Es fängt an interessant zu werden; Netflix beginnt zeitgleich mit amerikanischen Kinoketten „Tiger & Dragon 2“ zu streamen, in China gibt’s mit Bullet Screen Kommentare vom Handy auf der Kinoleinwand zu sehen, Sony arbeitet an der Perfektion von Laserprojektionen und immer mehr Filme werden in 3 D gedreht... Wir stehen mittendrin in einer Entwicklung, die mit Digitalisierung anfängt und mit Virtualisierung weitergehen wird.
Eine Durchschnittsfamilie muss mit Popcorn, Getränk und Anreise nur 3 Mal ins Kino gehen und könnte sich für den gezahlten Preis schon eine komplette Heimkino- Einrichtung leisten. Klar, Cineasten und verschlagene Kinogänger fragen sich klagend: Oh mein Gott ... mein schönes Gemeinschaftserlebnis KINO ist in Gefahr. Und immer wieder die alte Diskussion, dass doch bitte mehr anspruchsvolle Filme im Kino laufen sollten, anstatt nur die großen Blockbuster. Und dass die Kinos gemütlich sein sollten, mit einer netten Bar nebenan, die den Intellektuellen befriedigt und zum gemütlichen Plausch über das gesehene Kunstwerk einlädt. Hat alles seine Berechtigung. Aber dafür gibt es Festivals, kann jeder hinfahren und sich die Kunstwerke anschauen.
Ansonsten bietet die Heimkino Variante doch echte Vorteile. Ich könnte mir jeden Abend mit einem 90 minütigen Zeitbudget einen guten Film streamen. Auf http://www.werstreamt.es/ findet jeder schnell raus, von welchem Portal sich der favorisierte Film am Günstigsten streamen lässt. Was die Zukunft des Kinos jedoch als Institution für Gemeinschaftserlebnisse vorsieht, ist in jedem Fall spannend: zum Beispiel ist es denkbar dass Charaktere des Films als Hologramme in den Raum treten und dem Zuschauer eine ganz neue Dimension eröffnen. Scorsese beispielsweise glaubt daran. Oder aber der Film lädt den Zuschauer ein, seine Meinung zu kommentieren und sich aktiv mit Anderen Kinogängern über den Verlauf der Story via Second Screen auszutauschen. Bedeutet, dass das passive Kinoerlebnisses wie wir es bisher kennen, zu einem höchst aktiven und multimedialen Erlebnis wird. Nun gehen die Meinungen weit auseinander. Die einen sagen und fordern geradezu den Film als abgeschlossenes Kunstwerk zu verstehen, während andere ganz stark an die verschiedensten Formen des interaktiven Kinos glauben und sogar denken, dass der Geschichtenschreiber in der Zukunft gefordert ist umzudenken und die Möglichkeiten des aktiven Zuschauers mit in Betracht ziehen muss.
Klar, lieben wir alle das Zurücklehnen und Eintauchen in eine Geschichte, aber mittels Technik wird darüber hinaus ein Punkt erreicht, der es möglich macht selber in Geschichten einzudringen oder als Charakter einer großen Geschichte den Verlauf mitzubestimmen. Gamifizierung, Interaktivität und Multitasking beeinflussen ja auch andere Lebensbereiche. Warum sollen diese neuen Methoden des Entertainments vor dem Kino haltmachen? Der Film ist heutzutage eines der einflussreichsten Medien. Gerade im Kino kann mittels Technik etwas noch viel Konstruktiveres stattfinden als das bloße Eintauchen in eine Geschichte. Doings wie: ich schau dir beim Game zu, ich trete der Gruppe xy bei, ich chatte beim Fernsehen, ich werde mit ner App selbst Kommissar und such die Mordwaffe ... gehören zum Alltag vieler Onliner. Sie beweisen dass in virtuellen Welten viel Kreativität freigesetzt wird. Geschichten, von denen wir uns emotional gefangen nehmen, haben ein riesiges Potential für Kommunikation. Weg vom: sich berieseln lassen, hin zum: eine Meinung vertreten, einer Inspiration folgen, einen Storyverlauf konstruieren. Klingt gar nicht so absurd. Gerade im Kino, wo gesellschaftliche, politische und kulturelle Themen aufbereitet werden, ist diesbezüglich noch viel Spielraum. Was nicht heißt, dass wir keine gute Geschichten brauchen! Ganz im Gegenteil. Je besser die Geschichte desto mehr will sich der Zuschauer involvieren, wie der Gameverkauf erfolgreicher Spielfilmvorlagen beweist. Langsam gelingt es der Technik im Zusammenspiel mit dem User eine Verknüpfung verschiedener Medienarten zu finden. Früher war ein Game ein Game und ein Film ein Film. Mittlerweile filmen sich die Leute beim gamen (Let's Play), können sich via Handy live auf Events oder TV Shows zuschalten, integrieren sich fotorealistisch in Bilder und Videos und posten sich via Facebook und Co. über den Erdball.
Fazit. Das Interesse des TEILNEHMENS am gesellschaftlichen Leben Anderer nimmt zu. Rasante Schritte der technischen Evolution erfüllen neue und unerwartete Wünsche der Menschen. Was sich bestimmt nicht erfüllen wird, ist der nostalgische Gedanke des Kinos als geschlossenes Werk in einem abgeschlossenen Saal, in dem der Zuschauer mit seiner Passivität für immer gefangen bleibt. Dieses Modell wird irgendwann abgelöst und die Erzählweisen werden sich im Zuge der technischen Evolution weiter synchron zu den Bedürfnissen des Publikums verändern. Da das Kinopublikum sich mehr und mehr aus modernen Onlinern und Mitbestimmern des digitalen Zeitalters zusammensetzt, gibt es in dieser Richtung kein Aufhalten mehr. Dem Kritiker und Ewiggestrigen, der sich das alte Kino bewahren will, bleibt in der Zukunft immer noch die Option: Fenster, Vorhänge und Türen schließen, Beamer an und los geht’s. Später sagen dann die Leute: "So wurde früher in großen Sälen Kino geschaut". Und ich bin sicher, dass im Kino der Zukunft für jeden was dabei ist, und sei es nur Popcorn...