Keep It Real - Kapitel 2
»Möchten Sie vielleicht etwas zu trinken?« Mr. Jonas hantierte mit der Saftpackung herum. »N-Nein danke.« Lehnte ich dankend ab. Er stellte die Saftpackung auf den Tisch und setzte sich. Er sah mich an. Zuerst erwiderte ich den Blick aber nach einer Weile wurde mir der Blick unangenehm und ich sah auf meine Hände. »D-Darf ich.. Sie etwas fragen?« Wagte ich nach einer Weile zu fragen. »Natürlich dürfen Sie.«
»Ähm. S-Sind Sie.. böse auf mich weil ich vorhin an der Tür so mit ihrem Sohn geschrien habe?!« Fragte ich vorsichtig. Er lächelte mich an. Ach du meine Güte? Er lächelte. Verdammt! Wieso lächelte er? Die Ruhe vor dem Sturm?
»Nun. Nein absolut nicht.« Hatte ich mich verhört? Millionärsdaddy fand es okay, dass ich seinen Sohn zur Pflaume gemacht hatte? Mein verwirrter Blick musste Bände sprechen, denn sofort kam die Antwort auf meine unausgesprochene Frage. »Mein Sohn kann sich ziemlich verwegen benehmen. Aber ich habe das Gefühl, dass Sie temperamentvoll genug sind um ihn ein wenig in die Schranken zu weisen.« Mund zu! Ich sah Mr. Jonas an. »Heißt das.. so viel wie.. ich hab.. den Job?!« Fragte ich überflüssigerweise nach. Er nickte. Auch wenn ich nicht wollte, sprang ich vom Stuhl auf und grinste glücklich. »Super! Vielen Dank! Sie retten mir echt meinen Arsch.. -Oh.. T-Tut mir.. Leid!« Ich lief rot an und setzte mich schnell wieder verlegen vor mich hin starrend. »Mach dir keinen Kopf! Denkst du etwa diese Ausdrücke fallen bei einem pubertierendem Sohn und einem alleinerziehenden Vater nie?«
Ich hatte also den Job. Aber nicht nur das. Viel wichtiger war; ich hatte meiner Mutter etwas bewiesen. Nämlich das man auch ohne perfekten Schulabschluss über die Runden kam. Ich hatte nie vorgehabt Millionärin zu werden. Geld war nicht immer unbedingt mit Glück verbunden. Dafür war meine Mutter nämlich der lebende Beweis. Auch wenn sie sich nach außen glücklich gab. Innen drinnen würde sie immer eine alleinerziehende, geschiedene Frau bleiben, die ihre Familie wegen ihres Berufs (also auch wegen dem Geld) vernachlässigt hatte und jetzt den Preis dafür zu bezahlen hatte.
Mr. Jonas war damit einverstanden gewesen, (oder besser gesagt, er hatte mehr oder weniger darauf bestanden) dass ich weiterhin das Gästezimmer bewohnte. So hatte ich keinen Arbeitsweg und stand (leider!) auch immer zur Verfügung. Ich durfte das sündteure (falls ich das noch erwähnen muss) Auto benutzen um einkaufen zu fahren oder die Sachen aus der Reinigung zu holen. Alles in allem konnte ich mich echt nicht beschweren.
Wäre da nicht Nicholas gewesen. Er versuchte nämlich von Anfang an mich aus dem Haus hinauszuekeln. Aber Mr. Jonas verließ sich auf mich. Ich sollte dem Bubi mal zeigen wo der Hammer hing. Und dafür hatte ich meine ganz eigenen Methoden.
Am nächsten Morgen wurde ich, durch ein energisches Klopfen an der Tür, schon früh aus den Federn geholt. Schlaftrunken wankte ich zur Tür und öffnete sie. Nicholas stand davor und starrte auf mich verschlafenes Etwas mit plattgelegenen Haaren. »Öh. Ja. Mein Vater musste früher los und meinte ich soll dir.. alles zeigen.« Er fuhr sich durch seine Locken. Immerhin war er nicht mehr ganz so überheblich wie gestern. »Oh. Ja klar. Ich zieh mich nur schnell um, wenn es genehm ist.« Kam wohl etwas pampiger als gewollt rüber und zugegeben der letzte Teil des Satzes hätte nicht unbedingt sein müssen, aber er war einfach so heraus gerutscht. Ohne jede Vorwarnung.
Nicholas sah mich säuerlich an. Wieso musste ich es mir eigentlich jedes Mal mit ihm verderben? Er schien (irgendwo ganz tief drinnen) ganz okay zu sein. »Ja mach das!« Knurrte er. Er reagierte aber auch immer gleich über.
