Kunst erleben. Ein Interview zur Ausstellung „Kunst fühlen. Wir. Alle. Zusammen.“
Vom 10. Mai bis 7. September 2025 zeigt die Kunsthalle Bremen die Ausstellung „Kunst fühlen. Wir. Alle. Zusammen.“ Kuratiert wurde sie gemeinsam mit einer Projektgruppe bestehend aus Menschen mit und ohne Behinderung. Ziel der Ausstellung ist es, Kunst inklusiver zu denken und Räume zu schaffen, in denen sich alle angesprochen und willkommen fühlen. Die Ausstellung lädt dazu ein, neue Perspektiven einzunehmen, Begegnung zu fördern und Kunst gemeinsam zu erleben. Alba Asensi hat mit zwei Vertreter*innen der Projektgruppe, Joachim Steinbrück und Anna Schulze-Hulbe, sowie der Referentin für Inklusion der Kunsthalle Bremen, Lara Franke, über ihre Erfahrungen gesprochen.
Ist Kunst für alle da?
Joachim Steinbrück: Früher hatte ich immer das Bild von Kunst als etwas Elitärem, Kompliziertem, fast Unnahbarem. Erst viel später habe ich verstanden, dass Kunst auch einfach berühren kann, ohne Vorwissen, ohne Erklärung. Und wenn sie das tut, wenn sie viele Menschen erreicht, dann ist sie auch für alle da.
Wie erreicht die Ausstellung "Kunst fühlen. Wir. Alle. Zusammen." möglichst viele Menschen?
Anna Schulze-Hulbe: Wir sind eine sehr vielfältige Gesellschaft und genau das möchten wir auch in der Ausstellung widerspiegeln. Unser Ziel ist es, möglichst vielen Menschen den Zugang zur Kunst zu ermöglichen. Nichtsehende Menschen möchten Kunst ertasten können, ich als kleinwüchsige Person wünsche mir Kunst auf Augenhöhe. Für andere sind Texte in Einfacher Sprache wichtig.
Joachim Steinbrück: Für nichtsehende und sehbehinderte Menschen gibt es einen Audioguide sowie mehrere Taststationen, zum Beispiel zu Henri Matisse’ Cut-Outs. Mit einem 3D Drucker wurde Edgars Degas „Tänzerin in Ruhestellung“ nachgedruckt, sodass diese auch ertastet werden kann. Das Original soll verständlicherweise geschützt werden. Das „Mohnfeld“ von Van Gogh wurde in eine fühlbare Struktur, also in ein Relief umgesetzt, sodass man auch als blinde Person eine Vorstellung davon bekommen kann. Außerdem kann man hier auch noch etwas riechen. Was ich auch ganz spannend finde, ist das Werk von Peter Schloss, der mit der Brailleschrift arbeitet und auch das taktile Leitsystem der Ausstellung entworfen hat.
Wie haben die einzelnen Gruppenmitglieder die Ausstellung beeinflusst?
Anna Schulze-Hulbe: Ich fand es besonders spannend, zu erfahren, was den einzelnen Gruppenmitgliedern wichtig war. Zum Beispiel hatten wir ein Kunstwerk in Betracht gezogen, bei dem man in ein Mikrofon spricht und die Stimme durch farbige Frequenzen sichtbar gemacht wird. Wir dachten zunächst, das könnte eine interessante sensorische Erfahrung sein. Doch eine gehörlose Person aus unserer Gruppe brachte eine ganz andere Perspektive ein. Für sie war das Werk mit negativen Erinnerungen verbunden. Es erinnerte sie daran, wie gehörlosen Menschen das Sprechen aufgezwungen wurde. Erst seit 2002 ist die Gebärdensprache in Deutschland offiziell anerkannt.
Was war Euch bei dem kuratorischen Prozess besonders wichtig?
Anna Schulze-Hulbe: Wir möchten einen neuen Blick auf die Werke der Dauerausstellung werfen und sichtbar machen, dass viele bekannte Künstler*innen mit Einschränkungen oder Erkrankungen gelebt haben und ihre Erfahrungen untrennbar mit ihrer Kunst verbunden sind. Van Gogh litt unter einer psychischen Erkrankung und hat ein unverwechselbares Werk hinterlassen. Matisse entwickelte den Scherenschnitt, als er körperlich stark eingeschränkt war. Und Toulouse-Lautrec entwickelte als kleinwüchsiger Mensch einen sehr eigenen Blick auf die Welt, sehr sensibel, genau und oft voller Mitgefühl.
Joachim Steinbrück: Van Goghs „Mohnfeld“ entstand während seines Aufenthalts in einer psychiatrischen Einrichtung. Bei seinen täglichen Spaziergängen blickte er auf das Feld und hielt dies malerisch fest. Das heißt das Bild steht auch in Zusammenhang mit seiner Beeinträchtigung. Gerade solche Werke zeigen, wie aus persönlichen Lebensumständen ganz eigene Ausdrucksformen entstehen, vielleicht auch aus einer inneren Notwendigkeit heraus, mit der eigenen Beeinträchtigung kreativ umzugehen. Nicht trotz, sondern weil. Das ist die Perspektive, die wir mit der Ausstellung sichtbar machen möchten.
Welche Werke haben Eure Sinne besonders angesprochen?
