Aggressiver Humanismus
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Die GauĂsche Verteilkurve der MĂ€rtyrer
Ein GipfelgesprĂ€ch ĂŒber die Verteidigung der Menschheit, den Niedergang des WiderstandgefĂŒhls und die Seele der Demokratie
Christian Schwarz-Schilling: In den entscheidenden StrĂ€ngen der Geschichte zu arbeiten, da gehört etwas mehr dazu als âProtestâ. Da gehört der Einsatz des Lebens dazu. Den gibt es da nur selten. Das ist in Gesellschaften wie bei einer GauĂsche Verteilkurve: es gibt 5 % MĂ€rtyrer, die wirklich kĂ€mpfen gegen das Böse. 15%, die leider das Böse richtig in Gang halten, weil sie sich selber Vorteile davon erhoffen oder einen Charakter haben, der das Böse auslebt. Die dritte Gruppierung bilden die "MitlĂ€ufer". MitlĂ€ufer, die die schlechten ZustĂ€nde immer nur beklagen, aber nicht abstellen, weil sie keinen Mut haben, dafĂŒr einzutreten. Das ist der normale Zustanddes BĂŒrgers. In einer Diktatur ist es derjenige, der sich möglichst nicht aus dem Fenster lehnt und sagt: âUm Gottes Willen, ja nicht auffallen oder gar exponieren - da könnte man ja zur Verantwortung gezogen werden.â â Sehen Sie, das sind 70% der Menschen.
Philipp Ruch: Was machen Demokratien aus den "MĂ€rtyrernâ? Unter Diktaturen stimme ich mit ihnen ĂŒberein. Da sind diese 5-6 % MĂ€rtyrer, die unter Einsatz ihres Lebens fĂŒr bessere ZustĂ€nde kĂ€mpfen. Aber in Demokratien sind es in den geschichtsentscheidenden Themen nicht mehr, sondern weniger: höchstens 1 %. Vielleicht mĂŒssen wir sogar bestreiten, dass der MĂ€rtyrer unter demokratischen Bedingungen ĂŒberhaupt möglich ist. Ich kann mich in einer Demokratie ja auffĂŒhren, wie ich will. Ich werde von den Machthabern nicht erschossen, hingerichtet oder sonst etwas. In der Regel. Der MĂ€rtyrertod wird einem ganz schön verunmöglicht.
Und dann diese verlogene Protest- und WutbĂŒrgerkultur. FĂŒr die BorkenkĂ€fer im Stuttgarter Schlosspark finden sich 20- 30 %. Aber wenn es um die AnwĂ€lte der Menschheit geht, die unsichtbaren Richter, die fĂŒr Gerechtigkeit sorgen, dann ist die Situation absolut beschĂ€mend. Wo bleibt die Empörung fĂŒr die wichtigen Themen? Meine These lautet: es sind unter diktatorischen Regimen mehr MĂ€rtyrer, die dem Unrecht widerstehen als in Demokratien. Das sollte uns langsam beschĂ€ftigen. Schafft es Hitler-Deutschland auf eine Quote von 6%, sind 2012 keine 1% mehr bereit, ihren Körper im Kampf um die Menschenrechte âaufzusetzenâ, wie es so schön in ritterlichen Urkunden heiĂt. Wohin sind die âBĂŒrgerrechtlerâ nach der Wende abgetaucht? Hat nicht zu Menschenrechtlern gereicht?
Wir beide reden von einer Generation zur ĂŒbernĂ€chsten. Ich wĂŒrde gerne von Ihnen wissen, was sie dieser eisgeschmolzenen MĂ€rtyrerquote von unter 1% empfehlen, angesichts der Gefahren und Bedrohungen, die das 21. Jahrhundert fĂŒr die Menschheit bereithĂ€lt? Das unangenehme ist ja, dass just in dem Moment, wo sich das GefĂŒhl einstellt, âJetzt ist es durch, wir stehen am Ende der Geschichte (Francis Fukuyama, End of History)â, der nĂ€chste Völkermord organisiert wird. Was raten sie den Menschen, die das politische Vollbewusstsein ĂŒber die wirklich geschichtsentscheidenden Dinge mit ihnen teilen, deren Herz nicht im Egoismus eines Tiefbahnhofes aufgeht?
Die Menschheit war niemals in der gesamten Geschichte so bedroht wie durch das bevorstehende 21. Jahrhundert. Milliarden stehen unter einer Bedrohung, gegen die wenige so vieles unternehmen könnten wie Deutschland. Sie haben da mehr Erfahrung. Allein die Tatsache, dass Sie bei Ihren 80 Jahren nicht aufgegeben haben, schiebt sie in die Lage, RatschlÀge zu geben. Ich glaube, mit 40 gebe ich auf.
"Der gesamte Fortschritt der Menschheit fĂ€llt auf Einzelne zurĂŒck."
Christian Schwarz-Schilling
Schwarz-Schilling: Ja, da sind wir wieder bei Ihrem Brief an mich, den ich bis heute nicht beantwortet habe. Weil mir eine ehrliche Antwort, die Ihre bohrenden Fragen ernst nimmt und ĂŒber den Tag hinaus Bestand hat, einfach noch nicht gelingen will. Und deswegen hat mich Ihr Brief bis heute beunruhigt.Â
Ruch: Ich habe da geschildert, wie perplex ich bin, dass es jetzt möglich ist, einen Kampf nicht aus dem Untergrund zu fĂŒhren, sondern in aller Ăffentlichkeit. Dass selbst, wenn ich in aller Ăffentlichkeit sichtbar den Kampf um Menschenrechte fĂŒhre, keine Polizei Jagd auf mich mehr machen kann. Dass kein Geheimdienst Jagd auf mich machen kann. Dass kein Mitglied der Regierung seinen Missmut durch irgendwelche Repressionen dem Zentrum fĂŒr Politische Schönheit gegenĂŒber Luft machen kann. Wir alle sind absolut geschĂŒtzt. Das ist eine unglaubliche Situation. Die Schönheit des Rechts.
Aber genau in der Situation, in der unser Recht auf Widerstand in der Verfassung kodifiziert ist, fehlt plötzlich ein "Greenpeace der Menschenrechte". Wir haben alles. Nur keine Menschenrechtler. Die BĂŒrgerrechtsbewegung der DDR hĂ€tte das weiter tragen können. Die hĂ€tte sagen können: Macht jetzt nicht schlapp, jetzt wo die Mauer weg ist. Denn jetzt geht es erst richtig los.â Das ist schizophren: Wir feiern 20 Jahre Mauerfall inmitten eines ummauerten Europas. Ich gehe zum Kanzleramt, drehe einen Film und sage dem Presseleiter dort: âDie Menschen aus Somalia können nicht einmal herkommen zu ihnen.â â Da lacht der. Der findet das lustig. Die Frage war: warum geschieht so wenig bei so vielen Möglichkeiten? Wenn wir den Luxus haben, die GĂŒter, die Rechte. Oder tĂ€usche ich mich da vielleicht? Vielleicht passiert da so wahnsinnig viel und ich kriegÂŽs nur nicht mit.Â
Schwarz-Schilling: Nein, das glaube ich leider nicht! Wie man das, was sein muss, um die MenschenwĂŒrde und das Menschengerechte aufrecht zu erhalten und zu stĂ€rken, in Angriff nimmt, da hört das allgemeine Wissen im Zeitalter des Internet und der Vernetzung in Europa offenbar auf. Im Grunde genommen sind wir gleichgesinnte Leute gerade hier in Europa im Moment alle EinzelkĂ€mpfer.
Ruch: Es gibt Beispiele in der Geschichte: Varian Fry, der 1941 in Marseille ist und 1500 Intellektuelle und KĂŒnstler, die gesamte europĂ€ische Intelligenz, nach Amerika rausschleust auf Fluchtrouten. Golo Mann, Hannah Arendt, Marcel Duchamps, KĂŒnstler, Philosophen, Intellektuellen, verdanken ihm ihr Leben. Ein unglaublicher Typ, der mit seinem amerikanischen Pass gegen das Hitler-Regime kĂ€mpft. Er ist ja im Gegensatz zur verfolgten Intelligenz ein StaatsbĂŒrger erster Klasse. Er geht zu den Botschaftern und spricht im Namen der Entrechteten. Das mĂŒssen wir uns immer bewusst machen, heute, was ein europĂ€ischer Pass in Somalia bewirken könnte. Fry macht aber viel mehr: Er besticht Beamte, fĂ€lscht PĂ€sse, bedroht Polizisten. Er macht all die Dinge, fĂŒr die er bei jeder deutschen Menschenrechtsorganisation in hohem Bogen rausfliegen wĂŒrde. Wo sind die Varian Frys, die den Somaliern PĂ€sse beschaffen oder fĂ€lschen und Fluchtrouten in die EU organisieren?
âDass wir nicht erkennen, welches Unrecht wir schaffen, ist ein schlechtes Zeichen.â
Christian Schwarz-Schilling
Schwarz-Schilling: Der Mann wĂŒrde von unseren heutigen staatlichen Instanzen unter Berufung auf den Rechtsstaat, angeklagt und verurteilt werden. Die Frage ist die: Kommen wir ohne Ă€hnliche Erfahrungen, die dann vielleicht noch schlimmer sind als im 20. Jahrhundert in der Verteidigung der Menschenrechte, weiter? Oder waren die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts nicht groĂ genug? Sind die Erziehungsmöglichkeiten in einem freien Land nicht groĂ genug? Diese Frage steht hier eigentlich im Raum: Ob wir in einen weiteren Abgrund gerissen werden mĂŒssen, ehe wir den letzten entscheidenden Schritt gehen: nicht die Rechte der "Artgenossen", sondern des "Menschen" wahrzunehmen? Die transnationalen Organisationen sind ja bereits da. Die UN ist ja auch eine Menschenrechtsorganisation (Menschenrechtscharta der UN), die Somalier sind Mitglied der Vereinten Nationen, die Menschenrechtscharta gilt fĂŒr sie in gleicher Weise wie fĂŒr Amerika. Das ist auch ein Fortschritt, der aus den wahnsinnigen Leiden des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Es ist schon so, dass man da einen gewissen Fortschritt sehen kann. Die Frage ist nur, ob wir diesen Fortschritt, ohne diese Leidensphase â
Ruch: â halten können!
Schwarz-Schilling: Ja. Oder auf eine höhere Stufe bringen. Ich will hier keine Voraussage wagen. Ich finde nicht, dass das, was wir bisher leisten, einem den Mut gibt zu sagen: âDas kommt so âwir kommen dem Ziel nĂ€her.â Den Mut hab ich wirklich nicht, nein. Aber ich habe auch nicht den Pessimismus, das Gegenteil zu behaupten.Â
Ruch: Das dĂŒrfen wir schon im Interesse unserer Kinder und Enkelkinder nicht sagen.
