November 2020
Game Boy war gestern
Ich habe ein Problem. Weil ich regelmäßig für ein großes Computerspiel-Magazin schreibe, mir vor Kurzem der Rechner abgeraucht ist, ich aber keine 2000 Euro habe, um die Hardware kurzfristig zu ersetzen, die Einnahmen aber auch nicht verlieren darf, brauche ich für beinahe umsonst eine Lösung – einen leistungsfähigen Spielecomputer.
Nun ist der Markt für kostenlose Supercomputer übersichtlich. Also die Nachfrage ist sicher groß, das Angebot nur nicht. Auch die Redaktion ist auf Nachfrage nicht bereit, mir einen zu schenken. Also beschäftige ich mich mit Cloud-Gaming. Es gibt drei nennenswerte Anbieter: den Grafikkarten-Hersteller Nvidia, Google und ein französisches Startup, von dem ich noch nie gehört habe, das aber Blade Shadow heißt, und das kann nicht so schlecht sein, wenn der Name ein Name ist, unter dem ich mich früher selbst in einem Forum angemeldet hätte.
Cloud Gaming geht so: Statt sich selbst einen Computer zu kaufen, den man warten muss, reparieren, die Hardware ersetzen, weil sie alt wird, mietet man sich auf einem ein, der dann beispielsweise in Amsterdam steht, und teilt ihn sich. Beim Cloud-Gaming wird das Bild auf diesem Computer generiert und als Video-Stream übertragen, auch komprimiert, wenn man keine gute Internetleitung hat. Ab 15 Mbit soll es gut gehen, ich habe knapp 60, da würde es sehr, sehr gut gehen – weshalb man theoretisch auf jeder Krücke alles zocken kann. Nur beim Raspberry Pi soll es Schwierigkeiten mit dem Streaming geben.
Ich gehe also eine Umzugskiste mit Computerschrott durch, weil man sowas ja immer gebrauchen kann, und finde einen Uralt-Laptop, der aber ein kaputtes Display hat, wo ja auch Streaming nix bringt. Dann fällt mein Blick auf mein Handy. Ein passabel aktuelles Smartphone mit acht Gigabyte Ram.
Zuerst registriere ich mich bei Nvidia, von denen hatte mein abgerauchter Computer eine Grafikkarte, das Ergebnis ist ernüchternd. Das Laden von Texturen, die Latenz. Außerdem kann ich nicht spielen, was ich will oder schon besitze, sondern nur das, was auch kompatibel ist, also irgendwie gar nichts. Vorrangig keine kleinen Indie-Titel, was aber die Mehrzahl der Spiele ist, die ich besitze.
Dafür kostet Nvidias Geforce-Now-Dienst gar nichts oder fünf Euro, als hätte jemand gesagt, lass es uns umsonst machen oder fünf Euro, das ist im Monat nicht viel, denn bei der Gratis-Variante muss man sich die Rechner mit vielen anderen Gratis-Usern teilen, was bedeutet, es ist exakt nie ein Computer frei. Bei der kostenpflichtigen Variante, die damit wirbt, bevorzugt zu werden in der Warteschleife, wartet man so 40 Minuten pro Session, was etwas besser ist, aber nicht das, was man erwartet, wenn man auf der Couch sitzt und bereits die Chips auf dem Bauch hat. Ich verlasse Geforce Now wütend und versuche Google.
Google indes: Super aufgeräumte Menüs, das Abo teuer, Werbung, viele Exklusivtitel, piu, piu! – und eine Auflösung bis 4K. Die Verheißungen spiegeln sich bunt in meinen Pupillen. Dann versuche ich, vernünftig zu werden.
Google Stadia kostet im Abo 9,99 Euro im Monat, was okay ist, dafür bekommt man ja Spiele umsonst. Doch die Ernüchterung folgt schnell: es sind Kackspiele. Eigentlich muss man alles ein weiteres Mal kaufen, auch wenn man es bei Steam & Co schon besitzt, und das kostet dann auch noch teils mehr als auf den anderen Plattformen. Sorry, Google. Totally raus.
Ich bin schon dabei, meine Hoffnungen zu begraben, als ich mich bei Shadow anmelde. Was heißt anmelden. Ich will ein Abo abschließen, es kostet 12,99 Euro im Monat, dafür bekommt man einen »eigenen« virtuellen Computer in Amsterdam (oder sonst einer anderen angenehmen Stadt), auf den man sich einwählt. Virtuelle Laufwerke und Computer, das war alles früher immer sehr, sehr kompliziert für mich.
Ich will die 12,99 gerade bezahlen und dann steht da: Ihr Computer ist fast bereit und wartet auf Freischaltung – im Juni 2021 (es ist November 2020)!
Ja, sagt der Kundensupport.
Ich sage, was heißt hier ja.
Ja, so viel Ansturm, sagt der Kundensupport, so thankful!
Ich denke: na scheiße. Wenn man etwas im Internet wirklich haben will, was es dann nicht gibt oder erst später, dann will man es noch mehr und gleich, und so schildere ich dem Support mein Leben, meine Probleme, alles zu Hause, die ganze Odyssee. Und dann bekomme ich einen kostenpflichtigen Zugang. Einfach so! So thankful!
Die Shadow-App ist sehr komfortabel und nichts mit Virtuelle-Maschine-Einrichten, das machen die selbst und ich stehe z.B. bei meinem Bruder und wir reden über dieses und jenes, und so geile Grafik, und was man nicht spielen könnte. Ich nehme dann, mit ernstem Blick, mein Smartphone aus der Tasche, stecke es in den Strom-USB-Hub-HDMI-Ausgangs-Boxgedöns und stecke es an einem beliebigen Fernseher oder Bildschirm. Dann startet die App und öffnet den Desktop.
Mein Smartphone überträgt, wenn das Internet schnell genug ist, den Stream und ich aktiviere noch zwei Mini-Bluetooth-Controller. Und alle, die es sehen, können sich nicht erklären, was da gerade geschieht; wie diese Grafik, die sagenhaft-scharfen Bilder aus einem Smartphone kommen können.
Und manchmal, auf dem Rückweg dann spiele ich das angefangene Spiel vom Bildschirm einfach auf dem Telefon weiter. Und dann mit dem Tablet auf der Couch. Oder neulich, da habe ich meinem Schwiegervater FIFA gezeigt, worauf der dachte, dass gerade die Bayern spielen und hektisch die Treppe runterlief zu seinem Fernseher.
Es läuft auf Android, iOS, allen Tablets, allen iPhones; einfach überall.
Nie mehr im Stuhl am Schreibtisch sitzen.
Stopp drücken und auf dem Sofa weiterspielen, auf jedem beliebigen Device.
Das klingt wie ein geschliffener Werbetext, aber es ist: die Zukunft!
(Alexander Krützfeldt)










