Christopher Lauer, Berliner Abgeordneter der Piraten, hat in einem Tagesspiegel-Gastkommentar vom 30.5.12 Dinge klargestellt. Grund genug, aus der Perspektive des Schriftstellers darauf einzugehen und dieselben Dinge klarerzustellen.
1. Lauer schreibt: "Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen. Nochmal: Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen. Und: Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen."
Ein seltsamer Satz. Er ist als Antwort auf den wiederholten Vorwurf gemeint, die Piraten wollten das Urheberrecht abschaffen. Also müsste der Satz syntaktisch sinnvollerweise so lauten: "Die Piraten wollen das Urheberrecht nicht abschaffen." Ich als Hobby-Pathetiker hätte das "nicht" sogar kursiviert: "Die Piraten wollen das Urheberrecht nicht abschaffen." Das wäre doch mal eine Antwort gewesen!
Der Tagesspiegel sieht das übrigens ähnlich, denn der Titel des Beitrags ist ein (eben modifiziertes) Zitat daraus: "'Wir Piraten wollen das Urheberrecht nicht abschaffen!'" In der Lauer-Syntax aber legt sich die Betonung unweigerlich auf dem Objekt nieder, also "das Urheberrecht". "Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen."
Christopher Lauer ist trotz eklatanter Komma- und milder Rechtschreibschwäche ein gebildeter Mann – Theater in der Schule, Physik-Studium begonnen, dann Studium der Kultur und Technik mit Schwerpunkt Wissenschafts- und Technikgeschichte, Mitglied im Innen- sowie im Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. Er wird sich bei dem seltsamen Satz "Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen" also etwas gedacht haben. Wenn man nun genau hinhört, kann man an den Lauer-Gedanken (oder seinen Freud'schen Ungedanken?), die zwischen den Zeilen so mitschwingen, teilhaben. Man vernimmt dann ein schlimmes Wort: ein granitschweres SONDERN.
"Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen, sondern …"
Brötchen aus Industrieweißmehl?
Fragen zur Afghanistanpolitik und ähnlich komplexen Dingen an gewählte Abgeordnete ohne Krawatte?
(Piratenschreck der Ostsee, gesehen in Altefähr auf Rügen)
Oberflächliche Leser werden Christopher Lauers ungeschriebene (Un-)Gedanken beim ersten Satz des folgenden Abschnitts aufatmend wieder vergessen: "Wir wollen das Urheberrecht den technischen Realitäten des 21. Jahrhunderts anpassen." Sie werden die beiden Sätze zusammen denken: "Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen, sondern den technischen Realitäten des 21. Jahrhunderts anpassen."
Aufmerksamere Leser werden nicht in diese Falle gehen. Die Stolpersyntax des ersten Satzes ist ihnen zu gewichtig. Denn auch beim Zusammendenken widerspricht sie der wohlmeinenden Interpretation Ach so, nicht abschaffen, sondern nur anpassen, uff, zum Glück! Nein, nein, das steht da nicht. Da steht und schwingt noch immer mit: "Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen, sondern …"
Zugegeben, ich habe keine Ahnung, was stattdessen abgeschafft werden soll, ich bin weder Lauerianer noch Freudianer. Also rate ich. Ich wette, der Satz geht in den Untiefen von Lauers Kopf so zu Ende: "Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen, sondern seine Gültigkeit im Internet mit ihren unsäglichen Konsequenzen." Das klingt auch komisch? Weil: Gültigkeit kann man nicht abschaffen? Leute, wir sind bei Lauer, da kommt es auf den Ausdruck nicht so an. Ich finde diesen Satz sehr Lauer'sch, stilistisch wie inhaltlich. (Obwohl, richtig Lauer'sch wäre er wohl erst ohne Komma vor "sondern".)
Viele dieser Konsequenzen sind übrigens auch aus meiner Sicht wirklich unsäglich: die horrenden Abmahnungen, Three Strikes, die pauschale Kriminalisierung, Kunstschaffende ("Gierhälse!") als Feindbild hier, Kunstrezipienten ("Diebe!") als Feindbild dort, die Verhinderung neuer Kunst (die auf geschützte Werke zurückgreifen möchte), zu hohe E-Book-Preise und so weiter.
