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Abschlussfeier und „Naming Memorial“
Grenzen aufheben
Der Veranstaltungsraum der Österreichischen Nationalbibliothek ist mit etwa 200 Besucher_innen fast zur Gänze gefüllt. Um 19:30 beginnt die Feier mit drei Sätzen aus Erwin Schulhoffs „Divertissiment“ für Oboe, Klarinette und Fagott, vorgetragen von Clemens Horak, Matthias Schorn und Benedikt Dinkhauser von den Wiener Philharmonikern. Ein symbolträchtiges Stück: Erwin Schulhoff war ein Vertreter der „Neuen Musik des 20. Jahrhunderts“, die unter den Nationalsozialist_innen als „entartet“ galt. Er zog 1941 in die UdSSR, die kurz darauf von der Wehrmacht überfallen wurde.1942 starb der Komponist in einem Lager für Bürger_innen anderer Staaten auf der Wülzburg bei Weißenburg/Bayern.
Nach dem musikalischen Einstieg richtet die Moderatorin des Abends, Rubina Möhring, ein paar einleitende Worte an das Publikum. In ihrer Ansprache stellt sie die Weichen für die weiteren Reden an diesem Abend, die alle auch unter dem Zeichen der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation stehen sollen. Mit Bezug auf das Asylwesen macht Möhring klar, wie wichtig Erinnerung für eine lebendige Demokratie unter der Prämisse der Menschenrechte ist. Um eine „Verhärtung der Herzen“ zu verhindern, wie sie sagt.
Danach bittet die Moderatorin die Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek Johanna Rachinger auf die Bühne, die ihre Freude darüber zum Ausdruck bringt, die Veranstaltung an diesem „Ort der Wissensbewahrung“ abhalten zu dürfen. Sie bezeichnet Erinnerungsarbeit als „immer neue Chance, uns selbst und unser historisches Selbstverständnis immer wieder kritisch zu hinterfragen.“
Um etwa 20:00 tritt schließlich die Initiatorin des „Vienna Project“ Karen Frostig selbst ans Redner_innenpult. Sie bedankt sich auf Englisch bei allen, die das Projekt ermöglicht haben und betont noch einmal ihre Absicht, eine „Brücke zwischen den Menschen inner-, aber auch außerhalb Österreichs“ schlagen zu wollen. Verschiedenheit soll in Zukunft kein Todesurteil mehr, sondern eine Bereicherung sein.
Oskar Deutsch, der leider verhindert war und dessen Vortrag deshalb von Oberrabbiner Chaim Eisenberg vorgelesen wurde, lobt vor allem den edukativen Charakter des „Vienna Project“ und dass dieser nicht selbstreferenziell bleibt. Ebenso sieht er historisches Wissen als einziges Mittel gegen den, wie er sagt, neu erstarkenden Judenhass: „Erinnern tut weh – aber es ist wichtig für unsere Zukunft und die unserer Kinder!“
Der Vertreter der Stadt Wien an diesem Abend ist Ernst Woller, der Vorsitzende des Gemeinderatsausschusses für Kultur und Wissenschaft. Er berichtet kurz über die Erinnerungsprojekte der Stadt Wien, die Verkehrsflächenumbenennungen, das Deserteursmahnmal und das Fest der Freunde, wo seine Rede durch einen spontanen Zwischenapplaus unterbrochen wird. Dem „Vienna Project“ spricht er aufgrund seiner Vielseitigkeit ein besonderes Lob aus: „Es gedenkt allen Opfergruppen, inkludiert fast alle Kunstsparten, erschließt den öffentlichen Raum und erreicht viele Menschen durch social media.“
Auch die Bundesministerin für Bildung und Frauen Gabriele Heinisch-Hosek begrüßt die große Reichweite des Projekts. Sie betrachtet das „Vienna Project“ aus pädagogischer und tagespolitischer Perspektive: „In Zeiten von zunehmender Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Homophobie braucht es in der Demokratie- und politischen Bildung auch eine gewisse Herzensbildung“.
