hatte ich einen weiteren Termin. Kurz erwischte ich mich bei der Überlegung, ob ich überhaupt hin fahren soll. Immerhin ist Equiander ein tolles Verlasspferd- und genau sowas wollte ich doch. Und die reiterlichen Probleme.. die kriegen wir schon irgendwie hin!
Aber irgendwie hat mich „Derma“ gereizt, ich wollte sie dennoch sehen.
Also ins Auto und knappe drei Stunden nach Gransebieth gefahren, Mama natürlich wieder im Schlepptau.
Nachdem wir endlich ankamen und die Hunde kurz gelüftet haben, haben wir uns auf dem Gelände auf die Suche nach dem Pferd gemacht.
Wir gingen Richtung Stall, ich schaute um die Ecke und da stand sie. In voller Pracht mit erhobenem Kopf und einer Wirkung, die mir kurz die Sprache verschlug.
Auch wenn sie 2cm kleiner sein sollte als Equiander, also 170 cm Widerristhöhe, wirkte sie einfach riesig.
Ich habe mich gar nicht getraut, Mama anzuschauen. Ich war mir sicher, sie würde am liebsten auf den Hacken kehrt machen und nach Hause fahren. Aber nun waren wir einmal hier, also los.
Eine Schönheit. Wirklich einfach nur hübsch.
Sie stand also da, neben der Halterin, welche etwa Mamas Größe, aber nur die Hälfte ihres Gewicht hat. Wir haben uns unterhalten und sie hat uns erzählt, wie ihre Geschichte ist.
Sie ist ihr Leben lang geritten, war immer unter Pferden. Dann hat ihre eine Tochter eine so schwere Pferdehaarallergie entwickelt, dass sie sich immer in der Garage umziehen musste, bevor sie das Haus betrat. Also hat sie irgendwann aufgehört zu reiten.
Dann war die Tochter aus dem Haus und sie konnte sich endlich ein Pferd anschaffen. Mit dem kam sie dann allerdings nicht klar, also wurde der verkauft und Derma alias Delia zog ein. Mit ihr wollte sie alt werden. Und nach einem Jahr sagt ihr Arzt zu ihrem Gesundheitszustand, sie müsse sich zwischen Mobilität und Pferd entscheiden. Also gibt sie die Pferdegeschichte nun notgedrungen komplett auf.
Friederike hat Delia also fertig gemacht, welche ganz schön herum zappelte und sehr nervös war.
Als ich zum Auto ging, um mich in die Reiterkluft zu schmeißen, dachte ich innerlich, wir könnten uns das jetzt eigentlich sparen. Ein riesiges Pferd, welches nicht still steht und sehr angespannt wirkt und reiterlich nicht so viel kann wie Equiander, na machen wir uns mal nichts vor..
Aber umsonst soll der Weg ja auch nicht gewesen sein und immerhin ist ja jeder Ritt auch immer lehrreich, vor allem auf fremden Pferden.
Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste, ist, dass Delia einfach nur unheimlich pinkeln musste. Als ich raus bin, hat sie einen rieeesigen See hingelegt. Daher (unter anderem) ihre Unruhe.
Beim Trensen hat sie sich dennoch quer gestellt. Es zeichnete sich im Laufe des Besuchs ein Muster ab: Delia tut etwas nicht (z.B. sich trensen lassen, in den Stall gehen oder einfach laufen) und wird dann mit einem Leckerli gelockt. Okay, sie wurde also einfach nur wahnsinnig verzogen.
Was man ihr gut heißen muss: Sie ist in keinster Form bösartig. Auch wenn sie ihre Halterin ziemlich an der Nase herumführt, ist sie dabei immer lieb. Und händelbar.
Dann kam der Zeitpunkt, an dem ich aufstieg. Und mich fühlte wie auf Wolken. Sie hat soooo angenehme Gänge! Ich bin sie in der viel zu kleinen Halle geritten und war einfach nur glücklich. Irgendwie. Sie hat ein paar kleine Baustellen. Zum einen ist sie wahnsinnig guckig und sieht Gespenster. Zum anderen hat sie arge Probleme in der Biegung und Stellung. Vor allem Biegung!
So stark, dass ich kurzzeitig Sorge hatte, da würde etwas Medizinisches hinter stecken. Ich denke aber, den Gedanken kann man verwerfen. Sie läuft rund, tritt gleichmäßig unter, hat auch beim Zirkel Verkleinern nicht gelahmt oder ist gestolpert und Sattelzwang oder Rückenempfindlichkeit konnte ich nicht bemerken. Die große AKU von vor einem Jahr war auch ohne Befund. Also vermutlich einfach nicht im Training.
Beim Reiten war Delia unfassbar strebsam und ging sofort in die Anlehnung. Wir hatte unsere kleinen Missverständnisse, zB etwas ganz simples wie die Zirkellinie. Irgendwann war ich in meinen Hilfen wohl nicht ganz deutlich oder sie hat mich einfach nicht verstanden. Und was macht sie? Bietet mir Seitengänge an. Sie hat also nach Problemlösungen gesucht, was mir unheimlich gefallen hat. Generell hatte ich bei ihr einfach das Gefühl, dass sie sehr kooperativ ist und eine Zusammenarbeit anstrebt. Kurz gefasst, ich war reiterlich begeistert.
Nun habe ich mich kaum getraut, zu Mutti rüber zu gucken. Ein Top erfahrenes Pferd, welches viel kann und ein absolutes Verlasspferd ist gegen eines, welches nicht viel kennt, weniger kann und ziemlich verzogen und hibbelig ist. Wo aber dafür der Funke übergesprungen ist, der bei Equiander komplett gefehlt hat.
Nun ging es mit der Grübelei natürlich los. Ich fühlte mich mit der Entscheidung einfach maßlos überfordert und habe immer versucht, Vergleiche zu ziehen. Gar nicht so leicht.
Anschließend gingen wir noch einen Burger essen. Dabei sah ich mir die Videos an, die Mama von uns beiden gemacht hat. Dass mir dabei sofort die Tränen schossen, hätte schon einiges verraten können. Trotzdem wollte ich auf Nummer sicher gehen und habe noch einmal einen Termin für Sonntag gemacht, um Equiander erneut zu besuchen.
Vielleicht ist sie beim zweiten Mal ja viel zugänglicher und springt mir in den Schoß und läuft ihre Traversalen.