Tomb Raiding a Jedi
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Tomb Raiding a Jedi
[Warnung: arg milieu-intern]
Viel Häme gab es bereits für diesen Text und wie üblich ist sie teils übertrieben (und sagt einiges über die ‘Kritiker’), aber hier hat es Wertmüller auch nicht anders verdient. Abgesehen von Unsachlichkeiten ist der Duktus diesmal wirklich miserabel - aber das Verwerflichste liegt an anderer Stelle. An der Bahamas schätze ich, dass sie Verschüttetes offenbart, dass sie einen selbst aus unbewusst eingeschlagenen Denkpfaden herausreißt. Diesen Job leistet sie noch immer ganz gut (stark abhängig vom/n Autor/in mittlerweile) - so durchaus auch in diesem Text. Das Problem ist aber ein Methodisches der Ideologiekritik an sich. Auch als rein negativ muss sie im einzelnen Bewusstsein immer einen Ausgangspunkt nehmen, der letztlich positiv ist, und gegen den man selbst blind bleibt, wenn man ihn sich nicht bewusst macht. Der Linke etwa leistet Ideologiekritik soweit, wie es dem eigenen Ausgangspunkt nicht entgegensteht und bleibt ewig blind oder aber er gesteht es sich offen ein, ‘als Linker’ zu agieren und lebt forthin mit den Widersprüchen und legitimiert das als ‘Politik’. Die Unzulänglichkeiten sind offensichtlich und so ist der Anspruch der quasi 'freien’ Ideologiekritik, sich von solchem Standpunkt zu lösen, zu begrüßen. Allerdings nimmt man diesen eben spätestens dann ein Stück weit ein, wenn man den Gegenstand der Kritik wählt - und tut man dies nicht mit einem gewissen allgemeinen Interesse, dann waltet das eigene, natürlich auch in die Totalität eingeschlossene Hirn (Warenform-Denkform) und der Ausgangspunkt wird auch aus unbewussten Motiven eingenommen. Wertmüller hat nun scheinbar ein großes Bedürfnis, gegen Die Partei zu schreiben - und zunächst ist dagegen ja nichts einzuwenden, dass man sich so damit auseinandersetzt und eine Kritik formuliert: In der Wahl der Gegenstände ist das eigene Interesse ja auch nie ganz zu tilgen - und sollte es auch gar nicht, ist es doch der zuverlässigste Motor der intellektuellen Arbeit. Reguliert wird dies aber dadurch, wenn man nicht einfach so ins Blaue hinein Ideologiekritik betreibt, sondern eben ein Interesse hat, das an diese gekoppelt ist (und das ist ja eigentlich der Anspruch der Bahamas im Sinne der kritischen Theorie): die befreite Gesellschaft, Kommunismus also. Interesse meint nicht Ziel einer ‘Praxis’, sondern Perspektive der Theorie - die dadurch zur Kritik wird. Mit dieser Perspektive wäre nun auch klar, dass es sich im Fall hier um ein Randphänomen handelt, eine unbedeutende Zeitschrift und eine 1%-Partei. Möchte man hier also abseits des Erkenntnisgewinns zwingend eine Folge fürs Handeln ableiten, wäre dies allemal negativ: Man liest die Titanic eben nicht und hält sich von der Partei fern bzw. wählt sie nicht. Und man kann sich getrost wieder relevanteren bzw. schöneren Dingen widmen. - Dabei will es Wertmüller aber nicht belassen, was andeutet, dass er sich in der Kritik nicht mehr vom Gegenstand leiten lässt, der natürlich auch seine Relevanz vorgibt, sondern von seinem Bedürfnis, seinem Interesse: u.a. sich auch ja von allem abzugrenzen, womit er in Berührung kommen könnte (vgl. auch den Leipzig-Text). Und Abgrenzung will Resultate sehen. Abseits des diesmal noch ärger polternden Schreibstils, der bei allen Treffern, die er inhaltlich landet, den Text teils ins Peinliche zieht, und abseits des schwachen Abschnitts über Prostitution fordert er nämlich - und das ist der eigentliche Affront - am Schluss die Leser auf, “alles in ihrer Macht stehende zu unternehmen, den Herren Tim Wolff, Martin Sonneborn, Leo Fischer und ihren zahlreichen kichernden Claqueuren das lustige Leben und Wirken gründlich zu versauern". - Hier steht also ernsthaft am Ende eine Aufforderung zum politischen Engagement, verbunden mit dem schrecklichen Pathos vom 'Einsatz der ganzen Person', das doch sonst zurecht auch in der Bahamas kritisiert wird. Wem außer dem Autor und seinem Bedürfnis ist denn bitte geholfen, wenn man ein paar Randfiguren das Leben schwer macht? (Man könnte weiter fragen, was damit eigentlich genau gemeint ist..) Wenn ich Agitation will, um mir mein Subjekt-Dasein mit milieu-interner Pseudopraxis oder mein Bewusstsein mit Moral (hier eben: 'Du stehst doch wohl auf der Seite des Westens oder?!') zu füllen, kann ich auch zu linker Postille oder rechter 'Islamkritik' greifen.