Schwarz-Schilling: Nun ja, sentimental zu werden hilft ĂŒberhaupt nicht. Manchmal ist Wahrhaftigkeit und das Schauen in den Abgrund die einzige Ăberlebenschance. Und ich meine, Sie fragen, genauso prĂ€zise wie in Ihrem Brief. Und dann bin ich eben letztlich sprachlos. Im Grunde genommen ist das eine Frage, wo man sagen kann: Das Schicksal kann plötzlich die Menschheitsgeschichte in die eine oder die andere Richtung treiben. Es ist unklar. Aber das, was mir zu denken gibt, diese Unterscheidung hatte ich bisher in der GauĂschen Verteilkurve nicht gemacht: MĂ€rtyrer in Diktaturen, die in der Verteilkurve rund 5% ausmachen und der Tatbestand, dass sie in Demokratien darunter, nicht darĂŒber liegt. Das ist sehr ĂŒberlegenswert und wahrscheinlich eine richtige Erkenntnis.
Ruch: Es hat etwas mit den Repressionen zu tun. Brechen die Repressionen weg, bricht aus irgendeinem Grund, den ich nicht verstehe, auch die Dringlichkeit weg, den Kampf gegen diese Verbrechen aufzunehmen. Die Menschen spĂŒren die Notwendigkeit nicht mehr. Diese GenialitĂ€t des Widerstands, die wir jahrhundertelang hatten, bricht in sich zusammen. Als ob der Widerstand die Repressionen brauchte. Ich glaube, dass man den Mut da auch haben muss, das zu thematisieren, wenn es so offen zutage liegt.Â
Schwarz-Schilling: Es ist eine gute Sache, wenn junge Menschen erleben, dass sie frei sind. Wenn nicht bewusst ist, dass wir frei sind, ist es sehr schwer zu sagen: âJa, Moment mal, hier muss etwas unternommen werden! Was passiert hier eigentlich?â Ich denke zum Beispiel an das, was wir uns mit den AuslĂ€ndern âleistenâ, die zu uns geflohen sind. Dass wir hier penible Paragraphen haben darĂŒber, ob jemand âzurĂŒckgefĂŒhrtâ werden soll oder zwangsweise abgeschoben werden kann, wenn er lange, ja Jahrzehnte hier mit uns gelebt hat. Egal, ob er sein Leben hier aufgebaut hat und eine Familie hat, deren Heimat Deutschland ist, Kinder, die hier zur Schule gehen. Und dann kommen wir mit Polizei und Handschellen, fĂŒhren sie ab und schicken sie in ein völlig unbekanntes Ausland, dessen Sprache diese jungen Leute gar nicht sprechen und dessen Kultur fĂŒr sie ein Schock ist. Welche Traumatisierung, welchen lebenslangen psychologischen Störungen hier ausgelöst werden, wird nicht einmal zur Notiz genommen und unsere BĂŒrokraten finden das alles in Ordnung!Â
âWo sind die Varian Frys, die den Somaliern PĂ€sse fĂ€lschen und Fluchtrouten in die EU organisieren?â
Philipp Ruch
Ruch: Das passiert heute, unter dem Gewand des Rechtsstaats.
Schwarz-Schilling: Das passiert heute jeden Tag in Deutschland. Welches Unrecht sie hier schaffen, merken die Behörden gar nicht mehr. FĂŒr sie ist es Routine und NormalitĂ€t. Offensichtlich gehört eine entsprechende Erfahrung von frĂŒher durch andere Ereignisse dazu, um zu erkennen, was da vor sich geht. Dass wir es im allgemeinen Bewusstsein nicht erkennen, ist ein sehr schlechtes Zeichen.Â
Ruch: Wir haben rechtsstaatliche Bedingungen, die Unrecht produzieren. Was ist da an Widerstand erlaubt? Was dĂŒrfen Menschen in so einer Situation, in die sie eine bestimmte hochpolitisierte Gesetzesauslegung bringt, dagegen unternehmen?
Schwarz-Schilling: Erstens: Sich weigern und an solchen MaĂnahmen selber nicht mitwirken. Zweitens: Friedliche Demonstrationen sind in jedem Falle erlaubt. Auch eine Untersuchung, wie Behörden in solchen Situationen arbeiten (Disziplinarverfahren). Wir haben doch alle Augenblicke UntersuchungsausschĂŒsse ĂŒber irgendwelche Lappalien. Aber in diesem Fall hĂ€lt das keine der Parteien fĂŒr eine groĂe Sache. Es ist ja arbeitsteilig organisiert: eine Behörde fĂŒhrt ganz systematisch einen juristischen Kleinkrieg gegen die Betroffenen bis sie die Zeit fĂŒr reif hĂ€lt, den Startschuss zum Abschieben zu geben. Eine andere Behörde schiebt ab und sagt: âJa, wir haben nur das umgesetzt, was eine andere Behörde entschieden hat. Dann setzt sich die Polizei in Bewegung und bringt die Familie unter nebulösen Verantwortlichkeiten und unter Zwang ins Flugzeug. Ich bin die ganze Weihnachtszeit nur da gesessen und habe Briefe entworfen und Petitionen eingereicht, damit Leute nicht abgeschoben werden oder damit Leute, die unter solchen UmstĂ€nden bereits auĂer Landes deportiert worden sind, wieder nach Deutschland zurĂŒckkehren können. Ich werde heute von Leuten aus dem Kosovo angerufen und um Hilfe gebeten. Weil sie gerade, vor 14 Tagen oder so, abgeschoben wurden. Jetzt haben sie noch ein funktionierendes Handy. Bald ist auch das weg. Dann bricht der Kontakt völlig ab.Â
Ruch: Können Sie nicht zur Kanzlerin marschieren und dort den Herrschaften und Damen erklĂ€ren, dass die eine Stelle einrichten mĂŒssen, damit Menschen aus dem Kosovo sich in ihrer Not an sie wenden können?
Schwarz-Schilling: Das wĂ€re nur durch irgendeine Persönlichkeit möglich, die, sagen wir mal, riesigen Einfluss im Kanzleramt hĂ€tte. Ich wĂŒrde dafĂŒr bestimmt keinen Termin bei der Kanzlerin bekommen.
Ruch: Obschon Sie einer der hochgeehrtesten Altminister des Landes sind? Und wenn Sie einfach hingehen und drauf bestehen? Mit Journalisten im Schlepptau öffentlichen Druck erzeugen?Â
Schwarz-Schilling: Die Journalisten im Schlepptau fĂŒr diese Frage? Die gibt es kaum. Ich meine, ich habe schon der FAZ, dem Herrn Schirrmacher, einen Brief geschrieben, dass etwas Gewaltiges geschehen muss. Da habe ich noch nicht einmal eine Antwort bekommen.Â
Ruch: Er antwortete nicht?
âWir feiern 20 Jahre Mauerfall inmitten eines ummauerten Europas.â
Philipp Ruch
Schwarz-Schilling: Auf meinen zweiten Brief meldete sich dann zwar ein Mitarbeiter, der dann aber nach Ostern (also direkt nach dem Oster-Appell) in Urlaub war und sich seither auch nicht mehr gemeldet hat. Ob es also eine konkrete Folge hat oder nicht weiĂ ich noch nicht. Es wĂ€re natĂŒrlich die Frage zu stellen, ob man jetzt, sagen wir mal, zu Methoden greift, die einfach aufrĂŒhrerische Situationen hervorrufen, die dann selbst die Medien interessant finden. Ob das jetzt die richtige Methode ist und der richtige Zeitpunkt ist, da ĂŒberlege ich auch jeden Tag.Â
Ruch: Da staut sich ein Leidensdruck an, der sich bei ihnen nur anstaut wegen der UnfĂ€higkeit bestimmter Regierungsmitglieder. Den wĂŒrde ich zurĂŒckgeben. Den wĂŒrde ich mit ĂŒber 80 nicht bei mir im Haus dulden. Ich finde das eine irre Konstellation, dass bei Ihnen, der lĂ€ngst im Ruhestand sein mĂŒsste, an Weihnachten um Hilfe geschrien wird. Verklagen sie die Bundesregierung, Herr Schwarz-Schilling.
Schwarz-Schilling: Ja, das sagen Sie mal einem Juristen. Was er ihnen da antwortet.
Ruch: Die Deutschen beweisen, dass sie auch unter den allerbesten Lichtbedingungen nicht in der Lage sind, ein, von den Sorgen um die eigene Existenz befreites Geschöpf zu sein. Ihre Sorgen um die Rente, den Wohlstand, oder die Hypothekarzinsen in allen Ehren. Aber sie sind de facto aller Sorgen enthoben und sich endlich den Nöten annehmen, die in den dunkelsten Erdteilen, fĂŒr 5 Milliarden Menschen auf dieser Erde, gelten.Â
Schwarz-Schilling: Ja, aber Sie sehen ja auch, Rupert Neudeck mit der Cap Anamur damals. Der hat auch gegen nationales Recht und Gesetz Dinge in Gang gesetzt, welches die Menschenrechte erforderte. Die Einwanderungsmöglichkeit der auf den Meeren herumtreibenden Vietnamesen musste gegen die deutschen Innenminister bzw. MinisterprÀsidenten erzwungen werden. Dazu musste ein Vorbild her. Das war der MinisterprÀsident Albrecht, der die Blockadehaltung der LÀnder durchbrochen hat.
Ruch: Und warum hat er das gemacht?Â
Schwarz-Schilling: Der hat sie aufgenommen. âWir sagen heute, âwe can doâ (Obama) â âwir können es tunâ. Sollen diese Innenminister doch also bitte reden was sie wollen. Ich nehme die in meinem Land auf und Schluss!â Ich meine, das war eine wirklich einsame und richtige Entscheidung.Â
Ruch: Da ist er wieder: ein Akt politischer Schönheit.
Schwarz-Schilling: Ja. Das war nicht irgendein KalkĂŒl. Gar nicht. MinisterprĂ€sident Albrecht fĂŒhlte sich irgendwie mit betroffen und fĂŒhlte Verantwortung. Solche Menschen mĂŒssten wir an solchen Positionen mehr haben!Â
Ruch: Es fĂ€llt auf Einzelne zurĂŒck?
Schwarz-Schilling: Der gesamte Fortschritt der Menschheit fĂ€llt auf Einzelne zurĂŒck. Wir brauchen manchmal die Massen, wir brauchen sie, um etwas durchzukĂ€mpfen. Aber die Ideengeber, die Initiatoren sind ein paar Wenige. Da beiĂt die Maus keinen Faden ab.
