Einige Nächte später steht die dünne Sichel des Neumondes über der geschundenen Landschaft des ehemaligen Königreiches von Lordaeron. In einem kleinen, schwer zugänglichen Tal liegt das Lager der Geißel-Armee in fast völliger Dunkelheit.
Grisande erwacht davon, dass ihr jemand die Spitze eines Dolchs an den Hals drückt. Eine raue Stimme flüstert sehr nahe an ihrem Ohr "Nicht schreien."
"Schon gut, Maeven. Ich bin wach."
"Gut. Wir müssen los."
Grisande wartet bis der Druck der Dolchspitze nachlässt und setzt sich dann auf. Maeven ist in den letzten Wochen zu einer guten Freundin geworden, doch ihre Art ist manchmal ... beunruhigend.
Sie breitet ihre Decke über ein paar Äste, die sie am Tag zuvor gesammelt hat und begutachtet ihr Werk. Nicht sehr glaubwürdig aber es muss reichen. Dann nimmt sie ihren Stab und folgt Maeven leise. Die beiden Frauen ducken sich hinter einen Karren und nutzen einen Moment, in dem die Wache in eine andere Richtung schaut, um zur nächsten Deckung zu gelangen.
Auch an anderen Stellen des Lagers erheben sich einzelne Untote und bewegen sich im Schutz der Dunkelheit in Richtung des westlichen Ausgangs des kleinen Tals.
Am Rand des Lagers führt ein schmaler Pfad zu einer verlassenen Scheune, in deren Schatten sich der Rest ihrer Gruppe bereits versammelt hat. Zu ihrem Erstaunen sieht Grisande auch einen abwesend wirkenden Priester, der still in einer Ecke steht. Leise flüstert sie Maeven zu "Arvael scheint sich doch nicht komplett aufgegeben zu haben." Die zuckt gleichgültig mit den Schultern. "Gut für ihn."
In der Mitte der Gruppe steht eine selbst für eine Untote wild aussehende Kriegerin. Ihre nach allen Seiten abstehenden Haare sind giftgrün und ihr blasses Gesicht wird von zwei gekreuzten Lederbändern zusammengehalten.
"Grisande, Maeven, da seid ihr ja. Dann sind wir vollständig."
Ihre ruhige Stimme strahlt Zuversicht aus.
"So, nun kommt der spannende Teil. Es gibt nur einen Weg aus dem Tal hinaus und der wird gut bewacht." Sie wirft Maeven einen Blick zu. "Ein offener Kampf würde zu viel Lärm machen."
Maeven nickt kurz. "Verstehe."
Eindringlich fährt die Kriegerin fort. "Sobald die Wachen ausgeschaltet sind, laufen wir los. Denkt daran, wir müssen uns beeilen aber wir dürfen auf keinen Fall Lärm machen." Sie sieht allen der Reihe nach in die Augen. "Viel Glück. Möge die dunkle Fürstin uns schützen."
Maeven gibt einem schmächtigen Untoten ein Zeichen und die beiden verschwinden wortlos in der Dunkelheit am Rand des Weges. Der Rest der Gruppe folgt ihnen leise, bis sie die Wachen am Ausgang des Tals sehen können. Als diese in sich zusammensacken, eilt die Gruppe von Schatten zu Schatten lautlos voran, bis die nächste Wache in Sichtweite kommt. Erst als auch diese in einen plötzlichen Schlaf zu fallen scheint, hasten sie weiter.
Konzentriert arbeitet sich die Gruppe voran und schließlich erreichen die Untoten die hinter dem Tal liegende Ebene. Ein brauner Schleier liegt wie ein Pesthauch über dem einst fruchtbaren Gebiet. Hohe Nadelbäume werfen ihre Schatten auf seltsame große Pilze, die an vielen Stellen wuchern.
Die Gruppe versammelt sich unter einem der Bäume, wo die beiden Kundschafter bereits auf sie warten. Maeven zählt die ankommenden Untoten mit prüfendem Blick durch.
"Wo ist Arvael? Habt ihr ihn verloren?"
Grisande runzelt die Stirn "Er war noch da, nachdem wir an der letzten Wache vorbei sind."
Sie schaut zurück zum Tal und sieht zu ihrem Entsetzen den Lich zwischen den hohen Bäumen eines kleinen Wäldchens auf die Gruppe zu schweben.
Ein schriller Ruf zerreißt die nächtliche Stille. "Da sind sie! Seht doch, Meister! Dort sind die Verräter!"
"Arvael! Dieser verdammte Idiot!" Maeven zieht ihre Dolche und verschwindet im Schatten der Bäume, um einen Moment später lautlos hinter Arvael wieder aufzutauchen. Sie rammt ihre Klingen in den Leib des überrumpelten Priesters, der ein Wimmern von sich gibt. "Meister, helft mir!"
Der Lich würdigt den Priester keines Blickes und schwebt weiter auf die Gruppe zu. Grisande fühlt mehr als sie hört, wie die kalte Stimme versucht, sie wieder in ihren Bann zu ziehen. Eine Eisschicht scheint sich auf dem verdorrten Boden zu bilden und die seltsamen, riesigen Pilze zu überziehen. Ein eisiger Hauch streift ihre Robe und legt sich wie ein Band um ihren Leib, scheint sie fortziehen zu wollen, hinab ins dunkle Eis, ins Vergessen.
Doch das Training der letzten Wochen zeigt Wirkung. Wie an einem Anker hält sich Grisande am Bild des knisternden Kaminfeuers in der Studierstube ihrer Eltern fest. Sie hört das Knacken der Holzscheite und fühlt die Wärme auf ihrer Haut. Sie sieht die alten Bücher, die überall verstreuten, dicht beschriebenen Pergamentrollen. Sie riecht den Duft der Silberblüten, der durch das geöffnete Fenster hineinweht.
"Das ist dein Ende, Lich!" Die Stimme der alten Priesterin klingt hart und entschlossen.
Grisande zieht ihren Stab und formt einen Feuerball in ihrer Hand. Auch die anderen ziehen ihre Waffen und gehen in Kampfhaltung. Der Lich stutzt einen Moment. Mit Widerstand hat er nicht gerechnet.
Mit einem wilden Schrei stürmt die Kriegerin auf den Lich zu und stößt ihm ihre Schwerter in die Seite während ein anderer Krieger Axt und Schild gezogen hat und mit einem höhnischen Ruf die Aufmerksamkeit des Zauberers auf sich zieht.
Grisande schleudert einen Feuerball auf den Lich und formt bereits einen weiteren, während neben ihr eine Hexe mit schneidender Stimme Flüche und Verwünschungen ausspricht. Die alte Priesterin murmelt einige Worte und ein schillernder Schutzschild erscheint um den Krieger, gerade rechtzeitig bevor ein mächtiger Frostzauber des Lichs ihn trifft.
Verbissen kämpfen die Untoten gegen den Lich, der ihrem geballten Zorn seine mächtigen Frostzauber entgegen wirft. Doch die erfahrene Priesterin vermag die Gruppe mit ihren Heilzaubern immer wieder zu schützen und schließlich schwindet die Kraft des Lichs, bis sich seine Gestalt endlich mit einem hässlichen Zischen aufzulösen scheint. An der Stelle, an der er einen Moment vorher noch schwebte, erscheint sein Phylakterium.
Grisande starrt das Gefäß hasserfüllt an.
"Auf drei." Ihre Stimme klingt kalt.
"Eins." Maevens Augen verengen sich zu Schlitzen und sie zieht ihre Dolche.
"Zwei." Grisande formt einen Feuerball.
"Drei." Die alte Priesterin hat ihre Hände erhoben und ein heller Lichtstrahl trifft das Seelengefäß zeitgleich mit einem Feuerball, einem Schattenblitz und den Klingen der Nahkämpfer.
Das Phylakterium zerspringt klirrend in viele kleine Stücke.
Erleichtert dreht sich Maeven zu Grisande um.
"Alles in Ordnung bei dir?"
"Ja, nur der hier hat es nicht überlebt." Grisande hält betrübt ihren Stab hoch. Der Citrin, der an der Spitze befestigt war, ist zersprungen und der Stab selbst ist halb verbrannt.
"Der Lich hat einen Feuerball reflektiert."
Maeven grinst. "Mach dir nichts draus. Wir finden etwas Neues für dich."
„Was ist mit Arvael?“ Die Kriegerin schaut sich suchend nach dem Verräter um.
Maeven antwortet mit gleichgültiger Miene. „Der hat nun viel Zeit für Gespräche mit seinem Geistheiler.“ Lachend schlägt die Kriegerin ihr auf die Schultern. „Gut gemacht!“
"So, das wäre erledigt." Die Priesterin streicht ihre zerschlissene Robe glatt. "Und nun? Was sollen wir nun machen." Sie klingt plötzlich unsicher. "Wir gehören ja nirgendwo hin."
Die Kriegerin erwidert mit fester Stimme "Von nun an sind wir Verlassene. Mit den Menschen haben wir nichts mehr zu schaffen. Geht ihnen aus dem Weg."
Ihre Stimme klingt bitter, als sie fortfährt. "Wir sind die Monster, die ihre Familien getötet haben und sie werden uns angreifen, wenn sie uns sehen."
„So ist es.“ Die Hexe zuckt mit den Schultern. „Wir können es nicht ändern. Ich für mein Teil werde nach vorne schauen und nicht zurück.“
"Ich habe gehört, in Tirisfal gibt es viel zu tun." Der schmächtige Schurke klingt aufgeregt.
"Die dunkle Fürstin beansprucht das Land für uns. Es gibt dort überall Arbeit. Händler und Ausbilder siedeln sich an.“ Er fährt grinsend fort. "Ich wollte schon immer die Ingenieurskunst erlernen und ich habe ja nun jede Menge Zeit.“
"Das ist die richtige Einstellung." Maeven nickt ihm zu. „Ich werde mich dort auch umschauen.“
Grisande muss nicht lang überlegen. Die Aussicht, sich ein neues Leben (oder wie auch immer man das nennen soll), aufzubauen und vielleicht sogar einen Magielehrer zu finden, der gewillt ist, sie auszubilden, lässt sie aufspringen.
"Also, worauf warten wir noch? Auf nach Tirisfal!"
Und so macht sich die kleine Gruppe Verlassener auf den Weg Richtung Westen, nach Tirisfal, wo ein Abenteuer beginnt.
Grisande Silberblatt - Teil 3: Die zusammengefaltete Notiz
Ein Lager der Geißel-Armee, irgendwo in den östlichen Pestländern.
Ein Untoter Krieger stützt sich auf seinen Schild und beobachtet finster einen unförmigen, vernarbten Golem, der einen vollbeladenen Holzkarren hinter sich herzieht. Ein Schwarm Fliegen surrt gierig über dem Karren. Angeekelt wendet der Krieger sich ab und stößt dabei gegen eine Frau, die gerade hinter ihm vorbeigeht. Ihr blasses Gesicht wird von zwei gekreuzten Lederbändern zusammengehalten. Sie zischt ihn unfreundlich an. "Pass doch auf, du Dummkopf!" Unauffällig legt sie ihm dabei einen kleinen, zusammengefalteten Zettel in die Hand. Der Untote faltet den Zettel auseinander, liest ihn und faltet ihn sorgfältig wieder zusammen.
Eine alte Heilerin kniet neben dem Lager eines Patienten und begutachtet mit sorgenvoller Miene eine große Brandwunde an seiner Schulter. Ein Krieger beugt sich zu ihr hinunter. "Hier, probiert das einmal aus, das wirkt Wunder bei Verbrennungen." Er reicht ihr eine kleine Flasche mit orangefarbener Flüssigkeit und einen Zettel.
Ein mit einer abgewetzten Priesterrobe bekleideter Untoter sitzt am Feuer und schaukelt mit dem Oberkörper leicht vor und zurück. Sein Blick ist in weite Ferne entrückt und er summt leise eine Hymne. Eine Heilerin legt ihm eine Decke über die Schultern und lässt einen gefalteten Zettel in seinen Schoß fallen.
Eine schlanke Frau mit strubbeligen schwarzen Haaren sitzt im Schatten eines Gebüschs im Schneidersitz und schärft einen Dolch. Ein Priester nähert sich ihr zögernd und vorsichtig von hinten. Ohne den Kopf zu wenden oder die Augen zu heben, spricht die Untote ihn an.
