Festivals (6)
Wir müssen jetzt alle Gummistiefel anziehen, voll witzig.
Und zum Schluss spielen Metallica oder die Toten Hosen, aber an Tagen wie diesen wünscht man sich ganz bestimmt keine Unendlichkeit, sondern die Fußbodenheizung auf fünf und einen Chai Latte oder einen Cappuccino vom Kamps am Hauptbahnhof. „Soll ich ein bisschen Kakaopulver oben draufmachen?“ Ja, warum eigentlich nicht. Danke sehr.
Trotz allen Komforts, der einem mittlerweile so geboten wird, ist es nach wie vor die zivilisatorische Mindestmaßlosigkeit, die mich von Festivals fernhält. Gar nicht mal so sehr die Druckbetankung, auch wenn das Niveau schon an den Vormittagen problemlos unter jeder Limbo-Stange hingwegtänzelt. Was mich stört: Camping, Dixis und Schlange stehen an den Toiletten mit Wasserspülung, der Regen, der Matsch und ernsthaft darüber nachdenken zu müssen, Gummistiefel anzuziehen. Immerhin: Handy-Ladestationen gibt es heutzutage auf so ziemlich jedem Festivalgelände, aber was nützt einem ein geladener Akku, wenn das Yourfone kein Mobilfunknetz hat. Dabei möchte man doch nichts lieber, als im Internet seine Instagrimmigkeit auszustellen.
Einer irren Studie zufolge soll der Goldfisch eine längere Aufmerksamkeitsspanne haben als der Mensch. Um so ein Wochenende durchzuhalten, müsste man wohl drei, vier Goldfische sein. Ich jedenfalls schaffe das nicht: 80 Bands auf vier Bühnen an drei Tagen plus Madsen auf dem Lkw eines Energydrink-Herstellers schon am Donnerstag. Immer spielen die paar Großen, die man niemals sehen wollte, aber nun eben auch mitnehmen kann: Prodigy, Rammstein und Chemical Brothers. Und auf der „Red Stage“ spielen die Beatsteaks. Die Beatsteaks sind die beste Live-Band Deutschlands.
Fünf oder sechs andere gute Bands sind auch gekommen, aber die treten dann alle gleichzeitig auf oder mit zehn Minuten Überschneidung. Goodbye Logik, ey! Das war ein Zitat, so wie das Festival ein Zitat ist auf die vermutete Raubeinigkeit des Rock’n’Roll.
Ich kann schon verstehen, warum Menschen das mitmachen: so viel Musik, grillen und Faxe stechen. Und jedes Jahr dreht nachts um vier noch wer die Mucke auf, und es läuft „Time Of My Life“ — scheiß egal, dass überm Pavillon das nächste Unwetter tobt! Mir nicht. Summer of 69 gibt es auf Festivals nur im Partyzelt.
Und bevor einem der Sturzregen am Sonntagabend dann das letzte bisschen Rockstardust aus den Haaren gespült hat und man nach drei Tagen Dauer-Fun heimkehrt in die Abercrombie&Fitchness unserer Lebenswirklichkeit, spielt ganz zum Schluss noch eine Band, die einem die Ausweglosigkeit vor Augen führt: Rage Against The Machine auf der Seat-Center-Stage.
Klas Libuda








