„Diese Nabelschnur durchreißen“ – ein Generationenkampf mit viel Witz und Verstand
„Wenn ein Mensch geboren wird, wählt er einen von drei Wegen: Gehst du nach rechts – fressen dich die Wölfe, gehst du nach links – frisst du die Wölfe, gehst du geradeaus -“
„- dann fällst du von der Bühne.“
Wer unterbricht hier den Oberst Trilezkij in seiner dramatischen Rede? Ist es die Figur Platonow, der fiktive Dorfschullehrer, der Anton Tschechows Stück, das in den Münchner Kammerspielen unter dem alternativen Titel Die Vaterlosen aufgeführt wird, seinen ursprünglichen Titel gab? Oder ist es Joachim Meyerhoff, der den Platonow so von Herzen desillusioniert und mit einem so authentischen Zynismus spielt, dass die Übergänge zwischen Text und Improvisation fast unbemerkt bleiben? Diese Spannung zwischen Theater und Realität, zwischen Schauspiel und ungezwungener Improvisation, die das Publikum und sogar das ganze Theater miteinbezieht, läuft wie ein roter Faden durch Jette Steckels Inszenierung von Tschechows Stück, das hier entschieden ins 21. Jahrhundert transportiert wird. Das Stück situiert sich schon vor dem eigentlichen Beginn der Vorstellung im Hier und Jetzt. Während sich noch die Schlangen vor der Garderobe reihen, unterhält sich der Großgrundbesitzer Glagoljew vom Rand der Bühne aus mit Zuschauern, während die junge Generalswitwe Anna Petrovna im modernem Sommerkleid, Militärjacke und mit einer Flasche Sekt in der Hand durch Gänge und Zuschauerraum rauscht, ungeniert mit dem Publikum plaudert, die Plätze zuweist.
An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass das einnehmende Schauspiel von Wiebke Puls die Entscheidung, Platonow aus dem Titel zu streichen, mehr als rechtfertigt: es ist mindestens genauso Anna Petrovnas Stück. Mehr noch, sie ist von Anfang an die Gastgeberin nicht nur der Feier, die auf der Bühne stattfindet, sondern auch des Theaterabends. Ihr von Bankrott und Zwangsversteigerung bedrohter Grund und Boden beschränkt sich nicht nur auf das durch eine Eiserne Wand dargestellte Gut Woinizewka und den dazugehörigen, visuell beeindruckenden Stäbewald (Bühne: Florian Lösche), es beinhaltet den kompletten Zuschauerraum. Dieser wird, wie spätestens klar wird, als während der ersten Stunden des Stücks die Lichter im Zuschauerraum an bleiben, kurzerhand zu Anna Petrovnas Salon, durch den die Figuren kommen und gehen, und die Zuschauer werden zu ihren Gästen.
Diese Verwischung der Grenzen zwischen Publikum und Schauspielern, zwischen Bühne und Parkett verleihen dem Stück nicht nur einen cleveren, lockeren Meta-Witz, mit dem die Schauspieler sich gegenseitig überraschen, es versetzt auch die (teils recht allgemein gehaltene) Gesellschaftsdiagnostik, an der sich das Stück übt, in die Gegenwart und die unmittelbare Nähe des Publikums. Besonders die Beziehungen zwischen den verschiedenen Generationen, die Problematiken des Alterns und der Lebenslügen, die jeder Generation von den jeweils anderen vorgehalten werden, wirken sehr zeitgenössisch: Oberst Trilezkij als von der Zeit überholter Kriegsveteran, Platonow und Petrovna als desillusionierte Zyniker, Sofja und Woinizew die sich (zwecklos) vor dem Übergang ins Spießbürgertum scheuen, und die junge, idealistische Generation der Studenten Kirill und Grekowa, sowie Platonows junger, hintergangener Frau Sascha, die trotz allem am Ende nicht in der Opferrolle steckt. Zwar ist es diese junge Generation, die nach fast vier Stunden zu Ende des Stücks am besten dasteht, doch bewirkt die erfolgreiche Versetzung in die Gegenwart eines über hundert Jahre alten Stücks, dass gerade diese Gegenwart und die Auseinandersetzungen der Generationen gewissermaßen relativiert werden: die Jungen werden die Alten sein, der Zyklus wird sich wiederholen.
Dieser spannende Kerngedanke wird leider hier und da etwas verwässert. Besonders die Unterbrechungen der Handlung durch Dad men talking: Carl Hebermann und Gast, die hauptsächlich als Anlass zu etwas flapsig improvisiertem Generationenhumor dienen, hätten, bei einer Spielzeit von drei Stunden und fünfundvierzig Minuten auch ohne Probleme fehlen können und einige der improvisierten Gags ziehen sich etwas, ohne viel zu Handlung oder Geist des Stücks beizutragen.
Trotz allem entsteht durch den Witz, den die Fluidität zwischen Theaterstück, Improvisation und Realität hervorruft, eine Spannung zwischen Tragik und Komik, die hier und da die emotionale Wirkung eigentlich tiefgreifender Szenen auf fast schon passend zynische Weise unterwandert, und sie in den besten Momenten des Stücks durch Authentizität und Intensität verstärkt. Diese Spannung ist es auch, die, zusammen mit dem innovativen Einsatz von Licht und Livemusik von Matthias Jakisic, dafür sorgt, dass die Gäste Anna Petrovnas über fast vier Stunden gut unterhalten und herausgefordert bleiben.











