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Am See spielen zwei Jungen Fußball. Der eine sagt: „Ich hoffe, man merkt nicht, dass ich lange nicht gespielt habe.“ Der andere war abgelenkt vom Ball. „Was hast du gesagt?“ „Ich hab' gesagt, man merkt gar nicht, dass ich lange nicht gespielt habe.“
Stecke meine Hand in die Röhre. Stehe im Dunkeln. Denke die gesammelten Ameisen sind in der Röhre. Sehe im Licht riesige Insekten mit grünlich schimmernden Panzern. Renne vor Ekel. Hole den Staubsauger. Kann sie nicht sehen. Höre, sie seien in das Plastik hineingeklettert. Finde sie, aber sie krabbeln aus dem saugenden Staubsauger wieder heraus.
Mein Großvater greift im Biergarten mit Daumen und Zeigefinger eine Wespe aus der Luft und schneidet ihr mit seinem Brotzeitmesser auf seinem mit Essensresten beschmierten Teller den Kopf ab. Es stört ihn nicht, dass sie ihn dabei sticht.
Mein Großvater protestiert im Biergarten, wenn eine Wespe mit einem Bierdeckel in einem leeren Limoglas gefangen gehalten wird. Er ist Humanist.
Den Trolleygriff in der einen Hand, drückte ich mit der anderen Hand auf den Aufzugsknopf, um meinen Koffer nicht die Treppe hinuntertragen zu müssen. Ich wollte meine Eltern besuchen. Als sich die Türen des angekommenen Aufzugs öffneten, war dieser nicht wie erwartet leer, denn ein Mann stand darin. Ich fand in dem sehr engen Aufzug dadurch Platz, dass ich gegen die verspiegelte Wand blickte, mit meinem Koffer hinter mir, der vor der Wand mit der Knopfleiste stand. Der Mann stand mit dem Gesicht zur Knopfleiste.
Im Spiegel warf ich einen Blick auf den Mann, der einen grimmigen Gesichtsausdruck hatte. Er hatte einen grau melierten Dreitagebart. Er sah um die 50 Jahre alt aus und trug eine Kappe mit dem Logo der New York Yankees, eine Brille mit einem modernen, schwarzen Gestell, einen Blazer, Jeans und Sneaker.
Die Tür stand noch offen, auf dem Stockwerk, auf dem ich eingestiegen war.„Könnten Sie den Knopf drücken?“ sagte ich und drehte meinen Kopf zu ihm herum. Ich meinte den Knopf, der die Türe auf Befehl verschließt.
Es platzte aus ihm heraus: „Jetzt soll ich Sie bedienen? Ein alter Mann soll die Jungen bedienen!“
Die Tür verschloß sich nun ohne Drücken des Knopfs von alleine.
Er schüttelte den Kopf: „Nehmen Sie sich doch ein Hotel, das gibt's ja nicht...“
„Es wär ja kein Aufwand gewesen...“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Schon waren wir im Erdgeschoss angekommen und die Tür gleitete auf. Der Mann trat aus dem Aufzug und stapfte davon.
Mein Opa stützte sich mit seinen Armen auf unseren Einkaufswagen, da ohne Hilfe zu stehen mittlerweile zu anstrengend für ihn war, während wir mit meiner Mutter und meiner Schwester durch den Supermarkt gingen. Er erzählte, dass er seinem Nachbarn noch etwas zum Geburtstag kaufen möchte, der morgen 84 Jahre alt werde.
„Er hat mir gestern erzählt, dass er zurzeit nicht so gut aufs Klo kann, da wollt' ich ihm was dafür kaufen, einen Brottrunk“, sagte mein Opa.
„Ahja, das ist sowas mit Darmbakterien, oder?“, antwortete ich.
Wir erledigten zusammen unseren Einkauf und begleiteten dann unseren Opa zu seinem Haus. Er wohnt in einer Reihenhaussiedlung. Als wir uns seinem Haus näherten, sah ich, dass eine Frau und ein Mann mit einem gewissen Abstand voneinander vor dem Haus des Nachbarn standen und in den Boden starrten. Ein jüngerer Mann saß vor den Stufen zum Eingang des Hauses und putzte sich die Nase. Als wir uns weiter näherten, konnte ich sehen, dass sie alle Taschentücher in den Händen hielten und recht rot im Gesicht waren.Die Frau begrüßte meinen Opa und sagte mit verheulter Stimme: „Der Papa ist gestorben.“
„Wann ist das passiert?“, antwortete mein Opa.
„Gerade eben... Ich habe Kuchen gebacken und ich hab ihm hochgerufen, wenn du jetzt nicht kommst, dann spül ich die Schüssel ab... Der Kuchen war ja für seinen Geburtstag morgen... Er wollte den Kuchenteig rausschlecken, hat er davor gemeint, aber er ist einfach nicht runtergekommen, ich hab nochmal gerufen, und irgendwann bin ich hoch, im Büro, da war er nicht, ich hab gerufen, dann hab ich ins Badezimmer geschaut und da sah ich ihn, nach vorne über seine Beine zusammengesackt, auf der Schüssel...“
„Ich hab ihn doch gestern erst gesehen... Ich hab ihm grad noch ein Geschenk gekauft...“ Mein Opa hob kurz die Stofftasche in seiner Hand an, in der der Brottrunk lag.
