Rezension: „Konspiration – Soziologie des Verschwörungsdenkens“ von A.Anton, M.Schetsche und M.Walter
Überzogenes Misstrauen? Kollektive Paranoia? Behandlungsbedürftiger Irrsinn? „Verschwörungstheorien“ besitzen einen eher zweifelhaften Ruf. Andreas Anton und seine Mitstreiter_innen prüfen in wie fern diese Bewertung zweifelhaft ist. Dabei bilden die Autor_innen der Aufsätze ein Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Wahrheitssuche und Unsinn ab.
Anton,A.; Schetsche M.; Walter M. (Hrsg.): „Konspiration – Soziologie des Verschwörungsdenkens, Springer VS, Wiesbaden 2014 351 Seiten à 34,99 €
tm;dr: „Konspiration“ Anton: mit viel kritischer Distanz lesen These: Verschwörungsdenken = Wissen das noch nicht v.d. Gesellschaft anerkannt wird
Vor die sechs Fallstudien über bekannte Verschwörungstheorien, vier Einblicke in den medialen Diskurs von Verschwörungstheorien und vier Beiträge über „Theoretische Perspektiven“, haben die Herausgeber das Vorwort gesetzt. Und das solltest Du gelesen haben, um die folgenden Diskurse zu verstehen.
Anton identifiziert in diesem Vorwort Verschwörungstheorien als „heterodoxes Wissen“, und weiter als: „ein Überzeugungs- oder Erklärungsmodell, welches aktuelle oder historische Ereignisse, kollektive Erfahrungen oder die Entwicklung einer Gesellschaft insgesamt als die Folge einer Verschwörung interpretiert, wobei die Existenz dieser Verschwörung von der Mehrheit der Bevölkerung, den Leitmedien oder andere gesellschaftlichen Deutungsinstanzen nicht anerkannt wird.“ Demnach unterscheidet sich diese Definition in erster Linie durch ihre Schwerpunktsetzung von anderen versuchen Verschwörungsdenken zu definieren.
In den Fallstudien befassen sich die jeweiligen Autor_innen mit Sachverhalten, die Anlass zu diversen Spekulationen boten, so zum Beispiel dem Mord an Kennedy, dem Auftreten von AIDS oder Theorien zum 11.September. Was mir gleich ins Auge sticht, das sind die starken Unterschiede in Aufbau und Qualität.
Ganz konkret: Wie ernst kann ich eine Aufsatzsammlung nehmen, in der in der Fußnote eben mal kurz erwähnt wird, dass „Die Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem“ oder die „Atlantik-Brücke“ die “parallel zur eigentliche Regierung” die Geschicke Deutschlands bestimmen? (S.83) Ziehe ich die (lesenswerte) Erklärung von Butter auf S. 271 des gleichen Buches heran, die beschreibt wie Verschwörungstheoretiker widersprüchliche Theorien zu „[s]uperconspiracies“ verschmelzen, wenn das opportun ist? Oder erträgt man so etwas nur noch mit der zynischen Bitte, dass man sich doch entscheiden soll, ob eine untergeordnete Körperschaft des Vatikan oder doch die Ostküstenjuden heimlich über Deutschland herrscht? Alles was ich weiß ist, dass mich solch steile Thesen am Autor und den Herausgebern zweifeln lassen.
Die kritisch-materialistische Sichtweise von Klöckner zum Bilderberger-Treffen steht dazu im krassen Gegensatz und gehört mit zu dem ernsthaftesten und glaubwürdigsten, was ich bislang über diese Treffen gelesen habe.
Das Wechselspiel zwischen Behörden und Verschwörungstheoretiker wird in der Fallstudie von Ingbert Jüdt über die Bennewitz-Affäre famos aufgearbeitet. Das könnte einigen die Augen öffnen!
In den darauf folgenden Texten über mediale Diskurse gehen die Autoren auf die „Mainstream-Medien“, die Gatekeeper-Funktion von Google und der Wikipedia, sowie Film und Comis ein. Das ist interessant zu lesen, birgt aber wenig neues. Was komplett ausgeklammert wird, ist das aufgreifen des Verschwörungsdenkens durch Neonazis, Rassisten und Querfrontler. Für ein Werk, dass im ersten „Friedenswinter“ 2014 erscheint, währen etliche Akteure angewandtes Verschwörungsdenken nutzten um gegen Verfassung und Ausländer zu hetzen, ist das verwunderlich.
Den Abschluss bilden vier Politik- oder Kommunikationstheoretische Einordnungen, ein Grundlagenwissen, das für die weitere Beschäftigung mit dem Thema sinnvoll ist. Gerade in diesen Artikeln bin ich jedoch an die Grenzen meines Wortschatzes gestoßen. Für Normalbürger sind diese Kapitel schwer zu verstehen.
Während sich immer neue Autoren bemühen das Thema „heterodoxes Wissen“ in unterschiedlichen Facetten darzustellen und dabei Lanze um Lanze für die 'unterdrückte' Meinung brechen, stelle ich mir die Frage, ob es nicht doch Wissensbestände gibt, die zurecht bekämpft werden.
Eugenik und Rassenlehre, das sind Wissensbestände, die sich nicht nur als wissenschaftlich falsch erwiesen haben, sondern aufgrund des Unheils, welches sie ausleben bekämpft werden. Und das – meiner Ansicht nach – völlig zurecht.
Eine kritische Diskussion über dieses Thema findet sich nicht. Stattdessen findet man aufgeladene Begriffe und Behauptungen, wie die, dass der Mainstream die Verschwörungstheorie verfolge wie einst die Kirche den Häretiker. Selbst der Begriff heterodoxes Wissen lässt sich so lesen, schließlich bedeutet heterodox laut Duden „von der herrschenden Kirchenlehre abweichend“. Diese Selbstinszenierung als heldenhafte Streiter gegen den Mainstream, die einige Autoren befällt befremdet mich.
Fazit:
Nach einer anfänglichen Begeisterung über die ungewöhnlich differenzierte Aufarbeitung des Themas stellte sich schnell eine Ernüchterung ein. Da ist zum einen die fehlende Distanz einiger Autor_innen zu ihrem Thema zum anderen die gefährlich weit geöffneten rechten Flanke und die Selbstwahrnehmung einiger Autoren als willkürlich unterdrückte Häretiker. Das ist schade, weil damit die vielen guten Ansätze der anderen Autor_innen für eine angedeutete ideologische Schlacht in Geiselhaft genommen werden.
Dieses Buch sollte man nicht unkritisch lesen und ständig prüfen, ob die Autoren versuchen einen neutralen Standpunkt einzunehmen.














