Formel
1.
Meine These zu Tafel 78 lautet, dass diese Tafel zum diplomatischen Protokoll und zur Diplomatik sich an Formeln der römischen Verwaltung orientiert. Man kann sagen, dass sie sich an römischem Verwaltungsrecht und Protokollen der Kanzleikultur orientiert, wenn man im Blick hat, dass dieses Verwaltungsrecht eher über 'das heterogene Material von Akten' als über das homogene Material (systematisierter, signierter und autorisierter) Bücher überliefert ist und dass dies ein Recht ist, dessen diskrete Instanzen nicht der Satz, nicht das Interdikt, auch nicht die kaiserlichen Konstitutionen sind. Römische Rechtsgeschichte ist durch das kanonische und das zivile Recht bestimmt - und seit dem 19. Jahrhundert dazu noch durch die Geschichte des Dogmas der großen Trennung. Aber es gibt auch eine Forschung jenseits von Sprache, Schrift und Buch, eine Forschung zu Akten, Bildernund Protokollen, auch wenn etwa z.B. bei Vesting Mediengeschichte des liberalen, westlichen Staates nicht mehr auftaucht. Auch bei Marie-Theres Fögen hört römisches Recht da auf, wo die Sätze von Juristen aufhören. Zumindest in ihren Überlegungen zur Enteignung der Wahrsager argumentiert sie mit einer schon luhmannistisch geschärften Vorstellung von Ausdifferenzierung. So kommt sie zu ihrer These vom Anfang der juristischen Zensur, die sie auf die Spätantike datiert. Die kaiserlichen Konstitutionen verknüpfen bei Fögen nicht einfach Staatlichkeit, Gesetzlichkeit, Wahrheit und Monotheismus , sie setzen diese Verbindung in Sätzen. Das römische Verwaltungsrecht mit seinen heterogenen Akten passt irgendwie nicht in diese Geschichte. Warburg wiederum entwickelt nicht nur aus der Wissenschaft seiner Zeit, sondern auch aus einer römischen Büro- und Studiokratie heraus seine Vorstellungen von Formeln. Wie es sich für einen Polarforscher gehört, setzt er sich dem römischen polos, einer römischen Polarität aus.
2.
Römisches Verwaltungrecht besteht aber auch aus Tabellen, Listen, Protokollen und Kalendern. Das Material ist schon in den Akten schriftlich ausgedünnt und mit Graphik angereichert, die nicht schriftlich operiert und keine Stimme repräsentiert. Eine Tabelle ist kein Satz, sie operiert mit Stellungen, Adressen und mit Polarität, in dem Sinne mit Kehren, Wenden oder Kippen, denn sie organisiert Manöver. Sie informiert nicht einfach, sondern rückt Informationen an eine Stelle, die im Verhältnis zu anderen Stellen steht. Man kann noch einen Schrift weiter gehen: Nicht nur das graphische Material, dass an im engeren Sinne zu den Medien der Büro- und Studiokratie gehört, auch das Protokoll der Stadt und das Protokoll des Landes gehört auch zu diesem Material.
Die Polobjekte, mit denen Warburg operiert, zeichen sich schon dadurch aus, dass sie neben der Graphik im engeren Sinne, also neben dem Schreiben, der Schrift oder der Zeichnung auch die 'Schreib- und Bildgründe' operativ wenden, also dasjenige, was im römischen Recht als tabula oder carta von pictura, scriptura oder imago abgerenzt wird. Nicht nur die Schrift und das von Nietzsche sogenannte Schreibzeug, auch der Token ('tablette') oder das von Warburg sog. "Gerät", auch die von ihm so genannte Mimik und die Gesten operieren in der Verwaltung mit. Die Verwaltung operiert insofern schon mit mindestens zwei Schichten, von mir aus einer Schicht aus Zeichen und einer Schicht aus Dingen. Die Fläche der Seite operiert im Codex mit, das hat Walter Ong medienhistorisch gründlich entfaltet; aber nicht nur diese 'Schreib- und Bildgründe' operieren mit. Was für das moderne Bau-, Planungs- und Umweltrecht völlig selbstverständlich ist, ist für römische Verwaltung nicht weniger verständlich: Die Verwaltung ist ökologisch in das verhäkelt, was sie verwaltet. Die Verwaltung verwaltet nicht nur, sie ist auch verwaltet von den Gegebenheiten und Gelegenheiten, um die sie sich zu kümmern hat. Der Acker verwaltet auch mit; von ihm zu verlangen, Schiffe ankern zu lassen, wäre Wahnsinn.
2.
