Was wäre Kommissar Jules Maigret (Rupert Davies), dieser lebenskluge und einfühlsame Mann, ohne die wunderbare Frau an seiner Seite? Sie ist das Fundament seines Lebens.
Helen Shingler verfügt als Madame Maigret über ebensoviel Herzenswärme wie gesunden Menschenverstand. Zwar hat sie keinerlei physische Ähnlichkeit mit der von Georges Simenon beschriebenen Figur, doch deren Sanftheit, Nachsicht und Güte vermittelt sie auf kongeniale Weise. Sie und Rupert Davies harmonieren so großartig, dass der Zuschauer nicht auch nur eine Minute den Eindruck hat, hier verkörperten lediglich zwei Schauspieler ihre Rollen, sondern man empfindet es, als seien die Beiden das, was sie so grandios darstellen: ein in tiefer Liebe verbundenes, mit einander älter gewordenes Ehepaar. Alle Szenen zwischen ihnen sind erfüllt von einer herzerwärmenden Zärtlichkeit. Rührende kleine Gesten verdeutlichen die Innigkeit der Liebenden: sei es das Einhaken bei dem Anderen, das Ergreifen der Hand, sanfte Berührungen am Arm oder der Schulter, liebevolles Streicheln über die Wange, das Aneinanderschmiegen und die häufigen Küsse.
Während der strapaziösen Ermittlungen von Kommissar Maigret - nicht selten ist er wie etwa in “Maigret und die Wahrsagerin” und in “Maigret verliert eine Verehrerin” bis zum frühen Morgen in seine Arbeit vertieft - ist seine Frau auf seine Gesundheit bedacht. Sie achtet darauf, dass er wenigstens etwas Schlaf bekommt und versorgt ihn mit Stärkungsmitteln wie gutem Essen, Kaffee, Bier und einem heißen Bad. Im Krankheitsfall sorgen sie rührend für einander. In “Maigret nimmt Urlaub” besucht Maigret seine sich von einer Blinddarmoperation erholende Gattin täglich im Hospital und registriert mit Begeisterung ihre Genesung. In “Maigret trifft einen Schulfreund” erhält sie den liebevollen Zuspruch ihres Mannes, als sie unter Zahnschmerzen leidet. In “Maigret und der Verrückte” übernimmt Madame Maigret persönlich die Pflege ihres durch eine Schussverletzung verwundeten Mannes.
Auch die Tatsache, dass die Beiden über viele Dinge gemeinsam lachen können, hat ihr Eheglück befördert. In “Maigret und sein Revolver” neckt er seine Frau damit, dass er angeblich vergessen hat, ihr für das bevorstehende Abendessen mit ihrem Hausarzt und Freund Dr. Pardon Blumen mitzubringen. Mit schelmischem Lächeln überreicht er der Verdutzten einen Strauß und bringt sie damit zum Lachen. Als Madame Maigret in der Folge “Maigret und der Weihnachtsmann” im Überschwang der Gefühle ihren Mann umarmt und dieser deshalb versehentlich ein Glas in die Spüle fallen lässt, quittieren sie die daraus resultierenden Scherben mit einem herzlichen Lachen. Für ebenso viel Amüsement bei Beiden sorgen Jules Maigrets Bemühungen in “Maigret und die Hellseherin” auf Bitten seiner Frau einen Twist auf das Tanzparkett zu legen. So ist es nur folgerichtig, dass die letzte Einsstellung der finalen Episode “Maigret als Zuschauer” die Maigrets zeigt, wie sie sich lauthals lachend umarmen.
Gelegentliches liebevolles Frotzeln stört die Harmonie nicht, etwa wenn sie in “Maigret nimmt Urlaub” wohl nicht zu Unrecht annimmt, er verbringe einen Großteil seiner Freizeit in Cafès, während er sie in “Frau Maigret als Detektiv” die gesamte Episode damit aufzieht, dass ihr - allerdings ohne ihr Verschulden - das Mittagessen verbrannt ist.
Die intensive Ermittlungstätigkeit, die ihren Gatten häufig zu den unpassendsten Zeiten und Gelegenheiten wie beispielsweise mitten in der Nacht (“Maigret und der faule Dieb”) oder dem gemeinsamen Urlaub (“Maigret ist wütend”) von ihrer Seite fernhält, nimmt Madame Maigret im Verlauf der Serie nicht stets mit ihrer sprichwörtlichen Engelsgeduld hin, sondern empört sich darüber mehr oder weniger deutlich. Wenn die Maigrets, was selten genug vorkommt, einmal verschiedener Meinung sind wie in “Maigret und die Adligen” so dauert der Zwist nur kurze Zeit, und das Ehepaar findet zu seiner gewohnten Harmonie zurück.
Die große Tragik im Leben der Maigrets ist der Verlust ihrer Tochter. Das Mädchen ist im Alter von drei oder vier Jahren an einer schweren Krankheit verstorben. Weitere Kinder blieben ihnen versagt, und noch immer ist der Tod ihres Kindes eine offene Wunde für Madame Maigret, denn als eine Nachbarin in “Maigret und der Weihnachtsmann” ebenso takt- wie gedankenlos das Ereignis erwähnt, ringt die sanfte Gattin des Kommissars mit den Tränen. Die tiefe gegenseitige Liebe der Maigrets hat das Ehepaar auch diesen Schicksalsschlag bewältigen lassen.
Rupert Davies und Helen Shingler gestalten die Beziehung zwischen Jules und Louise Maigret weitaus inniger als in den Romanen von Georges Simenon, und jede ihrer gemeinsamen Szenen ist eine wahre Freude für den Zuschauer.
Detlef Engel: "Zeig mir bei Nacht die Serne" ("Let it be me") (1960)
Lys Asia: "Deine Liebe" ("True Love") (1957) und "Für immer" ("Moon River") (1962)