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Keep It Real - Kapitel 1
Unsere ‘Beziehung‘ war eigentlich ganz einfach zu verstehen. Er mochte mich nicht und andersherum. Nun ja. Wie löst man so ein Problem? Jeder normale Mensch hätte wohl gesagt, man solle sich einfach aus dem Weg gehen. Nur so einfach war das nun mal nicht. Nicht da ich bei ihm zu Hause wohl oder übel ‘Putze‘ spielen musste. Ja, sehr wohl. Ich war so etwas wie die Haushälterin der Familie. Nachdem ich von der Schule geflogen war, hatte meine stinkreiche Mutter mich rausgeworfen. Ich sei eine Schande für die Familie (was übersetzt bedeutet für ihr Image und ihren Ruf) und ich solle sehen was ich ohne die Schule anstelle. (was bedeutet: Ich habe keine Lust darauf dich über die Runden zu bringen bis du 30 bist und ich tot und du alles erbst)
Und so saß ich noch am selben Abend mit 3 Koffern und ein wenig Geld vor der Tür und wartete auf den nächstbesten Bus ins Nirgendwo. Der ließ dann ja auch nicht besonders lange auf sich warten und kutschierte mich kurzerhand in eines der reichsten Viertel in unserer Gegend. Und wenn ich gedacht hatte das Haus meiner Mutter war riesig.. dann wusste ich wirklich keine Bezeichnung für die Häuser, (ach was. Villen!) die sich in diesem Viertel aneinanderreihten. Jede hatte einen prunkvollen Garten, mindestens einen Swimmingpool und war an der Außenfasade verziert mit Schnörkeln und Wasserspeiern (ich grusle mich heute noch vor den Dingern) und keine Ahnung was noch allem.
Jedenfalls schrien diese Häuser nur so ‘Ich bin reich!‘ gen Himmel und es war kaum zu übersehen, dass hier jeder versuchte seinen Nachbarn mit Haben und Gut zu übertrumpfen.
Warum ich in diesem Viertel geblieben bin, ist eine ziemlich gute Frage, auf die ich, ehrlich gesagt, keine Antwort habe. Ich hasste diesen Protz und das Gehabe der wohlhabenden Leute. Aber ich bekam nun mal die oben besagte Stelle als Haushälterin. Und das ist wohl einer der Gründe warum ich schließlich blieb.
Naja zurück zu ‘ihm‘ und unserer etwas seltsamen Beziehung zueinander. Eigentlich fand ich in vom ersten Moment als ich ihn sah sympathisch. Seine Augen waren irgendwie voller Optimismus als er mir die Tür öffnete. Er strich sich eine seiner zahlreichen dunklen Locken aus dem Gesicht, aber sie sprang sofort wieder widerspenstig an ihren angestammten Platz zurück. Sofort dachte ich daran, dass er wirklich mal einen Frisör gebrauchen könnte. Aber vielleicht trug er sie ja immer so lang? Vielleicht machte es ihm ja nichts aus sie sich immer wieder aus dem Gesicht zu streichen? Möglicherweise war er sogar schüchtern und trug seine Haare so lang, damit er sich notfalls etwas dahinter verstecken konnte?! Noch nie waren mir so viele Gedanken durch den Kopf geschossen nach dem ersten Blick.
Nun ja. Ich fand ihn sympathisch. Aber das änderte sich schlagartig als er den Mund öffnete und zu sprechen begann. Es war nicht so, dass er Mundgeruch hatte oder eine unerträgliche Stimme. Ich mochte seine Stimme, sehr sogar und ein Hauch Minze wehte zu mir herüber als er seinen Mund öffnete. Was mich allerdings störte war seine Art, die Worte zu sagen und seine Mimik und Gestik seine Worte zu unterstützen. Es kam absolut alles was er in diesen ersten Momenten tat herablassend und überheblich herüber.
»Mein Vater hat doch schon an der Sprechanlage erwähnt, dass wir weder unser Religion ändern wollen noch irgendwas für Tierheime spenden.« Noch einmal fuhr er sich durch die Locken und wollte mir dann abrupt die Tür vor der Nase zuschlagen. Aber so schnell würde ich nicht aufgeben. Erst mal wollte ich mir nicht unterstellen lassen so auszusehen wie ein Bettler oder sonstiges. Auch Bettler waren Menschen. (Schon klar, dass ich nach der ungefähr 3 Stunden langen Busfahrt nicht gerade wie eine Schönheitskönigin aussah und auch dementsprechende Laune hatte, aber sein Verhalten war so was von unerhört!) Und die zweite Sache war, ich wollte und brauchte (!!) diesen Job.
