Walter Benjamin, July 15, 1892 – September 26, 1940.
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Walter Benjamin, July 15, 1892 – September 26, 1940.
“How do you deal with problems?” 😀_Me 👆 !.
"In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung des Arbeitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat. In der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existirt ein todter Mechanismus unabhängig von ihnen und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt. „Der trübselige Schlendrian einer endlosen Arbeitsqual, worin derselbe mechanische Prozess immer wieder durchgemacht wird, gleicht der Arbeit des Sisyphus; die Last der Arbeit, gleich dem Felsen, fällt immer wieder auf den abgematteten Arbeiter zurück.“ Während die Maschinenarbeit das Nervensystem aufs äusserste angreift, unterdrückt sie das vielseitige Spiel der Muskeln und konfiszirt alle freie körperliche und geistige Thätigkeit. Selbst die Erleichterung der Arbeit wird zum Mittel der Tortur, indem die Maschine nicht den Arbeiter von der Arbeit befreit, sondern seine Arbeit vom Inhalt. Aller kapitalistischen Produktion, soweit sie nicht nur Arbeitsprozess, sondern zugleich Verwerthungsprozess des Kapitals ist, ist es gemeinsam, dass nicht der Arbeiter die Arbeitsbedingung, sondern umgekehrt die Arbeitsbedingung den Arbeiter anwendet, aber erst mit der Maschinerie erhält diese Verkehrung technologisch handgreifliche Wirklichkeit. Durch seine Verwandlung in einen Automaten tritt das Arbeitsmittel während des Arbeitsprozesses selbst dem Arbeiter als Kapital gegenüber, als todte Arbeit, welche die lebendige Arbeitskraft beherrscht und aussaugt. Die Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses von der Handarbeit und die Verwandlung derselben in Mächte des Kapitals über die Arbeit vollendet sich, wie bereits früher angedeutet, in der auf Grundlage der Maschinerie aufgebauten grossen Industrie."
Marx, Karl (2022/1867): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals [Erstauflage], ça ira-Verlag, Freiburg, S. 414f.
Vergessen ist die Form des Alltags; Wirklichkeit ist nur Gegenwart. Es ist das Gegenprinzip zum Leben, weil es auf den Punkt eingebrannt ist, wo Ereignis nur Ereignis ist. Die Identität der Gegenwart mit sich lässt kein Leben zu. Traum, Phantasie, Erinnern sind abgespalten; Erleben ist abgeschnitten auf sein bloßes Zeitmaß im Jetzt. Und dieses Jetzt ist so klein, so auf einen Punkt eingeschmolzen, dass es im Grunde nicht ist. Was ist diese wirkliche Gegenwart? Man lebt nicht. Man erzählt nur, dass man lebt, dass man gelebt hat, denn das eine Jetzt entrückt sich sofort vom anderen, nicht aber als umfängliche Vermittlung, sondern bloß als schematischer Verweis. Der Verweis vom einen Gegenwartspunkt auf den anderen ist aber kein Erinnern, weil entleert, entsinnlicht, sondern es ist bloß die Bezugnahme der Gegenwart auf sich. Das ist das Prinzip des Werts. Das Schreiben darüber, seine Erkenntnis, ist, wie das Vorstehende zeigt, selbst nur der Zirkel im Verweis des einen Punktes auf den anderen, die zugleich identisch sind. Insofern ist es sinnlos, aber nötig.
M. Schönwetter
Du bist der Traum, in den ich setze, was ich für ein Leben halte. Ich schaue dir zu und warte, dass es lebt. Die Sprache fällt dir leicht, weil du sie aus den Texten geborgen hast. Du zitierst, aber die Worte sind dein Eigentum.
Meine Sprache ist zerwühlt durch das, was sich aus dem Vergessen hineingräbt. Ich zitiere nicht, ich stelle aus. Das hat zwar auch einen Klang, tatsächlich einen ehrlichen, aber der kluge Geist geht nicht auf Ehrlichkeit. Phantasieren ist Lügen, aber ein gutes.
M. Schönwetter
"Dasselbe bürgerliche Bewusstsein, das die manufakturmässige Theilung der Arbeit, die lebenslängliche Annexation des Arbeiters an eine Detailverrichtung und die unbedingte Unterordnung der Theilarbeiter unter das Kapital, als eine Organisation der Arbeit feiert, welche ihre Produktivkraft steigere, denuncirt daher eben so laut jede bewusste gesellschaftliche Kontrolle und Regelung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses als einen Eingriff in die unverletzlichen Eigenthumsrechte, Freiheit und sich selbst bestimmende „Genialität“ des individuellen Kapitalisten. Es ist sehr charakteristisch, dass die begeisterten Apologeten des Fabriksystems nichts ärgeres gegen jede allgemeine Organisation der gesellschaftlichen Arbeit zu sagen wissen, als dass sie die ganze Gesellschaft in eine Fabrik verwandeln würde."
Marx, Karl (2022/1867): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals [Erstauflage], ça ira-Verlag, Freiburg, S. 341.
