"Die Metapsychologie stellt in der Tat die letzte Abstraktionsstufe der Psychoanalyse dar.
Allerdings kann sie selbst noch überstiegen werden und zum Gegenstand einer Aussage gemacht werden. Wir selbst machen davon ja gegenwärtig Gebrauch, wenn wir darüber diskutieren, die Metapsychologie habe den Status einer Doppelmetaphorik. Dieses »Reden über die Metapsychologie« nimmt notwendig eine Position außerhalb – oder wenn man so will – oberhalb der Psychoanalyse ein. Dieses Reden verhält sich zur Metapsychologie also metatheoretisch, sofern solche Rede überhaupt eine eigene theoretische Grundlage hat. Ich möchte jetzt nicht die Diskussion aufnehmen, die ich an anderer Stelle darüber ausführlich geführt habe, sondern möchte lediglich zwei Anmerkungen machen: Die Feststellung, dass die metapsychologischen Begriffe den Charakter von zweiseitig bezogenen Metaphern haben, lässt sich unschwer schon aus einer methodologischen Klärung von Gegenstand, von Verfahren und Begrifflichkeit der Psychoanalyse gewinnen. Man kann ja leicht die beiden Anteile erkennen. Leicht freilich zumeist so, dass an dem einen Begriff jener, an einem anderen Begriff dieser Anteil hervortritt. So ist die physiologisch-physikalische Abkunft von Begriffen wie »Besetzung«, »Anlehnung«, »Konstanz der Energie« ebenso deutlich wie umgekehrt Begriffe wie »Objektbeziehung«, »Liebesverlust«, »Narzißmus«, »ödipale Bindung« usw. soziale Beziehungsfiguren thematisieren. Nun muss man sich nur noch klarmachen, dass die Metapsychologie schon wegen ihrer ungewöhnlich einzigartigen Position zwischen allen Wissenschaften entweder ein System ist oder gar nichts bedeutet. Als System aber muss notwendig jeder einzelne Begriff das Wesen des Ganzen widerspiegeln. Der insgesamt doppelte Bezug der Metapsychologie zur Leiblichkeit wie zu den sozialen Figuren dringt als »Doppelmetaphorik« mithin in jeden einzelnen Begriff ein, gleichgültig ob er sich physikalistisch oder kulturistisch einseitig darzubieten scheint.
Soweit enthüllt uns also schon eine einfache wissenschaftstheoretische Überlegung die Doppelmetaphorik. Freilich lagen solche Überlegungen Freud fern, obgleich er den bildhaften Charakter der psychoanalytischen Begrifflichkeit selbst ausdrücklich betont hat. Nur, nach seiner Auffassung hatte diese Bildhaftigkeit einen einzigen Bezug, nämlich die Naturwissenschaft und eine biologistische Grundlegung der Persönlichkeit. Dieser Biologismus muss fallen, freilich nicht in simpler Negation. Die Doppelmetaphorik muss erkannt und durchschaut werden.
Allerdings hat die Überführung der Doppelmetaphorik in durchsichtige, ihre Doppelbezogenheit erläuternde Begriffe, zwei Voraussetzungen: Die kritische Auseinandersetzung mit der psychoanalytischen Erkenntnis muss aus dieser selbst erwachsen, und die Vermittlungsebene zur Psychoanalyse hin muss jenseits der Psychoanalyse zu einer Gesellschaftstheorie angelegt werden, deren Spannweite der Spannweite der Psychoanalyse, nämlich der Spannung zwischen Leiblichkeit und Sozialität des Menschen, entsprechen kann. Und weiterhin, die Position von der her eine Kritik der Psychoanalyse angelegt werden kann, muss demselben Veränderungsimpuls wie die Psychoanalyse selbst entsprechen und das heißt, es muss eine kritische Theorie sein."
Lorenzer, Alfred (2022/1985–86): 3. Vorlesung, in: Reinke, Ellen (Hg.): Alfred Lorenzer: Freuds metapsychologische Schriften. Vorlesungen zur Einführung, Psychosozial-Verlag, Gießen, S. 57f.