://www.annekleiner.de), deren zentrales Werkzeug in der verbalen Vermittlung und sprachlichen Transformation der Projektvorhaben liegt. Als freischaffende Kulturmanagerin und Produktionsleitung ist sie stets darum bemüht, die Anliegen der Künstler auf den verschiedensten Kanäle zu ventilieren und in Antragstexte oder Evaluationen zu überführen. Aus ihrer langjährigen Erfahrung (u.a. am Ringlokschuppen Mülheim, tanz lange oder raumlaborberlin) mit künstlerischen Produktionsprozessen kann sie uns sicherlich einiges über Freiräume und Grenzen der Sprache berichten. Genau diese Hürden und deren Überwindung bei der sprachlichen Beschreibung und Auswertung zumeist rein körperlicher, tänzerischer Prozesse beschäftigen die Kölner Tanzwissenschaflterin Judith Ouwens. In ihrer Funktion als Kritikerin und Journalistin für zeitgenössischen Tanz (u.a. aKT, Tanzpresse) steht sie häufig vor der Herausforderung, gesehene und erlebte Erfahrung in Worte für den Abwesenden zu überführen. Über die Unterschiede zu ihrer Arbeit als Tanzdramaturgin und die Vielschichtigkeit der von ihr moderierten Übersetzungsprozesse wird sie erzählen.
Anna Wagner leitete in den vergangenen zwei Spielzeiten die Sparte Tanz am Theater Freiburg (LINK: http://www.theater.freiburg.de/index/TheaterFreiburg/Ensemble_hdb_Theaterleitung.html?ensb=1290) und baute diese zu einer internationalen Produktionsplattform aus. Dabei legte sie besonders großen Wert auf Kommunikation im Sinne eines internationalen Austausch und der Verbindung zu Partnerinstitutionen. Die studierte Theaterwissenschaflterin denkt Tanz dabei sehr performativ – eine Bewegung auf der Straße kann Tanz sein. Ihre These: „Es ist nicht die Frage, wie sich jemand bewegt, sondern wie ich darauf schaue.“ Gemeinsam mit dem Choreographen Sebastian Matthias forscht sie nach Möglichkeiten der Kommunikation mit dem Zuschauer, der jenseits von Sprache liegt.
Ein rabiates Schweigegelübde in Form einer einjährigen Produktionspause des gesamten (geisteswissenschaftlichen) Kunstbetriebs wünscht sich hingegen der Regisseur und Choreograph Sebastian Blasius aus Bonn, gebürtiger Krefelder (LINK: http://woyzeck-ueberschreiben.de). Würde Kunst und Politik etwas fehlen? Gar eine Lücke entstehen, aus der ein gesellschaftlicher Umbruch entstehen könnte? Als „Gießener Schüler“ ist sein Inszenierungsansatz sehr stark von einer diskursiven Konzeption geprägt, die es anschließend in szenische Atmosphären zu übersetzen gilt. Sein künstlerischer Arbeitsansatz baut auf dem tänzerischen Re-Enactment historischer Schauspielinszenierungen auf, um das neue Werk schließlich mit eigenen, alternativen Fragestellungen zu durchsetzen. Aber wer kommuniziert dabei eigentlich mit wem?
Auf geht`s - zum letzten Gespräch im Vorhinein - nach Krefeld!
#FAV14 #Erkundigung #5 - Es ist, was es ist!
Über vieles wurde an diesem Abend in Münster nicht gesprochen: Das Theater als Systemstelle zwischen Politik und Kirche bzw. die Hinwendung zur Bildenden Kunst als eingelöste Sehnsucht nach dem Sakralen beispielsweise. Oder über die Mittel der Darstellenden Künste als bindende Kraft zwischen Gesellschaft und den Künsten. Oder Kooperationen als Zweckbündnisse, die mittelbar in ästhetische Diskurse eingreifen. Und warum hat eigentlich niemand über Fluxus gesprochen, wo doch genau hier die Berührung zwischen Performance, Theater und Bildender Kunst so offensichtlich scheint?