"Wenn der Arbeiter ursprünglich seine Arbeitskraft an das Kapital verkauft, weil ihm die materiellen Produktionsbedingungen einer Waare fehlen, existirt seine individuelle Arbeitskraft jetzt überhaupt nur noch, wann und sofern sie an das Kapital verkauft wird. Sie funktioniert nur noch in einem Zusammenhang, der erst nach ihrem Verkauf, in der Werkstatt des Kapitalisten, existirt. [...] Die geistigen Potenzen der Produktion erweitern ihren Massstab auf der einen Seite, weil sie auf vielen Seiten verschwinden. Was die Theilarbeiter verlieren, koncentrirt sich ihnen gegenüber im Kapital. Es ist ein Produkt der manufakturmässigen Theilung der Arbeit[,] ihnen die geistigen Potenzen des materiellen Produktionsprozesses als fremdes Eigenthum und sie beherrschende Macht gegenüberzustellen. Dieser Scheidungsprozess beginnt in der einfachen Cooperation, wo der Kapitalist den einzelnen Arbeitern gegenüber die Einheit und den Willen des gesellschaftlichen Arbeitskörpers vertritt. Er entwickelt sich in der Manufaktur, die den Arbeiter zum Theilarbeiter verstümmelt. Er vollendet sich in der grossen Industrie, welche die Wissenschaft als selbstständige Produktionspotenz von der Arbeit trennt und in den Dienst des Kapitals presst."
Marx, Karl (2022/1867): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals [Erstauflage], ça ira-Verlag, Freiburg, S. 345f.
"ADORNO: Theorie ist bereits Praxis, und Praxis setzt Theorie voraus. Heute soll alles Praxis sein, und gleichzeitig gibt es gar keinen Begriff von Praxis. Wir leben in keiner revolutionären Situation, und eigentlich ist es schlimmer als je. Das Grauen besteht darin, daß wir zum ersten Mal heute in einer Welt leben, in der man sich das Bessere gar nicht mehr vorstellen kann."
Horkheimer, Max (1996/1956): Max Horkheimer und Theodor W. Adorno [Diskussion über Theorie und Praxis], in: ders.: Gesammelte Schriften Band 19: Nachträge, Verzeichnisse und Register, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M., S. 70.
"HORKHEIMER: Wir haben gesagt, was ist es mit dem Verhältnis von Theorie und Praxis, wenn es keine Partei mehr gibt. Nun gibt es keine Partei, infolgedessen arbeitet man, wenn man Theorie macht, im doppelten Sinn ins Ungewisse. Einmal, weil das, was man in der Theorie produziert, gar nichts mehr mit Marx gemein hat, mit dem fortgeschrittensten Klassenbewußtsein; was wir denken, ist gar nicht die Funktion des Proletariats. Zweitens ist es dann so, als ob man die Theorie gleichsam »auf Lager« arbeitet. ADORNO: Im besten Falle noch Flaschenpost. HORKHEIMER: Auf Lager: vielleicht kommt noch einmal eine Zeit, wo man die Theorie brauchen kann. Eine Theorie, die gar keine Beziehung zur Praxis mehr hat, ist Kunst. Was wir beantworten müßten, wäre, machen wir Philosophie als reine Gebilde. ADORNO: Wenn ich die Wahl hätte zwischen auf Lager und Gebilde, dann würde ich Gebilde immer noch vorziehen; Gedanken denken, weil es einem Spaß macht, scheint mir dann immer noch würdiger."
Horkheimer, Max (1996/1956): Max Horkheimer und Theodor W. Adorno [Diskussion über Theorie und Praxis], in: ders.: Gesammelte Schriften Band 19: Nachträge, Verzeichnisse und Register, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M., S. 67f.
Antarctica by Jan Erik Waider
"ADORNO: Die Theorie ist gerade durch das Herausgenommensein selber so etwas wie die Stellvertretung des Glücks. Das Glück, das durch Praxis herzustellen wäre, findet in der heutigen Welt gar keinen andern Reflex als das Verhalten des Menschen, der auf dem Stuhl sitzt und nachdenkt."
Horkheimer, Max (1996/1956): Max Horkheimer und Theodor W. Adorno [Diskussion über Theorie und Praxis], in: ders.: Gesammelte Schriften Band 19: Nachträge, Verzeichnisse und Register, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M., S. 61.