Ich drehte mich schnell um, um ihm nicht noch etwas ins Gesicht zu schleudern und öffnete meinen Koffer. Meine Sachen waren (wie immer wenn ich packte) nur wild in den Koffer geschmissen und es dauerte eine Weile bis ich etwas halbwegs Tragbares gefunden hatte. Als ich mich nun umdrehte, lehnte Nicholas noch immer in der Tür. »Ja.. Also.. als ich sagte ich würde mich gerne umziehen.. meinte ich schon so ohne.. Publikum?!« Beim Wort ‘Publikum‘ zuckte er unwillkürlich etwas zusammen und biss sich auf die Zunge. Aber er setzte nichts daran seinen Hintern aus meinem Zimmer zu bewegen. Deshalb räusperte ich mich nochmal. »Mit Publikum.. meinte ich eigentlich dich!« Mein Tonfall wurde wütender. Er schien das aber als Ansporn zu empfinden mich noch mehr zu ärgern. Er lehnte sich lässig in den Türrahmen und sah mich an. Jetzt reichte es. Ich ließ mich doch nicht von irgend so einem Bubi, der glaubte jemand ganz tolles zu sein weil sein Daddy fette Kohle hatte, ärgern.
»Beweg jetzt gefälligst deinen Arsch aus dem Zimmer oder ich tret dir hinein!« Zischte ich zwischen zusammen gebissenen Zähnen. Er zog eine Augenbraue hoch und musterte mich. »WAS?« Rief ich laut. Was sah er mich so blöde an? »Zuerst gibst du zu, dass du sehr wohl Ahnung hast wer ich bin!«
»What the fuck? Ich hab keinen blassen Schimmer was dein Problem ist! Nur weil dein Daddy irgend so ein reicher Protzer ist, muss ich ihn und dich doch nicht automatisch kennen?!«
»Mein.. Dad? Du denkst echt mein Dad ist an dem allen hier.. mehr oder weniger.. schuld?!« Jetzt wurde ich doch etwas stutzig. Was sollte das denn jetzt schon wieder bedeuten? »Natürlich!« Begann ich zu stottern. »So wie’s aussieht, hast du ja nichts Besseres zu tun als mir auf die Nerven zu gehen.« Ich stemmte sauer die Hände in die Hüften und sah ihn an. Er rollte die Augen und sah mich dann an mit einem Blick, der vermutlich sagen sollte ‘Du bist so was von asozial, Mädel‘
Aber was erwartete er denn von mir? Das ich über alles und jeden Bescheid wusste bei dem ich einen Job annahm und der etwas dickere Brieftaschen hatte?
»Alter. Du schnallst es einfach nicht, oder?« Rief er aufgebracht und gestikulierte wild mit den Armen durch die Luft. »Nein! Tu ich nicht. Absolut ganz und gar nicht. Also wärst du jetzt so freundlich mir endlich zu erklären was das Theater soll?«
»Ach. Zieh dich endlich an und beginn deine Arbeit zu machen. Du bist nicht hier um mir freche Antworten zu geben.« Jetzt wirkte er gar nicht mehr so sympathisch. Über seinen Augen war eine steile Falte erschienen, die ihn um Jahre älter zu machen schien. Er warf mir noch einen herablassenden Blick zu und stampfte dann aus dem Zimmer. Spast!
An diesem Abend beschloss ich der Sache mal auf den Grund zu gehen. Wenn er schon behauptete jeder Mensch auf der Welt würde ihn kennen, dann wusste sicher auch das Internet Bescheid über ihn.
Ich setzte mich an meinem Laptop und startete das Internet. Selbst mein Mittelaltercomputer war innerhalb kürzester Zeit verbunden und ich konnte Google aufrufen. Aber was hatte ich erwartet? Warum für alles Millionen raushauen, aber beim Internet sparen.
Anscheinend hatte ich Nicholas aber Unrecht getan. Schon als ich ‘Ni‘ eintippte, kam eine Reihe von Vorschlägen, die so ziemlich alle etwas mit seinem Namen zu tun hatten. Ich klickte einfach den ersten Vorschlag an. „Nick Jonas“ Nick. Konnte ja eine Abkürzung für Nicholas sein. Passte auch besser zu seinem ‚ach - so - tollen‘ Charakter.
Und ich staunte nicht schlecht als ich sah was mir die Bildersuche daraufhin ausspuckte. Er war also wirklich nicht unbedingt unbekannt. Und auf diesen Fotos, das musste ich mir wohl oder übel eingestehen, auch ziemlich.. gutaussehend.