Ăber die Diskutierenden Christian Schwarz-Schilling, von 1982-1992 Bundesminister fĂŒr Post und Telekommunikation in der Regierung Kohl, RĂŒcktritt wegen der UntĂ€tigkeit der deutschen Bundesregierung beim Genozid in Bosnien-Herzegowina und von 2006-2007 als Hoher ReprĂ€sentant in Bosnien verantwortlich fĂŒr die Ăberwachung des Daytoner Friedensvertrages.
Philipp Ruch, GrĂŒnder des Zentrums fĂŒr politische Schönheit und politischer Philosoph, Initiator der âSĂ€ulen der Schandeâ gegen die Vereinten Nationen im Namen von ĂŒber 6.000 Ăberlebenden des Srebrenica-Genozids.
Die Bank, die Kunst und der Hunger
Facebookproteste in Deutschland zwangen die Deutsche Bank zum Einlenken
Der Pressesprecher der Deutschen Bank hĂ€tte vielleicht einmal googeln sollen, bevor er Interviews gibt. Dann hĂ€tte erfahren, dass das Zentrum fĂŒr politische Schönheit keine konventionellen Interviews macht, in denen die GesprĂ€chspartner sich selber produzieren können. Bei dem Zentrum handelt sich nĂ€mlich um eine Schnittstelle zwischen Aktionskunst und Politaktivismus.
Aus dem Video "Schuld - Die Barbarei der Privatheit"
Jetzt haben die AktionskĂŒnstler die Ăffentlichkeit zumindest im Internet wieder auf ihrer Seite. Haben Sie doch die Deutsche Bank zum Einlenken gezwungen. Sie wollte juristisch gegen einen 15minĂŒtigen Filmbeitrag mit dem Titel Schuld - Die Barbarei der Privatheit vorgehen. In dem streckenweise sehr moralischen Film ist auch ein GesprĂ€ch mit dem Pressesprecher der Deutschen Bank zu hören. Stein des AnstoĂes war ein Ausschnitt von knapp 90 Sekunden des GesprĂ€chs, in dem dieser den Afrikanern die Schuld an ihrer Armut gibt. Die Justiziare der Deutschen Bank forderten zunĂ€chst die Entfernung des nichtautorisierten GesprĂ€chs. Nachdem sich die AktionskĂŒnstler weigerten und der Fall immer gröĂere Wellen in der Ăffentlichkeit schlug, verzichtete die Deutsche Bank auf die angekĂŒndigten juristischen Schritte. Telepolis sprach mit dem GrĂŒnder des Zentrums fĂŒr politische Schönheit Philipp Ruch ĂŒber die GrĂŒnde.
Ist der Verzicht der Deutschen Bank auf die Klage ein Erfolg der Internetproteste?
Philipp Ruch: Das kann man so sehen. Nach Bekanntwerden eines Eingriffsversuchs der sonst so kunstaffinen Deutschen Bank in die Kunstfreiheit wurde der Film zum GesprĂ€chsthema Nummer 1 im Internet. Nach den ersten Agenturmeldungen ĂŒber den Fall hagelte es Kritik auf derFacebook-Seite der Bank. Die Deutsche Bank wird aber eher wegen des Interesses von drei ĂŒberregionalen Zeitungen eingelenkt haben. Sie dachte wohl, damit wĂ€re die Sache aus der Welt.
Wurde nicht vor allen wegen der drohenden Eingriffe in die Kunst protestiert?
Philipp Ruch: Die Kunst war nur der Anlass. Es ging von Anfang an um die unmoralischen GeschĂ€fte mit dem Hunger von Millionen Menschen. Bis heute hĂ€lt der Proteststurm an. Ich fĂŒrchte, die Bank wird sich bald erklĂ€ren mĂŒssen.
Aus dem Video "Schuld - Die Barbarei der Privatheit"
HĂ€tten Sie das Interview nicht autorisieren mĂŒssen?
Philipp Ruch:Â Ich bin kein Jurist. Es ist aber schon verwunderlich, dass die Bank, die das Leben und die Rechte hunderttausender Menschen qualitativ dramatisch verschlechtert, sich bei uns ĂŒber die Verletzung von Gesetzen beschweren will.
Gab es Einigungsversuche im Vorfeld?
Philipp Ruch: Wir hatten im Vorfeld GesprĂ€che mit drei verschiedenen Abteilungen der Bank, in denen wir eine nichtöffentliche Einigung erzielen wollten. Alle drei Stellen verhielten sich dabei ziemlich merkwĂŒrdig. Ich habe selten erlebt, dass Menschen, die professionell Ăffentlichkeitsarbeit betreiben wollen, so wenig SensibilitĂ€t fĂŒr die Bedeutung von Strafanzeigen seitens der Deutschen Bank gegenĂŒber AktionskĂŒnstlern besitzen. Insbesondere der Pressesprecher kam uns zeitweise wie eine schlechte Kopie von Achilles vor, der nicht weiĂ, wann man GefĂŒhle zulĂ€sst und wann man schweigt. Er drohte mir ernsthaft mit zwei Jahren GefĂ€ngnis. Ich weiĂ ja nicht, in welchen LĂ€ndern er sich so herumtreibt. Aber in jedem Fall wĂ€re ihm eine Welt genehm, in der Menschen fĂŒr unliebsame Werke in Haft kommen.
Wie konnten Sie den Banksprecher ĂŒberhaupt zu einem Interview gewinnen?
Philipp Ruch: Indem wir anriefen, uns als Dokumentarfilmreporter zu erkennen gaben und nach einem Interview fragten. Danach hat er uns eine halbe Stunde mit dem Nutzen von Nahrungsmittelspekulationen vollgequatscht. Daraufhin habe ich ihm vom Nutzen gigantischer Freiluftgulags vorgeschwÀrmt, die so groà sind wie Staaten. Da war dann erst mal Ruhe.
Hatten Sie Schwierigkeiten, Vertreter aus Wirtschaft und Politik vor die Kamera zu bekommen?
Philipp Ruch: Nein. Die groĂen Akteure warten darauf. Das Thema findet keine Beachtung. Das Zentrum fĂŒr Politische Schönheit nimmt sich generell nur schwersten Menschenrechtsverletzungen an. Die sind allesamt "under-reported", wie es im Englischen heiĂt. Wie kann es sein, dass Deutschland heute drittgröĂter WaffenhĂ€ndler der Welt ist? Wie kann es sein, dass im Kongo ĂŒber sechs Millionen Menschenleben vernichtet werden, ohne dass wir es mitbekommen?
Ein GesprÀch mit Hortensia Völckers, Philipp Ruch und Alex Arteaga (Oya-Magazin).
âAfrikanische Lösungen fĂŒr afrikanische Problemeâ
Im Sudan eskaliert die Gewalt. In SĂŒdkordofan ist das Mobilfunknetz âausgefallenâ. Hunderttausende wurden vertrieben. Mit der Eskalation schlĂ€gt die Stunde der Afrikanischen Union (AU) unter Thabo Mbeki. Der ehemalige sĂŒdafrikanische StaatsprĂ€sident hat den Konflikt zum Schauplatz einer irrwitzigen Agenda auserkoren, die am Ende Tausenden das Leben kosten könnte.
Das Recht auf âafrikanische Erfahrungenâ
Thabo Mbeki, GrĂŒndervater der Afrikanischen Union, will den afrikanischen Kontinenten gegen die historischen Erfahrungen Europas abschotten und pocht auf das Recht Afrikas, eigene Erfahrungen zu machen. Er nennt es: âAfrikanische Lösungen fĂŒr afrikanische Problemeâ. Vergangene Woche druckte eine groĂe deutsche Zeitung seine Interpretation des Libyenkrieges, die ein Licht auf seine PlĂ€ne im Sudan wirft. Unter der Ăberschrift âDie Kolonialisten kehren zurĂŒckâ wettert Mbeki gegen die Ăberheblichkeit der westlichen Staaten, sich in Afrika (nicht: der arabischen Welt) âunverlangtâ einzumischen. Er fĂŒhrt den âErfolgâ der Revolutionen in Tunesien und Ăgypten auf die Nichteinmischung der afrikanischen Staaten zurĂŒck, den Krieg in Libyen dagegen auf die westliche Einmischung. HĂ€tte man lange genug gewartet, wĂ€ren Gadhafis Truppen nie bis Bengasi vorgerĂŒckt. Thabo Mbeki gelingt es, ein Reservoir der menschlichen Seele anzustechen, von dem nur wenige Politiker ĂŒberhaupt wissen, wo es liegt: Hoffnungen. Was den Mann aber so gefĂ€hrlich macht, ist seine kulturrelativistische Doktrin. Mbeki will â abgeschottet vom Westen â âafrikanische Erfahrungenâ machen. Erfahrungen, die nicht im Sinne der sĂŒdsudanesischen Zivilbevölkerung sind.
âSchwache Kommunikationâ
Mbekis Darstellung gerĂ€t zur Komödie, wenn er gesteht, wozu die AU in der Lage ist. So habe der âAU-Sicherheitsratâ beschlossen, eine Delegation nach Libyen zu schicken. Das sei aber nicht gelungen (âUnglĂŒcklicherweiseâ), wegen âder schwachen Kommunikation zwischen den afrikanischen Staaten, viele wussten noch Tage nach der Libyen-ErklĂ€rung des AU-Sicherheitsrates nicht, was dieser beschlossen hatte.â Wenn die Mitgliedsstaaten die eigenen BeschlĂŒsse nicht mitbekommen, wie wollen sie Sanktionen durchsetzen oder Kriege verhindern? Die âafrikanische Erfahrungâ wird sich nur unmerklich von der unterscheiden, die Europa in Bosnien machen musste. Auch damals verurteilte ein âSicherheitsratâ die rohe Gewalt. Auch damals besaĂen die Mitglieder einen unerschĂŒtterlichen Glauben an die Macht von Pressemitteilungen. Mbeki will die blutigen Lehren der Geschichte erneut hören. Man möchte ihn fĂŒr naiv halten, wĂ€re da nicht die Karriere des 69jĂ€hrigen, die zeigt, dass er bereits allerhand diktatorische HĂ€nde geschĂŒttelt hat: die Komplizenschaft mit Mugabe gehörte zu den gröĂten Lasten. In der ElfenbeinkĂŒste forderte er PrĂ€sident Gbagbo zum Gehen auf. Eigentlich mĂŒsste Mbeki die Riege der Diktatoren langsam kennen, denen mit Worten nicht beizukommen ist. Aber Mbeki hat sich noch von jedem Diktator aufs Kreuz legen lassen. Das macht ihn zum Enigma.
