Das dicke Geschäft mit den Freiwilligen – warum ich meine Organisation verlassen habe
Am 24. Dezember um 11 Uhr morgens saß ich neben Theresa bei meiner Organisation ASTOVOT auf dem Gelände und verdrückte mir gekonnt eine Träne. Wir teilten einer der Leiterinnen mit, dass wir entschlossen haben nach Deutschland zurückzukehren. „Mein Opa ist schwer krank, wir wollen ihn ein letztes Mal sehen, jede Sekunde zählt. Vielen Dank für die tolle Zusammenarbeit. Wir werden euch vermissen, aber unsere Entscheidung ist gefallen.“
Jedes einzelne Wort war gelogen. Dahinter steckte ein sorgfältig mit meiner Gastfamilie ausgetüftelter Plan. Ein Fluchtplan.
Eine Nichtregierungsorganisation in Westafrika – entsteht bei Euch nicht auch gerade das Bild sich aufopfernder, pazifistischer Menschen, die mit Hilfe von Spenden und selbstloser Arbeit versuchen, das Leben von Millionen von Menschen zu verbessern und die Welt in einen besseren Ort zu verwandeln???
Mit diesem naiven Bild reiste ich zumindest nach Togo, um bei der Organisation ASTOVOT (Association Togolaise des Volontaires au Travail) als Freiwilliger anzuheuern. Auf der Internetseite ist von Entwicklung, Zukunft und Frieden die Rede. Alles mit Hilfe der großartigen Freiwilligen, die daran mitwirken. Nicht dass ich mir ernsthaft versprach, einen großen Teil dazu beizutragen zu können, schließlich war meine Motivation eher auf Urlaub, Abenteuer und Auszeit gepolt. Jedoch erwarte ich von ASTOVOT ähnlich wie bei der deutschen Entsendeorganisation, die „Definition des Guten“. Mit hundertprozentig politisch korrekten weltverbesserungswahnsinnigen Werten, die jeden einzelnen Cent, den ich an sie bezahlen musste, benutzen, um irgendwo irgendwie irgendetwas Weltbewegendes zu tun.
In Wirklichkeit aber haben die zahlreichen Organisation in Kpalimé, meiner Heimatstadt, in der es von weißen Freiwilligen nur so wimmelt, erkannt wie viel Geld sich mit freiwilliger Arbeit machen lässt. ASTOVOT ist dabei die älteste Freiwilligenorganisation Togos. Sechs Monate kosten 1500 Euro. 90 Euro gehen pro Monat an die Gastfamilie. Der Rest versickert. Bei Nachfragen heißt es, dass das Geld halt für „Projekte“ gebraucht wird. Außer einem Set Lineale, das sie meiner Schule schenkten, habe ich bis jetzt aber noch nicht gesehen, dass die Organisation tatsächlich irgendwem ernsthaft zu helfen versucht. Und wenn dann sind es eher Pseudo-Projekte, wie halt einer Schule Lineale zu schenken, die dann am besten noch zum Kinderschlagen benutzt werden.
Eigentlich sind auch nur eine Handvoll Mitarbeiter ASTOVOTs fest angestellt, der Rest arbeitet auf „freiwilliger Basis“ dort. Doch die Leute verstehen es, sich an den Freiwilligen zu bereichern. Ewe-Sprachkurse für Freiwillige? Kostet natürlich fett extra. Dabei wird dann wiederum wie bei einer Kaffeefahrt Werbung für überteuerte Batik- oder Trommelkurse gemacht, veranstaltet von einem Mitarbeiter. Das Wochenende über in einem Work-Camp Bäume pflanzen? Auch hier dürfen wir nicht umsonst arbeiten.
Jetzt kann man sagen, gönnt den armen Afrikanern doch das wenige Geld, das sie mit euch verdienen, letztlich sind die Preise für deutsche Verhältnisse ja ziemlich billig. Ja 1500 Euro, nicht die Welt. Für ASTOVOT aber bedeutet das aber ein Tagesumsatz von 750 Euro. Denn genauso lange dauerte die Arbeit, die ich ihnen verursachte. Zwei Tage.
Unsere vorher angepriesene Vorbereitungswoche dauerte 20 Minuten. Eine todmüde Mitarbeiterin hielt uns halbschlafend eine kleine Einweisung auf Französisch. Zwar verstanden wir kein einziges ihrer monotonen Worte, unterschrieben aber brav den Vertrag, den sie uns unter die Nase hielt.