"Arvael, ich rieche und höre dich seit fünf Minuten. Zwing mich nicht dazu, dir weh zu tun. Was willst du?" Der Priester wirft der Frau einen ängstlichen Blick zu und lässt wortlos einen zusammengefalteten Zettel neben ihr in den Staub fallen.
Unter den strengen Augen eines Aufsehers säubert Grisande die Lederriemen eines Katapults. Sie denkt an das, was die alte Priesterin ihnen immer wieder predigt. "Ihr müsst seine Stimme ausblenden. Haltet euch an etwas fest, dass euch an euch selbst erinnert, das macht es etwas leichter. Ihr könnt das üben. Es klappt mit der Zeit immer besser, ihr werdet sehen."
"Was mich an mich selbst erinnert." Die Worte hallen in ihrem Kopf wie ein Echo.
Sie denkt daran, wie sie als junges Mädchen davon träumte, später einmal eine große Magierin zu werden. Wie naiv sie gewesen war. Und doch ist der Gedanke an ihre verstaubten alten Lehrbücher tröstlich. Sie denkt an die hohen Silberblattbüsche, die das Hoftor umrankten. Und daran, wie die Soldaten der Geißel über die hinabgefallenen blauen Blüten getrampelt waren.
Brennende Wut steigt in ihr hoch und entlädt sich in einen Feuerschlag, der ihren Putzlappen in Brand steckt. Erschrocken lässt sie den Lappen auf den Boden fallen und tritt das Feuer aus.
Die schlanke Untote, die neben ihr arbeitet, hebt den Lappen auf und gibt ihn ihr zurück, zusammen mit einem zusammengefalteten Zettel.
Als der Aufseher am anderen Ende der Reihe angelangt ist, faltet Grisande den Zettel auseinander. Es steht nur ein einziges Wort darauf.
NEUMOND
Aufgeregt faltet sie den Zettel wieder zusammen.
Beim nächsten Neumond also. Das sind nur noch ein paar Tage. Hoffnung steigt in ihr auf und ihr Mund verzieht sich zu einem Lächeln. Die Frau neben ihr stößt ihr den Ellenbogen in die Rippen und flüstert "Lass dir nichts anmerken!"
Die beiden Untoten wenden sich wieder ihrer Arbeit zu, sorgsam darauf bedacht, den Aufseher nicht misstrauisch werden zu lassen.
Grisande läuft über das Kürbisfeld ihrer Eltern. Auf dem Feld verstreut wachsen Silberblattbüsche, die blauen Blüten liegen auf dem Boden. Die reifen Kürbisse sind mit Raureif überzogen. Sie zittert. Wieso ist es so kalt?
Dunkelheit senkt sich über das Feld.
Die Kürbisse sind verschwunden. Stattdessen breitet sich eine Eisfläche unter Grisande aus. Kaltes blaues Eis, bedeckt von blauen Blumen.
Sie rutscht auf dem glatten Eis aus und schlägt hart auf dem Boden auf. Etwas Warmes läuft über ihre Wange und gefriert auf dem Eis. Sie möchte schlafen, hinabtauchen in das dunkle Eis. Aber eine durchdringende Stimme zerrt an ihrem Bewusstsein, kalt, befehlend.
Die Stimme ruft sie, zieht an ihr. Dringt in ihren Kopf ein, in ihre Gedanken, erfüllt sie mit kalter Angst.
Sie versucht sich zu konzentrieren, sich auf das zu fokussieren, was sie gelernt hat, doch die Stimme klirrt kalt in ihrem Kopf, versucht in jeden Winkel zu dringen. Sie zittert vor Kälte. Ein von magischem Feuer erleuchteter Citrin taucht vor ihrem inneren Auge auf und sie hält sich an dem Bild fest.
Blaue Blüten wehen über das Eis. Sie kommen ihr bekannt vor aber ihr fällt der Name nicht mehr ein. Sie streckt ihre Hand aus und greift nach einer der Blüten. Die Blüte ist wichtig aber sie weiß nicht mehr, warum. Blasse, kalte Finger schließen sich um die Blüte. Ist das ihre Hand?
Die Stimme befielt ihr, aufzustehen. Eisig. Unnachgiebig. Die Stimme duldet keinen Widerspruch.
Langsam richtet sie sich auf. Ihre Glieder fühlen sich seltsam steif an. In ihrem Kopf dröhnt die Stimme, laut und allumfassend, alles andere verdrängend.
Grisande hebt den Kopf und schaut sich um. Sie steht auf dem Innenhof einer kleinen Farm. Einige Gebäude brennen. Soldaten laufen herum und durchsuchen die Gebäude. Sie steckt die Blüte in ihre Gürteltasche.
Vor der Wand des Hauptgebäudes liegt der verkohlte Körper eines riesenhaften Dieners. Sein Leib bedeckt den Eingang zu einem alten Sturmkeller. Einige Soldaten versuchen, den Körper wegzuziehen. Eine Erinnerung durchzuckt sie, schmerzhaft und hell.
"Nein!" mit einer rauen Stimme, die sie nicht kennt, herrscht sie die Soldaten an. "Hier gibt es nichts mehr zu holen."
Die Soldaten murren, doch sie wenden sich von dem toten Diener ab. Einige Meter von dem Körper entfernt liegt ein alter Stab mit einem erloschenen Citrin. Grisande hebt den Stab auf. Ein Funke beginnt im Inneren des Steins zu glimmen.
Dann hört sie den Befehl zum Abmarsch. Die Soldaten verlassen den Hof, folgen einem Lich zurück zum Hauptteil der großen Armee. Grisande schließt sich ihnen an. Langsam durchschreitet sie das Hoftor, ohne einen Blick zurück. Sie darf nicht vergessen. Aber was ist es, an dass sie sich erinnern muss?
Zeit vergeht und scheint gleichzeitig stillzustehen. Die Armee der Geißel marschiert weiter durch Lordaeron und Grisande wird von der Stimme mitgezogen. Menschen brüllen ihr hasserfüllte Worte entgegen. Sie hört ihre verzweifelten, angsterfüllten Schreie, doch der eisige Griff um ihre Seele läßt keine Regung zu. Sie sieht die Menschen fallen und mit leerem Blick wieder aufstehen.
Ihre Vergangenheit ist im Eis versunken, ihr Dasein und ihre Zukunft gehören der Stimme. Zeit hat keine Bedeutung mehr. Die Stimme ist die einzige Konstante, wie ein eisigblauer Leuchtturm im grauen Nebel. Ein Sog ins Nichts und zugleich der einzige Daseinsgrund.
Manchmal gelingt es ihr, sich eine Weile vor der Stimme zu verstecken, in der verblassten Erinnerung an einen Ort, den sie einmal sehr geliebt hat. Ein Ort, der nach altem Leder und verstaubtem Pergament riecht, der vom seltsamen, violetten Leuchten der arkanen Lampen erhellt wird, ein Ort, an dem nur manchmal das verwunderte Blöken eines Schafs die konzentrierte Stille durchschneidet. Dort, und nur dort, lässt sie zu, dass der glühende Wille nach Freiheit sie durchströmt. Der Wille, sich vom Joch der Stimme zu befreien hält ihre Seele lebendig und schützt sie gegen die alles durchdringende Kälte. Zumindest einen Moment lang, bevor die Stimme sie findet und zurück in die kalte graue Leere zieht.
Bis eines Abends etwas Ungewöhnliches passiert.
Grisande sitzt an einem kleinen Lagerfeuer und wärmt ihre Hände. Das blaue Kleid ist zerrissen und hängt in Fetzen um ihre Schultern. An einigen Stellen ihres Körpers sind die nackten Knochen zu sehen. Ihre früher hellblonden Haare hängen stumpf und strähnig in ihr bleiches eingefallenes Gesicht.
Ihr gegenüber sitzt eine Frau mit struppigen dunklen Haaren, die damit beschäftigt ist, einen Dolch sehr langsam und sehr sorgfältig zu schärfen. Ein violettes Leuchten umspielt die Spitze des Dolchs. Die Frau trägt eine alte, abgewetzte Stoffrüstung, aus der ihre Ellenbogen bleich und knochig hervorschauen. In den Saum ihres Kleides sind einige dämonische Runen eingestickt. Zu ihren Füßen hockt ein mürrisch wirkender Wichtel, der gelangweilt ins Feuer starrt.
Neben ihr sitzt ein Mann am Feuer, der in einen alten grünen Umhang gehüllt ist und leise immer wieder eine Hymne vor sich hinsummt. Seine linke Hand klammert sich an einen alten Priesterstab.
Plötzlich geht ein unruhiges, verwirrtes Murren durch die lagernde Armee. Hektische Rufe der Leutnants werden mit zornigen Befehlen des Lichs, der lautlos durch die Reihen gleitet, beantwortet.
Grisande hebt den Kopf und blickt in die wachsamen Augen der Hexe. Diese macht eine warnende Handbewegung, dann wird ihr Blick leer und sie starrt mit hängendem Kiefer ins Feuer. Grisande und der Mann machen es ebenso, als der Lich mit prüfendem Blick hinter ihnen vorbeigleitet.
Als er sich entfernt hat, zischt die Hexe leise "Merkt ihr etwas?"
Der Priester schüttelt ungläubig lächelnd seinen Kopf. "Ich höre die Stimme nicht mehr!"
"Ganz genau."
Grisande flüstert erstaunt "Seine Kraft scheint nachzulassen?"
Der Priester lacht aufgeregt "Wenn das wahr wäre! Wenn ich zurück in mein Dorf könnte. Zurück in meine Kirche. Ach, was für eine Freude!"
Grisande wirft der Hexe einen Blick zu, die ihre Augen verdreht und mit ihrem knochigen Zeigefinger eine kreisende Bewegung an der Stirn macht. Sie runzelt die Stirn. "Tja also, zurück können wir sicher nicht mehr."
"Was? Natürlich können wir das! Wir könnten wieder unser altes Leben führen!" Der Priester flüstert in beschwörendem Ton auf die beiden Frauen ein.
Grisande seufzt. "Wann hast du das letzte Mal in einen Spiegel geguckt, Arvael?"
"Was meinst du damit? Warum sollte ich? Ich weiß, wie ich aussehe. Nun ja, meine Haare könnten mal einen Kamm vertragen aber so etwas gibt es hier ja nicht." Irritiert starrt er Grisande aus gelb leuchtenden Augen an. Ein Stück seines Unterkiefers fehlt und man sieht eine Reihe schwärzlicher Backenzähne.
"Sie meint damit, dass wir tot sind, Arvael. Es gibt kein Zurück für uns. Finde dich endlich damit ab!"
"Komm schon, sieh es positiv. Die Wahrscheinlichkeit zu Ertrinken, wenn mal wieder dein Levitationszauber versagt, ist dramatisch gesunken." Grisande grinst den Priester an, der sie fassungslos anstarrt.
"Aber, aber wenn ich nicht zurück kann ... dann macht es doch keinen Sinn, sich zu wehren." Leise beginnt der Priester wieder damit, seine Hymne zu summen, bricht jedoch nach kurzer Zeit ab. Er starrt mit leerem Blick ins Feuer und sein Oberkörper schaukelt leicht vor und zurück.
Die Hexe zuckt gleichgültig mit ihren knochigen Schultern. Doch dann beginnen ihre Augen gelb zu leuchten und sie zischt zornig."Wenn ich hier je rauskomme, werde ich Kirschgrog saufen, bis er mir zwischen den Rippen wieder herausfließt. Und danach töte ich diesen Lich und wenn es das Letzte ist, was ich tue."
Grisande lächelt grimmig. "Ich bin dabei."
Dann setzt die Stimme wieder ein, wie ein eisiger, wütender Wind, der durch das Lager weht.
Doch noch ein anderes Geräusch dringt an Grisandes Ohr, bevor sie sich wieder in ihre Studierstube zurückversetzt. Ein leiser, fast unhörbarer Gesang in einer alten Sprache, die sie schon einmal gehört hat, vor langer Zeit. Ist das Thalassisch?
"Hast du das gehört?" Grisande blickt der Hexe in die Augen, die ihren Blick prüfend erwidert und dann fast unmerklich nickt, bevor sie sich wieder ihrem Dolch zuwendet.