Ziel: RĂŒckzug des Westens
Zwar wĂŒnscht Mbeki nicht den Tod der Einwohner von SĂŒdkordofan. Aber um Menschen geht es ihm nicht. Es geht um die moralische Diskreditierung eines vermeintlich imperialistischen Westens. Es geht um das groĂe Ganze: dass Europa sich aus Afrika heraushĂ€lt. Wenn dafĂŒr Menschen in Bengasi abgeschlachtet oder aus SĂŒdkordofan vertrieben werden, sind das Opfer auf dem Weg zum Ziel. Der Sudan ist eine BĂŒhne. Das StĂŒck trĂ€gt den Titel: âafrikanische Lösungenâ. Der erste Akt endete mit der Entmilitarisierung Abyeis. Aber das âafrikanische Problemâ â die Kriegsregion SĂŒdkordofan â blieb unangetastet. Ein Verdacht drĂ€ngt sich auf: das Mandat der UN-Mission im Sudan lĂ€uft im Juli aus. Dabei decken sich die Interessen des Diktators Bashir mit denen Mbekis: Abzug der UN-Mission, dafĂŒr Truppen unter AU-Mandat. Mbeki ist besessen von Afrikas UnabhĂ€ngigkeit â und blind fĂŒr die Konsequenzen. Er interpretiert den RĂŒckzug von UN-Truppen als Machtgewinn fĂŒr die AU. Die politische Agenda hinter all seinen AktivitĂ€ten ist die Verbannung des Westens, nicht die Verhinderung von Toten. Hinter den âafrikanischen Lösungenâ verbergen sich Leichenberge, die der Westen beerdigen, nicht verhindern, soll.
Die Laboratorien der Weltgeschichte
Artikel in der Festschrift fĂŒr Christian Schwarz-Schilling (80. Geburtstag). http://www.politicalbeauty.de/center/Vita_Ruch_files/schwarz-schilling_ruch.pdf
HÀtten LuftschlÀge Srebrenica verhindert?
Seit die Alliierten sich durchringen konnten, die militĂ€rische Hightech-Macht des libyschen Diktators Gaddafi in die Steinzeit zurĂŒck zu katapultieren, wird wieder ĂŒber den Sinn und Unsinn von LuftschlĂ€gen diskutiert. Dazu wird auch der Völkermord von Srebrenica als Beweis angefĂŒhrt, dass LuftschlĂ€ge gegen genozidale Verbrechen nichts auszurichten vermögen. Das Problem ist nur: LuftschlĂ€ge hĂ€tten Srebrenica verhindert.
So warf der Dirk Niebel, Bundesentwicklungsminister, in einer GesprĂ€chsrunde des ZDF jĂŒngst die durchaus interessante Frage auf: âHat jemals eine Flugverbotszone ein Massaker verhindert?â â Darauf antwortete der Minister, noch ohne Luft zu holen, höchstselbst, indem er meinte, nicht einmal Bodentruppen der Vereinten Nationen hĂ€tten dies in Srebrenica getan. Dirk Niebel spinnt dabei an einem westlichen MĂ€rchen, nach dem das Truppenkontingent von weniger als 400 Soldaten in Srebrenica als unterstĂŒtzender, verlĂ€ngerter FlĂŒgel der LuftschlĂ€ge erscheint. Das Argument ist stets dasselbe: weder LuftschlĂ€ge, noch Bodentruppen hĂ€tten in Srebrenica etwas auszurichten vermocht. Nichts könnte von der historischen Wirklichkeit ferner liegen. Um Niebels Frage mit allem ihr gebĂŒhrenden Ernst durchzusprechen, muss man die Aufmerksamkeit von Srebrenica zunĂ€chst auf den Belagerungsring von Sarajevo lenken. Denn die serbische Art, den Krieg in Bosnien zu fĂŒhren, war ĂŒberall dieselbe. Die Truppen drangen mit paramilitĂ€rischen Truppen und âSnipernâ (ScharfschĂŒtzenâ) in die StĂ€dte ein und schĂŒrten Chaos und Angst. Um Sarajevo herum entstand ein Belagerungsring aus schwerer Artillerie, Panzern und Granatwerfern. TĂ€glich erbebte in Sarajevo hundertfach die Erde von den Bombardements. Ăber drei Jahre hinweg starben durch diesen Belagerungsring, der der Metropole die Luft abschnĂŒren sollte, ĂŒber 11.000 Menschen. Carolin Fetscher bezeichnete dieses Vorgehen gegen die bosnische Bevölkerung einmal unnachahmlich als âSlow-Motion-Genocideâ.
Aber nicht nur die serbische KriegsfĂŒhrung, auch die Reaktionen des Westens lassen sich an Sarajevo besser ablesen als an Srebrenica. Die Hauptstadt lag immerhin drei Jahre lang im Zentrum der Weltaufmerksamkeit â was sich vom belagerten Srebrenica nicht behaupten lĂ€sst. Allabendlich wurden die Bilder dieses langsamen Dahinsterbens, Bilder von der âbosnischen Agonieâ, von den Fernsehnachrichten in die westlichen Wohnzimmer und BĂŒrokratiestuben geschickt. Ăber die westliche Reaktion auf diese Bilder kann man sich nicht genug wundern. Drei Jahre lang wurde die Bildproduktion einer gigantischen humanitĂ€ren Katastrophe gen Westen geschickt, die durch Belagerungsringe verursacht wurde. Keiner der westlichen Zuschauer kam auf die Idee, die serbischen Belagerungsringe, die die bosnischen StĂ€dte einschnĂŒrten, aus der Luft anzugreifen und zu zerstören. Es war dieser Umstand, der den Sohn von Susan Sontag zu einer der eindrĂŒcklichsten Aussagen ĂŒber die âEvolution der Genozideâ hinriss: âNoch heute glauben viele, wenn die Welt nur vom Holocaust gewusst hĂ€tte, hĂ€tte sie auch etwas dagegen unternommen. Zwei Jahre in Bosnien haben mich eines anderen belehrt. HĂ€tte es Bilder aus Auschwitz in der Weltpresse gegeben, hĂ€tte die Welt genauso wenig gehandelt.âDie Belagerungsringe, die das langsame Sterben ins Werk setzten, blieben ĂŒber drei volle Jahre hinweg mehr oder weniger unangetastet. â Dies, obwohl sie im grellen Scheinwerferlicht der internationalen Medien standen. Der nie ausgesprochene Grund dafĂŒr war, dass sich die Weltgemeinschaft auf ein derart aggressives Vorgehen, die Belagerungsringe aus der Luft zu vernichten, nicht einigen konnte oder wollte. Man nahm die Bilder und ErzĂ€hlungen von Völkermord, Vergewaltigungen und systematischen Vertreibungen lieber hin, als die Aggressoren zurĂŒckzuschlagen. Der serbischen Armee gelang es im FrĂŒhjahr 1995 sogar, westliche Soldaten in Geiselhaft zu nehmen und an strategisch wichtige Kriegsziele zu ketten. Eine Episode, die zur ErklĂ€rung des westlichen Verhaltens in Srebrenica maĂgeblich beitrĂ€gt. Die in Bosnien stationierten Bodentruppen erscheinen deshalb weniger als verlĂ€ngerter Arm der NATO, sondern vielmehr als Widersacher fĂŒr westliche LuftschlĂ€ge.
Was eigentlich alle Kommentatoren der serbischen KriegsfĂŒhrung beobachteten, war das vorsichtige Herantasten an die Grenzsetzung der internationalen Gemeinschaft. Auf Srebrenica rollten zunĂ€chst vier serbische Panzer vor. Was viele bis heute nicht wissen: Srebrenica liegt in einem Tal, in das nur eine einzige Strasse hineinfĂŒhrt. Vier Bomben fĂŒr vier Panzer aus altsowjetischer Produktion hĂ€tten ausgereicht, um den Massenmord in Srebrenica, das schlimmste Verbrechen auf europĂ€ischem Boden nach dem Zweiten Weltkrieg, zu verhindern. 40.000 Zivilisten hatten sich in die âUNO-Schutzzoneâ geflĂŒchtet. Schlimmer noch als das MĂ€rchen, dass der Westen nicht in der Lage gewesen sei, eine einzige Strasse zu blockieren, ist die Tatsache, dass 40 Kampfflugzeuge am Vorabend der Katastrophe ĂŒber der Adria kreisten und auf ihren Einsatzbefehl warteten. Obwohl die UN-Einsatzregeln den Einsatz von Luftangriffen vorsahen, um die Zivilisten zu verteidigen, wurden die Kampfjets vom französischen General Bernard Janvier auf den Boden zurĂŒckbeordert. Der Westen konnte sich nicht dazu entschlieĂen, die serbische Armee aus der Luft zu bombardieren und damit als Aggressor dazustehen. Das ist das gigantische Verbrechen, das der Westen in Srebrenica beging: ein Verrat an 40.000 Menschen, denen man zugesichert hatte, sie zu beschĂŒtzen, die fest mit militĂ€rischem Schutz gerechnet hatten und auf die dann eine unaussprechliche Menschenjagd mit Hunden, Maschinengewehren, Minenwerfern und Panzern einsetzte, die ĂŒber 8.000 von ihnen nicht ĂŒberleben sollten. Das Schicksal Srebrenicas war dabei von Anfang an besiegelt. Es lag zu nahe an Serbien. Zu nah, um nicht als gallisches Dorf einen ethnifizierten, âgesĂ€ubertenâ Lebensraumes zu verschmutzen.
Oskar Lafontaine beklagte in derselben GesprĂ€chsrunde, die Menschheit habe in den letzten Jahrzehnten nichts dazugelernt. Was aus dem Munde Elie Wiesels als Provokation gemeint ist, nimmt sich vom GrĂŒndervater einer seltsamen Partei eher wie eine Drohung aus. Denn der Eingriff in Libyen ist genau das, eine eindrĂŒckliche Demonstration menschlicher LernfĂ€higkeit. Die politische Lektion, die man aus Srebrenica lernen kann, wurde gerade durch das Zustandekommen einer libyschen Intervention gelernt und lĂ€sst hoffen. Die effektive Verteidigung der Zivilbevölkerung in Bengasi im buchstĂ€blich allerletzten Moment (China und Russland hatten zuvor fĂŒr Gaddafi wertvolle Zeit herausgeschlagen und die Abstimmung ĂŒber die Resolution verzögert), das Sinnbild von westlichen Bomben, die mitten auf eine Armee fallen, die bereits zum GroĂangriff auf Bengasi geblasen hatte, zeigt, dass wir doch nicht bereit sind, ĂŒberall zuzusehen. Gerade im Beraterumfeld des französischen PrĂ€sidenten lassen sich Personen ausmachen, die das westliche Versagen Bosniens nicht nur begleitet haben, sondern schmerzlich daran litten. Und obwohl die Skeptiker bereits Stunden spĂ€ter kritisierten, der Einsatz geschehe âkopf- und ziellosâ und ohne jede âStrategieâ, wird der Vormarsch der Rebellen aus Ostlibyen auf die Hauptstadt Tripolis vielleicht ein eindrucksvolles Ausrufezeichen ans Ende dieses Ein-Satzes setzen. Denn die vermeintlich fehlende Strategie ist mehr als offensichtlich: die westlichen Truppen tun alles, um die Ăbermacht Gaddafis zu zerschlagen, damit die Rebellen auf Tripolis vorrĂŒcken können. Diesem in der Geschichte der Menschheit allzu bekannten Plan jede âStrategieâ abzusprechen, ist zwar raffiniert, deshalb aber nicht richtig.