Also stellte ich schnell meinen Fuß in die Tür und hielt den Flyer hoch auf dem der Job angeboten wurde. »Oh.« Als er den Flyer in meiner Hand entdeckte, hellte sich seine Miene etwas auf. Zwar nicht so als ob er gleich vor Freude Luftsprünge vollführen würde aber immer hin nicht mehr ganz so abweisend. »Du.. willst hier anfangen?« Okay. Ich war nicht zimperlich aber ich war 16 (knappe 17) und das er so ganz unverblümt anfing mich zu duzen war echt unverschämt. (Gut! Ich war vielleicht schon zimperlich aber.. 3 Stunden Busfahrt!)
Mein Tonfall war also dementsprechend säuerlich als ich hervorquetschte. »Ja. Würde ich gerne!« Und wirklich kein Mensch im Universum kann sich vorstellen wie gerne ich ihm in diesem Moment noch eine pampige Bemerkung hineingeknallte hätte. Ich war ja nicht gerade auf den Mund gefallen, wie meine Lehrer (kotz!) immer gemeint hatten.
Aber so beließ ich es bei einem netten Lächeln um meine miese Laune zu überspielen und hielt ihm den Flyer nochmal vor’s Gesicht. Er nickte. »O-kay.« Er kratzte sich am Hinterkopf als wüsste er nicht so wirklich was er nun mit mir anfangen sollte.
Gut. Das konnte ich ihm jetzt nicht gerade verübeln. Es passierte schließlich nicht jeden Tag, dass ein total übernächtigtes, kleines (naja. Auf meine 1,71 konnte ich schon stolz sein.) Mädchen an der Tür klingelte und um einen Job bat.
Schließlich entschied er sich mich einfach mal abzuwimmeln. »Also. Mein Vater schläft noch. Du.. kannst ja später nochmal kommen?« Aaaalles klar. Bubi wohnte, obwohl er sicher schon an die 18 war, noch immer bei Daddy.
Ein Grinsen unterdrückend sah ich ihn mit großen Augen an. Weggeschickt zu werden, hatte ich nicht erwartet. Außerdem klang sein Tonfall mehr nach ‘Verschwinde einfach! Ich hab nicht vor dich irgendwie einzustellen.‘ Hatte er nicht gerade beteuert ich hätte schon mit seinem Vater über die Sprechanlage am Tor geredet?
Also blieb ich hartnäckig. »Ich dachte eigentlich.. dass wir das gleich erledigen könnten?! Sonst hätte ich nämlich vor den nächsten Bus zu nehmen und weiter zu fahren.« Das kam vielleicht etwas hart rüber, denn er starrte mich verwirrt an. Was denn? Ging es nicht in seinen kleinen Millonärenkopf, dass nicht jedes Mädchen dafür sterben würde für ihn zu putzen?
Sogleich bekam ich eine Antwort auf diese Frage, die ich mir im Stillen gestellt hatte. »Ähm? WAS? Einfach weiterfahren? Hör mal!« Er stemmte die Hände in die Seite und blickte auf mich herab wie auf ein ungezogenes kleines Kind. »Du hast wohl keine Ahnung wie viele Mädchen für diesen Job hier sterben würden?« Sofort lief ich rot an und überlegte ob ich meine Frage vielleicht doch nicht bloß in meinen Gedanken gestellt hatte.
Manchmal, wenn ich besonders fiese Gedanken hatte, konnte es nämlich gut passieren, dass mir der eine oder andere Gedanke herausrutschte.
So wie in dem Moment. Und ich konnte es leider absolut nicht verhindern. »Sag mal hackt’s? Sterben um dir deinen Mist hinterher zu räumen?« Ach herrje. Tolle Einstellung um den Job zu bekommen. Wow! Am liebsten hätte ich mir selbst in den Arsch getreten und mich somit vor das Tor befördert. Aber das tat er dann schon imaginär mit seinen Worten. »Hast du eigentlich eine Ahnung mit wem du sprichst?« Platzte er heraus. Ich sah zu Boden. Wie dämlich war ich eigentlich? »Ich.. es tut mir Leid. Ich bin nur.. die ganze Nacht gefahren und.. müde! Und..« Ich sah seinen Blick und hob ergeben die Hände. »Ich bin schon weg!« Beeilte ich mich zu sagen, schulterte meine Tasche und drehte mich um. »Halt! Warten Sie!« Eine tiefe Stimme hielt mich auf. Ich drehte mich um und zog den Kopf ein. Ich machte mich schon mal auf mordsmäßigen Ärger gefasst.
Millionärsdaddy stand im Bademantel in der Tür und sah mich an. Verdammt! Wieso musste ich ausgerechnet an Bubi (ich hatte ihn inzwischen so getauft) meine miese Laune auslassen? Ich rechnete schon mit einer Anzeige wegen Belästigung oder Ruhestörung oder was - weiß - ich - was - Schlimmes.