Angerissen allerdings wurde einiges, an dem Abend im Westfälischen Kunstverein Münster, an dem wir uns unter dem Titel „Tohuwabohu. Zu Gast bei der Bildenden Kunst“ vor gut einem Monat über Gründe und Potentiale disziplinübergreifenden Arbeitens austauschen wollten. Besonders viel diskutiert wurde vor dem Hintergrund der Arbeitsansätze von Fabian Saavedra Lara, der in einer Ausstellung am HMKV Dortmund sowohl medienkünstlerische als auch performative Positionen präsentierte, sowie im Bezug auf das Theaterkollektiv „Fetter Fisch“, dass zur Zeit an performativen Eröffnungsformen für das neugebaute LWL Landesmuseum für Kunst und Kultur in Münster laboriert. Diese dominierenden Positionen riefen schnell die Frage auf, welches Begehren hinter den (großen) Institutionen der Bildenden Kunst steckt Künstler aus dem Feld des Darstellenden zu sich einladen? Unzweifelhaft, dass das Material der zweiteren aus Bewegung, Persönlichkeiten, Körpern, zuweilen Psychologien besteht als die oftmalige Gegenständlichkeit der ersteren. Werden hier gar die Darstellenden Künste als bessere Vermittler verstanden – und wie verschiebt sich damit der Begriff der Künste? Konsens, dass es dabei nicht um eine Pädagogisierung der Künste gehen soll. Eher darum, die sozialräumlichen Implikationen und Anliegen der Kunst zu stärken. Konsistente Praxisformen zu finden erscheint hier schwierig – zu mal der pädagogische Anspruch und so auch die Gefahr der Ausbeutung (?) der Darstellenden Künste als reine Vermittlungsinstanz hinter jeder Ecke lauern.
Ganz jenseits von einem Anspruch der Vermittlung stand der Abend von Philippe Blanchard, den wir im Vorhinein des Gesprächs gemeinsam erlebt haben. Die Kooperation zwischen Westfälischem Kunstverein und Theater im Pumpenhaus kam, laut Kristina Scepanski, ganz ohne vorher konstatierten Graben aus und war schlicht und ergreifend eine günstige Gelegenheit, Ressourcen zu bündeln und Räume anders zu nutzen. An erster Stelle stünden doch die gemeinsamen ästhetischen Haltungen – und die würden eben konvergieren im Falle der beiden Häuser. Auch wenn hier tendenziell verschiedene Genres vertreten und gefördert werden. Ohnehin versteht Kristina Scepanski die Arbeit des Kunstvereins nicht als die einer reinen Ausstellungsortes und fühlt sich eher verwandt mit der Idee eines Künstlerhauses, als mit der des Museums.
Auch Martin Klöpfer von Subbotnik empfindet die Differenzierung zwischen den Genres als unproduktiv. Projekte und Vorhaben entstehen aus persönlichen und künstlerischen Motiven, die auf dem Wunsch basieren, etwas zusammen zu tun. Die Reibung aneinander als unterschiedliche Akteure mit verschiedenen Arbeitsstrategien sei damit immer Teil gemeinschaftlicher Arbeitsprozesse. Diesbezüglich beschreibt der Saavedra Lara eigentlich die klarste Grenze zwischen seinen Arbeitserfahrungen in den Bereichen der Medienkunst und denen der Freien Darstellenden Künste: in einem anderen Konsens des Zusammenwirkens.
Und so kapriziert sich dieses Gespräch vor allen Dingen auf zwei Achsen des Nachsinnens: Die Lust auf gute Modi der Kooperation. Und die Frage, wie sich Institutionen schaffen lassen, die flexible Modelle von Zusammenarbeit stabil beherbergen können. Heute Abend fühlen wir uns da eher im Kleinen zu Hause – da, wo Aushandlungsprozesse zwischen Individuen mit Anliegen und Haltungen möglich sind.*
*Ein Grund mag mehr beim nächsten Mal ein kleineres Veranstaltungspaket zu schnüren und die Stimmen des sehr aufmerksamen Publikums mitzudenken.
