Samstag, 11. Oktober 2025
Nur Bares ist Wahres, es muss dann aber auch passend sein, oder: Drei Euro für ein paar Stunden Freiheit
Der Tag, der später ein ganz besonderer für mich werden sollte, beginnt mit etwas Profanem: einem Schließfach am Bahnhof. Diesmal bin ich so halb auf der Durchreise, ich muss noch zu einigen anderen Terminen, deshalb habe ich einiges Gepäck dabei. Ich stehe also vor diesem Schließfach am Tübinger Bahnhof und möchte das Gepäck gerne dort für ein paar Stunden einschließen, bevor ich mich in die Innenstadt aufmache, zu den wieder stattfindenden Tübinger Jazz- und Klassiktagen.
Das Wetter ist wieder spätherbstlich wunderbar, ich freue mich sehr auf den Tag, der vor mir liegt: Ich liebe die Musik und die Stadt Tübingen, sie ist ja mittlerweile ein bisschen Wahlheimat für mich geworden. Wahlheimat, weil, naja, der quasi Zweitwohnsitz in der Bahnlounge am Stuttgarter Hauptbahnhof, das hat nicht mehr gut geklappt, nachdem die Bahn gemeinsam mit bestimmten Stimmen der Politik und gegen eine Vielzahl von demokratisch organisierten Protesten beschlossen hat, den Stuttgarter Hauptbahnhof mindestens für einige Jahrzehnte zu einem der unfreundlichsten und lebensfeindlichsten Orte Deutschlands zu machen.
Deshalb also der Umzug vor einigen Jahren nach Tübingen, und eine bessere Entscheidung hätte ich wohl nicht treffen können.
Dem wundervollen Wetter und der Musik heute folgt eine technische Begleiterscheinung: Ich will ja nicht meine Tasche den ganzen Tag mit mir herumschleppen müssen. Deshalb also die Schließfächer.
Die Sonne scheint voll auf die elektronische Anzeige der Schließfächer, mit Mühe und etwas Schatten durch meine Hand kann ich entziffern, dass wohl ein Schließfach für 24 h drei Euro kosten soll.
Allerdings natürlich nur mit Münzen. Ich finde noch ein Zwei-Euro-Stück und ein paar Centstücke in meinen Taschen, das reicht nicht. Der kleine Buchladen verkauft mir eine Zeitschrift, ich bekomme ein Zwei-Euro-Stück als Wechselgeld. Es funktioniert nicht: Wenn ich das zweite Zwei-Euro-Stück einwerfe, kommen beide Münzen wieder heraus; ich stelle - leider erst jetzt - fest, dass der Automat die drei Euro passend haben will.
Eine Mitreisende kann wechseln und gibt mir eine Ein-Euro-Münze für mein Zwei-Euro-Stück, damit habe ich drei Euro passend, ich stelle meine Tasche ein, zahle und bekomme den Schlüssel des Schließfaches.
In der Stadt dann: Die schönsten Seiten des Lebens. Jazz in der Luft, Menschen um mich, die reden und lachen.
Warum mache ich das eigentlich so selten, mit wunderbaren Menschen zusammen in dieser traumhaften Stadt auf der Straße vor einem Café sitzen, neben uns eine tolle Liveband, und darüber sprechen, was das Leben so bereithält und wie wir unser Scherflein dazu beitragen können, dass vielleicht wenigstens in unserem Umfeld vielleicht möglichst nicht alles immer schlimmer wird?
Es ist noch kein technisches Gerät gefunden, um diesen Moment einzufangen; uns umgibt Musik, Stimmen, fröhliche Menschen, Duft nach Kaffee, ok, wahrscheinlich ist das jetzt kitschig und banal, trotzdem, mich packt der Gedanke: Bin ich irgendwo in meinem Leben falsch abgebogen, dass solche Momente so selten in meinem Leben sind? Dass ich so oft viel zu viel Zeit an meinem Schreibtisch oder im Zug verbringe? Jedoch: Diese vielen Tage im Büro, im Labor oder im Homeoffice gehören wahrscheinlich einfach dazu, um dann den nächsten Workshop, die nächste Veranstaltung,
den nächsten Cafébesuch oder das nächste Konzert überhaupt wieder als etwas Besonderes wahrnehmen und würdigen zu können.
Ja, die Schreibtischarbeit am Laptop macht mir auch viel Freude, aber meine Workshops, Livemusik, oder auch Kanufahren, solche Liveerlebnisse mit und ohne Menschen - das ist eine andere Qualität. Ich weiß nicht, ob ich das auch so empfinden würde, wenn es nur diese gäbe.
Vermutlich führe ich ein sehr, sehr privilegiertes Leben, dass ich das alles haben kann. Den Schreibtisch mit Laptop (auch wenn das manchmal vielleicht etwas zu viel ist), das Kanu, die wunderbaren Menschen, das Labor, die schöne Stadt und die Musik und so viel anderes.
Das Auslösen der Tasche aus dem Schließfach ein paar Stunden später klappt problemlos, ich fahre weiter mit dem Zug nach Stuttgart in die Oper.
Auch hier wieder: Was für ein Leben und Erleben, welche Intensität!
Am nächsten Tag geht’s dann mit dem ICE weiter, und daraus kann ich endlich noch ein weiteres Technikerlebnis berichten: Ich setze mich, da ich nicht reserviert habe, auf einen Platz, dessen digitale Reservierungsanzeige “- - - - -” anzeigt.
Meist nutze ich im ICE den Komfort Check-in, das klappt heute aus irgendeinem Grund nicht. Vielleicht, weil ich nicht reserviert habe, möglicherweise auch, weil meine Bahncard irgendwie nicht richtig mit meinem Ticket verknüpft ist, egal.
Nach recht kurzer Fahrtzeit kommt ein Fahrkartenkontrolleur, ich zeige mein Handy mit dem Ticket drauf vor, dann noch weiter tippen zur Bahncard, ebenfalls vorzeigen, er scannt beides ein, alles ok. Und als ich kurz danach auf den digitalen Reservierungsanzeiger an meinem Platz gucke, steht dort nicht mehr “- - - - -”, sondern “Belegt bis Hamburg”.
Offenbar kann das digitale Fahrkartenkontrollgerät irgendwie mit meinem Sitz, oder mit dem Zug und der wiederum mit meinem Sitz, reden und sich über die Reservierungsdaten austauschen. Die Sache mit den Reservierungsdisketten, die ich in einem meiner ersten Techniktagebuchbeiträge 2015 beschrieben habe, scheint ziemlich genau 10 Jahre später überholt zu sein.