Zuletzt eine Randbemerkung: Im Kosovo erwies sich der Angriff auf die dritte Division der jugoslawischen Volksarmee als wirkungslos. Die NATO rechnete mit einer Kapitulation Milosevics innerhalb von wenigen Tagen. Es sollte Monate und eine Ausweitung der Luftangriffe auf Ziele in Belgrad dauern, bis das âSystem Milosevicâ kollabierte. FĂŒr alle, die sich mit der Verhinderung von Genoziden beschĂ€ftigten, war dies ein Schock: die IneffektivitĂ€t von LuftschlĂ€gen im Kosovokrieg. Bis heute gibt es erschreckend wenig politikwissenschaftliche Spekulationen zur Frage, warum die LuftschlĂ€ge derart wenig Zwangsgewalt besaĂen. In Libyen steht deshalb tatsĂ€chlich nichts weniger als die Wirksamkeit von Luftangriffen bei der Verhinderung von Genoziden auf dem Spiel. Denn es gibt keine weitere Strategie, mit der die westliche Politik in den nĂ€chsten Jahrzehnten derart kostengĂŒnstig und fĂŒr die eigenen Bevölkerungen schmerzlos Leben retten kann.
"Das Material der Aktionskunst ist die jeweilige Gesellschaft selbst, das Ziel ist ihre Rettung."
Was verbirgt sich hinter dem Begriff Aktionskunst? Beschreiben Sie dies ein wenig. Die Aktionskunst versucht, Formen fĂŒr die Rettung der Gesellschaft zu gieĂen. Das gilt zumindest fĂŒr eine Tradition, die von Diogenes ĂŒber Duchamps bis zu Schlingensief gilt. Das Material der Aktionskunst ist die jeweilige Gesellschaft selbst, das Ziel ist ihre Rettung. Sie sind âChefunterhĂ€ndlerâ des Zentrums fĂŒr Politische Schönheit. ErzĂ€hlen Sie uns etwas ĂŒber dieses Zentrum, wofĂŒr steht dieses und welchen Aufgaben hat es sich verschrieben? Das Zentrum fĂŒr Politische Schönheit hat sich zum Ziel gesetzt, die Gesellschaft nicht nur zu formen oder zu retten, sondern unser oberstes Ziel ist: die deutsche Politik zu veredeln. Uns geht es um die edlen Handlungen des Menschen und die fordern wir aktiv ein. Es geht darum, heroisches Gedankengut mit dem Anspruch auf HumanitĂ€t zusammenzufĂŒhren, um den Kampf um Menschenrechte im Glanz aristokratischer Ideale. Wir wollen die Höhen des Menschen ausloten und vor allem: die Höhen von Politik, Staaten und Nationen. Wie ist Ihre Leidenschaft fĂŒr die Aktionskunst entstanden, wie hat sich diese bis heute entwickelt und welche Rolle spielt sie mittlerweile in Ihrem Leben? Ich bemerke an mir selbst eine schleichende Abwendung von den Mitteln der Aktionskunst. Ich habe mich immer als âMenschenrechtlerâ einer neuen Generation verstanden. Dem physischen Tod von Christoph Schlingensief ging ja sein kĂŒnstlerischer Tod im Jahre 2004 voraus. Wir haben in Konkurrenz zu seinem âOperndorfâ-Projekt, das wir fĂŒr ein Fitzcarraldo-Plagiat hielten, 1.000 Rettungsplattformen fĂŒr ertrinkende FlĂŒchtlinge auf dem Mittelmeer beworben. Die Bundeskulturstiftung entschied sich fĂŒr Schlingensiefs Namen, statt fĂŒr unsere Ideen. Wenn es uns in den nĂ€chsten Jahren gelingt, den Kampf um Menschenrechte titanisch im Zentrum der gegenwĂ€rtigen Aktionskunst zu verankern, bin ich gerne bereit, das Zentrum fĂŒr Politische Schönheit weiterhin als âAktionskunstâ zu bezeichnen. Sollten wir versagen, bleiben wir Menschenrechtler mit Visionen. Menschenrechte und Aktionskunst auf Kollisionskurs zu bringen, halte ich deshalb fĂŒr wichtig, weil die bisherigen Menschenrechtsorganisationen den konsequenten Verzicht von RechtsbrĂŒchen ĂŒben. Wir halten diesen Verzicht fĂŒr unmoralisch. Es kann nicht sein, dass TierschĂŒtzer und UmweltschĂŒtzer ihre Anliegen besser in die deutsche Politik einbringen, nur weil Menschenrechtler so nett sind, nicht auf FabrikgebĂ€ude zu klettern, Atommeiler zu beleuchten oder Bauernhöfe zu ruinieren. Menschenrechtler mĂŒssen in ihrem Vorgehen entweder von Greenpeace oder von der Aktionskunst lernen. Das Zentrum fĂŒr Politische Schönheit verkörpert diese Lernerfahrung.
Woher holen Sie sich Inspirationen und Ideen fĂŒr Ihre Performances und wie lange dauert die entsprechenden Vorbereitungszeit? Ich denke eigentlich permanent darĂŒber nach, wie man das Wort âHumanitĂ€tâ mit Leben fĂŒllt. Das hĂ€lt mich wach. Eine gut geplante Aktion wie das Monument gegen die Verbrechen der Vereinten Nationen in Bosnien-Herzegowina benötigte neun Monate Vorbereitungszeit, unzĂ€hlige politische HintergrundgesprĂ€che, Abkommen mit der Presse. Wir sind etwas ratlos, weil sich das Monument zurzeit nicht finanzieren lĂ€sst. Wir sind wohl fĂŒnf bis zehn Jahre zu frĂŒh mit der Idee fĂŒr ein Denkmal gegen die Schande des Westens. Was macht fĂŒr Sie den besonderen Reiz und die Faszination an der Aktionskunst aus? Aktionskunst steht fĂŒr das Ăberschreiten von gesellschaftlichen Grenzen, um diese kenntlich zu machen und ĂŒber ihren Sinn oder Unsinn nachzudenken. Die Grenzen zu ĂŒbertreten, die wir gegen die Rettung von Menschenleben errichtet haben, halte ich fĂŒr die wichtigste und nobelste Aufgabe unserer Zeit. Deshalb ist unsere Forderung nach Menschenrechtlern eine Forderung nach AktionskĂŒnstlern. Was mich etwas von der Aktionskunst abgebracht hat, ist ihre Selbstbezogenheit. Sie werden in der Welt der Kunst keinen KĂŒnstler finden wie Kumi Naidoo. Kumi Naidoo ist der internationale Chef von Greenpeace, eigentlich ein radikaler Menschenrechtler, der sich fĂŒr seinen Glauben und gegen das Regime in Simbabwe zu Tode gehungert hat. Menschen wie Naidoo sind die gröĂte Provokation fĂŒr die Kunst der Gegenwart, weil sie all das verkörpern, was die Kunst fĂŒr sich beanspruchen will: die Vorreiterschaft im Kampf um das Herz der Menschheit. ErzĂ€hlen Sie uns abschlieĂend welche tollen Momente Ihnen die Aktionskunst und das Zentrum fĂŒr Politische Schönheit bislang beschert hat, woran denken Sie gern zurĂŒck? Als wir die Idee fĂŒr ein Srebrenica-Mahnmal gegen die UNO lanciert hatten, schrieb jemand eine Email mit nur einem Satz: âGod save the German people!â â Das war, wenn ich mich richtig erinnere, der schönste Moment. Das Wissen darum, den Ruf Deutschlands in Bosnien gerettet zu haben. Zumindest in Teilen. Wenn sie einen zweiten hören wollen: wir haben einmal vor dem Kanzleramt ein antikes Forum fĂŒr FlĂŒchtlinge gebaut, das âForum der verlorenen Hoffnungenâ. TatsĂ€chlich kamen ziemlich viele Einwanderer und verlasen WĂŒnsche, TrĂ€ume und SehnsĂŒchte an die deutsche Politik. Was ich in jener Nacht zu hören bekam, war stĂ€rker als alles, was die Deutschen je geĂ€uĂert haben. Ich hoffe, dass die Kanzlerin in jener Nacht gut zugehört hat.Â
GesprÀch zwischen Philipp Ruch und Elias Bierdel (Gorki Planet).
The Fourth Genocide
Abyei is a small border region between North and South Sudan. It is home of the country's largest oil field, the "Heglig 2". In January 2011, the population of Southern Sudan is going to decide in a referendum whether to remain a part of Sudan or seek autonomy. According to recent polls, more than 90 per cent of the population are in favor of creating a second Sudan. It will be the first time since 1993, a new African state comes into existence. But its birth will all be but quiet. The epicenter of screams, machine-guns and bomb explosions will be Abyei. The name of another slaughterhouse. Kickoff of the fourth genocide in Sudan?
Staging turmoil as the key problem
The inhabitants of Abyei were supposed to vote on January 9, 2011 whether they want to belong to the state in the South. It was one of the provisions established in the 2005 peace agreement that freezed up a civil war with more than 2 million casualties. Only last month did it occur to Western diplomats that something was not quite right. To the day, not even the election commission has been staffed. Sudan's president Bashir refuses any signature. He is busy doing other things. Being internationally persecuted for genocide, for example.
The diplomatic efforts of the West need to face the political reality: no election will ever take place in Abyei. Bashirâs party is going to prevent Abyeiâs secession by all means. Even the "how" is foreseeable: by December 2010 the latest, âunexpectedâ and shocking âriotsâ arise. Bashir will instrumentalize these as an excuse to occupy Abyei with military troops in order to officially "protect" the people from violence. On January 9, Southern Sudan declares its independence. Soon after, the new born state will invade Abyei with own troops as well.
If Abyei is becoming the engine room for another war, it is still possible to thwart this scenario. What people in Abyei region need: independent observers that monitor and investigate all kinds of alleged "riots" and âclashesâ. 5000 soldiers of the African Union could be sufficient. Military observers would make it impossible for one of the warring parties to appoint themselves as knights in shining armors. But that is exactly their plan.
The âgood willâ of Bashir?