#FAV14 #Erkundigungen #6
Bühne in Buchstaben. Strategien der Übersetzung. Yuta Hamaguchi: She wanted to know which maid of Marie Antoinette's she was Fabrik Heeder, Krefeld
Am Anfang war das Wort! – auch in den Darstellenden Künsten. Bevor der erste Schritt gemacht, die erste Szene gebaut, der erste Schweinwerfer gerichtet oder der erste Mensch geladen werden kann, braucht es Worte, Worte, Worte. Sie alle fließen in den Förderantrag, die Werbung, die Regieanweisungen oder das anschließende Publikumsgespräch. Doch wie Worte für etwas finden, das sich eben der Sprache entzieht? Nicht selten erscheinen Text und Geschehen wir zwei voneinander abgeschnittene Welten. Das oftmalige Begehren der Darstellenden Künste, sich der Logik einer sprachzentrierten Gesellschaft zu entziehen, wird vom Funktionieren der Szene selbst ausgehebelt. Gleichzeitig sind in den letzten Jahren auch Ansätze entstanden, andere Formen der Vermittlung zu finden. Welche Formen der Darstellung gibt es außerhalb der sprachlich vermittelten? Wir möchten an der Annahme kratzen, dass es die eine Sprache für all die Facetten der Darstellenden Künste gibt.
FAV14 / Erkundigung macht sich auf die Suche nach den Zwischentönen in diesem Feld und bittet Tanz- und Theaterwissenschaftler, Kommunikationsexperten und Theatermenschen an den runden Tisch. Im Anschluss an die Präsentation des Düsseldorfer Tänzers Yuta Hamaguchi, im Rahmen der Nachwuchsreihe „First steps“ in der Fabrik Heeder, fragt das Team der FAVORITEN 2014 nach Modi der Wahrnehmung und Veräußerung. Auf dass diesen Worten dann auch Taten folgen...
Mit: Anne Kleiner (Freie Produktionsleiterin, Köln/Düsseldorf), Judith Ouwens (Freie Tanzwissenschaftlerin und Journalistin, Köln), Anna Wagner (Tanzkuratorin, Freiburg), Sebastian Blasius (Regisseur, Choreograph und Theaterwissenschaftler, Bonn)
Moderation: Johanna-Yasirra Kluhs & Felizitas Kleine (FAV14 / Künstlerische Leitung)
Informationen zur Bühnenarbeit
Yuta Hamaguchi: She wanted to know which maid of Marie Antoinette's she was
"Wer bin ich? Wenn ich mich ausnahmsweise einem Sprichwort anvertraute: Warum sollte nicht alles darauf hinauslaufen, mit wem ichumgehe?" So beginnt André Breton sein prägendes Werk des Surrealismus Nadja, in dem er seine Begegnungen mit der jungen Frau skizziert. Yuta Hamaguchi nimmt sich Bretons Frage aus heutiger Perspektive an und stellt sich seiner imaginären Welt, in der das undurchsichtige Wirken und nicht das sich anbiedernde Sein regiert. Mit der Compagnie spürt der den Nährboden des Phantastischen, des Surrealistischen in heutigen Lebensentwürfen aus, der - durch wortgewaltiges Wissen verschüttet - häufig verkümmert.
Yuta Hamguchi begann seine tänzerische Laufbahn 1997 zunächst als Streetdancer. Der gebürtige Japaner kam 2005 nach Europa und ist seit 2011 freischaffend tätig.
Choreografie: Yuta Hamaguchi Tanz: Yuta Hamaguchi, Kanako Minami Schauspiel: Felix Banholzer Musik: Thilo Schölpen
14. Juni, 20h, Fabrik Heeder, Krefeld
#FAV14 #Erkundigung #5 Westfälischer Kunstverein Münster
Zum Podcast der kompletten Podiumsdiskussion bei Mixcloud geht es hier entlang:
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