Hessenexpress 2.0
Wer den Bau der Wallauer Spange – einer kurzen Verbindungsstrecke zwischen Wiesbaden und der Schnellfahrtstrecke Köln-Frankfurt - verfolgt, dem dürfte der Hessenexpress ein Begriff sein. Die neuen Bahnlinien sollen (nach der Fertigstellung der Spange und der NBS Frankfurt-Mannheim) zwischen Wiesbaden und Darmstadt sowie Wiesbaden und Frankfurt mit ggf. Weiterfahrt Richtung Hanau verkehren. Warum das Warten auf die neue Infrastruktur keine so gute Idee ist und was bereits jetzt getan werden kann, darum soll es in diesem Beitrag gehen.
Der Ist-Zustand und das Problem
Eine schnelle Durchquerung des Rhein-Main-Gebiets in Ost-West-Richtung ist derzeit kaum möglich. Entweder man nimmt zwischen Wiesbaden/Mainz und Hanau/Aschaffenburg die S-Bahn (vorzugsweise die S9) und eine ca. 1,5h-stündige Fahrt auf sich, steigt im Frankfurter Hauptbahnhof mit Zeitverlust und Stress um oder man entscheidet sich für die großräumige Umfahrung mit der RB75 über Darmstadt. Letztere braucht jedoch ebenfalls gut 1,5h und umfährt wichtige Zentren entlang des Mains, sie eignet sich somit (wenn überhaupt) nur als Direktverbindung zwischen Wiesbaden, Mainz, Darmstadt und Aschaffenburg.
Dass es eine schnelle Verbindung entlang des Mains braucht, wird schon lange gefordert und war u. a. im Kontext der Regionaltangente West ein oft geäußerter Kritikpunkt. Nahezu alle Linien sind aktuell radial auf Frankfurt Hbf ausgerichtet. Kommt es dort oder auf der S-Bahn-Stammstrecke zu Problemen, so ist das ganze Ballungsgebiet betroffen. Zudem operieren die bestehenden Verbindungen und Bahnhöfe quasi immer an der Kapazitätsgrenze: Verspätungen, Ausfälle und überfüllte Züge sind auf den Linien S1, S8, RB10, RB50/51, RB54/55 und RE2/3 Standart.
Lösungswege
Deutliche Abhilfe würde der bestehende Vorschlag in der RTW-West-Kritik bieten: Die stufenweise Einrichtung einer leistungsstarken Verbindung quer durch das Rhein-Main-Gebiet – also quasi ein adaptierter Rhein-Ruhr-Express oder ein Express-S-Bahn-System.
Eine erste Stufe (HEX1) könnte wie folgt aussehen: Die Linie würde die Stationen Wiesbaden Hbf, Mainz Kastel, Rüsselsheim, Frankfurt Flughafen Fernbahnhof, Frankfurt Süd, Offenbach Hbf, Hanau Hbf, Kahl (Main) sowie Aschaffenburg Hbf miteinander verbinden und könnte wahrscheinlich (mit einer stündlichen Verbindung) innerhalb der bestehenden Takte angeboten werden. Deutlich attraktiver wäre sicherlich ein Halbstundentakt, für den sicherlich keine Kapazitäten vorhanden sind. Würde der HEX1 die bestehenden Trassen oder Lücken der S9 und RB58/RB55 (die RB58 ist quasi die einzige bestehende Querverbindung, jedoch durch Fahrtwege und Frequenz aktuell eher unterentwickelt) übernehmen und das dortige Angebot ersetzen, stünden bereits heute Realisierungsperspektiven im Bestandnetz zur Verfügung. Berücksichtigt man zukünftige Bauvorhaben, so kann diese Linie einfach weiterentwickelt werden.
Ein klarer Vorteil zu den bestehenden Verbindungen ist die deutliche Beschleunigung des Linienwegs und die Anbindung zentraler Knoten und Zentren des Rhein-Main-Gebiets: An allen Haltestellen bestehen Umsteigemöglichkeiten zu vielen anderen SPNV-Linien sowie zum lokalen Stadtverkehr. Der HEX1 würde also sinnvoll in das Bestandnetz integriert werden, von Umsteigenden profitieren und als Expressangebot neue Verkehre ermöglichen. Selbst die Umgehung des Frankfurter Hauptbahnhofs ist voraussichtlich kein Problem, da in Frankfurt Süd mit U- und S-Bahn eine gleichwertig attraktive Anbindung an die Innenstadt besteht. Zudem würde die Linie deutlich einfachere Umstiege zwischen den ausschließlich in Süd verkehrenden Linien und dem westlichen Rhein-Main-Gebiet ermöglichen, die bisher durch die Linienenden im Hauptbahnhof verkompliziert werden.
Stufe zwei (HEX1): Diese Weiterentwicklung berücksichtigt die Wallauer Spange, über die der HEX1 nach Fertigstellung umgeleitet werden könnte. Statt in Kastel und Rüsselsheim würde die Linie in Wallau/Delkenheim halten; der restliche Linienweg bliebe unverändert. Die neue Strecke böte eine Fahrtzeitreduktion zwischen Wiesbaden und Frankfurt Flughafen, respektive den weiteren folgenden Haltestellen.
Stufe drei (HEX1, HEX2, HEX3): Diese Stufe nimmt die bestehenden Linienplanungen auf und ergänzt eine weitere Linie. Zum einen wird hier Lila der HEX2 (Wiesbaden-Darmstadt) über den Frankfurter Flughafen berücksichtigt. Zum anderen ist hier die Linie HEX3 (blau; Aschaffenburg-Mainz) ergänzt.