The case of Abyei raises once again the question of how the West considers to deal with somebody having committed genocide twice. Who would be so soft-headed to trust Bashir another time? The answer: everybody. The West imagines that Bashir turned into a decent man. Where others would worry war, Bashir catches the two largest oilfields of his country. His policy is laid out to equip rebels in Southern Sudan who are going to destabilize the new state until it collapses into civil war â and enable Bashir to seize access to the vast resources and wealth of Abyei and the South. âTrustâ merely exists as a category for perpetrators of genocide.
There is a certain desperation to the trust the international community is putting into Bashir. We have seen this âstrategyâ before, when figures like Hitler and Milosevic were accepted as legitimate diplomatic partners who could be appeased. This strategy ignores the genocidal desasters perpetrated by these men. As well as a law of political psychology: that the contempt of a dictator increases with the willingness to disregard his malice.
Years ago, the Bush administration demonstrated a strategy of how to deal with Bashir. After September 11, Khartoum refused to share intelligence information on Osama bin Laden. CIA agents met in London with representatives of Bashir. They threatened to bomb oil refineries, ports and pipelines. The information they sought was handed out immediately. But the war on terror is more important than the war on genocide.Â
Der vierte Genozid
Abyei. Das ist der Name einer Region, den man sich einprĂ€gen sollte. Abyei wird 2011 im Zentrum der Weltpolitik stehen. Wenn es ganz schlecht lĂ€uft, wird es sogar ins Zentrum der Weltöffentlichkeit rĂŒcken.
Abyei ist eine kleine Grenzregion zwischen Nord- und SĂŒdsudan. Hier befindet sich das gröĂte Ălfeld des Landes, âHeglig 2â. Die Menschen im SĂŒden stimmen am 9. Januar 2011 darĂŒber ab, ob sie aus dem heutigen Sudan austreten und einem neuen Staat, einem zweiten Sudan, angehören wollen. â Und wie sie wollen. Umfragen sehen weit ĂŒber 90 % der Stimmen fĂŒr eine Staatsteilung. Seit 1993 erblickt erstmals ein neuer afrikanischer Staat das Licht der Welt. Aber die Geburt wird alles andere als gerĂ€uschlos verlaufen. Das Epizentrum von Schreien, Maschinengewehren und Bombenexplosionen wird âAbyeiâ heiĂen. Der Name eines weiteren Vorhofes zur Hölle. Ausgangspunkt des vierten Genozids im Sudan?
Inszenierte Unruhen als SchlĂŒsselproblem
Die Einwohner der Region sollten eigentlich am 9. Januar 2011 darĂŒber abstimmen, ob sie zum SĂŒden oder zum Norden des Landes gehören wollen. Das sieht der 2005 geschlossener Friedensvertrag vor, der einen zwanzigjĂ€hrigen BĂŒrgerkrieg mit ĂŒber 2 Millionen Toten auf Eis gelegt hat. Seit letztem Monat dĂ€mmert der westlichen Diplomatie aber, dass etwas nicht stimmt. Bislang wurde nicht einmal die Referendumskommission besetzt. Bashir verweigert jegliche Unterschrift. Der wiedergewĂ€hlte PrĂ€sident des Sudan hat schlieĂlich genug zu tun. Er wird wegen Völkermordes international gesucht.
Den diplomatischen Anstrengungen, die wir dieser Tage erleben, darf eine Gewissheit entgegengehalten werden: zu einer Wahl in Abyei wird es niemals kommen. Bashir wird jede Abspaltung Abyeis mit allen Mitteln verhindern. Selbst das Wie ist absehbar: spĂ€testens im Dezember 2010 kommt es wundersam, plötzlich und völlig ĂŒberraschend zu âAusschreitungenâ. Diese nutzt Bashir dazu, die Region mit Truppen zu besetzen, die offiziell die Bevölkerung vor Gewalt âschĂŒtzenâ. SpĂ€testens nach der UnabhĂ€ngigkeit am 9. Januar 2011 marschiert dann auch der SĂŒdsudan mit Truppen in Abyei ein.
Wenn Abyei Maschinenraum eines neuen Krieges ist, wĂ€re er auch zu verhindern: was die Menschen brauchen, sind Beobachter, die jede Art von âUnruhenâ beobachten und untersuchen. 5.000 Soldaten der Afrikanischen Union dĂŒrften genĂŒgen, um Wahlen zu garantieren. Sie wĂŒrden den potenziellen Kriegsparteien verunmöglichen, sich als Retter in der Not zu inszenieren. Denn genau das ist ihr Plan.
Der gute Wille eines zweifachen Völkermörders?
Abyei wirft einmal mehr die Frage auf, wie der Westen mit Völkermördern zu verfahren gedenkt. Wer ist eigentlich bereit, einem zweifachen Völkermörder zu vertrauen? Die Antwort: so gut wie alle. Die VerhandlungsfĂŒhrer setzen darauf, dass Bashir sich ĂŒber Nacht in einen âGutmenschenâ verwandelt hat. Aber wo andere einen Krieg fĂŒrchten, sieht Bashir zwei der gröĂten Ălfelder seines Landes. Seine Politik ist darauf angelegt, Rebellen im SĂŒdsudan auszurĂŒsten, die den neuen Staat destabilisieren, bis er im BĂŒrgerkrieg kollabiert.
Unser religiöser Glaube an den guten Willen eines zweifachen Völkermörders hat etwas Verzweifeltes. Es reiht sich in ein politisches Erbe ein, das sich an Gestalten wie Hitler bis Milosevic die ZĂ€hne ausgebissen hat. Man ignoriert das genozidale Inferno, das diese MĂ€nner anrichten. Genauso wie ein Gesetz der politischen Psychologie, nach dem die Verachtung eines Diktators in dem MaĂe wĂ€chst, wie man bereit ist, seine Bösartigkeit zu verdrĂ€ngen.
Dabei hatte die Regierung Bush vor Jahren einmal vorgemacht, wie mit Bashir umzugehen ist. Nach dem 11. September wollte Khartum keine Informationen zu Osama bin Laden offenlegen. CIA-Agenten trafen sich in London mit Vertretern Bashirs und drohten, Ălraffinerien, HĂ€fen und Pipelines zu bombardieren. Umgehend wurden die gewĂŒnschten Informationen ausgehĂ€ndigt. Aber der Krieg gegen Terror war wichtiger als der Krieg gegen Genozid.
Mitschnitt von unserer Podiumsdiskussion: "Die UNO und der Völkermord von Srebrenica: HintergrĂŒnde eines gebrochenen Versprechens". Das Zentrum fĂŒr Politische Schönheit in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung.
Sie hĂ€tte vielleicht Mittel gehabt im Jahr 1928, wenn sie sich da noch, vor einer Entwicklung, die dann auf Papen, Schleicher und Hitler zulĂ€uft, mit andern organisiert hĂ€tte. Also die Organisationsfrage liegt 1928 und das dazu gehörige BewuĂtsein liegt 1944.
Alexander Kluge ĂŒber eine Frau, die den Bombenangriffen von 1944 mittellos ausgeliefert war
Elie Wiesels unerkannte Provokation im Holocaust Museum Washington.
Srebrenica's lessons for the UN
Creator of a monument to the victims of Srebrenica explains why he is singling out the UN.
On July 11, 1995, more than 8,000 Muslim men and boys were killed by Bosnian Serb troops [EPA]Â
German activist Philipp Ruch's monument to Srebrenica is a huge jumble of worn shoes - 16,744 of them in memory of the 8,372 victims of the massacre that took place 15 years ago when Bosnian Serb troops advanced on a Muslim enclave that was supposedly protected by UN peacekeepers. The 'Pillar of Shame' creator says worn shoes have been pouring into Bosnian collection centres since he launched his appeal for footwear six weeks ago. They will be encased in wire mesh in eight metre tall letters spelling out UN and placed on a hill overlooking the graves of the Srebrenica victims. Here Ruch talks about his project.
You have been engaged in issues connected with Bosnia for quite some time now. How did you become interested in the country?
My best friend escaped from a besieged Sarajevo when he was 13 years old. It was only during my studies that I got to understand what happened in Bosnia. The entire panorama of emotions poured down on Bosnia in the 1990s, from the horrific betrayal through cosmic abandonment, to episodes of radical humanity.
Why did it take Europe so long to acknowledge the genocide?
I am unsure that they did. Germany is so obsessed with itself that only a few events from the outside enter the medial sphere. One ought to be constrained to acknowledge what Europe has done in Bosnia - done, not failed [to do]. Part of this constraint will be the Pillar of Shame.
What went through your mind when seeing pictures from Srebrenica for the first time or when speaking with the mothers of Srebrenica?Â
The mothers of Srebrenica carry the burden of what had been done to them with unique dignity. They are incredibly impressive, above all in their courage. First were the images of United Nations soldiers standing by - nonconforming civil courage in cinemascope. As if someone had shown Schindler's List to them and was curious to see how soldiers would react to a bad remake. We discovered footage for a documentary focusing on the United Nations crisis headquarters, where a soldier in Potocari yells "you have to keep the people calm!" over and over again. This is known - mass executions, mortal fear of tens of thousands of people. But what is most important is that no one cut off the way toward the slaughtering block. Auschwitz was built as we know it, with showers, due to this need. But pictures disclose mistakes. For example the Scorpion video alone can hardly catch what happened in Srebrenica: unleashed dogs, the human hunt, systematic extermination, deadly marching through forests laid with mines, rapes, universal fear, and the betrayal of the international community all over it.
Why a Pillar of Shame fifteen years later?
Six-thousand survivors are suing the United Nations. But the headquarters in New York are not even considering appearing in court. This is a terrible mistake. If it is impossible to bring the United Nations to a court, then we have to find an unconventional and maybe more effective way. The United Nations' arrogance toward the survivors is beyond comprehension. The Pillar of Shame signifies a response to this arrogance. No one should be able to say: "What the United Nations do is not our business." It is our business. We are all representing the United Nations. We are standing by the survivors. They should not live with the feeling that no one in the West cares about how the United Nations treats them. This is one of the reasons why the bottom part of the Pillar bears the words "Decency made me". We would like to put the West into possession of a knowledge that [the] Bosnian population has [had for] more than a decade: the United Nations ruined their reputation, ambition and glory. The high esteem and great belief that the Germans ascribe to the United Nations is still striking.
What does Srebrenica mean to you?
The shoes represent the victims of the Srebrenica massacre [EPA]Â
I come from the generation of the "too-late-comers," as Nietzsche once formulated my problem. Srebrenica was the collapse of our humanistic ambitions. Following Srebrenica, it is no longer feasible to claim that we as a civilisation want to prevent genocide. The fact that Srebrenica entered the modern condition without any opposition [from] the world is incomprehensible for me personally. In 1995, Srebrenica was for weeks transforming into a genocidal death zone with no escape out. And all this after the United Nations promised military protection, and after the disarmament of the people. The people of Bosnia believed our promises. We broke our promises. It is difficult to dismiss the lightness with which our politicians committed betrayal in Bosnia.