Also nein, ich werde mit Sicherheit nichts unternehmen. Ich wünsche Fischer & Co trotz Humordifferenzen einzig und selbstverständlich, dass sie nicht Ziel von Islamisten werden - und, muss man angesichts der Wortwahl wohl ergänzen, auch von eventuellen Folgen solcher light-Fatwas verschont bleiben. Ansonsten kann man sie getrost links liegen lassen und sich Texten widmen, die nicht wütend zum Handeln auffordern, sondern ruhig die Widersprüche offen legen - hoffentlich auch weiter in der Bahamas. Setzt man sich aber am Ende wie hier nur noch zum Ziel, belanglosen Satirikern das Leben zu “versauern”, hat man mit dem richtigerweise abgelegten Standpunkt auch die Perspektive verloren, die die ‘freischwebende’ Ideologiekritik an solch Irrflügen hindern könnte.
“Der Gegensatz beginnt damit, daß der Justus Wertmüller die Kritik, die ja ein Instrument der gesellschaftlichen Vivisektion, und die Polemik, die in Wahrheit ein Florett ist, gerne mit einer Dampframme verwechselt. So ist seine Dampframme konstruiert, daß sie unbedingt und jedenfalls auf Entscheidung geht. Im Prinzip ist das richtig, weil ja die Kritik ihrem Adressaten einen Spielraum öffnen soll, einen Raum der Entscheidung und der Freiheit, indem sie, gerade durch ‘Denunziation’ (Marx), einen Ort konstituiert, an dem subjektive Verantwortung und also die Freiheit von Ideologie überhaupt möglich wird. Falsch ist dagegen, wenn die Alternative, innerhalb derer sich entschieden werden soll, aus dem blauen Himmel erfunden wird. Dann setzt sich der Mann an der Ramme dem bestimmten Verdacht aus, es ginge ihm nicht um die Entscheidung zwischen dem Wahren und dem Falschen, sondern darum, die Position des Dezisionisten als solche zu okkupieren, d.h. die Position der Justitia, die die Waage hält und damit selbst im Jenseits von wahr und falsch operiert. Stimmte dieser Verdacht, so wäre das ganz falsch. Denn das wäre die Position des bürgerlichen Intellektuellen, des Theoretikers, der im Geiste tut, was der Wert praktisch tut." - Joachim Bruhn (bereits 2003)
„Die kritische Theorie ist weder ‚verwurzelt‘ wie die totalitäre Propaganda noch ‚freischwebend‘ wie die liberalistische Intelligenz. [...] Die Festigkeit der Theorie rührt daher, daß bei allem Wandel der Gesellschaft doch ihre ökonomisch grundlegende Struktur, das Klassenverhältnis in seiner einfachsten Gestalt, und damit auch die Idee seiner Aufhebung identisch bleibt.“ - Max Horkheimer
Erik Bruhn in 'Morning, Noon and Night' 1967