Etwas scheint geschehen zu sein, denn in den nächsten Wochen wiederholen sich diese Momente, in denen der Bann der Stimme für kurze Zeit nachlässt. Die immerwährende eisige Umklammerung beginnt ihren Griff zu lockern. Gerüchte verbreiten sich unter den untoten Sklaven der Geißel. Gerüchte über Untote, denen es gelungen ist, der Macht der eisigen Stimme zu entkommen. Gerüchte über eine dunkle Fürstin, eine Banshee, die diesen Untoten eine Zuflucht bietet.
Und schließlich fassen Grisande und einige andere den Plan, zu fliehen.
Der untersetzte Junge rennt so schnell er kann den kleinen Hügel zur alten Kirche hinauf. Oben angekommen stützt er kurz die Hände auf die Knie, um zu Atem zu kommen. Dann brüllt er "Nathaniel! Sie kommen!"
Ein Zwerg mit kurzgeschorenen grauen Haaren tritt aus dem kleinen Vorraum am Kirchturm. Er trägt eine alte, an vielen Stellen stumpf gewordene Rüstung mit den Insignien eines Paladins. Sein Gesicht ist blass und ernst.
"Gravin, Junge! Von wo kommen Sie?"
"Von überall her" schluchzt der keuchende Junge "Sie haben das Dorf überrannt und sind schon fast am alten Pfad. Die Glocke! Ich muss die Glocke läuten! Wir müssen die anderen warnen!"
Der alte Mann blickt den Jungen ernst an. "Lauf nach Hause zu deiner Familie, Gravin. Ich werde die Glocke läuten."
"Aber ich ..."
"Geh Gravin. Lauf so schnell du kannst. Möge das Licht dich und deine Familie schützen."
Gravin wischt sich mit einer Hand die Tränen aus dem Gesicht und nickt. "Euch auch, Nathaniel!"
Dann rennt er den Hügel wieder hinab, in Richtung einer kleinen Farm im Nordosten. Als der Junge am Fuß des Hügels angekommen ist, hört er das helle Läuten der Glocken der alten Kirche. Kurz drauf antworten andere Glocken weiter im Norden und Osten. Ein Kriegshorn ertönt und das Leuchtfeuer des nördlichen Wachturms erscheint am dunkler werdenden Horizont.
Arwaron Silberblatt steht in Hemdsärmeln im Innenhof seines Gehöfts und gibt mit ruhiger Stimme Anweisungen. An der Spitze des alten Eichenstabs, auf den er sich stützt, glänzt ein großer, von hellen Flammen umloderter Aquamarin.
Das große Hoftor wird von den leuchtend blauen Blüten umrankt, die seiner Familie einst ihren Namen gaben. Jetzt fallen große Ranken herunter, als die Knechte die beiden starken Holztüren zuschieben, die seit Jahren nicht bewegt wurden. Der Boden vor dem Tor ist übersät mit den blauen Blütenblättern, die vom aufkommenden Wind über den ganzen Hof verteilt werden.
Durch die geöffnete Küchentür sieht er seine Frau Keryna, die aus einem großen Kessel eine hellblaue Flüssigkeit in kleine Fläschchen abfüllt. Sie schaut hoch und ihre Blicke treffen sich. Keryna nickt ihm ernst zu, dann lächelt sie aufmunternd.
Arwaron weiß, dass sie noch nie vor einem Kampf zurückgeschreckt ist und es auch dieses Mal nicht tun wird. Nicht mal wenn es so aussichtslos ist wie jetzt.
Beide haben dem König viele Jahre als Kampfmagier treu gedient. In vielen Schlachten standen sie Rücken an Rücken und haben gelernt, sich blind zu vertrauen.
Sie wollten sich auf diesem Hof zur Ruhe setzen, sich der Erziehung ihrer beiden Kinder widmen und Kürbisse züchten. Sie wollten ihre Enkel aufwachsen sehen.
Arwaron blinzelt, als eine Träne seine Wange herunterläuft.
Im Stall versucht Grisande die Pferde zu beruhigen, die mit angstvoll aufgerissenen Augen nervös hin- und hertänzeln. Sie trägt das blaue Kleid, das ihre Mutter ihr für die Aufnahmeprüfung in Dalaran genäht hat. An ihrem Gürtel hängt ein kurzes Schwert und ein dünnes, in Leder eingeschlagenes Buch.
Nächsten Monat hätte sie zur Stadt der Magier reisen sollen, um endlich offiziell ihre Ausbildung zu beginnen. Sie ist sicher, dass sie die Prüfung bestanden hätte. Sie ist sicher, dass sie zur Magierin geboren ist.
Aber jetzt ist nichts mehr sicher. Ihre Zukunft endet am Tor zu diesem Hof, endet mit dem Läuten der Glocken, endet mit dem Grauen, das immer näher kommt und das Land und die Menschen vernichtet.
Mit finsterem Blick krault Grisande ein letztes Mal die Schulter ihres Pferdes und tritt dann auf den Hof hinaus. Sie sieht ihren Bruder Gravin durch das halb geschlossene Tor schlüpfen.
Ihre Mutter steht im Hof neben ihrem Vater in ihrer alten Kampfrüstung. An dem Stab in ihrer Hand funkelt ein Citrin. "Schließt die Tore!"
Die Knechte ziehen die schweren Holztüren zu und verschließen sie mit einem großen Querbalken.
"Geht in den Sturmkeller! Auch du Gravin!" Keryna zeigt auf die hochgeklappten Türen des Sturmkellers, der unter das Haus führt. Der Junge schüttelt den Kopf.
"Nein, ich will mit euch kämpfen, wie Grisande! Ich kann euch heilen! Nathaniel hat es mir gezeigt."
Sein Vater schüttelt ernst den Kopf. "Tu, was deine Mutter sagt, Junge."
Widerwillig steigt Gravin die Stufen des Sturmkellers hinab, wo bereits die Magd mit ihrem kleinen Sohn und ein alter Knecht hocken. Die beiden Knechte, die das Tor geschlossen haben, folgen ihm. Keryna schlägt die Tür des Kellers hinter ihnen zu und verschließt sie.
Arwaron zeichnet mit dem unteren Ende seines Stabs ein großes Symbol in den Boden und ruft seine Frau und seine Tochter.
"Kommt in den Kreis!" Die drei Magier stellen sich auf das Symbol, das kurz aufleuchtet.
"Denk an das, was du gelernt hast, Tochter."
Grisande nickt.
"Und auch an das, was Nathaniel gesagt hat."
Die junge Magierin schaudert. Die Leichen der Toten müssen verbrannt werden, hatte der alte Paladin gesagt. Sonst geschieht etwas, das schrecklicher ist als der Tod.
Das Läuten der Glocken ist verstummt. Dunkelheit senkt sich über den kleinen Hof.
Vielleicht, hofft Grisande, ziehen sie einfach vorbei und bemerken uns gar nicht. Doch dann hört sie von Süden her ein dumpfes Grollen aufziehen, wie ein fernes Gewitter. Der Boden beginnt zu beben unter den Stiefeln der riesigen Armee, unter den Rädern Dutzender schwerer Kriegsmaschinen, unter den Hufen der untoten Pferde, von deren Rücken aus die Befehlshaber der Geißel den unheiligen Marsch überwachen.
Der Lich Thir'Kazon sieht eine kleine Farm nördlich des Weges liegen und gibt seinen Leuten ein Zeichen. Seine Einheit schwenkt nach Norden und marschiert auf das Gehöft zu.
Als sie das Tor durchbrechen, sieht er drei Menschen in der Mitte des Innenhofes stehen. Eine zornige Stimme schreit "Zurück ins Grab mit euch, ihr Bestien!"
Eine Feuersäule steigt auf und verbrennt einige seiner Soldaten. Einige Feuerbälle schlagen dicht neben ihm ein und ein riesiger Pyroschlag zieht eine Schneise durch seine Leute.
Einen Moment lang fühlt der Lich so etwas wie Erstaunen über die Vehemenz, mit der die drei Menschen sich gegen das unausweichliche Ende zur Wehr setzen.
Dann gibt er einer riesenhaften Monstrosität ein Zeichen. Das Ungetüm stürmt nach vorne, ergreift einen der Menschen und schleudert ihn in hohem Bogen durch die Luft. Er fällt neben der Hauswand auf den Boden, wo er leblos liegen bleibt.
Einer der verbleibenden Menschen stößt ein verzweifeltes Brüllen aus und setzt die Leiche mit einem Feuerball in Brand. Als die Monstrosität sich umdreht und den nächsten Menschen packt, lässt dieser eine Feuersäule unter sich aufsteigen und die Kreatur geht zusammen mit dem Menschen in Flammen auf.
Thir'Kazon schüttelt den Kopf. So viel Eifer. Damit hätte er etwas anfangen können. Was für eine Verschwendung, dass die Leichen verbrannt waren.
Er wendet sich dem dritten Menschen zu. Mit gezogenem Schwert, in der anderen Hand einen kurzen Zauberstab, starrt das Wesen ihn hasserfüllt an.
Die Augen des Lichs beginnen blau zu leuchten und ein Grinsen scheint seinen Schädel zu verzerren. Er hebt den rechten Arm und ein mächtiger Frostblitz streckt die Gestalt nieder, die reglos liegen bleibt.
Das Schwert rollt aus der leblosen Hand und der Wind treibt einige leuchtend blaue Blüten über den toten Körper.
Einer dieser Classic Momente: Ein Mob läßt ein grünes Schwert mit passenden Stats fallen. Ungläubiges Staunen und Freude. Aber wieso kann ich es nicht anlegen? Ahrgs, noch nicht bei Archi gewesen!
Hach, ich freu mich auf diese ganzen Kleinigkeiten, an die es dann wieder zu denken gibt und die das Spiel komplexer und diesen kleinen, entscheidenden Tacken glaubwürdiger machen. Endlich macht die Spielwelt von 1-60 wieder Sinn und ist nicht nur vorbeirauschende Kulisse für die ersten 5 Spielstunden.
Ich bin sehr, sehr gespannt auf das neue Classic und ich hoffe bei Elune, dass es gut wird.
Auf dem verschneiten Weg hinauf zu den Toren von Eisenschmiede stauen sich die Lastkarren. Ein alter Jäger, auf dessen Holzkarren einige frisch geschossene Klippeneber liegen, unterhält sich gut gelaunt mit einer Bierbrauerin, die vor ihm in der Schlange wartet.
In den Straßen der alten Zwergenstadt herrscht rege Betriebsamkeit. Aus den umliegenden Dörfern treffen nach und nach die Lieferanten für das bevorstehende Winterhauchfest ein. Verwandte und Freunde, die sich lange nicht gesehen haben, begrüßen sich überschwänglich. Im Militärviertel werden lange Tischreihen für ein großes Bankett aufgebaut. Alle Balkone sind mit festlichen Girlanden und Lichterketten geschmückt. In den Werkstätten werden Geschenke gebastelt und geschraubt, verzaubert und bunt verpackt.
Aus der Ingenieurwerkstatt von Bryn Steinschild schallt fröhliches Lachen. Bryn und ihre Gehilfin Arlyn Schwarzbach legen letzte Hand an eine Reihe mechanischer Yetis und reichen sie dann zum Testen an Arlyns kleine Schwester Gretie weiter. Die kleine Worgin trägt stolz eine Ingenieursbrille mit grünen Gläsern und eine Schürze auf der "Kwalitetskontrole" steht. Um sie herum marschieren surrend einige der fertigen Spielzeuge.
Da flitzt ein dunkler Schatten zur Tür hinein und stürzt sich auf das Mädchen, die durch den Schwung umgestoßen wird und auf einen Haufen Yetifelle plumpst. "Azira!" Lachend legt sie die Arme um das aufgeregte Marsuul und krault es hinter den Ohren.
Das lächelnde Gesicht der Waldläuferin Rhanoriel taucht im Türrahmen auf. Ihre leuchtend blauen Haare sind unter einer roten Winterhauchmütze versteckt, an der ein kleiner Mistelzweig steckt. "Fröhliches Winterhauchfest, ihr Lieben! Die Wachen sagen, sie müssen bald hier sein. Beeilt euch, wir treffen uns dann mit Noxa an der Steinfeuertaverne."
