wetten
2016, Bernhard Rott
Ok, es geht los, wir schreiben jetzt fünf Seiten so schnell es geht. Warum wir das machen? Weil wir eine Wette am laufen haben. Eine Wette, die besagt, dass wir in einer Woche zu zweit genau tausend Seiten schreiben könnten. Ich stimme dagegen. Ich sage, es ist unmöglich, jeden Tag 72 Seiten zu schreiben. Physisch einfach unmöglich. Man gibt auf. Man versagt. Die Finger schaffen diesen Stress einfach nicht. Wie soll das möglich sein? Aber mal sehen. Wir geben uns dem Stream of Consciousness hin und schreiben und schreiben den ganzen Blödsinn nieder und auf, der in unserem Kopf, in meinem Kopf, die ganze Zeit und den ganzen Tag, ständig durch den Kopf geht. Aber schau, ich schreibe schon gefühlt so lange, eine halbe Ewigkeit, und es ist noch nicht einmal eine viertel Seite. 72 Seiten in 12 Stunden. Das wäre ein machbarer Schnitt. Jeden Tag 12 Stunden schreiben. 6 Seiten pro Stunde. Werde ich jetzt eine Stunde brauchen für 5 Seiten? Wir müssen 5 Seiten schrieben, so schnell es geht, weil fünf eine Zahl ist, die sich leicht teilen lässt. Achja, es sind 75 Seiten, die wir schreiben wollen, nicht 72. Ich verliere jetzt schon die Lust daran, weiter zu schreiben. Warum sollte ich jetzt 5 Seiten schreiben.
Wir sitzen zu dritt, halb besoffen in einer Wohnung und geben uns diese Aufgabe. Ok. Davor waren wir im Theater und haben uns Cellar Door angesehen. Eine krasse Performance, keine Ahnung, ein Etwas, eine Installation, kein Schauspiel, haben kommuniziert, mit diesen Figuren, Halbfiguren, zwischen Klischees und Wahnsinn, Inzest, dummen Vorurteilen, Langeweile, der düsteren Atmosphäre, dem schummrigen Licht, der Schläfrigkeit. Ich schlafe sowieso beinahe ein gerade.
Ich denke an den Schluck Bier den ich mir gerade zuführen möchte und dass ich immernoch keine Seite voll geschrieben habe. Es sollten fünf sein. Es sollten fünf sein. Ich darf mich nicht wiederholen. Ich will mich wiederholen. Einen roten Faden sollte das ganze eigentlich haben. Rote Fäden finde ich scheiße. Die Farbe rot. Scheißdreck. Scheiß Rot! Scheiß auf rote Fäden und Zusammenhang.
Eines erreicht diese Aufgabe. Dass plötzlich drei Menschen zusammen um einen Tisch sitzen und für eine ganze Stunde lang die Klappe halten. Dass man zusammen in einem Raum sitzen kann und die Fresse hält, das ist eigentlich schon etwas besonderes. Das kann man sich eigentlich kaum vorstellen. Wir hören nicht einmal Musik. Man hört nur das Klappern der Tastatur, mein nerviges Getippe. Von den Worten. Dem Unsinn. Dem Schwachsinn. Der Aneinanderreihung von Worten, weil mir sonst nichts besseres einfällt. Ja der Gedankenstrom. Der Gedankenstrom, der sich wiederholt und sich verfängt in seinen eigenen. Dingen. Und Punkten. #Hashtag. Versuchen wir einmal nicht witzig oder schlau zu sein. Das versuchen wir nicht. Oder ich. Warum werde ich zu einem wir? Das ist die Sprache. Sprache ist nicht. Etwas. So oder so. Sowieso. Ein Rhythmus. Fünf Seiten, die entstehen nach und nach. Mensch bin ich froh hier das Ende der Seite endlich sehen zu können. Das heißt ein Fünftel wäre endlich geschafft. Heißt das aber auch, dass ich jetzt, sobald ich dieses Ende übersprungen habe, wieder von Neuem beginnen werden muss? Davor fürchte ich mich. Und stell dir vor das Ganze wiederholt sich 72 Mal an einem Tag? Wie soll sich das Ausgehen? Wieviele Seiten kann man wirklich vollschreiben? Um den Inhalt geht es wirklich nicht.
Man muss auch keine sinnvollen Sätze erzeugen oder Geschichten erzählen oder Gedanken produzieren, die irgendwie Sinn ergeben.