Aber.. nichts dergleichen kam. Stattdessen musterte mich Millionärsdaddy interessiert und grinste dabei amüsiert vor sich hin. »S-S-Sir?« Stammelte ich, nach den richtigen Worten suchend. »Ich.. entschuldigen Sie mein unmögliches Verhalten es ist nur so.. ich bin 3 Stunden Bus gefa-« Millionärsdaddy stoppte mich indem er mir die Hand entgegenstreckte und grinsend murmelte. »Jonas!« Im ersten Moment verstand ich nicht ganz, bis sich ein Schalter in meinem Gehirn umlegte und eine Stimme mir zu wisperte ‘Sein Name, hohle Nuss‘.
Schnell ergriff ich die große Männerhand, die sich unerwartet weich anfühlte und schüttelte sie. »Smith. Teresa Smith.« Nannte ich meinen Namen und kam mir gleich darauf bescheuert vor. Meine Hand war schwitzig und ich hörte mich an wie James Bond wenn er seinen Namen nannte.
‘Mein Name ist Nuss. Hohle Nuss!‘
Mr. Jonas (Millionärsdaddy) wirkte auf mich wie ein ziemlich netter Mensch. Aber der erste Blick konnte täuschen, so wie Bubi das gezeigt hatte.
»Komm doch rein und mach dich erst mal frisch. Danach können wir alles Notwendige besprechen.« Bot er mir an. Bubi lehnte in der Tür und beobachtete seinen Vater misstrauisch. Für ihn kam es wohl gar nicht in die Tüte, dass ich eingelassen wurde.
»Das wäre wirklich sehr freundlich!« Beeilte ich mich zu sagen. Millionärsdaddy lächelte mir aufmunternd zu. »Nicholas. Komm! Lass die junge Dame herein und bei der Gelegenheit kannst du ihr auch gleich das Badezimmer zeigen.« Nicholas! Der Name passte zum Aussehen des Jungen. Aber so gar nicht zu seiner Art. »Wieso ich?« Brummte Nicholas. Mr. Jonas ging nicht auf seine Frage ein. »Und hilf ihr auch gleich bei den Koffern. Ich gehe mich umziehen und danach besprechen wir in Ruhe alles was den Job betrifft.« Triumphierend lächelte ich Nicholas an und schob ihm meinen Koffer entgegen. Mit spitzen Fingern, als könnte er jederzeit in Flammen aufgehen, nahm er ihn und zog ihn ins Haus. »Folge mir!« Meinte er bissig und ich trat hinter ihm ins Haus. Es war angenehm kühl und auch im Innern ließ alles auf wirklich dicke Geldtaschen schließen. Nicholas führte mich eine Treppe hinauf während ich mich etwas umsah. Ich wollte nicht zu neugierig wirken. Nach einer scharfen Rechtskurve blieb er abrupt stehen und deutete auf eine Tür. »Da!« Ich lächelte. »Danke!« Wir mussten ja nicht gleich auf Kriegsfuß sein nur weil die erste Begegnung etwas schlechter verlaufen war. Er ließ meinen Koffer stehen und ging wieder. Ich sah ihm hinterher und rollte die Augen. Danach öffnete ich die Tür und stellte meine Tasche in den Raum. Das war nicht bloß ein Badezimmer. Es war ein Gästezimmer. Ebenfalls mit teuer aussehenden Möbeln und Krims Krams bestückt.
Ich trat noch einmal vor die Tür und holte meinen Koffer herein. Gerade als ich die Tür hinter mir schließen wollte, kam Nicholas nochmal in den Gang. »Eh. Hey du!« Rief er. Ich sah auf. »Ja?«
»Sag mal.. Hast du echt keine Ahnung wer ich bin?« Hakte er nochmals nach. Ich schüttelte langsam den Kopf. »Sollte ich denn?« Fragte ich verwirrt. Keinen blassen Schimmer was er von mir wollte. Leider würde ich auf diese Frage auch nicht so schnell eine Antwort bekommen, denn er schüttelte nur etwas verächtlich den Kopf und ging dann nachdenklich davon. Ich sah ihm kurz nach, dann verzog ich mich auf das Zimmer und hielt den Kopf unter die Wasserleitung. Das kalte Wasser machte mich wieder etwas wach und ich konnte wieder klarer denken. Bei dem Gespräch mit Mr. Jonas durfte mir wirklich kein Fehler passieren so wie eben an der Tür. Meine Gedanken mussten bei mir bleiben.
Participation pour les 24h de la BD de Bordeaux. édition 2013