Als letzte Rednerin betritt Margit Fischer die Bühne. Sie gedenkt, wie auch bereits ihre Vorrednerin, der verstorbenen Barbara Prammer. Außerdem begrüßt auch sie die Inklusion junger Menschen in das Projekt. Besonders bedankt sie sich jedoch bei Karen Frostig, welche „wieder auf eine Stadt zugegangen ist, die ihr so viel von ihrer Familie genommen hat“. Auch diese Rede ist auf Englisch, um auch für Besucher_innen aus anderen Ländern verständlich zu sein.
Nach der Folge von Ansprachen folgt erneut ein kurzes Musikstück. „Méditation sur la Douleur Humaine“ von Charles Koechlin, vorgetragen von Dieter Flury. Es braucht eine Weile, um die vielen Reden bei den Zuhörer_innen wirken zu lassen. Dafür sind sanfte Querflötentöne genau das Richtige, bevor der Schriftsteller Doron Rabinovici die Bühne betritt und mit seinem Vortrag das Publikum erneut zur Reflexion zwingt.
Wer ist ein Opfer?
„Wer ist ein Opfer? Meine Mutter hat gesagt: Nie war ich ein Opfer. Ich war eine Kämpferin.“ Doron Rabinovoci dekonstruiert in seinem Vortrag ein Wort, welches in den bisherigen Reden wie selbstverständlich verwendet wurde. Er spricht über die begriffliche Unschärfe im Deutschen, wo es keine Unterscheidung zwischen „victim“ und „sacrifice“ gibt. Über die Zuschreibung der Opferrolle. Über den physischen, aber auch psychischen und sozialen Tod, der einen zum Opfer macht. Und schließlich über den Opfermythos: „Meine Mutter wollte nicht als Opfer bezeichnet werden. Aber sie lebte in einem Staat, der sich selbst als Opfer definierte.“
Briefe von „Opfern“
Briefe von Opfern, damit beschäftigt sich der zweite große Programmpunkt der Abschlussfeier. Der Künstler Nikolaus Gansterer hat daraus eine „Memory Map“ konstruiert, die an diesem Abend in der Österreichischen Nationalbibliothek zu bewundern ist. Eine „Topografie der Erinnerung, a topography of remembrance“, wie Gansterer in seiner deutsch-englischen Präsentation sagt, die die Texte rückverorten und die Schicksale erneut in die Stadt einschreiben will. Als er den Familien dankt, die ihm ihre Geschichten anvertraut haben, versagt dem Künstler seine Stimme. Ein spontaner Applaus in diesem emotionalen Moment gibt ihm genügend Zeit, sich wieder zu fassen und seine Ansprache zu beenden.
Anschließend lesen Familienangehörige aus Briefen ihrer Vorfahren, wobei sämtliche Opfergruppen erwähnt werden. Alexander Sarközi liest aus der Biografie seiner Roma-Familie, welche unter dem Naziregime zu leiden hatte. Die 10-jährige Faith Eliora Bayode, die extra aus Großbritannien angereist ist, liest eine Postkarte ihrer jüdischen Ur-Urgroßmutter, welche nach Auschwitz deportiert wurde. Botschafter Daniel B. Baer, Repräsentant der Vereinigten Staaten bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) liest einen Brief von Amalia Kohut an ihren Sohn, der aufgrund seiner Homosexualität inhaftiert wurde. Kabren Frostig Levinson liest einen Brief von seinem Urgroßvater Moritz Frostig, einem jüdischen Opfer der Shoa. Am Ende der Lesung segnet Oberrabbiner Chaim Eisenberg die Anwesenden, wobei er die letzte Zeile eines alten aramäischen Gebets zitiert, welches sinngemäß besagt:
„Gott, Schöpfer von Friede im Himmel. Hilf uns, Friede auf Erden zu schaffen.“
Darauf folgt erneut ein Musikstück, „Abîme des Oiseaux“ von Olivier Messiaen, welches Henri Akoka 1940 in einem Lager unter französischen Kriegsgefangenen uraufgeführt hat. An diesem Abend spielt es Matthias Schorn auf der Klarinette.