Ernsthaft. Ich hätte mir das selbst nie zugetraut, aber als ich an diesem Abend an seine Zimmertür (Zimmer.. das war ein 5 Sterne Apartment) klopfte, hatte ich das Gefühl das Richtige zu tun. Bis.. naja.. bis er öffnete und seinen Blick über mich schweifen ließ. Als würde er sich bloß dazu herablassen mit mir zu reden, murrte er. »Was willst du denn? Hast du dich verlaufen?« Ich schnaubte aber selbst meine nun verschlechterte Laune würde mich nicht davon abbringen mich bei ihm zu entschuldigen. Eigentlich ja hirnrissig sich bei jemandem zu entschuldigen weil man ihn nicht (er)kannte. Aber es schien ihn ziemlich geknickt zu haben und ich wollte ja auch nicht, dass er in Depressionen verfiel.
Er trippelte unruhig von einem Bein auf das andere. Musste er mal?! Nur mit sehr viel Selbstbeherrschung schaffte ich es mir diesen Kommentar zu verkneifen und stattdessen zu sagen. »Ja.. also nein. Ich hab mich nicht verlaufen. Ich wollte bloß.. sorry sagen.«
»Sorry?«
»Ja. Weil eben.. weil ich nicht wusste wer du bist und dich deswegen so.. angemotzt hab.«
»Ah.« Seine Miene hellte sich um einiges auf aber er wippte weiter nervös von einem Bein auf das andere. »Sonst noch was?« War er Verwandlungskünstler? Ich verstand seine ständigen Stimmungsschwankungen echt nicht. »Ja.. Ich werd jetzt trotzdem nicht in Jubel ausbrechen.«
»Okay ist notiert. War’s das?«
»Ja…« Und ehe ich mich’s versah, hatte er mich ins Zimmer gezogen und die Tür zugeschmissen. »Ich.. muss dir was.. mehr oder weniger.. zeigen.« Das Zimmer war in eine Art Vorraum und einen Wohnbereich eingeteilt.
Er führte mich zu einer ‘kleinen‘ Nische in der Wand. Dort hingen mehrere Gitarren und Auszeichnungen. Ich sah mich neugierig um bis Nicholas (oder Nick. Wie auch immer er hieß.. oder heißen wollte.) mir bedeutete mich zu setzen und eine der Gitarre auf sein Knie nahm. Ich ließ mich auf die Fensterbank, die mit einem weichen hellen Stoff überzogen war, fallen. Keine Ahnung was er vorhatte. Er kramte unter dem Sitz nach einigen Blättern und bedeutete mir sie zu halten. Mehr oder weniger gezwungen, nahm ich die Blätter damit er darauf sehen konnte. Ich erkannte flüchtig hingeschriebene Worte und andere Dinger, die gut Noten sein konnten.
Er zupfte ein wenig an einer Saite seiner Gitarre herum, bevor er die erste Saite anschlug und zu spielen begann. Er linste immer wieder auf die Blätter aber ich hatte das Gefühl die meiste Zeit hatte er meinen Ausschnitt im Visier. Er begann zu singen und zugegeben live hörte es sich gar nicht so schlecht an wie auf YouTube. Wie viele Mädchen würden wohl in diesem Moment sterben? Wenn ‘der‘ Nick Jonas für sie singen würde.
Er sah mich an. Ich spürte es. Aber ich sah stur hinab auf die Blätter und strich mir ein paar Strähnen hinters Ohr. Nick (mir gefiel Nick irgendwie besser als Nicholas) sang weiter und sah wieder auf das Notenblatt. Bis er an einer Stelle abrupt abbrach und mich wieder ansah. »Weiter bin ich irgendwie noch nicht.« Er klang irgendwie verlegen. Das hatte ich ja noch nie gehört. »Aber wie findest du es?« Das kam zwar wieder ziemlich pampig rüber, aber ich konnte es mir einfach nicht verkneifen zu fragen. »Warum fragst du das mich?«
»Öh. Ähm. Naja. Mein Vater ist die nächsten 4 Tage nicht da u-und.. normalerweise spiele ich neue Songs immer ihm vor und er sagt mir wie er sie findet.« Erklärte er. Diesmal klang er kein bisschen zynisch. Die Musik schien ihn irgendwie zu verändern. Selbst die steile Falte (Denkerfalte wie ich sie ironisch genannt hatte) war verschwunden. Einige Locken baumelten vor seinem linken Auge und man sollte es nicht glauben, aber.. er lächelte. Ein richtiges Lächeln! Jetzt machte er mir doch Angst.
»Okay. Also. Äm.. Ich bin ja kein Musikexperte aber.. es hört sich besser an, als der andere.. Kram von dir.« Das Lächeln verrutschte bei ‘Kram‘ zwar etwas, aber er schien zufrieden mit meiner Antwort zu sein. »Ich weiß.. ich bin noch nicht besonders weit, aber..«
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»Vielleicht brauchst du so was wie neue Inspiration. Ich geb dir einen Tipp.. Geh mal raus hier in die Natur unter richtige Menschen. Dann kommt das schon alles mit der Zeit.« Und mit diesen Worten stand ich auf und verließ das Zimmer.