Do you think we have failed to learn from history?
Our constant remembering of the Holocaust, during which the events in Bosnia, Rwanda, Darfur and Congo were enacted shows what lesson we drew from the Holocaust: never again the Jews. All other peoples are negotiable. There is no time to witness another genocide, especially because genocides have been committed too many times since 1995.Â
In 1999, Kofi Annan wrote: "Srebrenica is the biggest shame in the history of the United Nations". Isn't that enough?
If I was secretary general of the UN, and if the mothers of Srebrenica made the big effort to bring my organisation to court, appearing in [the] courtroom and hearing the charges would be part of [my] policy. Looking at Srebrenica, it becomes ... clear that the UN as an international actor stands above the law. It is legally untouchable. Its representatives can do whatever they want. It is the perfect cloak. In all respects, Annan knew what he was talking about. In 1995, he was head of the DPKO, the "ministry of defence" of the UN. He was in charge already in 1994, when a not irrelevant genocide was carried out in Rwanda. The Blue Helmets, who are helplessly standing around on television, they were Annan's soldiers. Ascertaining shame does not suffice. It must be imparted further.
Questions by Mirella Sidro.
âSrebrenica war die Kollabierung unserer humanistischen AnsprĂŒcheâ
Seit einiger Zeit engagieren Sie sich fĂŒr Bosnien. Wie sind Sie auf das land aufmerksam geworden? Mein bester Freund flĂŒchtete mit dreizehn Jahren aus dem belagerten Sarajevo. Was in Bosnien geschah, habe ich aber erst im Studium verstanden. Was immer Menschen fĂŒhlen können, das ganze Panorama menschlicher GefĂŒhle, es wurde ĂŒber Bosnien ausgeschĂŒttet. Von entsetzlichem Verrat ĂŒber kosmische Verlassenheit bis zu Episoden radikaler Menschlichkeit.
Warum haben deutschland und Europa so lange gebraucht, um den Genozid anzuerkennen, m.E. auch ziemlich zĂ€hneknirschend? Ich bin nicht sicher, ob sie es mit Ehrgeiz tun. Deutschland ist dermaĂen mit sich beschĂ€ftigt, dass nur wenige Ereignisse von AuĂen eindringen. Um anzuerkennen, was Europa in Bosnien getan hat â getan, nicht versagt â, mĂŒsste man es schon zwingen. Ein Teil dieses Zwangs soll die SĂ€ule der Schande werden.
Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Bilder aus Srebrenica das erste Mal gesehen haben? Oder als Sie das erste Mal mit den MĂŒttern von Srebrenica gesprochen haben? Die MĂŒtter von Srebrenica tragen das, was ihnen angetan wurde, mit bewundernswerter WĂŒrde. Sie sind enorm beeindruckend. Vor allem in ihrem Mut. Nicht wenige von ihnen leben ja heute unter Anfeindungen und Bedrohung. Die ersten Aufnahmen waren herumstehende UNO-Soldaten. Mangelnde Zivilcourage im GroĂformat. Als ob jemand gerade âSchindlerâs Listeâ gezeigt hĂ€tte und schauen will, wie die Soldaten auf eine Neuverfilmung reagieren. FĂŒr einen Dokumentarfilm ĂŒber den Krisenstab der UNO haben wir Filmaufnahmen entdeckt, in denen ein Soldat immer und immer wieder ruft: âYou have to keep the people calm!â Das ist bekannt. Massenexekutionen, die Todesangst zehntausender Menschen, egal. Hauptsache, es wehrt sich keiner auf dem Weg zur Schlachtbank. Aufgrund dieses BedĂŒrfnisses wurde Auschwitz auch so gebaut, wie wir es kennen, mit Duschen. Aber Bilder verleiten zu IrrtĂŒmern. Selbst das Skorpion-Video kann kaum vermitteln, was in Srebrenica passiert ist: die Hunde, die Menschenjagd, die planmĂ€Ăige Vernichtung, TodesmĂ€rsche durch verminte WĂ€lder, Vergewaltigungen, die Angst und der Verrat der Welt.
Warum kommen Sie nach 15 Jahren mit einer SĂ€ule der Schande? 6.000 Hinterbliebene verklagen die UNO. Aber im Hauptquartier in New York denkt man nicht daran, ĂŒberhaupt im Gerichtssaal zu erscheinen. Das war ein Fehler. Wenn man die UNO nicht vor Gericht stellen kann, tun wir es eben auf neue Weise. Bei der UNO gibt es eine unbegreifliche Arroganz gegenĂŒber den Hinterbliebenen. Eine Antwort auf diese Arroganz ist die âSĂ€ule der Schandeâ. Es soll keiner sagen können: âEs interessiert keinen, was die UNO tut.â â Es interessiert uns. Wir springen den Hinterbliebenen bei. Sie sollen nicht das GefĂŒhl behalten, es interessiere niemanden im Westen, wie die UNO mit ihnen umspringt. Das ist einer der GrĂŒnde, weshalb wir auf die Unterkante der SĂ€ule gravieren werden: âDecency made meâ. Wir wollen versuchen, im Westen bekannt zu machen, was ganz Bosnien lĂ€ngst weiĂ: dass die UNO ihren guten Ruf verspielt hat. Es fĂ€llt immer wieder auf, mit welcher Hochachtung und Weltvertrauen gerade Deutsche von den Vereinten Nationen reden.Â
Was bedeutet âSrebrenicaâ fĂŒr Sie? Ich stamme aus der Generation der âZuspĂ€tgekommenenâ, wie Nietzsche das einmal formulierte. Srebrenica war die Kollabierung unserer humanistischen AnsprĂŒche. Nach Srebrenica kann man nicht mehr glaubhaft behaupten, als Zivilisation interessiert daran zu sein, Genozid zu verhindern. Die Tatsache, dass sich Srebrenica unter modernen Bedingungen ereignen konnte, ohne jeglichen Widerstand der Welt, ist fĂŒr mich unbegreiflich. Srebrenica verwandelte sich 1995 fĂŒr Wochen in eine genozidale Todeszone, aus der es kein Entrinnen gab. Und dies, nachdem die UNO militĂ€rischen Schutz versprochen und die Menschen entwaffnet hatte. Die Menschen in Bosnien haben den Versprechen des Westens vertraut. Das Versprechen wurde zu oft gebrochen. Von der Leichtigkeit, mit der der Westen in Bosnien tausendfachen Verrat beging, ist schwer loszukommen.
Sie meinen, wir haben nichts aus der Geschichte gelernt? Wir haben durch die pausenlose Erinnerung an den Holocaust bei zeitgleicher Tatenlosigkeit in Bosnien, Ruanda, Darfur und Kongo bewiesen, welche Lehre wir aus dem Holocaust zu ziehen bereit waren: nie wieder Juden. Alle anderen Völker sind verhandelbar. Wir haben nicht die Zeit, einen weiteren Genozid abzuwarten. Zumal sich der Holocaust seit 1995 mehrfach wiederholt hat. Aber auf TĂ€terseite gab es eine Evolution des Wissens: die neuen Genozide vollziehen sich in einer Bilderlosigkeit, mit der sich schon die Alliierten aus ihrer UntĂ€tigkeit gegenĂŒber den Konzentrationslagern der Nazis herausreden konnten. Auf der Unterschwelle des europĂ€ischen Bewusstseins haben Baschir und Warlords im Kongo nichts zu befĂŒrchten. Wissen Sie, womit die politischen KrĂ€fte Deutschlands wĂ€hrenddessen 2008 und 2009 absorbiert waren? Mit einem Autokonzern namens âOpelâ.
Kofi Annan schrieb 1999: âSrebrenica stellt die gröĂte Schande in der Geschichte der vereinten Nationen dar.â Reicht das nicht? Wenn ich GeneralsekretĂ€r der UNO wĂ€re und die MĂŒtter von Srebrenica einen Prozess gegen mich fĂŒhren, gebietet der Anstand, im Gerichtssaal zu erscheinen und die Anklage zu hören. Erst durch Srebrenica wurde völkerrechtlich deutlich, dass die UNO als internationaler Akteur ĂŒber den Gesetzen steht. Sie sei juristisch unantastbar. Ihre Vertreter können tun und lassen, was sie wollen. Der perfekte Deckmantel. Annan wusste im Ăbrigen, wovon er sprach. Er war 1995 Chef des DPKO, des âVerteidigungsministeriumsâ der UNO. Bereits 1994, als ein nicht unwichtiger Völkermord sich in Ruanda vollzog. Die Blauhelme, die so hilflos in den Fernsehbildern herumstehen, sind seine Soldaten. Es reicht nicht aus, die Schande festzustellen. Man muss sie weitervermitteln.
Wie kann man das tun? Es gibt bei uns keine SensibilitĂ€t fĂŒr die GroĂkatastrophen, den Super-GAU, der sich hinter einem so kargen Wort wie âGenozidâ versteckt. Kofi Annan hĂ€tte als Chef des DPKO mindestens mit Farbbeuteln auf den GeneralsekretĂ€r, auf die Mitglieder des Weltsicherheitsrates und auf alle wichtigen europĂ€ischen Politiker werfen mĂŒssen und dĂŒrfen, um sie aufzuwecken.
Die bosnische Bevölkerung hat am meisten im Balkankrieg gelitten, und das leiden hat bis heute, auch 18 Jahre spĂ€ter, eigentlich nicht aufgehört (dayton-vertrag, keine visafreiheit, darunter leidet v.a. die junge Generation). Wozu diese Sperre innerhalb der EU, wenn doch die Grenzen fĂŒr die restlichen ehem. jugoslawischen Republiken geöffnet wurden? Die Art, wie Europa und die UNO die Bosnierinnen und Bosnier heute behandeln, ist das beste Zeichen dafĂŒr, dass wir nicht begriffen und gelernt haben. Das muss aufhören. Ich freue mich auf den Antritt des ersten bosnischen UNO-GeneralsekretĂ€rs. Wer könnte die UNO besser reformieren als ein Bosnier? Zum Thema Europa: wir transformieren die gesammelten Schuhe zu einem modernen Kommunikationsmedium um. Wir wollen die Schuhe mit Nachrichten aus Bosnien nach Westeuropa bringen, damit zwei Gesellschaften miteinander in Kontakt treten und die eine von der Existenz, den Leiden und der Geschichte der anderen erfahren kann.