"Endlich, das wurde aber auch Zeit!" Bryn fährt sich nervös durch ihre Haare. "Wie sehe ich aus?" Arlyn nimmt einen Lappen und reibt der Zwergin einen kleinen Ölfleck von der Stirn. "Perfekt!" Dann eilen sie hinaus in Richtung des Bankenviertels, wo sich die Taverne befindet. Überall treten die Bewohner Eisenschmiedes aus ihren Häusern auf die Straßen und schauen gespannt nach oben. Ein aufgeregter Ruf ertönt "Dort! Ach nein, das ist nur eine Wache." Vor der Taverne treffen sie Rhanoriel und die Gnomin Noxa, die einen Beutel Zuckerstangen herumreicht und aufgeregt von einem Fuß auf den anderen hüpft. "Hach! Die Parade der Heimkehrenden ist doch das allerschönste an Winterhauch! Und das Essen natürlich!"
Derweil ist der alte Jäger mit seinem Karren schon fast zu den Toren von Eisenschmiede aufgerückt als er den Ruf eines Gebirgsjägers hört. "Sie kommen! Sie sind da!" Wie ein Lauffeuer wird der Ruf weitergetragen, bis hinein in die Stadt. Er dreht sich auf seinem Karren um und schaut nach oben. Noch in weiter Ferne, doch für seine scharfen Augen gut zu erkennen, nähern sich mehrere große Formationen von Greifenreitern und Flugmaschinen der Stadt. Aus ganz Azeroth, Nordend, den Verheerten Inseln, aus Pandaria und Kul Tiras kommen Zwerge, Gnome, Nachtelfen, Worgen um das Winterhauchfest im Kreis ihrer Freunde und Verwandten in Eisenschmiede zu verbringen. Unterwegs schließen sie sich wie Zugvögel zu Verbänden zusammen um dann schließlich gemeinsam in Eisenschmiede eine Ehrenrunde durch die Stadt zu fliegen.
Jubel bricht aus, als die Heimkehrenden näher kommen und hintereinander durch die Tore von Eisenschmiede in die Stadt fliegen. Taschentücher werden gezückt, um zu winken oder sich die Tränen zu trocknen, Mützen und Helme werden geschmissen und von einer über der Bankenhalle kreisenden Flugmaschine feuert eine Ingenieurin eine Konfettikanone ab.
Die Barbierin Pella hat vor ihrem Salon ein Fass mit Eierpunsch für ihre Kundschaft aufgebaut. Eine junge Lagerarbeiterin mit hoch aufgetürmten rosafarbenen Haaren und einer vom Punsch geröteten Nase stößt einen Schrei aus. "Da ist Kiruni!" Sie winkt freudig und eine rothaarige Zwergin auf einem kräftigen Wildhammergreif erwidert lachend ihren Gruß.
Vor der Steinfeuertaverne späht Bryn nervös in die Höhe. Rhanoriel legt ihr eine Hand auf die Schulter und zeigt nach oben. "Dort!" Erleichtert lacht die Zwergin auf und reißt jubelnd die Arme hoch "Whoo-hoo!" Rosmelda, die nach der spektakulär fehlgeschlagenen Aktion in Tirsfal in den Un'Goro Krater versetzt wurde, strahlt und wirft ihr eine Kusshand zu. Rhanoriel, Noxa und Arlyn werfen lachend ihre Winterhauchmützen in die Luft.
Später beim Bankett sitzen die Freundinnen zusammen, erzählen, lachen, essen und trinken. Sie erinnern sich an die schlimmen Ereignisse des zu Ende gehenden Jahres, doch auch an die Hoffnung und die neuen Freundschaften, die daraus entstanden sind. Zusammen schmieden sie Pläne für neue Abenteuer und stoßen miteinander auf die Zukunft an.
Der Vollmond scheint hell über den Ruinen von Lordaeron. Das alte Gemäuer ist erfüllt von Kampfeslärm als die Armeen der Kriegsfürstin erbittert jeden Meter ihrer Stadt gegen die angreifende Streitmacht der Allianz verteidigen.
Ein wenig abseits der großen Schlacht hocken einige Gestalten im Schatten einer halb zerfallenen Steinwand. Eine grimmige Zwergenkriegerin, deren dunkle Rüstung die Spuren vieler Kämpfe trägt, Schild und Axt kampfbereit gezückt. Eine schlanke Leerenelfe in der Kleidung einer Waldläuferin, deren wachsamen Augen und Ohren nichts entgeht. Im Schatten neben ihr liegt eine große Raubkatze und auf ihren Schultern hockt ein Marsuul. Eine ängstlich aussehende Gnomin in einem dunklen Kleid. Aus ihrer Umhängetasche gucken die Ohren eines schwefelgelben Wichtels heraus. In der Hand hält sie einen Besenstiel, an dessen Spitze eine rosa Glasscherbe festgebunden ist. Eine untersetzte Zwergenschamanin, an deren Werkzeuggürtel Totems in unterschiedlichen Größen hängen und die interessiert die alten Mauern betrachtet. Sie alle scheinen auf etwas zu warten.
Endlich löst sich ein worgenförmiger Schatten aus der Dunkelheit vor ihnen und knurrt "Die Luft ist rein, kommt schnell." Kurz erleuchtet der Mond einen klebrigen grünen Schimmer auf den Dolchen der Schurkin. Sie folgen ihr leise in den nächsten Raum.
An eine Wand gelehnt steht ein riesiger Ork und scheint zu schlafen. "Beeilt euch!" flüstert die Worgin "Der wacht bald wieder auf." Sie schleichen vorsichtig in Richtung einer gegenüberliegenden Maueröffnung als aus einer Tür an der linken Seite der Wand plötzlich die Stimmen einiger Wachen zu hören sind. "He, was war das für ein Geräusch!" Die Gestalt eines großen Kriegers erscheint im Türrahmen.
Die Gefährtinnen erstarren. Noxa, die Gnomin, schließt fest die Augen. Rhanoriel zieht lautlos einen Pfeil aus ihrem Köcher. Makali, die Panthara und Azira, das Marsuul setzen zum Sprung an. Rosmelda packt ihren Schild fester und geht in Angriffshaltung. Kiruni streckt ihre Hand aus und einige der lose auf dem Boden liegenden Steine beginnen zu schweben und sich im Kreis um Rosmelda zu drehen.
Arlyn zischt leise "Dafür haben wir keine Zeit!" Sie schnappt sich einen der schwebenden Steine und wirft ihn ans andere Ende des Raumes, wo er einen alten Eisenhelm scheppernd trifft. Der Krieger und zwei weitere Orks rennen in Richtung der Ablenkung während die Gruppe weiter hastet, immer tiefer hinein in die Ruinen der alten Königsstadt.
Von weitem sehen sie, wie eine große Truppe von Allianzkämpfern von einem riesigen grauhaarigen Ork in Schach gehalten wird. "Sollten wir denen nicht helfen?" fragt Kiruni zweifelnd. "Nein, die kommen schon klar. Zwanzig gegen einen sollte doch wohl reichen." erwidert Rosmelda. "Wir haben unsere eigene Mission."
Die beiden Zwerginnen sind kurz stehen geblieben. Ohne dies zu bemerken, gehen die anderen weiter. Im nächsten Raum ist die Decke weggebrochen und im Sternenlicht ist eine kleine, glitzernde Figur zu erkennen, die in der Mitte des Raumes auf dem Boden liegt.
"Oh, wie hübsch, schaut mal." Noxa geht neugierig näher. "Nein, bleib da weg!" zischt Arlyn, doch zu spät. Mit einem scharfen metallischen Klicken löst eine Eisfalle aus und überzieht die Gnomin mit einer dicken Schicht aus bläulichem Eis.
Der Mond tritt hinter einer Wolke hervor und beleuchtet die hintere Hälfte des Raumes. Eine Untote und ein Goblin, die sich dort gestärkt haben, springen auf und werfen ihre halb aufgegessenen Manabrötchen weg. Die Untote trägt eine kostbar aussehende Robe. Durch eine Öffnung im Kleid ist ein fleischloser Oberschenkelknochen zu sehen. In der knochigen Hand hält sie einen kunstvoll gearbeiteten Holzstab, an dessen Spitze ein leuchtender purpurfarbener Stein eingelassen ist. Die leeren Augenhöhlen im Kopf der Untoten sind von einem violetten Leuchten erfüllt und ihr skelettierter Mund öffnet sich zu einem furchterregenden, schrillen Schrei. Rhanoriel und Arlyn halten sich die entsetzt die Ohren zu, Makali sträubt sich das Fell und Azira erstarrt, zitternd vor Angst.
Der Goblin verzieht das Gesicht zu einem breiten Grinsen und greift zu seinem Gewehr. Er brüllt ein Kommando und feuert eine Salve Schüsse auf Arlyn und Rhanoriel ab. Unter der Eisschicht gefangen sieht Noxa mit an wie ein riesiger mechanischer Wolf an ihr vorbei auf Arlyn zu springt. Die rasiermesserscharfen Zähne schnappen jedoch ins Leere. Dichter Rauch zischt aus einer kleinen Eisenkugel, die dort liegt, wo Arlyn eben noch stand.
Rhanoriel ist mit einem akrobatischen Rückwärtssalto aus der Schusslinie gesprungen. Auf einen Ruf von ihr stürzen sich Makali und Azira auf den Goblin, während sie einen Pfeil mit einer grünlich schimmernden Spitze aus ihrem Köcher zieht.
Wie ein Schatten taucht Arlyn hinter der Untoten auf, die sich mit einer schnellen Handbewegung in eine golden funkelnde Blase hüllt. Arlyns Dolche scheinen an dem schimmernden Schutzschild abzuprallen.
Die Untote stößt ein wildes Kreischen aus. Dunkellila Nebel steigt aus dem Boden hoch und umwabert sie, Schatten umgeben ihre dürre Gestalt. Mit hasserfülltem Gesicht schreibt sie dunkle Zeichen in die Luft. Obwohl ihre knochigen Finger nur Luft berühren klingt es, ob sie mit ihren Nägeln langsam über eine Schiefertafel kratzt.
Noxa fühlt, wie die Schattenworte ihr eisiges Gefängnis durchdringen. Ein stechender Schmerz trifft ihren Bauch. Sie sieht, wie das mechanische Biest des Goblins seinen Kiefer wie einen Schraubstock um den Unterschenkel von Arlyn legt. Die Untote schreibt weitere Schattenzeichen in die Luft und das sonst so gelassene Gesicht von Rhanoriel verzerrt sich vor Schmerz. Noxa will schreien, doch unter der Eiskruste bekommt sie keinen Ton heraus. Verzweifelt sieht sie, wie die Untote einen weiteren ihrer fruchtbaren Schreie ausstößt und Makali und Azira panisch einige Meter davonlaufen.
Das gehässige Lachen der Untoten schallt durch die zerfallenen Mauern der alten Stadt. Unter den Schattenworten der Priesterin windet sich Noxa in der Eisfalle. Schmerz glüht in ihren Adern und durchzieht ihren ganzen Körper. Schließlich gibt die Eiskruste nach und bricht in großen Stücken von ihr ab.
Hilfesuchend sieht sich die Gnomin nach ihren Gefährtinnen um. Rhanoriel versucht mit zitternden Fingern einen Pfeil anzulegen, das hellblaue Licht in ihren Augen stumpf vor Schmerz. Die Worgin sticht mit gefletschten Zähnen weiter auf den Schutzschild der Schattenpriesterin ein während der mechanische Wolf an ihrem Unterschenkel hängt und versucht, sie von der Untoten wegzuziehen.
Keuchend und mit zitternden Fingern öffnet Noxa ihre Umhängetasche. „Komm schon, Aznik, tu endlich was!“ Sie zerrt den Wichtel an den Ohren aus der Tasche heraus, der sofort versucht, wieder hineinzuklettern. „Das ... das steht nicht in meinem Vertrag! §42a besagt, dass im Falle einer aussichtslosen Selbstmordmission durch den Vertragsnehmer der Vertragsgeber das Recht hat ...“
Noxa packt den Wichtel am Hals und hält ihn vor ihr Gesicht. „Sehe ich so aus als würde mich das interessieren?“ Ihre Ohren und Nase sind noch blau gefroren. Ihre Augen tränen vor Schmerz und vor Angst aber hinter der Angst beginnt sich etwas Anderes zu regen. Aznik hätte keine 354 Jahre der Zusammenarbeit mit den verschiedensten Meistern überlebt, wenn er diese Art Blick nicht zu deuten gewusst hätte. „Nun, äh, da gibt es natürlich noch §93c, Absatz 3, der besagt ...“
„Was auch immer. Feuerbälle! JETZT!“ Noxa setzt den Wichtel ab und hebt ihren Besenstiel. Sie versucht sich daran zu erinnern, ob sie eine bestimmte Haltung einnehmen muss. In den Lehrpergamenten des Fernkurses hat das alles so einfach geklungen.