„Ja, wir sind... geschockt, der Arzt war da...“
„Darf man ihn sehen?“, fragte mein Opa.
„Wen?“
„Ihn.“
„Er liegt jetzt im Wohnzimmer...“
Wir verabschiedeten uns von unserem Opa, bevor er in das Haus seines toten Nachbarn eintrat, der mehr als 40 Jahre neben ihm gewohnt hatte. Meine Mutter unterhielt sich noch kurz mit der Frau, sie meinte, er hätte es bestimmt gewollt, so zu gehen, ich nahm an, sie meinte, kurz und schmerzlos, wir verabschiedeten uns von ihr, gingen zum Auto, sahen uns verlegen lächelnd an, wegen des zu spät gekommenen Geschenks, und fuhren nach Hause.
Ich absolvierte ein Praktikum in einem Kunstmuseum und lernte dort den geringen Wert der Kunst kennen. Während des Verfassens der Bachelorarbeit grübelte ich verkrampft mehr über meine Zukunft nach, als über die philosophische Fragestellung meiner wissenschaftlichen Abschlussarbeit. Kurz nach dem Bachelor dachte ich mir, es sei schon längst höchste Zeit für die ersten Berufserfahrungen, in Gedanken an die von mir imaginierten Lebensläufe meiner eifrigeren Gleichaltrigen. Ich liebe Kunst und sonst nichts und fühlte die Notwendigkeit, überhaupt einmal das Arbeiten auszuprobieren.
Ich begleitete eine der Museumsführungen. Mitarbeiter des Finanzamts waren auf Betriebsausflug im Museum. Einer der Herren vom Finanzamt deutete auf ein Ausstellungsstück des Museums, ein zusammengeknüllter Haufen weißer, unbeschriebener Blätter Papier.
„Ist des Kunst?“
„Na, des ist doch koa Kunst“, entgegnete sein befreundeter Kollege. Die beiden trugen zu große, bunte, kurzärmelige Karohemden, die in ihre Jeanshosen gesteckt waren.
„Was moachen de Künstler denn eigentlich beruflich?“
Man wandte sich an mich, da ich den Museumsbesuchern zuvor als Mitarbeiter des Museums vorgestellt wurde. Wir standen gerade neben einem Kunstwerk einer Künstlerin, die mit einem Skalpell Quadrate aus kariertem Papier herausschneidet.
„Soweit ich weiß, macht diese Künstlerin hier ihre Arbeit hauptberuflich. Sie zerschneidet jeden Tag Papier, von früh bis spät.“
„Ah, wos, des is doch koa Oabeit.“
„Die große Wandinstallation unten stammt von einer Künstlerin, die als Professorin an der Akademie der Bildenden Künste arbeitet.“
„Ja, des is a Oabeit!“ Er wandte sich zu seinem Kollegen. „Wenn ma wenigstens a Professor is, ja, des is a Oabeit, aber einfach so, Künstler, na, des is nix.“
Einmal, als ich meine Schwester in ihrem früheren Kinderzimmer aufsuchte, sie kam gerade als Studentin nach Hause, während ich noch bei unseren Eltern wohnte, warf ich einen Blick auf ihre To-Do-Liste, die wie gewöhnlich auf ihrem Schreibtisch lag. Darauf stand mit blauem Kugelschreiber auf einem weißen Fetzen Papier geschrieben, eingereiht in Tätigkeiten wie Sauber machen und Lesen, das Wort „Entsetzen“. Ich musste etwas lächeln und fragte meine Schwester, was für Entsetzen sie denn heute noch erledigen müsste. Sie wollte erst nicht antworten.
Dann aber gab sie doch zu: „Ich dachte, dass ich entsetzt bin, mit was für einem Mann ich als Letztes zusammengewesen bin und dachte, dass ich darüber noch nachdenken muss. Ich war entsetzt, dass ich so schnell wie möglich einen Freund haben wollte, weil ich so dringend Kinder kriegen will.“
„Was war denn so entsetzlich an ihm?“
„Selbstverständliches war nicht selbstverständlich für ihn. Zum Beispiel, dass man sich, nachdem man auf dem Klo gewesen ist, die Hände wäscht.“
Wenn meine Schwester etwas erledigt hatte, übermalte sie das Wort auf ihrer Liste mit so vielen Kugelschreiberstrichen, dass man nicht mehr lesen konnte, was dort einmal gestanden hatte. Es blieb nur ein großer, blauer Kugelschreiberfleck auf dem Papier übrig.