Wenn schon die Fläche des Codex als Schreib- oder Bildgrund bei der Schrift kooperiert, dann kooperieren auch die horizontalen, vertikalen und diagonalen Flächen römischer Städte und Geographien in dem, was römische Verwaltung macht. Schon in der Literatur zur Rhetorik und ihren Mustern gibt es einen interessanten Streit um das Huhn und das Ei. Man streitet darum, ob die Stilschichten durch die rhetorischen Manuale vorgegeben waren und von dort aus zum Beispiel auch die Schichtung von Säulenordnungen mit ihrem skalierbaren Pathos mitbestimmt haben, oder aber ob nicht vielmehr die Schichtungen der Säulenordnungen die Abschichtungen von rhetorischen Stilordnungen mit ihrem skalierbaren Pathos mitbestimmt haben.
Wo sollen die Stilschichten zuerst aufgetaucht sein? In der Stadt oder im Buch? Für das Material des römischen Verwaltungsrechtes muss man ein gleiches Problem annehmen. Einfach gesagt: Wo ist Rom zuerst sortiert und ordentlich? Sind die niederen Viertel ordentlich niedere Viertel, ist Rom noch ordentlich hügelig? Fängt die Ordnung erst in den Kanzleien und dann in den Straßen und vor den Mauern an oder andersherum? Der flache und der plastische römische Raum, der Lauf von Sonne und Mond verwaltet Rom mit. Schon beim pomerium fragt man die Auguren, wo man diese Linie am besten zieht. Nicht nur der Mythos, auch die Kalender zeigen eine ökologische Verhäkelung zwischen dem Material, was als Schreiben im engeren Sinne Rechtsquelle sein soll und einem Material, dass den Kalender vorgeht. Einfach gesagt: Sonne und Mond sind auch Rechtsquellen, auch ohne jedes astrologische Phantasma, ohne Metaphorik und ohne jede Ikonographie, ohne Personifikation oder Allegorie. Nicht erst der Stadtplan und die Polygraphen liefern ein Protokoll, die Stadt, die Felder, Flüsse, das Meer und die Gezeiten selber macht das auch schon.
3.
Warburgs Tafel 78 ist eine Tafel zum römischen diplomatischen Protokoll und zur Diplomatik, es ist eine Tafel zur römischen Verwaltung, auch in rechtlicher Hinsicht. Römisches Verwaltungsrecht ist auf dieser Tafel nicht ausdifferenziert; was an Trennungen sonst groß eingerichtet ist, ist hier nicht groß eingerichtet. Verwaltungsrecht ist hier nicht unbedingt staatliches oder öffentliches Verwaltungsrecht, es wäre auch das Recht von Kirchen und privaten Kanzleien. Nicht einmal was Staat ist, ist ausdifferenziert, es hängt noch mit einem Status zusammen, der auch nicht staatlich daher kommen muss.
4.
Die These konkretisiert sich zum Beispiel im Hinblick auf jenes Photo, das auf Tafel 78 wie ein Schlussbild gesetzt ist, zumindest wenn man diese Tafel wie eine Buchseite liest. Es ist das Bild ganz unten rechts, das den Kardinal Staatssekretär Pietro Gasparri zwischen Managern der Autoindustrie zeigt.
Die Rekonstruktion des Atlas hat mir bei der Recherche schnell deutlich gemacht, dass in der Literatur mal wieder was nicht stimmt. Warnke und Brink hatten behauptet, man sehe dort Kardinal Maffi auf dem Dach der Fiatfabrik in Turin, Heil und Ohrt haben diese Zuschreibung sogar noch übernommen. Wie der Fehler in die Editionen kam, lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei klären, das Kippsal wird irgendwann in den siebzigern Jahren seine Lauf genommen haben, als man den Atlas noch für verloren hielt und anhand der Fotografien aus den zwanzigern Jahren mühsam eine Entzifferung vornahm.
Die alte Zuschreibung macht freilich gar keinen Sinn, wenn Tafel 78 als diplomatisches Protokoll um die Lateranverträge kreist. Man sieht auf dem Bild auch kein Maffi, sondern Gasparri. Und das Gebäude lässt sich schnell identifizieren, wenn man Tafel 78 ebenfalls als Protokoll auf das Protokoll der römischen Stadt bezieht. Es reicht sozusagen nicht, Tafel 78 isoliert zu lesen; man muss auch die Stadt laufen. Wie man sogar Kalenderforschung nur dann sinnvoll machen kann, wenn man im April über den April forscht, so muss man auch Tafel 78 nicht isoliert, sondern ökologisch lesen, einschließlich des römischen Raums und des römischen Kalenders.