Sie streckt die andere Hand aus und zeigt mit zwei zitternden Fingern auf die Untote.
„Mö...möge d-d-dein Fleisch verderben und d-deine Knochen verrotten.“
Schemenhaft bildet sich eine schwachviolette Rune sich auf dem Steinboden unter ihren Füßen. Noxa holt tief Luft und spricht weiter.
„Mögest du in un...unsäglichen Schmerzen vergehen.“
Weitere Runen erscheinen, werden deutlicher, fangen an violett zu leuchten und bewegen sich über den Boden in Richtung der Untoten. Diese reißt den Kopf herum und starrt Noxa ungläubig an.
Mit festerer Stimme fährt die Gnomin fort: „Möge Gebrechen deine Eingeweide überziehen!“
Die Glasscherbe an der Spitze des Besenstiels zerspringt mit einem leisen Pling in winzige Stücke.
Die Untote schaut einen Moment verwirrt als die Runen sie erreichen. Dann verzerrt sich ihr Gesicht zu einem höhnischen Grinsen. Sie hebt ihren Stab und der Edelstein an der Spitze beginnt zu leuchten. Ein dunkler Strahl löst sich aus der Spitze und trifft Noxas Kopf. Der Strahl scheint an ihr zu ziehen, ihre Gedanken aus ihrem Kopf zu saugen.
Ein kleiner Feuerball setzt den Ärmel der Untoten in Brand. Mit einer Handbewegung erneuert diese ihre schimmernde Schutzblase. Noxa sieht, wie der Goblin sein Gewehr anlegt und auf Aznik zielt, der einen weiteren Feuerball wurfbereit in der Hand hält. Ihr Kopf dröhnt und schmerzt. Schatten scheinen ihre Gedanken zu durchdringen und Hoffnungslosigkeit breitet sich in ihr aus.
Da dringt plötzlich das Donnern von Plattenschuhen auf Steinfliesen an ihre Ohren und sie sieht Rosmelda wie eine wütende gepanzerte Kugel auf die Schattenpriesterin zustürmen. Die Zwergin brüllt aus voller Kehle „HIER spielt die Musik, du hässliches Gerippe!“ Rosmelda legt die letzten Meter mit einem mächtigen Sprung zurück und landet krachend mit ihren Stiefeln auf den knochigen Füßen der Untoten, die wütend aufheult. Der Strahl wird unterbrochen und das Dröhnen in Noxas Kopf lässt nach.
Rosmelda brüllt dem Goblinjäger ebenfalls einige Beleidigungen zu, der daraufhin seinen mechanischen Wolf auf sie hetzt. Aber dessen Zähne können der Plattenrüstung der Kriegerin nichts anhaben. Der Goblin legt an und zielt, die Geschosse prallen jedoch an den Steinen ab, die um die Kriegerin kreisen. Er zischt einen Fluch und zieht eine Stange Dynamit aus seinem Gürtel. Doch bevor er die Lunte in Brand stecken kann, ist ein kurzes Plopp zu hören, als ob ein Korken aus einer Flasche gezogen wird. An der Stelle, wo eben noch der boshaft grinsende Goblin stand, hüpft ein kleiner grüner Frosch quakend umher.
Der mechanische Wolf jault auf, als er seinen Gebieter derartig hilflos sieht und läuft winselnd zu dem verhexten Jäger, der hektisch versucht sich zwischen herumliegenden Steinen vor den großen metallenen Pfoten in Sicherheit zu bringen. Noxa hört Kiruni lachen und fühlt kühlen, wohltuenden Regen auf ihrer Haut. Das Regenwasser scheint die Schmerzen wegzuwaschen und die Luft zu klären.
Noxa atmet tief durch und stellt sich in Position. Auch Rhanoriel und Arlyn greifen die Untote mit erneuerter Kraft an. Mit einem mächtigen Axthieb zerreißt Rosmelda den golden schimmernden Schutzschild der Untoten und bevor diese dazu kommt, den Zauber zu erneuern, wird sie von Rhanoriels Pfeilen getroffen. Als die Schattenpriesterin einen Heilzauber sprechen will, bringt ein Tritt von Arlyn sie aus dem Gleichgewicht und statt des Zaubers entfährt ihr ein wütender Schrei.
Langsam lassen die Kräfte der Untoten nach. Noxa spricht weitere Flüche aus und die violetten Runen laufen über den Steinboden auf die Schattenpriesterin zu, kriechen an ihren Knochen hoch und verteilen sich über ihrem Körper. Als die Untote ein kleines Fläschchen mit einer blauen Flüssigkeit aus der Tasche zieht springt Azira hoch und beißt mit aller Kraft in ihr Handgelenk. Auf Rhanoriels Ruf hin geht Makali der Priesterin an die knochige Kehle. Ihre vor kurzem noch so prächtige Robe ist zerrissen und an einigen Stellen verbrannt. Grünliche Flecken auf ihrem knochigen Körper zeigen die Stellen, an denen das Gift von Arlyns Dolchen eingedrungen ist. Wütend dreht sie sich zu Rosmelda um, die weitere Beleidigungen brüllt. Als die Untote zu einem ihrer furchterregenden Schreie ansetzen will, knallt die Kriegerin ihr den Schild ins Gesicht.
Endlich geht die Schattenpriesterin geschlagen in die Knie. Böse zischt sie „Ihr schafft es niemals zum alten Thronsaal. Die Kriegsfürstin wird euch alle vernichten.“ Rosmelda holt aus und schlägt ihr die flache Seite ihrer Axt an den Schädel. Die Untote bricht bewusstlos zusammen und lässt im Fallen ihren Stab los, der Rhanoriel vor die Füße rollt.
Die Elfe hebt die kostbare Waffe auf und hält sie ins Mondlicht. In dem großen purpurfarbenen Edelstein an der Spitze des Stabes scheinen sich violette Schatten zu bewegen. „Whoa! Ist ... ist das ein echter Seelenstein?“ Noxa staunt ehrfürchtig. Rhanoriel lächelt „Oh ja, das ist einer.“ Sie reicht der Gnomin den Stab. „Der gehört dir, du hast ihn dir verdient.“ Die anderen nicken zustimmend. Ein ungläubiges Grinsen breitet sich in Noxas Gesicht aus und sie greift nach dem kunstvoll geschnitzten Stab. Als er ihre Hand berührt, leuchtet der Seelenstein kurz auf und der Stab scheint etwas zu schrumpfen, bis er genau die richtige Größe für die Gnomin hat. Das purpurne Leuchten des Seelensteins spiegelt sich in ihren Augen wider und sie hebt den Stab lachend in die Luft.
„Ahh … hahaHA!“
Ein Schattenblitz löst sich aus der Spitze des Stabes, prallt an der gegenüberliegenden Mauer ab und schlägt in die Überreste der Decke des Raumes ein. Einige kleine Steine und Staub rieseln auf Kiruni herab. Hustend klopft sie sich den Staub aus dem Kleid und wirft der kichernden Rhanoriel einen strengen Blick zu.
Rosmelda zieht eine alte zerknitterte Karte aus ihrem Umhängebeutel. „Der alte Thronsaal also, hmm.“ Grimmig zeigt sie auf eine Stelle der Karte. „Wie sind hier. Der Thronsaal ist weiter südlich, hier, in der Nähe des Eingangs zur Unterstadt. Das alte Gerippe hatte Recht, es wird nicht leicht werden.“
Nachdem Kiruni ihre Wunden versorgt hat, schleichen die Gefährtinnen vorsichtig weiter hinein in den einst so prächtigen Palast. Der nächste Raum besteht nur aus zerfallenen Mauern, die Decke ist vor langer Zeit komplett eingestürzt. Rhanoriel zeigt auf einen rosa schimmernden Fleck am Himmel, weit entfernt im Norden. „Ist das ein Schiff?“ Rosmelda schaut kurz hoch „Nein, es gibt keine fliegenden Schiffe. Das ist nur eine Wolke. Komm weiter, wir haben schon zu viel Zeit verloren.“ Rhanoriel zuckt die Achseln und verschwindet hinter den anderen in der Dunkelheit der Ruinen.
Je näher die Gruppe dem alten Thronsaal kommt, desto leiser werden die Kampfgeräusche der aufeinanderprallenden Armeen von Horde und Allianz. Eine modrige Finsternis liegt über den verfallenen Räumen. Als ihnen eine Gruppe riesiger Orks entgegenkommt, ducken sie sich auf Arlyns Zeichen hin dicht an eine Wand. Der Schatten der Worgin scheint sich auszubreiten, die anderen einzuhüllen und vor den Augen der vorbeimarschierenden Orks zu verbergen. Noxa beginnt zu zittern und Kiruni bekommt unter ihrer Rüstung eine Gänsehaut als sie beide einen Blick auf die Orks werfen. Die Gesichter der Krieger sind eingefallene Totenschädel und unter ihren Rüstungen schauen nackte Knochen hervor. Als die Gruppe außer Hörweite ist fragt Rhanoriel flüsternd „Habt ihr das gesehen?“ Rosmelda nickt grimmig. „Das waren Untote. Untote Orks. Was für Abscheulichkeiten will sie noch begehen!“
Schließlich erreichen sie den Eingang zum Thronsaal. Von drinnen sind Stimmen zu hören. Arlyn schnüffelt misstrauisch. „Wieso ist hier nicht alles voller Wachen? Und was riecht hier so komisch?“
Rhanoriels scharfe Augen haben eine schlanke Gestalt erfasst, die lässig auf dem prächtigen alten Thron sitzt. „Da ist sie. Ohne Leibgarde!?“
„Das ist zu leicht.“ Rosmelda sieht sich vorsichtig um. „Es müsste hier wimmeln von Wachen.“ Die Kriegerin packt ihr Schild fester und späht in den Raum hinein. „Können deine Pfeile sie von hier aus erreichen, Rhanoriel?“ Die Jägerin nickt in Richtung einiger hoher Steinsäulen, von denen schwere samtene Vorhänge herabhängen.
Leise huschen die Gefährtinnen in den Schatten der breiten Säulen und spähen hinter dem Vorhang auf die Szene, die sich vor ihnen abspielt. Zwei Menschen, ein alter Worg und eine Blutelfe sprechen mit zornigen Stimmen mit der Kriegsfürstin, die sich entspannt auf dem steinernen Thron zurücklehnt.
„Das ist diese Magierin aus Kul Tiras.“ flüstert Rosmelda „Hat seinerzeit in Dalaran viel Unheil angerichtet. Und der junge König Anduin aus Sturmwind.“
„Graumähne!“ knurrt Arlyn leise. „Er sollte ihr an die Kehle gehen, er ist nah genug.“ „Das ist Alleria Windläufer.“ In Rhanoriels Stimme klingt Verehrung mit. Kiruni erwidert leise „Ihre eigene Schwester stellt sich gegen sie. Sylvanas hat keine Chance!“
„Warum greifen sie nicht an?“ fragt Noxa ungeduldig. „Was gibt es denn da so lang zu reden?“
Auf ein Zeichen von Rosmelda legt Rhanoriel einen Pfeil an und zielt.
Da erhebt sich Lady Sylvanas und geht langsam auf den Menschenkönig zu, ein spöttisches Lächeln auf den blassen Lippen.
Der Klang eines Tropfens, der auf dem Steinboden aufschlägt, durchbricht die Stille. Arlyn dreht den Kopf in Richtung des Geräuschs und sieht einen kleinen Fleck auf den Steinfliesen, auf dem eine giftgrüne Flüssigkeit kleine Blasen bildet. Ihr Nackenfell sträubt sich. Sie reißt den Kopf nach oben und blickt auf die Decke des Thronsaals.
„Jetzt!“ zischt Rosmelda. Rhanoriels Pfeil fliegt los, doch im gleichen Moment reißt die Bansheekönigin den Kopf zurück und katapultiert sich einige Meter in die Luft. Der Pfeil fliegt unter ihren Beinen hindurch und prallt an der Steinwand ab. Dunkle Wolken bilden sich unter der Banshee. Sie stößt einen schrillen, markerschütternden Schrei aus, der die Gefährtinnen erzittern lässt. Einen Moment später ist sie verschwunden.