Ein Lebewesen ist wegen mir gestorben. An einem warmen Tag in meiner Kindheit fragte mich eine Freundin, ob wir zusammen den Fröschen helfen wollen. Mein Heimatort ist von Feldern umgeben. Gerade fand eine Krötenwanderung statt. Wir gingen die Wege am Feld entlang. Überall waren winzige Kröten. Wir nahmen sie in unsere Hände und setzten sie einige Meter weiter wieder hin. Ich nahm eine Kröte in die Hand und setzte sie genau in die Mitte eines Gullideckels. Kurz saß sie da und mit einem Satz sprang sie in eins der Löcher des Gullideckels. „Warum hast du das gemacht?“ Meine Freundin sah mich entgeistert an. „Ich wollte nur sehen, ob der Frosch es schafft, nicht in das Loch zu springen“, antwortete ich. In dem Moment, indem ich die Idee zum Froschroulette hatte, beabsichtige ich nicht, etwas anderem Leid anzutun. Die winzige Kröte musste im Dunkeln sterben.
In den letzten Tagen wache ich häufig in Erwartung von Gefahr und bevorstehendem Untergang auf; mit dem Gefühl, dass ich die wichtigsten Elemente meines Lebens schon längst in die Wege geleitet hätte haben sollen und aufgrund dieses Versäumnisses auf das sichere Chaos zusteuere.
In der Grundschule hatte ich das Gefühl, besonders talentiert zu sein. Mein Grundschullehrer liebte mich. Ich glaube, er wusste von mir als einzigem Schüler in der Klasse den Geburtstag auswendig, zu dem er mir von alleine gratulierte. Am Geburtstag wurde man von ihm hergewunken, sodass man vor der Klasse stand, die dann ein Geburtstagsständchen vortrug. Ich erinnere mich daran, dass er mich zu ihm winkte, während man ihn darauf aufmerksam machte, dass noch ein anderes Kind in der Klasse am selben Tag Geburtstag hatte. Der Lehrer müsste nun bereits circa 75 Jahre alt sein. Ich würde ihn auf der Straße wahrscheinlich nicht wiedererkennen.
Wahrscheinlich mochte mich mein Lehrer, da er bereits meine Schwester kannte. Es kam in meiner Schullaufbahn durchgehend vor, dass ich einen Lehrer hatte, den zuvor schon meine Schwester als Lehrer hatte. Sie schien bei allen einen guten und persönlich nahegehenden Eindruck gemacht zu haben. Bei meiner Schwester wurde dieses Jahr Krebs festgestellt.
Ich kann mich an den Namen einer dieser Lehrer, die meine Schwester mochten, nicht erinnern. Einige meiner Gymnasiallehrer sind bereits verstorben. Genauer gesagt sind zwei Lehrer gestorben, die ich als Lieblingslehrer bezeichnen würde. Beide waren Lateinlehrer. Vor einer Weile fand ich in meinen persönlichen Sachen aus der Schulzeit einen Schnipsel wieder, auf dem ein kleiner witziger Austausch zwischen einem der verstorbenen Lehrer und mir stand. Ich musste auf einmal schluchzen. Ich stand diesem Lehrer nicht nahe, aber ich hatte das Gefühl, dass wir uns gegenseitig mochten. Soweit ich weiß, nahm er sich nach einer Diagnose eines Hirntumors selbst das Leben.
Der andere verstorbene Lehrer hatte mir vermittelt, dass Literatur und Philosophie wichtig sind. Er hatte einen großen Einfluss auf mich. Man konnte als Schüler bemerken, dass er sich aufrichtig für seine Fächer Deutsch, Latein und Ethik interessierte, was wiederum motivierend war, diese ernst zu nehmen. Andererseits schien er immer deprimiert angesichts der Irrelevanz seiner Unterrichtsfächer für die Wirtschaft. Er ist wohl an den Folgen intensiven Alkohol- und Zigarettenkonsums gestorben.
Eine weitere Lehrerin fällt mir ein, von der ich meine gehört zu haben, dass sie sich das Leben genommen hat. Von ihr bekam ich in der fünften Klasse zum allerersten Mal überhaupt die Note Sechs. Ich nahm es zunächst recht gefasst auf, aber die Tröstungsoffensive meiner Freunde gab mir das Gefühl, etwas Schlimmes angerichtet zu haben. Ich sagte es meiner Mutter, die es wie jede potentiell schlechte Nachricht irgendwie leicht vergnügt aufnahm.
Ich träume sehr häufig, am häufigsten, dass ich in der Öffentlichkeit bin und etwas bestimmtes tun möchte, aber gleichzeitig bin ich fast schon gelähmt müde, sodass ich meine Augenlider kaum öffnen kann und Schwierigkeiten habe, einfachste Handlungen auszuführen. Letztes Vorkommnis: Ich träume, dass ich nach einem in der Realität erlebten Urlaub direkt eine weitere Reise antrete. Das Hotel meiner zweiten, nur geträumten Reise liegt wohl in Spanien und ist hochwertiger als das der tatsächlich erlebten vorherigen Reise. Ich teile mir ein Hotelzimmer mit meiner Schwester und versuche, sie im Hotel zu finden. Doch ich bin zu müde und komme auf meinem Weg durch das Hotel nur langsam und beschwerlich voran. Ich habe Schwierigkeiten, die Toilette zu benutzen. Ich finde meine im Hotelpool schwimmenden Eltern, die mir nicht weiterhelfen. Das Hotel ähnelt einem Hallenbad. Mir fällt auf, dass ich Badekleidung trage.