Für die Realisierung ist insbesondere der HEX2 auf zusätzliche Infrastruktur, nämlich die NBS Frankfurt-Mannheim, angewiesen, über die der Express verkehren soll. Die Linie könnte heute bereits über den Knoten Stadion und die Verbindungskurve auf die Main-Neckar-Bahn verkehren, jedoch sind hier die Kapazitäten begrenzt und ein Umweg mit Fahrzeitplus einzurechnen.
Ähnliches gilt für den HEX3: Zwar ist die Strecke vorhanden, und der Express würde wieder Rüsselsheim anbinden, jedoch ist die südliche Mainbahn stark ausgelastet. Sowohl diese Strecke als auch der Mainzer Hbf würde für die Realisierung Infrastrukturerweiterungen bzw. Umbauten benötigen (im Fall von Mainz Hbf könnten Fahrstraßenkonflikte und Überbelegungen der sieben Bahnsteiggleise auftreten). Es wäre vorstellbar, dass der HEX3 über Mainz hinaus nach Wiesbaden verlängert wird – sozusagen als Express-S8. Die bestehenden Linien – S8 und RB75 – sind bereits heute gut ausgelastet; ein dichterer Takt wäre zudem nach dem Scheitern der Citybahn in Wiesbaden wünschenswert.
Stufe vier (HEX4): Dieses Szenario geht über die bestehenden Vorschläge rund um die Wallauer Spange hinaus: Zusätzlich zu den Main-Linien (HEX1, HEX2, HEX3) ist hier eine vierte Linie angedacht, die in Nord-Süd-Richtung zwischen Gießen und Darmstadt mit Zwischenhalten in Langen, Stadion, Frankfurt West, Bad Vilbel und Friedberg verkehren könnte (HEX4). Um Umstiege zwischen den Linien (HEX1, HEX3 und HEX4) zu ermöglichen, wäre es vorstellbar, den Knoten Stadion zu nutzen. Die Halte würden die Fahrtzeiten voraussichtlich um ca. 2 Minuten verlängern, jedoch besonders schnelle Wege zwischen den Regionen ermöglichen.
Ergänzungen
Wer diese Linienvorschläge liest, könnte sich auch fragen, warum diese nicht – wie im Plan des Deutschlandtakts – über den neuen Fernbahntunnel und den Frankfurter Hauptbahnhof verkehren. Meiner Meinung nach ist es deutlich sinnvoller, eine polyzentrische Struktur im Rhein-Main-Gebiet (bzw. hier im Fall Frankfurts) anzustreben: Ein Ausfallen des Hauptbahnhofs, sei es durch Infrastrukturschäden, Stellwerkprobleme, oder andere Komplikationen, hätte so weniger Auswirkungen auf das Gesamtnetz. In Frankfurt Süd ist zudem bereits jetzt eine gute Anbindung an die Innenstadt geboten, sodass kein wesentlicher Nachteil für die Frankfurter*innen besteht. Beim Hessenexpress geht es auch darum, neue Querverbindungen zwischen den einzelnen Zentren zu ermöglichen. Die anderen bestehenden Linien von heute würden weiterverkehren und den Hauptbahnhof weiterhin gut anbinden, Reisende hätten durch die Hessenexpresslinien jedoch ein völlig neues, attraktives Angebot, das so einen echten Mehrwert darstellt. Desweiteren ist anzumerken, dass der Hauptbahnhof bereits heute an der Kapazitätsgrenze arbeitet; Störungen setzen sich im Gesamtnetz fort und (aus eigener Erfahrung) ist die Aufenthaltsqualität bei derart vielen Reisenden auch nicht sonderlich hoch. Der Hessenexpress könnte, zusammen mit anderen Maßnahmen, für eine deutliche Entlastung sorgen und Kapazitäten schaffen. Dies ist insbesondere dann von Vorteil, wenn am Frankfurter Hauptbahnhof größere Baumaßnahmen stattfinden, wie es z. B. beim Bau des Fernbahntunnels der Fall sein wird und Kapazitäten gekürzt werden müssen.
Als weitere Ergänzung sollte angemerkt werden, dass der Hessenexpress umso erfolgreicher ist, je mehr Umstiege an den Haltepunkten ermöglicht werden: Das hier geschilderte Linienkonzept ist bereits stark darauf ausgerichtet, möglichst viele Zentren miteinander zu verbinden. Damit die Linien jedoch ihr volles Potential entfalten können, sollte an den Haltestellen ein gutes Nahverkehrsangebot (zur Verbindung innerhalb des Orts) sowie ein möglichst einfacher Umstieg auf andere Schienenverkehrslinien (SPNV) vorhanden sein. So können möglichst viele Reisende die Beschleunigung auf den Verbindungen nutzen. Ein bereits thematisiertes Verbesserungsbeispiel ist die Station Offenbach Ost: Es wäre sinnvoller, den Hessenexpress hier halten zu lassen, um Umstiege zwischen den Linien S1, S2, S8 und S9 mit den anderen Verbindungen zu ermöglichen (siehe Beitrag). Auch andere Infrastrukturanpassungen, insbesondere im Knoten Frankfurt Süd, wären wünschenswert; auf diese möchte ich jedoch in einem separaten Beitrag genauer eingehen.
