Anna Schulze-Hulbe: Ich freue mich besonders auf das Werk von Peter Schloss. Und ich bin gespannt zu sehen, wie Alt und Neu in der Ausstellung zu zusammenspielt, wie also die Werke der Dauerausstellung mit den Leihgaben zusammenfinden. Ich finde auch spannend, zu hinterfragen, was die Vergangenheit hervorgebracht hat und wie wir heute darauf schauen. Ich freue mich auf mehr Verständnis und den Aha Effekt. Ich glaube einfach, dass es wichtig ist mit Minderheiten Anknüpfungspunkte zu finden und dass die Kunsthalle die Möglichkeit schafft und Menschen diesen Zugang schafft, finde ich besonders schön.
Lara Franke: Ich freue mich besonders auf die Werke von Matisse, weil sie genau das ausstrahlen, was wir mit der Ausstellung vermitteln wollen: Seine leuchtenden, fröhlichen Farben laden zu einem optimistischen, positiven Blick ein. Das ist Kunst, die Freude macht. Genau dieses Gefühl möchten wir auch im letzten Raum der Ausstellung aufgreifen. Dort entsteht gemeinsam mit den Besucher*innen ein partizipatives Werk im Stil von Matisse. Besonders gespannt bin ich auch auf die Fotografien „hidden landscape“ von Stephanie Baden. Sie fährt so lange mit dem Auto, bis sie die Landschaft anhält. Dann bemalt sie die Fensterscheiben mit leuchtenden Farben und fotografiert hindurch. Dabei entstehen faszinierende, farbenfrohe Bilder, in denen die Ebenen von Innen und Außen, Realität und Interpretation auf spannende Weise miteinander verschwimmen.
Welche Impulse setzen die Leihgaben in der aktuellen kunsthistorischen und gesellschaftlichen Debatte?
Joachim Steinbrück: Die Ausstellung trägt ja den Titel "Kunst fühlen. Wir. Alle. Zusammen." Ein Werk, dass das meiner Meinung nach besonders transportiert, ist die „School of Empathy“ von Peter Schwartz. Dieses interaktive Format bringt Menschen miteinander ins Gespräch, indem sie eine Karte mit einer Frage ziehen und sich damit auseinandersetzen. Als wir das getestet haben, waren wir plötzlich so miteinander im Austausch, dass wir gar nicht mehr aufhören wollten. Ich bin sehr gespannt, wie das bei den Besucher*innen ankommt. Wenn dadurch echte Begegnungen entstehen und Menschen in Beziehung treten, dann wäre das ein Schritt aufeinander zu in einer Gesellschaft, die aktuell sehr polarisiert ist.
Anna Schulze-Hulbe: Ein Werk, das mich besonders fasziniert hat, ist „sound of subtitles“ von Seo Hye Lee. Es ist ein kurzes Video, das auf drei Monitoren gezeigt wird, das Bild bleibt immer gleich, nur die Untertitel unterscheiden sich. Gerade das finde ich so spannend: Obwohl alle dasselbe sehen, entstehen durch die unterschiedlichen Texte ganz eigene Assoziationen. Es zeigt, wie sehr unsere Wahrnehmung von der Sprache, von Kontext und von unserer persönlichen Perspektive beeinflusst wird und das zeigt einfach das Kunstgefühl, das ja sehr individuell ist und dennoch verbindet.
Lara Franke: Ich glaube, dadurch dass das Werk von Peter Schloss angefasst werden darf und immer wieder in der Ausstellung auftaucht, eine besonders spannende Perspektive schafft. Außerdem finde ich spannend, dass die Brailleschrift hier keine Übersetzung findet und man nicht versteht, was dort steht, wenn man die Brailleschrift nicht lesen kann. Dieses Gefühl, etwas nicht zu verstehen, kann einen echten Perspektivwechsel anstoßen und zu mehr Verständnis führen für Menschen, die mit solchen Barrieren alltäglich konfrontiert sind.
Was wünscht ihr euch für die deutsche Kulturlandschaft?
Anna Schulze-Hulbe: Ich wünsche mir, dass wir Barrierefreiheit nicht mehr diskutieren müssen. Sie betrifft uns alle. Ich möchte selbst entscheiden können, ob ich an etwas teilhaben will und dafür brauche ich den Zugang. Nur so kann auch Leidenschaft für Kunst entstehen. Kunst ist für alle da. Und ein Museum als öffentlicher Raum sollte für alle zugänglich sein.
Lara Franke: Barrierefreiheit ist kein Luxus, sondern ein Muss. Uns verbindet mehr, als uns unterscheidet.
Joachim Steinbrück: Vielfältige Künstler*innen, und damit meine ich nicht nur Menschen mit Behinderung, bereichern den Kunstbetrieb mit ganz unterschiedlichen Ausdrucksformen. Genau diese Vielfalt sollte viel stärker in den Fokus rücken. Wenn wir Kunst als Raum für Innovation verstehen, dann ist eben diese Diversität ein entscheidender Motor und Schlüssel für Weiterentwicklung.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Alba Asensi.
Die Ausstellung und die Zusammenarbeit mit der Projektgruppe werden von Aktion Mensch gefördert.
Abbildungen: Henri Matisse, Das Pferd, die Kunstreiterin und der Clown, aus: Jazz, 1947, Schablonendruck | Vincent van Gogh, Mohnfeld, 1889, Öl auf Leinwand, beide: Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen | Peter Schloss, How To Do Things With Words?, 2024/25 (Detail), Text in Brailleschrift in verschiedenen Materialien auf der Wand, © Peter Schloss, Foto: Mathias Völzke | Foto: Anna Schulze-Hulbe und Joachim Steinbrück, Lara Franke