Arlyn brüllt eine Warnung und zeigt mit entsetztem Blick an die Decke des Raumes, wo Fässer über Fässer mit giftgrüner Flüssigkeit festgezurrt hängen, die der Schrei der Banshee zum Bersten gebracht hat. Überall ergießen sich Fontänen von Seuchengift in den Raum. Die Menschenmagierin in der Mitte des Raumes reißt ihren Stab hoch, eine arkane Kuppel bildet sich über ihr und ihren Gefährten und ist im selben Moment wieder verschwunden. Der Platz, an dem die vier Gestalten eben noch standen ist leer, als sich die Seuchenflüssigkeit über ihn ergießt.
Rhanoriel schwingt sich auf den Rücken der Panthara, das Marsuul krallt sich in ihrem Nacken fest. Kiruni verwandelt sich in ihre Wolfsform und nickt Rosmelda zu, die sich auf ihren Rücken schwingt. Arlyn hebt Noxa auf ihre Schultern und knurrt „Halt dich fest!“ „Los!“ schreit Rhanoriel. Die Panthara, die Geisterwölfin und die Worgin hetzen dicht hintereinander zurück durch die Ruinen der alten Königsstadt. Überall strömt die Seuchenflüssigkeit durch die zerfallenen Räume. Horde- und Allianzkrieger rennen nebeneinander um ihr Leben. Ein Blutelf versucht verzweifelt seinen panischen Falkenschreiter zu bändigen, der ihn schließlich abwirft und davonläuft. Mit angstverzerrtem Gesicht humpelt der Blutelf weiter. Unter seiner zerrissenen Robe ist eine klaffende Beinwunde zu sehen. Rhanoriel ruft ihm auf Thalassisch etwas zu und streckt die Hand aus. Mit dankbarem Blick ergreift er sie und zieht sich hinter ihr auf den Rücken der großen Raubkatze.
Sie flüchten weiter, hinaus aus den Ruinen, über das verlassene Schlachtfeld, auf dem kurz vorher noch der Kampf zwischen Horde und Allianz getobt hat. Erst am Ufer des Lordameresees machen sie Halt. Kiruni versorgt die Wunden des Blutelfen, der sich in gebrochenem Zwergisch bei ihr bedankt. Er wechselt einige Worte auf Thalassisch mit Rhanoriel und verbeugt sich tief vor ihr. Dann marschiert er davon in Richtung des Bollwerks an der Grenze zu den Pestländern.
„Er sagt, Sylvanas wäre nicht mehr sein Kriegshäuptling und er würde sich in Silbermond zur Ruhe setzen.“ Rhanoriel schaut nachdenklich über das Wasser des Sees. „Die eigenen Leute der Seuche aussetzen. Was geht nur in ihr vor.“
„Wenn wir nur einen Moment früher gekommen wären!“ Wütend tritt Rosmelda einen Stein ins Wasser. „Das ist nicht mehr zu ändern.“ Kiruni packt ihr Verbandszeug und ihre Heilsalben zusammen. „Sylvanas ist entkommen, wohin wissen wir nicht. Das Beste, das wir jetzt tun können, ist nach Eisenschmiede zurückzukehren. Vielleicht weiß der gnomische Geheimdienst ja schon mehr.“
Kiruni stößt einen lauten Pfiff aus. Zwei Greifen und ein Hippogryph, die hoch über dem See gekreist sind, fliegen heran und landen neben der Gruppe. Aus einem Gebüsch am Ufer ziehen die Gefährtinnen einen großen Transportkorb hervor, der unter dem Sattel von Rhanoriels Hippogryph festgeschnallt wird. Auf ein Wort der Elfe springen Azira und Makali in den Korb und rollen sich am Boden zusammen. Einige Meter daneben entfernt Arlyn die abgeschnittenen Äste von der Plane, unter der ihre Flugmaschine verborgen war. Gemeinsam schieben die Gefährtinnen die Flugmaschine zur Straße Richtung Silberwald. Arlyn hebt Noxa in den hinteren Sitz und steigt ein. „Ich fliege los, solange hier freie Bahn ist.“ Sie tippt sich mit zwei Fingern an die Stirn. „Wir sehen uns in Eisenschmiede.“
Kiruni murmelt. „Sie trägt es mit Fassung.“ „Ja, sie muss Moira ja auch nicht Bericht erstatten.“ Rosmelda starrt finster über den See. „Na kommt!“ Rhanoriel klopft der Dunkeleisenzwergin aufmunternd auf die Schulter. „Fliegen wir nach Hause! Ich gebe heute Abend in der Steinfeuertaverne einen aus!“
Die drei Gefährtinnen fliegen in der Morgendämmerung Richtung Süden, als hinter ihnen zwischen den dichten Wolken über den Ruinen von Lordaeron kurz ein fliegendes Schiff zu sehen ist.
Auf besonderen Wunsch eines einzelnen Tauren spielen wir heute Abend “Level 19 Dingshot” von Etoile. Halten Sie Ihre Tanzkarte bereit und genießen Sie den Augenblick.
Passend zum Piratentag bekamen meine Abenteurerinnen heute von Blizzard das neue Mount “Die Schreckensflut” geschenkt. Geschenkt deshalb, weil ich sowieso gerade ein 6-monatiges Abo laufen habe.
Ich finde es schon stylisch aber wie alle sehr großen Mounts auch recht unpraktisch. Ist mehr etwas für lange Reisen über das große Meer. Damit vor dem Briefkasten in IF zu landen muss nicht sein.
Kiruni eilt durch das Bankenviertel von Eisenschmiede. Die bequemen Kettenstiefel der untersetzten Zwergin machen erstaunlich wenig Geräusche auf den alten Steinfliesen. Über ihrem langen blaurot gemusterten Kilt trägt sie einen grauen Reiseumhang. Das rundliche Gesicht ist von feinen Lachfältchen durchzogen. Sie mustert interessiert das exotische Reittier eines Pandaren, der gerade die Bankhalle verlässt.
Schon von weitem sieht Kiruni, dass die Steinfeuertaverne heute Abend zum Bersten voll ist. Kein Wunder, nachdem Moira die Stämme zum Kampf gegen die Horde aufgerufen hat kommen täglich neue Gruppen von Kriegern, Abenteurern und Glücksrittern in Eisenschmiede an.
Am Eingang drängt sie sich an einer Gruppe Worgen mit finsteren Gesichtern vorbei. Eine Kriegerin, deren Fell im Nacken bereits grau gefärbt ist, hebt ihren Krug und ruft mit tiefer, knurrender Stimme. „Auf die, die nicht mehr hier sind!“ Stille senkt sich kurz über die volle Gaststube als alle respektvoll ihre Humpen heben.
„Kiruni! Das Übliche?“ Gwenna, die energische Bardame der Steinfeuertaverne, schiebt sich mit einem großen Holztablett voller dampfender Schüsseln mit Eintopf an ihr vorbei. „Du wirst schon erwartet.“ Die rotbackige Kellnerin nickt in Richtung eines Tisches in der Ecke der Gaststube. Obwohl die Gäste in der Taverne dicht gedrängt stehen, sitzt an dem Tisch nur eine einzige Zwergin, das Gesicht teilweise im Schatten ihrer Kapuze verborgen.
Kiruni lässt sich in einen der freien Stühle fallen und lacht. „Rosi! Na du tust ja geheimnisvoll.“ Die Dunkeleisenzwergin wirft ihr einen gelassenen Blick zu und erwidert. „Tja, ich habe eben noch kurz überlegt, ob ich eine Pfeife auspacken soll.“ Sie schlägt ihre Kapuze zurück und ein Lächeln huscht über das strenge Gesicht der Kriegerin, dann wird ihr Blick wieder ernst. „Hast du dich umgehört?“
Kiruni nickt. „Von den alten Gefährten ist leider kaum noch jemand übrig. Marlonzo ist an der Verheerten Küste verschollen.“ Gwenna stellt einen Krug Honigmet vor ihr ab. „Hier meine Liebe.“ Kiruni nimmt einen großen Schluck. „Tja und Malabar lebt jetzt bei einer reichen Nachtelfe in Goldhain.“ Die Dunkeleisenzwergin schüttelt den Kopf. „Menschen. Immer dasselbe mit denen. Kaum die ersten Kämpfe hinter sich, schon wollen sie sich zur Ruhe setzen. Ich glaube ja, das kommt von der kurzen Lebenserwartung.“
„Da kannst du Recht haben.“ Kiruni zuckt mit den Achseln. „Aber es gibt da eine Jägerin, eine Leerenelfe. Sie ist neu in Eisenschmiede. Macht einen verlässlichen Eindruck. Ich habe ihr neulich ein paar Bündel Felle abgekauft und wir kamen ins Gespräch. Sie sagte, sie bringt noch eine Hexenmeisterin mit.“
„Hm, na gut. Wir werden sehen. Ich habe Arlyn gefragt und sie war sofort Feuer und Flamme. Sie will Rache für den Tod ihrer Eltern.“ Kiruni starrt die Kriegerin ungläubig an. „Sprichst du von der Schurkin, die vor kurzem bei euch eingebrochen ist weil sie dachte, dass sie ihre Schwester aus den Händen von Feinden befreien muss? Die dann zitternd und wirres Zeug phantasierend auf dem Boden lag als ihr mich gerufen habt?“ Die Dunkeleisenzwergin nickt. „Ja, genau die.“
Kiruni runzelt die Stirn und trinkt einen weiteren Schluck Met. „Rosmelda, wir haben beide schon oft gesehen, wie Krieger ihre schlimmen Erinnerungen mit der Gegenwart verwechselt haben. Es braucht einige Zeit, bis die Wände um das Hier und Jetzt wieder stabiler werden.“ Die Augen der Dunkeleisenzwergin glühen orange als sie erwidert. „Arlyn verdient eine Chance. Und ich vertraue auf deine Fähigkeiten als Heilerin.“ Kiruni seufzt. „Ja, schon gut, es ist deine Entscheidung. Ich habe nur keine Lust, plötzlich einen Dolch im Rücken zu haben weil sie mich mit einem Ork verwechselt.“ Rosmelda lächelt. „Das wird nicht passieren. Zumindest solange du nicht wieder diese hässliche grüne Schulterrüstung anziehst.“
Gwenna stellt ein Holzbrett mit einem Laib Brot, einem Klumpen Butter und einer Blutwurst aus Thelsamar auf den Tisch. „Die beiden da drüben haben nach dir gefragt, Kiruni.“ Sie deutet auf ein ungleiches Paar an der Theke.
Die größere der beiden ist eine schlanke Leerenelfe in einer dunkel schimmernden Kettenrüstung. Das hübsche, wenn auch leicht arrogant wirkende Gesicht wird von dunkelblauen Haaren umrahmt, die an den Spitzen hellblau leuchten. Die schönen Augen der Elfe leuchten in einem nebligen Graublau. Gelassen beobachtet sie die Gäste der vollen Taverne.
Neben ihr steht eine nervös aussehende junge Gnomin. Auf ihrem schlichten, schwarzen Kleid sind mit rotem und violettem Garn gestickte Runen zu erkennen. Schwarze, zu großen Schnecken geflochtene Haare umrahmen ein blasses, pausbäckiges Gesicht. In ihren großen blauen Augen zeigt sich Neugier, Unsicherheit und ein zwar schwacher aber unübersehbarer Funken von Entschlossenheit.
Mit weit aufgerissenen Augen starrt die Gnomin einen riesigen Wildhammerzwerg an, der gerade eine wilde Geschichte zum besten gibt. Die Schultern und Arme des Veteranen zieren auffällige blaue Tätowierungen. Plötzlich dreht sich der Zwerg zu ihr um und poltert „Was gibt es da zu gucken, Kleine?“ Erschrocken stottert die Gnomin „Ent...Entschuldigung!“
Die Leerenelfe macht eine Handbewegung und ein Marsuul klettert blitzschnell am Bein des Wildhammerzwergs hoch bis auf seine Schulter, wo es sich festkrallt. Schattenhafte, sich bewegende Flecken überziehen das Fell des Marsuuls, das seine messerscharfen Nagezähne um das Ohr des Zwergs legt. Der Zwerg erstarrt.