Das ist Gasparri, und der steht auf dem Dach eines Gebäudes, das inzwischen abgrissen ist, aber im Jahre 1929 am Piazza Guiseppe Verdi feierlich eröffnet wurde. Wenn man das dilplomatische Protokoll noch über seine Tradition verfolgt und dann etwa die Krönungsdiarien oder aber die Zeremonialwissenschaften zur Geschichte eines solchen diplomatischen Protokolls zählt, dann fällt auf, dass zu den Gründungszenen oft auch die Züge durch die Stadt gehören; Das Bild muss im Juni entstanden sein, als Warburg und Bing schon nicht mehr in Rom waren. Dieses Bild wurde ihnen nachgesandt.
Warburg kann es aus mehreren Gründen noch auf die Tafel gesetzt haben. Es ist auffällig, dass diese Tafel anders als alle anderen Tafel kaum eine historische Asynchronie zulässt. Während alle Tafel Material aus unterschiedlichen Zeiten sammeln, scheint hier die Zeit nahezu 'homogenisiert', das ist die Zeit, die man ein Ereignis oder ein Datum nenennen kann: Der Abschluss der Lateranverträge, die Lösung der römischen Frage und die Gründung eines neuen römischen Staates, die restitution einer alten Idee (nämlich der Kirche als Staat) und die Restitution einer Unterscheidung im Verhältnis zwischen weltlicher und geistiger Macht. Im Detail spannt sich diese Zeit freilich vom 11. Februar 1929 bis in den Juni hinein, den Tag, an dem Gasparri auf das Dach fuhr. Das wird ein Grund gewesen sein: Gasparri taucht noch einmal auf, diesmal in einem Zug, der wie ein feierlicher Zug, fast wie ein Triumphzug 'auffährt', nur diesmal mit einem typischen Warburgschen Witz nicht in den Himmel, sondern auf das Dach eines Autohauses. Das private Autohaus wird gegründet, wie das auch der römische Staat wird, mit einem Segen des Kardinal Staatssekretärs Gasparri. Meine These ist, das Warburg dieses Autohaus kannte. Entweder hat er den Film von dieser Fahrt zu den Automanagern im Kino bei den Wochenschauen gesehen (Luce, von dem Warburg einen großen Teil der Fotos bezog, produzierte auch so einem Film). Oder aber Warburg hat bei einem seiner Gänge durch die Stadt das Haus kennen gelernt.
Wenn er im Hotel Eden wohnte, dann kann dies sogar das nächste große Parkhaus gewesen sein. Meine These ist, dass er die Spirale kannte, die in diesem Haus als eine große Sensation galt, eben weil sie ermöglichte, mit den Autos auf das Dach eines Hauses zu fahren. Meine These lautet auch, dass diese Architektur den doch spiralbesessenen Warburg mitangestiftet hat, das Bild auf Tafel 78 zu setzen. Eine Schwierigkeit seiner Gestellschieberei liegt in den ökologischen Bedingungen: nicht nur räumlich, auch zeitlich setzt Warburg selbst pendelnd und polarisiert an. Die Tafeln involvieren immer nur die Entfernungen, mit denen Warburg sein Distanzschaffen betreibt, das heisst auch: immer mit einer verkleinerten Entfernung nach Alternative 1 und einer vergößerten Entfernung zu Alternative 2. Jede Adressierung bleibt auch Polarisierung, keine Polarisierung ohne Adressierung. Ist eine Tafel gestellt, baut sich mit der Tafel auch eine Spannung auf, die ihre weitere Verstellung vorantreiben könnte. Warburg dokumentiert die Schritte seiner Gestellschieberei, eventuell weil ihm etwas sagt, dass man allein schon für Tafel 78 Versionen nach dem Muster römischer Kalender anlegen müsste, für jeden Monat eine Version vielleicht. Die Version, die wir kennen, ist eine Sommerversion, eine Juliversion vermutlich.
5.
Ironie der Geschichte: Man hat in der Warburforschung die Bilder eine zeitlang nicht mehr als Polobjekte, nicht mal mehr als real vorhandene Dinge verstanden. Wenn man in der Warburschen Fotothek nach dem Foto gesucht hätte und es nur einmal umgewendet oder umgekehrt hätte, hätte man auf der Rückseite die richtige Information gefunden, da steht nämlich, wenn auch mit einem Rechtschreibfehler, dass "Gaspari" auf einem Casa d' Automobile zu sehen ist. Ich habe mühsam in Bilder der Stadt Rom nach solchen Geländern und Authäusern gesucht, bis auch mir klar wurde, dass Casa d'Automobile nicht nur ein Begriff, sondern auch ein Name war.

















