"Man ist hiermit natürlich mitten in dem, was wir "Big Data" nennen und wobei ich auch deutlich sagen möchte, dass die Chancen dieser Technologie riesig sind. Vor ein paar Jahren hätte niemand geglaubt, dass UPS mit einer Treffsicherheit von 90 Prozent Monate im voraus sagen kann, wann welches Auto zusammenbricht. Und zwar nicht einer komplizierten Analyse des Motors, sondern nur aufgrund von Vibrationsanalysen. Das ist grossartig. Wie ist es aber umgekehrt mit den sozialen Effekten dieser digitalen Ökonomie? Zum Beispiel wissen wir, dass die grossen Einzelhändler – Walmart an der Spitze – in den USA im Grunde schon ein Parallelgeschäft haben. Das heisst: die ganze Ware ist eines, aber daneben gibt es die Parallelwelt der Daten, die eigentlich viel interessanter ist. Wenn etwa einer bei Amazon ein Buch eingekauft und es jetzt in der Hand hat, mag das für den Verleger interessant sein. Die Information aber, wer der Buchkäufer überhaupt ist, was er tut und lässt, hat einen Wert, der noch viel, viel grösser ist. Deshalb sammeln die grossen Einzelhändler Daten über Daten. {Und jetzt kommt das Erregende und wenig erstaunliche! } Wenig wissen wir von alledem; etwas ist kürzlich rausgekommen, weil einer, ein Vater, geplaudert hat. Dessen 16jährige Tochter hatte einen Brief von Walmart erhalten, in dem drinstand: "Bald ist es so weit. Wir beglückwünschen Sie zu Ihrem Baby. Noch zwei Monate und wir geben Ihnen Rabatt." Was ist da passiert? Walmart – in Amerika kennen die Geschäfte ihre Kunden besser als in Deutschland – hat festgestellt, dass eine Kundin, die ihr Einkaufsverhalten ändert und plötzlich anfängt, unparfümierte Bodymilk zu kaufen, höchstwahrscheinlich im zweiten oder dritten Monat schwanger ist. Als nächstes kommen Vitamin-, Zink- oder Eisentabletten und so weiter, bis schliesslich mit einer Treffsicherheit von 90 Prozent gesagt werden kann: Diese Kundin kriegt ein Kind. Der Vater, der dem Brief nicht glaubte und Walmart öffentlich demontieren wollte, kam sehr kleinlaut heraus und sagte: "Ich muss Ihnen gestehen, Walmart weiss mehr über meine Familie als ich. Meine Tochter ist schwanger." Von Frank Schirrmacher Aus diesem Artikel: http://www.eurozine.com/articles/2014-05-28-sloterdijk-de.html