Die Leerenelfe legt den Kopf schief und sagt mit ruhiger, fast gelangweilter Stimme „Azira ist der Meinung, das ihr derjenige seid, der sich bei meiner Begleitung für seine Unhöflichkeit entschuldigen sollte.“ Der Zwerg starrt sie an. Dann lacht er laut auf. „Ha! Ihr habt mich erwischt!“ Grinsend verbeugt er sich vor der Gnomin. „Ich entschuldige mich für mein ruppiges Benehmen! Darf ich euch beiden einen Krug Met spendieren?“ „Später vielleicht.“ lächelt die Leerenelfe „Wir sind verabredet.“ Das Marsuul wirft noch einen bedauernden Blick auf das Zwergenohr, klettert dann flink wieder hinab und verschwindet in der Umhängetasche der Elfe.
Gwenna kommt mit einem Tablett voller leerer Krüge zurück zur Theke und macht eine Kopfbewegung in Richtung des Tisches von Rosmelda und Kiruni. „Ich bringe euch gleich etwas zu trinken.“
Die beiden nähern sich dem Tisch, an dem inzwischen auch eine große junge Worgin Platz genommen hat. Ihr dunkelbraunes Fell ist am Kopf bereits von grauen Strähnen durchzogen. Unter ihrem Umhang ist Kleidung aus weichem dunklem Leder zu erkennen sowie ein breiter Gürtel mit vielen Taschen und mit Halterungen, in denen Dolche und Wurfmesser stecken. Ihre grauen Augen starren grimmig in einen Krug Ziegenmilch und ihr linkes Augenlid zuckt nervös.
Als die Neuankömmlinge sich gesetzt haben und Gwenna zwei kleine Humpen Kirschgrog vor ihnen abgestellt hat, beginnt Kiruni die Vorstellungsrunde. „Dies hier ist die Waldläuferin Rhanoriel Morgentau und dies ist Noxa, eine Hex...“ Sie stutzt und starrt die Gnomin aus zusammengekniffenen Augen an. „Äh, die Wahrsagerin aus dem düsteren Viertel?“ Noxa wird rot und nickt eifrig. “Aha. Nun ja.“ Sie räuspert sich und zeigt dann auf die junge Worgin „Und dies ist Arlyn Schwarzbach aus Teldrassil.“
„Mich kennen ja die meisten schon, ich bin Kiruni Silberhammer. Wenn ich nicht gerade mit den Kollegen von der Forscherliga unterwegs bin, flicke ich Verwundete wieder zusammen. Und dies ist Rosmelda Steinschild, eine erfahrene Kriegerin mit der ich schon in vielen Schlachten gekämpft habe. Sie erzählt euch besser selbst von dem Auftrag, um den es geht.“
Rosmelda räuspert sich. „Danke, dass ihr alle gekommen seid. Ich will euch nichts vormachen. Der Auftrag ist äußerst gefährlich.“ Sie räuspert sich erneut. „Ihr wisst alle, was in Teldrassil geschehen ist. Der Kriegshäuptling der Horde ist wahnsinnig geworden und muss gestoppt werden. Wenn die Horde es nicht selbst tut, dann tun wir es. Der Auftrag, den ich von Moira Thaurissan erhalten habe lautet: Geht nach Tirisfal und tötet Sylvanas Windläufer.“
Die Kriegerin blickt in die Runde. Kiruni erwidert ihren Blick mit gelassenem Gesicht. Arlyn starrt entschlossen und mit malenden Kieferknochen ins Feuer. Die Waldläuferin wirkt überrascht und nachdenklich. Noxa guckt die Zwergin mit offenem Mund erschrocken an.
Rosmelda spricht mit ruhiger Stimme weiter. „Die Allianzarmee, die von dem jungen König aus Sturmwind zusammen gerufen wurde, belagert die Ruinen von Lordaeron. Viele Krieger und Kriegerinnen unserer Stämme sind ebenfalls unterwegs nach Tirisfal um dort gegen die Horde zu kämpfen. Dies werden wir als Ablenkung nutzen. Die Horde erwartet den Angriff großer Schlachtzüge. Sie rechnen nicht mit einer kleinen Gruppe, die unbemerkt durch die Linien schlüpft.“
Die Kriegerin blickt ihre Zuhörerinnen der Reihe nach ernst an. „Ich will euch nichts vormachen. Es kann gut sein, dass wir nicht zurückkehren werden. Aber ein weiteres Teldrassil muss verhindert werden.“ Rosmelda lehnt sich zurück. „Also, was meint ihr dazu?“
Arlyn sieht die Kriegerin kalt an. Das Zucken in ihrem Lid ist verschwunden. „Du kennst meine Antwort bereits. Ich werde nicht ruhen, bis die Banshee für den Tod meiner Eltern bezahlt hat.“
„Ich bin ebenfalls dabei.“ Kiruni zuckt mit den Schultern. „Ich wollte mir diese Ruinen immer schon mal aus der Nähe ansehen.“
Rhanoriel holt tief Luft. „Sylvanas Windläufer also? Das wird nicht leicht. Aber ...“ ihre Stimme wird feierlich „... du hast meinen Bogen.“ Die Elfe lacht hell auf. „Das wollte ich schon immer mal sagen.“
Alle Blicke richten sich auf Noxa. Die Gnomin schluckt. „Tja, äh, das klingt ja aufregend! Aber ich weiß nicht, ob meine Ausrüstung dafür reicht...“ „Ach was“ grinst Rhanoriel „wir finden schon etwas für dich.“ „Ah. Ja, also dann wäre ich auch gerne dabei.“ Noxa strahlt.
Rosmelda trinkt einen großen Schluck aus ihrem Humpen. Eine Archäologin, eine traumatisierte Killerin, eine Rollenspielerin und eine Anfängerin. Großartig. Was soll denn da schon schief gehen.
Die Kriegerin starrt ins prasselnde Kaminfeuer der lärmenden Gaststube. Nun, sie wird alles dafür tun, damit dies keine Selbstmordmission wird. Sie hat Bryn versprochen, gesund zu ihr zurückzukommen. Sie wird ihr Versprechen halten und sie wird auch die anderen heil zurückbringen. Das Kaminfeuer spiegelt sich in den orange leuchtenden Augen der Dunkeleisenzwergin und ihr langer, dunkler Zopf scheint feurig zu glühen.
Rosmelda Steinschild richtet sich entschlossen auf. Dieses Abenteuer wird nicht ihr letztes sein.
Sie hebt ihren Humpen und stößt mit den anderen an.
„Auf die Freiheit!“
„Auf das Leben!“
„Auf die, die wir lieben!“
„Auf das Abenteuer!“ flüstert Noxa und grinst aufgeregt.
Und dann sitzen die fünf noch bis spät in der Nacht zusammen und besprechen ihren Plan.
Framboise starrt mit offenem Mund auf das Chaos um sie herum. Überall riesige Nachtelfen und Worgen mit wütenden, sorgenvollen oder schmerzverzerrten Gesichtern, dazwischen hektische Gebirgsjäger, Rufe und Schreie ertönen, laut kreischende Hippogryphen schlagen mit den Flügeln, Heiler eilen zwischen den Verletzten hin und her, lärmende Flugmaschinen knattern über das Geschehen hinweg und über allem hängt beißender Brandgeruch.
Da sieht sie plötzlich ein bekanntes Gesicht. "Pella, guck mal, da ist Kiruni." Wichtig fügt sie hinzu: "Das ist eine meiner Kundinnen." Sie zeigt auf eine untersetzte, rothaarige Zwergin mit der rot-weißen Armbinde der Heiler ohne Grenzen. Einer von Kirunis langen Zöpfen ist zur Hälfe verbrannt und ihr Gesicht ist rußverschmiert. In ihrem Gürtel steckt ein großer, runenbedeckter Schmiedehammer, an dem sich immer wieder statische Aufladungen bilden und in kleinen, bläulichen Blitzen entladen. Die Zwergin beugt sich über eine der verletzten Greifenreiterinnen aus Darnassus. Aus den Händen der Heilerin fließt ein sprudelnder Wasserstrahl, den sie über die schlimmen Wunden der Kriegerin führt. Sie winkt eine Gruppe Gnomenpriester herbei, die nach einem Blick auf die schwer verletzte Schildwache mit ernsten Gesichtern eine Hymne anstimmen. Goldenes Licht breitet sich unter der Gruppe aus und strahlt nach oben, taucht die Heiler und die Verletzte in ein funkelndes Leuchten.
Doch ihre Mühen sind umsonst, die Verletzungen der Schildwache sind zu schwer. Als sie stirbt, rollt eine Träne über die Wange der Zwergin. "Verdammt!" Zornig wischt sie sich mit dem Handrücken über die Augen.
Da ertönt ein lauter, schmerzvoller Schrei hinter Kiruni. Als sie sich umdreht, sieht sie noch kurz die messerscharfen Krallen eines großen Hippogryphen vor ihrem Gesicht auftauchen, ehe eine unsichtbare Hand sie wegzieht in Richtung einer geistesgegenwärtigen Pandarenpriesterin.
"Das ist ihr Greif. Er ist übel zugerichtet, ich fürchte, wir werden ihn auch verlieren."
Einige Zwergenjäger eilen herbei und verteilen sich um den verzweifelten Hippogryphen. Eisfallen werden entsichert und Flinten mit Betäubungsmunition geladen.
"Ruuhig, mein Junge, gaanz ruhig!"
Ein alter, weißhaariger Jäger lässt den wild mit dem Kopf rollenden Hippogryphen nicht aus den Augen. Der große Vogel stößt drohende Schreie aus und versucht immer wieder, sich in die Luft abzustoßen. Sein linker Flügel hängt jedoch schlaff herunter und seine Schreie klingen immer schmerzerfüllter.
Der erfahrene Zwerg steht ruhig vor dem riesigen Tier und gibt leise, beruhigende Laute von sich. Eine weitere Jägerin beobachtet jede Bewegung des Greifen aufmerksam, eine entsicherte Eisfalle wurfbereit in den Händen.
Kiruni seufzt und stemmt die Hände in die Hüften. "Oh nein, mein Lieber, du wirst mir nicht auch noch wegsterben! Bring mich hoch zu ihm, Kimu." Entschlossen geht sie auf den Vogel zu und wirft mit einer schnellen Handbewegung ein mit blauen Symbolen bemaltes Holztotem in Richtung des verletzten Greifen. Aus dem Totem sprudelt ein schmaler Strom frischen Quellwassers.
Die Pandarenpriesterin spricht einige Worte zu Kiruni woraufhin diese langsam in die Luft schwebt wie ein Ballon. Die Zwergin rudert einen Moment nervös mit den Armen und findet dann ihr Gleichgewicht wieder. Etwas oberhalb des verletzten Flügels kommt sie zum Stillstand, während der Vogel sie argwöhnisch beobachtet.
"Und, wie sieht es aus?" Die Jägerin mit der Eisfalle wirft einen nervösen Blick in Richtung der scharfen Krallen des Tiers. "Könnt ihr etwas erkennen?"
"Tja, also der Flügel ist gebrochen. Aber das bekommen wir schon hin!"
Kiruni breitet die Arme aus und ein leichter Regen setzt ein, kühlende Tropfen fallen auf die Federn des Tieres. Der Hippogryph wird ruhiger und der Schmerz in seinen Augen weicht Neugier, während er die seltsame kleine Gestalt, die vor ihm in der Luft schwebt, betrachtet.
Die Zwergin beginnt mit kräftiger Stimme eine alte Melodie zu singen, ein Lied in der rauen Sprache der Wildhammer. Ihre Worte erzählen von der Weite des Himmels und dem Rauschen des Windes unter kräftigen Schwingen, von einsamen Berggipfeln und von Freiheit und Leichtigkeit, von Freundschaft und Treue.
Der große Vogel legt den Kopf schief und berührt ihre ausgestreckte Hand mit den Schnabel. Seine Körper wird ruhig und er faltet seinen gesunden Flügel an die Seite während der linke langsam aufhört zu zittern.
Auf ein Zeichen der Pandarenpriesterin hin beginnt die Zwergin langsam wieder in Richtung der Steinfliesen zu sinken während der Vogel seinen Blick nicht von ihr abwendet. Sein Kopf folgt ihr, bis sie auf den kühlen Fliesen sitzt. Kiruni macht ein leises, schnalzendes Geräusch und der Greif legt den Kopf in ihren Schoß. Aus den Händen der Zwergin fließt kühles, schmerzstillendes Wasser und strömt über den verletzen Flügel des Tieres. Der Greif schließt erschöpft die Augen.
