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- blutbuch, kim de l'horizon
Hatte iwie schon vergessen, dass heute Speak Your Language Day ist, habe aber trotzdem heute Vormittag zufällig angefangen, Blutbuch zu lesen. Passt perfekt.
ich hatte heute in meiner buchhandlung des vertrauens kim de l'horizons "blutbuch" in der hand und war unsicher, ob ich's kaufen soll - iirc hattest du mal darüber gepostet, kannst du mir vielleicht ein bisschen mehr dazu sagen, wie du's fandest?
yeessss ich lieb das Buch sehr!!! Ich hab es vor Jahren halb gelesen und dann irgendwie den Faden verloren, obwohl ich es sehr mochte (passiert mir öfter und ist wirklich keine Aussage über die Qualität des Buches) - und dann hab ich es dieses Frühjahr als Hörbuch gehört und fand es da eigentlich noch besser. Kim de l'Horizon liest das selbst, und weil es in dem Buche so viel um Sprache geht, vor allem um den Switch zwischen 'Standarddeutsch' und Schwizerdütsch, transportiert sich das im Mündlichen natürlich super.
Was ich mochte, ist, dass es sehr zwischen poetischer und kruder Sprache wandert, sehr fließend, und ich mag den Erzählstil. Es ist eher episodenhaft, sehr nicht-chronologisch, es ist autobiografisch, aber dann halt doch auch fiktional, und oft lässt sich nicht so klar sagen, was davon.
Wenn du Infos über potentiell triggernde Inhalte brauchst, sag mir gern Bescheid; es geht teilweise echt um heftige Dinge. Trotzdem fand ich es überhaupt nicht deprimierend, weil der Fokus eher auf Selbstbehauptung und Empowerment liegt.
Von meiner Seite die wärmste Empfehlung!
Blutbuch by Kim de l'Horizon
Die Erzählfigur in ›Blutbuch‹ identifiziert sich weder als Mann noch als Frau. Aufgewachsen in einem Schweizer Vorort, lebt sie nun in Zürich, ist den engen Strukturen der Herkunft entkommen und fühlt sich im nonbinären Körper und in der eigenen Sexualität wohl. Doch dann erkrankt die Großmutter an Demenz, und das Ich beginnt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen: Warum sind da nur bruchstückhafte Erinnerungen an die eigene Kindheit? Wieso vermag sich die Großmutter kaum von ihrer früh verstorbenen Schwester abzugrenzen? Und was geschah mit der Großtante, die als junge Frau verschwand? Die Erzählfigur stemmt sich gegen die Schweigekultur der Mütter und forscht nach der nicht tradierten weiblichen Blutslinie.
Dieser Roman ist ein stilistisch und formal einzigartiger Befreiungsakt von den Dingen, die wir ungefragt weitertragen: Geschlechter, Traumata, Klassenzugehörigkeiten. Kim de l’Horizon macht sich auf die Suche nach anderen Arten von Wissen und Überlieferung, Erzählen und Ichwerdung, unterspült dabei die linearen Formen der Familienerzählung und nähert sich einer flüssigen und strömenden Art des Schreibens, die nicht festlegt, sondern öffnet.
January reads - Blutbuch Kim De l'Horizon (2022)
... wenn dir dieses Buch gefallen hat, kann ich dir Rot (Hunger) von Senthuran Varatharajah (2022) sehr, sehr, sehr, seeehr empfehlen!!
Die Dresdner Blutbuch Inszenierung ist Performancetechnisch das, was sich Tumblr-User unter dem Begriff "Sex" verstehen. And i mean this in the most positive way possible
Blutstück: Der Körper ist das Aussageschwächste an uns
„Süß“ ist das Wort, das nach Anschauung von Blutstück im Raum kursierte. Und es trifft das Stück wirklich wie die Faust aufs Auge. Blutstück ist ein heilsamer Appel daran, den Körper nicht zu ernst zu nehmen. Denn im Endeffekt ist unser Körper primär dazu da, das Leben zu erleben und zu fühlen - nicht durch ihn fremdbestimmt zu werden.
Der Körper ist verwirrend - er scheint mehr über uns aussagen zu wollen, als er eigentlich kann. So beginnt auch das Stück mit einer der Personen auf der Bühne, die versucht, sich selbst durch die Körper anderer im Publikum zu entdecken. Aber wir können uns nicht selber kennenlernen, indem wir andere kopieren. Wir können es nur indem wir in uns selbst schauen.
Blutstück spricht in dem Zusammenhang von Grandmeeren: Vorfahren, die uns durch ihre Erfahrungen, ihre Traumata und ihre Erziehung beeinflussen. Es ist ein zweischneidiges Schwert: die Schauspieler*innen sagen einerseits, sie wollen diese traurigen, engstirnigen und gewalttätigen Gene nicht weiter tragen. Sie wollen nicht, dass sie ein Teil von ihnen sind, nicht dass die Vergangenheit die Zukunft beeinflusst.
Zum Ende des Stücks merkt man jedoch auch: Dadurch, dass wir alle die selben Vorfahren haben, ähneln wir uns mehr, als wir denken. Wir alle haben ähnliche Gefühle, ähnliche Eigenarten, ähnliche Angewohnheiten. Und diese verbinden uns auch wieder.
Und all diese Eigenarten und Gemeinsamkeiten sind so viel größer als Gender. So viel relevanter als Gender. Gender wird in Blutstück nicht erwähnt. Es ist irrelevant geworden. Die Personen auf der Bühne strahlen nicht-binärität aus. Und es fehlt an nichts. Man braucht Gender nicht, um nachvollziehen, mitfühlen, mitlachen zu können. Man braucht Gender nicht um zu lieben. Das zeigt uns Blutstück.
Blutbuch (2022) - Kim de l'Horizon
Mir scheint, dass mensch mit den zentralen Stellen seiner Geschichte nicht mehr viel machen kann. Dass die immer schon fertig erzählt sind, bevor mensch sie erzählt hat. Dass die zentralen Stellen einen haben, dass mensch ihnen ausgeliefert ist. Dass sie dich erzählen und nicht du sie. Dass Mensch aber an den Rändern seiner Geschichte noch sehr viel machen kann. Dass mensch sich an den Rändern seiner Geschichte gegen die Geschichte wehren kann.