Wird Axel Hagedorn eine chance mit der Anklage gegen die UNo haben? Denken Sie, dass dieses Zeichensetzen mit dem Srebrenica-Projekt ihm tore öffnen wird? Ich denke, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der UNO sehr genau wahrnehmen werden, welcher Aufwand gerade getrieben wird, um Srebrenica nach 15 Jahren nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Die Skulptur ist eine Medienwaffe. Je mehr Schmerzen sie verursacht, desto mehr Respekt dĂŒrfen wir von der UNO gegenĂŒber den MĂŒttern von Srebrenica erwarten. Ich kann mir vorstellen, dass die UNO ein Team von AnwĂ€lten in der nĂ€chsten Instanz zum Prozess schickt, um den Imageverlust aufzuwiegen. Ăbereifrig, aber leider zu spĂ€t.Â
Ăber den eigentĂŒmlichen Versuch Deutschlands, einen Diktator mit dem Organigramm zu bezwingen
Die Kategorie des âRespektsâ ist bis heute keine politisch anwendbare. Am Donnerstag pilgerte die Bundesrepublik zur AmtseinfĂŒhrung eines international gesuchten, dreifachen Völkermörders. 21 Jahre brutalster MilitĂ€rherrschaft im Sudan, Genozid im SĂŒdsudan, in den Nuba-Bergen und in Darfur, Millionen ziviler Opfer mit schwarzer Hautfarbe, ein internationaler Haftbefehl. Aber Deutschland schickt Diplomaten (âniederen Rangesâ) nach Khartum. Weshalb?
ZunĂ€chst glaubt man an eine böse Verwechslung. Wenn man hört, dass die Chefs der militĂ€rischen UNO-Missionen nach Khartum reisten, nahm man instinktiv an: um ihn endlich zu fassen. Aber statt eines Mossads oder einer Spezialoperation des Bundesnachrichtendienstes schickte Deutschland tatsĂ€chlich Diplomaten in den Sudan. Der ausgeklĂŒgelte Plan des AuswĂ€rtigen Amtes: ein Diplomat âniederen Rangesâ soll den Diktator demĂŒtigen. Man schickt nicht den Botschafter, sondern eben den Hausmeister â oder so Ă€hnlich. Deutschland glaubt an die Skalierungstaktik von Ămtern und Befugnissen. Das AuswĂ€rtige Amt hat sich fest vorgenommen, einen Kriegsverbrecher mit dem Organigramm zu demĂŒtigen. Es bleibt allerdings unklar, ob Omar al Baschir, âthe Worldâs most wantedâ, jemals ein Organigramm deutscher AuĂenpolitik in HĂ€nden gehalten hat, das Grundlage fĂŒr seine DemĂŒtigung wĂ€re. Was ihm am Donnerstag tatsĂ€chlich aufgefallen sein dĂŒrfte: er wird per Haftbefehl wegen genozidaler KriegsfĂŒhrung gesucht, er verĂŒbt dreifachen Völkermord, er gewinnt zuletzt eine Wahl, aus der sich die gesamte politische Konkurrenz aus Misstrauen und Angst vor ihm zurĂŒckzog. Aber der Westen reist am Ende wieder an. Bashir kann tun und lassen, was er will. Sie kommen immer wieder, die âkleinen WĂŒrmchenâ.
Bashir ist ein international gesuchter Kriegsverbrecher, der Millionen Menschen vernichtet, der das Leben der schwarzafrikanischen Bevölkerung zur Hölle gemacht hat. Er lieĂ Menschen verkrĂŒppeln, Frauen vergewaltigen und die Seelen verheeren. Die Wunden und Schreie werden im Sudan durch das ganze 21. Jahrhundert zu sehen und hören sein. Bashir fĂŒhrte Krieg gegen die schwarze Bevölkerung, vertrieb sie zu Hunderttausenden in FlĂŒchtlingslager am Rande seiner Einflusszonen. Dorthin, wo bis heute keine Lösung fĂŒr sie gefunden werden konnte. 2,5 Millionen Menschen vegetieren im Westen des Landes vor sich hin. Der neuste Vorschlag sind âAnsiedlungsprogrammeâ, finanziert von der arabischen Liga, in denen sie fernab der Heimat in neue Dörfer gesteckt werden sollen. Dass damit das Ziel des Genozids, ein ethnisch homogener Herrschaftsraum, zementiert wird, liegt auf der Hand.Â
Die UNO spricht von âFriedensmissionenâ in den Darfur-Regionen. Das Max-Planck-Institut fĂŒr Völkerrecht legte sogar einen Friedensvertrag vor, der von Diplomaten und Regierungsbeamten als Meilenstein gepriesen wird. âFriedenâ ist ein Schlagwort, das gut ankommt auf dem internationalen diplomatischen Parkett. Seit Jahren wird es eingesetzt. Bis die RealitĂ€t gĂ€nzlich in Schutt und Asche lag. Die westliche Langzeitstrategie ĂŒberging die Wirklichkeit: âFriedenâ fĂŒr ein Land, das seit Jahrzehnten nur Krieg kennt. Die westliche âLangzeitstrategieâ gerĂ€t ĂŒber einem international gesuchten Völkermörder ins Stolpern. Bashir ist nicht der erste Diktator, dem wiederholt âFriedenâ angeboten wurde. Die Resultate sind bekannt.
Es gibt zwei Möglichkeiten der Deutung fĂŒr das Schauspiel diplomatischer Aufwartungen am vergangenen Donnerstag: entweder wurde im Hintergrund ein Deal geschlossen, von dem wir nichts wissen. Vielleicht hat Bashir im Stillen ein Papier unterzeichnet, in dem er auf den SĂŒden des Landes verzichtet. Im Januar 2011 soll nach amerikanischem Fahrplan ein neuer Staat das Licht der Welt erblicken: ein zweites Sudan. Aber da der SĂŒden groĂe Mengen der Ălvorkommen hĂ€lt, kann ein Angriffskrieg schon vom geopolitischen Standpunkt nicht ausgeschlossen werden. Im Gegensatz zu westlichen Politikern haben die sĂŒdsudanesischen Verantwortlichen nicht vergessen, was fĂŒr ein Mann Bashir ist. Nach Bashirs MachtĂŒbernahme 1989 verwandelte sich der SĂŒden in eine genozidale Todeszone. Man schĂ€tzt die Zahl der getöteten Menschen in der âĂra Bashirâ auf mindestens zwei Millionen. Die schwarze Bevölkerung im SĂŒden will sich jetzt möglichst rasch politisch selbstĂ€ndig machen. Seit drei Jahren rĂŒstet man fĂŒr den Fall, sollte Bashir angreifen lassen. Am 25. September 2008 wurde ein ukrainischer Frachter von somalischen Piraten entfĂŒhrt. An Bord waren 33 T-72-Panzer, 6 Luftabwehr-GeschĂŒtze, 150 PanzerfĂ€uste, 6 Raketenwerfer und groĂe Mengen Panzergranaten. Die EntfĂŒhrer, ĂŒberrascht von der Ladung, reagierten mit der höchsten Lösegeldforderung, die jemals gestellt wurde: 35 Millionen Dollar. Die Waffen waren laut Frachtbrief fĂŒr Kenia bestimmt. Ăber Kenia wurden schon frĂŒher Waffenlieferungen in den SĂŒdsudan abgewickelt. Im November 2007 entgleiste etwa ein kenianischer GĂŒterzug mit 17 T-72-Panzern an Bord. Erst der Unfall gibt die Substanz preis â lehrte einst Aristoteles. Diese UnfĂ€lle zogen die Waffenlieferungen ans Licht. Es ist eindeutig, dass die Bevölkerung im SĂŒden sich nicht auf den Westen verlĂ€sst. Schlimmer noch: nicht verlassen kann. Die Menschen fĂŒhlen sich vom Westen so verraten wie die FĂŒchtlinge aus Darfur.
Die hoffnungsvolle Interpretation der westlichen diplomatischen Aufwartung ist also: Bashir hat ganz formell und jenseits aller Ăffentlichkeit auf die Kriegskarte verzichtet. Er wird keine Truppen in den SĂŒden verlegen. Die Ălvorkommen werden ohne Krieg aus seinem Land austreten. Der Westen schickt eine Armada von Diplomaten gen Sudan, um Bashir in einer Art Gratifikationsstrategie zu feiern, bis dieser am Ende selbst glaubt, ein legitimer PrĂ€sident zu sein. Zeremonie gegen âFriedenâ.
Aber es gibt noch eine zweite, dĂŒsterere Interpretation: die Gratifikation kommt prĂ€ventiv und voreilig. Wir kennen sie aus der Geschichte. 1938 nannte sie sich âAppeasementâ. Damals traf sie auf eine politische Gestalt, die den Westen verachtete fĂŒr ein politisches Handeln, das allzu durchschau- und kalkulierbar war. Mehr von der Sehnsucht nach âFriedenâ beherrscht als durch Verzweiflung an der RealitĂ€t. Im VollgefĂŒhl seiner Macht gestand Hitler gegenĂŒber seinen GenerĂ€len, was auch Bashir durch den Kopf gegangen sein könnte: âDie Gegner haben nicht mit meiner groĂen EntschluĂkraft gerechnet. Unsere Gegner sind kleine WĂŒrmchen. Ich sah sie in MĂŒnchen. [âŠ] Nun ist Polen in der Lage, in der ich es haben wollte. [âŠ] Ich habe nur Angst, daĂ mir noch im letzten Moment irgendein Schweinehund einen Vermittlungsplan vorlegt.â
Der letzte Donnerstag könnte ein politisch schwarzer gewesen sein â statt Indikator fĂŒr ein Regelwerk im politischen Hintergrund der letzte benötigte Fieberschub im emotionalen Untergrund des Diktators. Eines Diktators, der im Westen des Landes hunderte Dörfer mit Antonov-Bombern aus der Luft bombardieren, die Brunnen vergiften, die HĂ€user plĂŒndern, die Menschen erschieĂen und vergewaltigen lieĂ. Alles mit dem Ziel und Vorsatz: die schwarze Bevölkerung aus âseinemâ Staatsgebiet zu vertreiben. Bashir im Jahre 2010 zu trauen, verbietet sich nicht nur aus der uneingefĂŒhrten Kategorie des Respekts (vor seinen Millionen Opfern), sondern aus ganz realpolitischen ErwĂ€gungen. Das wird man im AuswĂ€rtigen Amt erst begreifen, wenn es wieder zu spĂ€t ist. Sollten Nachrichten von einer Eskalation der Gewalt in den Wintermonaten das Ferne Europa erreichen, könnte der letzte Tabubruch auf dem Weg zu Krieg in diesem unwĂŒrdigen Schauspiel gelegen haben, an dem sich die Bundesregierung am vergangenen Donnerstag beteiligte.