Kiruni nickt der Pandarin zu und diese beginnt mit Hilfe der beiden Jäger, den gebrochenen Flügel des Greifen zu schienen während die Zwergin weiter mit sanften Bewegungen den Kopf des Vogels streichelt. Zum Schluss zieht die Priesterin einen kleinen Stab aus ihrem Gürtel und streicht damit über die Verletzung. Dort, wo sie die Federn berührt, beginnen diese in goldenem Licht zu funkeln.
"So, das müsste reichen. Jetzt ist er transportfähig."
Framboise und Pella klatschen erleichtert Beifall. "Hurra!"
Kiruni steht unter leichtem Ächzen wieder auf und wischt sich die nassen Hände am Kleid ab. "Framboise, gut, dass du hier bist!". Kiruni lächelt die Gnomin an. "Bitte kümmere dich darum, dass der Greif zu meinem Haus gebracht wird. Seine Herrin ist gestorben und ich glaube, ich kann sein Vertrauen gewinnen."
Framboise nickt und beginnt geschäftig, den Transport zu organisieren.
"Gut gemacht!" Pella nickt der Zwergin anerkennend zu. Und mit einem Blick auf den verbrannten Zopf "Wenn ihr eine neue Frisur wollt, kommt einfach vorbei. Ihr bekommt einen Sonderpreis!"
Die Jägerin sichert inzwischen die Eisfalle und steckt sie zurück an ihren Gürtel. An ihrer in die Stirn geschobenen Ingenieursbrille surrt leise ein Rädchen.
"Bryn, danke für deine Hilfe!"
"Keine Ursache, Kiruni. Ich bin froh, dass wenigstens der Greif es geschafft hat!" Eine schwarzhaarige Kriegerin tritt hinzu, an der Hand ein kleines Worgenmädchen, das mit einer mechanischen Katze spielt. Die Jägerin lächelt. "Rosi und ich werden die Kleine bei uns aufnehmen. Wir wollten immer eine große Familie."
Lächelnd sieht Kiruni den dreien nach, die sich Hand in Hand entfernen. Langsam wird es ruhiger in der großen Halle. Die restlichen Verletzten werden in die Halle der Paladine gebracht. Dank der Organisation von Gwenna und Königin Graumähne wurden für die meisten der Flüchtlinge bereits Gastgeber gefunden und sie ziehen in kleinen Gruppen in Richtung ihrer Unterkünfte.
Eine Gruppe Mondpriesterinnen unterhält sich angeregt mit einer kräuterkundigen Zwergin über das beste Rezept für einen bekömmlichen Heiltrank. Die Assistenten des Greifenmeisters lassen sich von einer Schildwache die Vorteile eines darnassischen Sattelgurts erläutern. Ein Zwergenkind reitet lachend auf einem in seine Bärenform verwandelten, gutmütig brummenden Druiden. Die Bewohner von Eisenschmiede gehen langsam wieder zum Alltagsgeschäft über.
Nachdenklich packt Kiruni ihre Totems zusammen. Dies war nur der Anfang eines schrecklichen Krieges. Schlimmeres wird kommen. Aber heute Nacht wird sie mit ihren Freunden am Feuer sitzen, sie werden essen, trinken und erzählen und gemeinsam die Dunkelheit fernhalten.
"Das trägt man jetzt so, Framboise!" versichert Pella ihrer Kundin eifrig. Die junge Gnomin schaut skeptisch auf den Prospekt in ihrem Schoß. Ihre langen rosafarbenen Haare, frisch gewaschen und leicht nach Wilddornrosenshampoo duftend, reichen bis auf den Fußboden. "Na gut" seufzt sie, "Es ist eh mal wieder Zeit für etwas Neues."
Die Goblin Barbierin macht sich geschäftig ans Werk. Am Nachbarplatz bekommt ein Nachtelf gerade eine Haarkur und in einem weiteren Sessel entspannt sich eine Zwergin unter einer Gurkenmaske. Man unterhält sich über das aktuelle Geschehen.
"Habt ihr schon gehört? Die Horde zieht immer mehr Truppen in Kalimdor zusammen."
"An der Dunkelküste wird bereits gekämpft."
"Stellt euch vor, sogar eine Staffel der fliegenden Priester aus Aszuna ist eingetroffen!"
Pella schnippelt eifrig während sie spricht. "Und der Captain der fliegenden Priester ist eine ganz Modische, immer perfekt frisiert und gekleidet!" Leise murmelt sie "Nicht so wie Moira, die sich nicht mal von mir die Haare machen lassen will."
"Man sagt, Lady Sylvanas hat es auf Malfurion Sturmgrimm abgesehen. Und den großen Baum!"
Der Nachtelf schnaubt verächtlich. "Das haben schon andere versucht und nicht geschafft." Sein Blick ist jedoch sorgenvoll und als er eine nervöse Bewegung macht, gleitet ein an die Wand gelehnter großer Eichenstab lautlos in seine Hand. Der Stab beginnt zu vibrieren und scheint wie in hellem Sonnenlicht zu leuchten.
"Nicht aufregen, Herr Nachtelf!" Pella räumt schnell einige Fläschchen mit bunten Tinkturen in ein Regal. "Eure Leute haben das im Griff!"
"Ja, der junge Menschenkönig nimmt die Sache sehr ernst."
"Sylvanas will uns doch nur Angst machen."
Die Barbierin steckt eine Locke fest und tritt einen Schritt zurück.
"So, fertig! Na, was sagt ihr?"
Die Haare von Framboise sind zu einem hohen Dutt aufgesteckt, einzelne Locken sind herausgezogen und fallen lang auf die Schultern herab. Seitlich prangt eine große Haarklammer in Form eines Totenkopfs aus kleinen pinkfarbenen Strasssteinen.
"Sehr schön!"
"Nicht wahr? Steht euch auch ausgezeichnet! Diese Art Broschen sind grad der letzte Schrei in Silbermo..."
Ein durchdringendes, tiefes Dröhnen übertönt den Rest des Satzes. Die Fläschchen im Regal vibrieren.
"Das ... das ist das Horn von Eisenschmiede!" ruft die Zwergin alarmiert und greift nach ihrer Axt. "Wir werden angegriffen!" Sie springt auf, wischt sich die Gurken aus dem Gesicht und rennt hinaus.
Von draußen dringt Lärm und Geschrei in den Laden, dazwischen laute, schrille Schreie, wie von großen Vögeln. Der Nachtelf legt den Kopf schief und lauscht. "Das sind Hippogryphen! Diese Rufe kenne ich. Die Luftwache von Darnassus! Was zum ...? " Er eilt ebenfalls zur Tür hinaus.
Framboise und Pella schauen sich verdattert an und rennen dann ebenfalls in Richtung des Getöses, das aus dem Magierviertel zu kommen scheint. Dort angekommen bietet sich ihnen ein chaotischer Anblick. Mehrere Magierportale haben sich auf dem Platz um den Brunnen herum geöffnet. Aus ihnen heraus strömen Nachtelfen, Worgen und einige Angehörige anderer Allianzvölker. Ein scharfer Brandgeruch breitet sich aus. Die Kleidung der Ankommenden ist versengt. Viele husten und scheinen Verbrennungen erlitten zu leiden. Eine Gruppe schwer verletzter Schildwachen wird von ihren Hippogryphen umringt, die sich trotz ihrer versengten Flügel schützend vor ihre Herrinnen stellen und drohende Schreie ausstoßen.
Die Ankömmlinge sind umstellt von zwergischen Gebirgsjägern und Stadtwachen mit entschlossenen Gesichtern. Einige Krieger in schwerer Rüstung stehen mit gezogenen Waffen vor den darnassischen Schildwachen, denen sie nicht mal bis zum Gürtelbund reichen. Flugmaschinen mit ausgefahrenen Waffensystemen kreisen knatternd über der Menge.
Ein kleines Worgenmädchen leckt ihre verbrannte Pfote und knurrt eine Priesterin an, die ihr eine Salbe auftragen will. Die Pandarin trägt die rot-weiße Armbinde der Heiler ohne Grenzen. Ihr hellbraunes Fell ist an einigen Stellen dunkel versengt und ihr Heilstab ist am unteren Ende verkohlt. Sie lächelt das Mädchen freundlich an.
Dann dreht sie sich um, baut sich vor einem der Gebirgsjäger auf und faucht "Die Kleine hat Furchtbares erlebt und ist so verängstigt, dass sie sich nicht mal zurückverwandeln kann und ihr fuchtelt noch mit einem Gewehr vor ihrer Nase herum!" Sie funkelt den Zwerg zornig an. "Schämen solltet ihr euch! Das sind doch keine Eindringlinge! Das sind Flüchtlinge!"
Eine Zwergenjägerin schiebt sich ihre kompliziert aussehende Ingenieursbrille auf die Stirn und fragt leise "Was ist mit ihren Eltern?" Die Priesterin schüttelt traurig den Kopf. Die Zwergin schaut mitleidig auf die knurrende kleine Worgin. Dann zieht sie ein mechanisches Kätzchen aus der Tasche, zieht es auf und stellt es vor dem Mädchen auf den Boden. "Schau mal Kleine, die schenke ich dir. Nun lass mich mal deine Pfote anschauen." Sie hockt sich hin und klopft neben sich auf den Boden. Das Kind nähert sich vorsichtig und hält der freundlichen Zwergin dann mit leisem Winseln die verbrannte Pfote hin, während es neugierig an dem Spielzeug schnüffelt.
Der Knall einer Peitsche ertönt. "Platz da, ihr Holzköpfe!" Auf dem Kutschbock eines von einem alten Widder gezogenen Karrens steht Gwenna, die Bardame der Steinfeuertaverne. Der Karren ist voll beladen mit Bierfässern, Eimern voller Blutwürste, Körben mit duftendem Brot sowie einem Stapel Felle. "Wenn ihr euch nützlich machen wollt, dann helft mir abladen. Diese Leute brauchen Essen, Trinken und eine warme Unterlage."
"Sie hat Recht." Ein bärtiger Krieger steckt sein Schwert weg, nimmt sich einen der Körbe und beginnt, Brot an die erschöpften Flüchtlinge und Helfer auszuteilen. Andere folgen seinem Beispiel.
Da ertönen Rufe der Königsgarde "Macht Platz für Moira Thaurissan, Prinzessin von Eisenschmiede!"
Respektvoll treten die Umstehenden beiseite.
Mit energischen Schritten eilt die Dunkeleisenzwergin vor die immer größer werdende Gruppe der Flüchtlinge. Sie wirft einen kurzen Blick auf die völlig erschöpften Schildwachen und gibt den Gebirgsjägern ein Handzeichen, die daraufhin ihre Waffen senken. Als sie spricht, ist ihre Stimme dunkel und ehrfurchtgebietend. "Was ist hier los? Wer ist euer Anführer?"
"Ich." sagt eine schlanke, ältere Worgin und tritt vor. "Ich bin Königin Mia Graumähne. Ich habe die Evakuierung veranlasst." Die grauhaarige Frau spricht ruhig, doch in ihren Augen glimmt Zorn. "Teldrassil brennt, Darnassus ist gefallen. Tyrande und Malfurion sind geflohen. Wir haben keine Heimat mehr. Im Namen der Überlebenden von Teldrassil bitte ich euch um Aufnahme in euren Hallen."
Die Zwergenherrscherin richtet sich auf und für einen Moment scheint eine helle Flamme in ihren Augen zu lodern. Dann wird ihr Gesicht milder. "Eisenschmiede steht zur Allianz. Ihr seid hier willkommen und könnt bleiben so lange ihr wollt. Gwenna, ihr sorgt dafür, dass die Leute gut untergebracht und versorgt werden!"
Dann wendet sie sich an den Hauptmann der Gebirgsjäger. "Sorgt dafür, dass die Wachen verstärkt werden, vor allem in der Tiefenbahn. Wir wissen nicht, was der Horde als nächstes einfällt. Ruft die Stämme zusammen. Sendet Greifen nach Karanos und Menethil, nach Thelsamar und ins Hinterland, ins Schattenhochland und zum Schwarzfels."
Ihre Augen glimmen orangerot und ihre dunkle, raue Stimme dröhnt durch die Hallen von Eisenschmiede. "Wenn Lady Sylvanas Krieg will, dann wird sie ihn bekommen. SIE WIRD SICH NOCH WÜNSCHEN, MICH NICHT VERÄRGERT ZU HABEN!"