Wolfgang Tillmans, Layers, 2000
"Die Metapsychologie stellt in der Tat die letzte Abstraktionsstufe der Psychoanalyse dar. Allerdings kann sie selbst noch überstiegen werden und zum Gegenstand einer Aussage gemacht werden. Wir selbst machen davon ja gegenwärtig Gebrauch, wenn wir darüber diskutieren, die Metapsychologie habe den Status einer Doppelmetaphorik. Dieses »Reden über die Metapsychologie« nimmt notwendig eine Position außerhalb – oder wenn man so will – oberhalb der Psychoanalyse ein. Dieses Reden verhält sich zur Metapsychologie also metatheoretisch, sofern solche Rede überhaupt eine eigene theoretische Grundlage hat. Ich möchte jetzt nicht die Diskussion aufnehmen, die ich an anderer Stelle darüber ausführlich geführt habe, sondern möchte lediglich zwei Anmerkungen machen: Die Feststellung, dass die metapsychologischen Begriffe den Charakter von zweiseitig bezogenen Metaphern haben, lässt sich unschwer schon aus einer methodologischen Klärung von Gegenstand, von Verfahren und Begrifflichkeit der Psychoanalyse gewinnen. Man kann ja leicht die beiden Anteile erkennen. Leicht freilich zumeist so, dass an dem einen Begriff jener, an einem anderen Begriff dieser Anteil hervortritt. So ist die physiologisch-physikalische Abkunft von Begriffen wie »Besetzung«, »Anlehnung«, »Konstanz der Energie« ebenso deutlich wie umgekehrt Begriffe wie »Objektbeziehung«, »Liebesverlust«, »Narzißmus«, »ödipale Bindung« usw. soziale Beziehungsfiguren thematisieren. Nun muss man sich nur noch klarmachen, dass die Metapsychologie schon wegen ihrer ungewöhnlich einzigartigen Position zwischen allen Wissenschaften entweder ein System ist oder gar nichts bedeutet. Als System aber muss notwendig jeder einzelne Begriff das Wesen des Ganzen widerspiegeln. Der insgesamt doppelte Bezug der Metapsychologie zur Leiblichkeit wie zu den sozialen Figuren dringt als »Doppelmetaphorik« mithin in jeden einzelnen Begriff ein, gleichgültig ob er sich physikalistisch oder kulturistisch einseitig darzubieten scheint. Soweit enthüllt uns also schon eine einfache wissenschaftstheoretische Überlegung die Doppelmetaphorik. Freilich lagen solche Überlegungen Freud fern, obgleich er den bildhaften Charakter der psychoanalytischen Begrifflichkeit selbst ausdrücklich betont hat. Nur, nach seiner Auffassung hatte diese Bildhaftigkeit einen einzigen Bezug, nämlich die Naturwissenschaft und eine biologistische Grundlegung der Persönlichkeit. Dieser Biologismus muss fallen, freilich nicht in simpler Negation. Die Doppelmetaphorik muss erkannt und durchschaut werden. Allerdings hat die Überführung der Doppelmetaphorik in durchsichtige, ihre Doppelbezogenheit erläuternde Begriffe, zwei Voraussetzungen: Die kritische Auseinandersetzung mit der psychoanalytischen Erkenntnis muss aus dieser selbst erwachsen, und die Vermittlungsebene zur Psychoanalyse hin muss jenseits der Psychoanalyse zu einer Gesellschaftstheorie angelegt werden, deren Spannweite der Spannweite der Psychoanalyse, nämlich der Spannung zwischen Leiblichkeit und Sozialität des Menschen, entsprechen kann. Und weiterhin, die Position von der her eine Kritik der Psychoanalyse angelegt werden kann, muss demselben Veränderungsimpuls wie die Psychoanalyse selbst entsprechen und das heißt, es muss eine kritische Theorie sein."
Lorenzer, Alfred (2022/1985–86): 3. Vorlesung, in: Reinke, Ellen (Hg.): Alfred Lorenzer: Freuds metapsychologische Schriften. Vorlesungen zur Einführung, Psychosozial-Verlag, Gießen, S. 57f.
"Je freier die Menschheit wird, desto weniger hat die Freiheit des Einzelnen einen Sinn. Das zu verkennen, war der Irrtum von Karl Marx. Sein System ist undialektisch. Bei der letzten Änderung, dem letzten großen Umschlag der Quantität, wo die Freiheit eines Teils der Gesellschaft in die aller umschlagen soll, bleibt trotz aller vielsagenden Worte die Qualität dieselbe. Die Freiheit aller Menschen ist die des Bürgers, der seine Fähigkeiten entfalten kann, ähnlich wie schon Goethe es sich dachte. Darauf, daß jene Fähigkeiten selbst zur Weise bürgerlicher Produktion, der Wissenschaft und Technik gehören, deren die Gesellschaft zu ihrem Wachstum und im Kampf mit der Natur bedarf, haben die Begründer des modernen Sozialismus nicht reflektiert. Sie waren im Grunde Idealisten und glaubten an die Selbstverwirklichung des absoluten Subjekts. Über Hegel sind sie zu Fichte als dem Metaphysiker der Französischen Revolution zurückgekehrt. Freiheit aber ist nicht ein Ende, sondern ein vorübergehendes Mittel in der Anpassung der Tierrasse Mensch an die Bedingungen ihrer Existenz. Der Zweck ihrer Erziehung ist wahrscheinlich nichts anderes als Fortzeugung bei geringstem Widerstand. Jedes System ist falsch, das von Marx nicht weniger als das von Aristoteles —wieviel Wahres sie beide auch gesehen haben."
Horkheimer, Max (1991/1959–1960): Permanent education, in: ders.: Gesammelte Schriften Band 6: ›Zur Kritik der instrumentellen Vernunft‹ und ›Notizen 1949–1969‹, Fischer Taschenbuch Verlag, Franlfurt a. M., S. 352.