Das Resümee des Abends ziehen der Universitätsprofessor für Zeitgeschichte der Universität Wien Oliver Rathkolb und der Rektor der Universität für angewandte Kunst Gerald Bast. Bast analysiert Erinnerung aus künstlerischer Perspektive: „Erinnern hat am meisten zu tun mit Zukunft, und deshalb auch mit Künstler_innen, welche ja eine Art Zukunftssensor besitzen.“ Rathkolb hingegen nimmt noch einmal Bezug auf die tagespolitische Lage und diagnostiziert eine gewisse „Schlussstrichtendenz“, der es entgegenzuwirken gilt. 365 Tage im Jahr, wie Barbara Prammer einmal gesagt hat.
Die Veranstaltung endet schließlich, wie sie begonnen hat: Mit Musik. Diesmal mit dem zweiten und dritten Satz aus Ernst Kreneks Sonatina für Flöte und Klarinette. Ernst Krenek war wie Erwin Schulhoff ein österreichischer Komponist, dessen Musik in der Zeit des Nationalsozialismus als „entartet“ stigmatisiert wurde. Nach dem Anschluss Österreichs emigrierte er in die USA. Auch ihm soll in dieser Veranstaltung noch einmal eine Ehre erwiesen werden.
„Naming Memorial“
Langsam verlassen die Besucher_innen den Saal. Viele bleiben noch bei der „Memory Map“ stehen und suchen Orte auf der Karte. Andere sind bereits in der Eingangshalle, wo Erfrischungen bereitgestellt sind und lassen den Abend im Gespräch mit anderen Revue passieren. Auf einem Fernseher laufen „Oral History Interviews“, die die beiden Historiker Georg Traska und Jerôme Segal mit Überlebenden des Nationalsozialismus sowie Historiker_innen geführt haben. Auch die Videoinstallationen „Worte“ von Daniel Niemand und „What we remember“ von Stefan Arztmann werden noch einmal gezeigt.
Währenddessen hat das „Naming Memorial“, welches durch die Video-Künstlerin Elisabeth Wildling umgesetzt und gemeinsam mit Karen Frostig entwickelt wurde, am Josefsplatz begonnen. Die umstehenden Fassaden sind bedeckt von weißen Buchstaben auf schwarzem Grund, es sind Namen von 85.000 Opfern des nationalsozialistischen Regimes. Manche bleiben statisch, auf einer anderen Wand hingegen fließen sie über die Oberfläche. Jeder Name sieht gleich aus und ist gleich lange auf der Wand. Es ist eine Flut von vielen, alle gleich, doch jeder einzigartig. „Die Namen sollen von der Dunkelheit ins Licht geholt werden“, hat Karen Frostig zuvor in ihrer Rede gesagt.
Immer mehr Menschen kommen von der Bibliothek hinaus in die milde Nacht und bleiben erst einmal stehen, um den beeindruckenden Anblick auf sich wirken zu lassen. Einige fotografieren oder reden miteinander, manche stehen einfach still. Eine junge Frau zeigt auf einem Namen und sagt etwas zu ihrem Begleiter. Immer wieder bleiben Passant_innen stehen. Eine spanische Touristengruppe kommt von der Straße auf den Josefsplatz und halten erstmal erstaunt inne. Im Reiseführer war das „Naming Memorial“ nicht angekündigt.
Briefe lesen
Zum zweiten Teil des Abends gehören erneut Briefe. In der Eingangshalle hat sich um Marianne Windsperger ein kleiner Kreis von Personen gebildet, welche Briefe ihrer Angehörigen und Freund_innen lesen. Währenddessen stehen die Schauspieler_innen Philipp Reichel und Maxi Neuwirth am Josefsplatz und lesen ausgewählte Briefe für die Vorbeikommenden vor dem Hintergrund des „Naming Memorials“. In der Dunkelheit gewinnen die Worte noch einmal zusätzlich an Kraft.
Um 24:00 schließlich ist die Projektion zu Ende und die Namen verschwinden wieder in der Dunkelheit. Doch nachdem sie heute Abend ins Licht geholt wurden, sind sie in unserer Erinnerung wieder ein wenig lebendiger als zuvor.
Text: © by Margot Landl
Fotos: © by Christian Wind (www.christianwind.com)