Später erfuhren wir, dass sie erst wenige Stunden vorher unsere Gastfamilie und Einsatzstelle aufgesucht hatte, um zu fragen, ob sie Platz für uns hätten. Kein Wunder, dass sie müde war. Am nächsten Tag, unserem zweiten Tag im fremden Togo, sollten wir, die noch völlig überforderten Neuankömmlinge, anfangen zu arbeiten. Schließlich erinnerte sie natürlich noch an die erste fällige Rate von fast 800 Euro. Schon war die Arbeit ASTOVOTs beendet.
Kann man nach so etwas noch einsehen, für jede extra Leistung Geld bezahlen zu müssen? Reden wir hier von einer NGO oder einem Unternehmen? Ein Unternehmen hat auf jeden Fall deutlich bessere Kundenbetreuung, wie sich in den folgenden Wochen zeigte.
„Wo bekommt man eigentlich ein Visum für Ghana?“ – „Keine Ahnung, frag mal die da drüben.“ – „Sie schläft gerade.“ „Oh, dann musst du es wohl selber herausfinden.“
Dieselbe Erfahrung mit ihren Organisationen machen jedes Jahr wohl tausende Freiwillige. ASTOVOT ist leider nicht die Ausnahme. Keine Transparenz, wenig Unterstützung und geldgierige Mitarbeiter.
Trauriger Weise werden solche Nichtregierungsarbeiten auch noch vom deutschen Staat finanziert. Für Weltwärtsfreiwillige, die 11 Monate im Einsatzland verbringen, überweist das Entwicklungsministerium das Fünffache für den Aufenthalt. Hier jedoch stellt der Staat, was die Betreuung der Freiwilligen angeht, strenge Auflagen, welche die Organisation auch schlauerweise einhält.
Schon nach kurzer Zeit begann ich mich als Selbstzahlender aber zu fragen, wofür ich die Organisation überhaupt noch brauchte. Ich hatte mehrere Projekte und eine Familie, mit der ich mich bestens verstand. Es schien mir plötzlich mit keinem Gewissen der Welt vereinbar, die im Dezember fällige zweite Rate der Organisation in den Rachen zu schieben, nur um dem Direktor damit ein geiles neues Motorrad zu finanzieren.
So klärte ich meine Gastfamilie darüber auf, wie wenig sie vom eigentlich dicken Kuchen abbekommen und welche Missstände bei ASTOVOT herrschten. Sie waren geschockt - besonders darüber, wie viel ein Weißer so bezahlen muss, um als Freiwilliger arbeiten zu dürfen. Natürlich erklärten sie sich bereit, mich auch weiterhin aufzunehmen.
Die Sache war jedoch nicht ganz so einfach. ASTOVOT würde unseren Abschied nie kampflos akzeptieren, schließlich ging es um eine Menge Kohle. Außerdem wurde mir von einer ehemaligen Freiwilligen erzählt, die ausgewiesen werde sollte, weil sie von ASTOVOT das Geld zurück forderte. Sie hatte sich verliebt und wollte zu ihrem togoischen Freund ziehen, anstatt in der Gastfamilie zu bleiben.
Doch wir hatten einen Plan. Ich würde behaupten mein Opa sei kurz vorm Abkratzen und ich würde ihn ein letztes Mal sehen wollen. Theresa, als Freundin der Familie, würde mich begleiten. Anstatt nach Deutschland zurückzufliegen, würden wir aber nach Ghana reisen. Nach drei Wochen käme dann die große Rückkehr. „Opa geht’s wieder gut, wir haben günstige Flugtickets gefunden und wollen jetzt noch für ein paar Wochen Togo und Nachbarländer bereisen. Dazwischen sind wir in der Stadt und wohnen bei der Gastfamilie.“ ASTOVOT hätte keine andere Wahl als zu akzeptieren.
Gesagt getan. So saßen wir am 24. Dezember bei der Organisation im Büro und erzählten unter Tränen die Geschichte vom armen Opi. Die Mitarbeiterin hatte vollstes Verständnis und sie hoffte natürlich, dass wir ASTOVOT nicht vergessen und die Organisation auch weiterhin „unterstützen“. Und dann passierte etwas, dass unsere Entscheidung noch weiter bestätigte. Ein Mann kam in den Raum und stellte sich uns vor. „Hallo, ich bin Francois. Schade, dass ihr geht und dass wir uns jetzt erst treffen. Ich war die letzten drei Monate eigentlich euer Ansprechpartner und Mentor und hätte ein Vorbereitungsseminar mit euch machen sollen. Na ja, schade. Guten Rückflug wünsch ich Euch.".......