Nur: Der prognostizierte E-Book-Boom (z.B. faz.net vom 7.6.12) in Verbindung mit
der Forderung, Privatkopien sollten erlaubt und auch zahlenmäßig nicht beschränkt sein (ob nun über Tauschbörsen oder von dir zu mir),
einer künftigen digitalen Bücherei, die wie die herkömmlichen stationären Büchereien grundsätzlich alle Werke vorrätig hält und gegen eine geringe Mitgliedsgebühr verleiht,
würde dafür sorgen, dass der Verkauf von E-Books und gedruckten Büchern einbräche. Zumindest die Gefahr kann doch kein vernünftiger Mensch leugnen. Das Urheberrecht in toto wäre zwar nicht abgeschafft, aber die Existenz vieler Schriftsteller gefährdet – was in etwa auf dasselbe hinausliefe. Nur Bestsellerautoren, clevere Eigenvermarkter und die richtig Harten unter uns (tagsüber arbeiten, nachts schreiben, wie am Anfang halt) blieben übrig. Und natürlich die, die literarische Magerkost für 0,99 Cent anbieten, ohne dass ihr Text von einem Lektor jemals auch nur angeniest worden wäre.
(Piratenschreckschiff der Ostsee, gesehen in Altefähr auf Rügen)
2. Lauer schreibt: "Urheber bekommen die Verwertungsrechte an ihren Werken automatisch nach 25 Jahren zurück, was sie gegenüber Inhalteanbietern stärkt."
Herr Lauer, ich bin entsetzt! Wieso nach 25 Jahren - und nicht mehr nach 10? Sind Sie ein U-Boot, ein Trojanisches Pferd, ein Agent der Content Mafia, der heimlich im Schlabberlook der Piraten segelt? Bekommen Sie von den Verlagen üppig gefüllte Briefumschläge zugesteckt? Denn Sie stärken mit diesem Vorschlag die Verlage, nicht die Schriftsteller!
Neulich las ich bei einem Kollegen, er verkaufe die Rechte an seinen Büchern lediglich für 4 Jahre, was mir wenig erscheint. In meinen Verträgen steht "10 Jahre ab Erscheinungsdatum". Das finde ich fair für beide, Verlag wie Autor. 25 aber will ich nicht! Schicken Sie mich nicht zurück in die Rechtelosigkeit, Herr Lauer, aus der meine Vorgänger (und deren Agenten) sich nach jahrelangem, bravourösem Kampf befreit haben!
3. Lauer schreibt: "Oft gebe ich die Namen von Urhebern, die Aufrufe unterzeichnen oder Debattenbeiträge verfassen, bei iBooks oder Amazon ein. Seltenst finde ich dort ihre Werke zum Kauf. Bei The Pirate Bay findet man sie allerdings auch kaum."
Hm! Eigenartig. Das kann ich mir nicht erklären. Vertipperles vielleicht? Machen wir einen Test. Auf der Website der Kampagne "Wir sind die Urheber" stehen zahlreiche Namen von Unterzeichnern. Nehmen wir die ersten 20:
Daniel Kehlmann, Felicitas Hoppe, Roger Willemsen, Michael Lentz, Charlotte Roche, Arnold Stadler, Marion Brasch, Florian Illies, Moritz Rinke, Henning Ahrens, Mirko Bonné, Sven Regener, Mario Adorf, Andreas Steinhöfel, Thomas Glavinic, Ines Geipel, Matthias Politycki, Ralf Bönt, Christoph Peters, Martin Pollack.
So. Und wen finden Sie da nicht bei Amazon und/oder iBooks?
Vor einigen Tagen erschien auf faz.net ein "Debattenbeitrag" von Juli Zeh und Ilja Trojanow. Die beiden finden Sie da auch nicht? Also, ich bin verwirrt & neugierig. Was für Namen, zum Geier, geben Sie ein?
4. Lauer schreibt: "… hier noch eine Antwort auf die Frage, wovon denn ein Künstler leben soll. Von seinen Erzeugnissen natürlich. Für die bekommt er Geld. Er sollte sich also mit seinem Inhalteanbieter damit auseinander setzen, auf welchen Plattformen seine Werke legal zum Kauf angeboten werden."
Sie meinen vermutlich: "seine Werke als E-Books". Also, meine Werke werden bei Amazon und bei iBooks, bei buch.de und libreka.de und anderen legal als E-Books angeboten. Und was bringt's? Soll ich mir mal die Mühe machen und ausrechnen, wie viel Prozent vom Verkauf meiner ersten 5 Romane bis zum 31.12.2011 auf die E-Book-Ausgaben fallen?
Ok. Weit unter 1 Prozent. Ehrlich gesagt: weit unter 0,5 Prozent. So um die 0,25 Prozent nämlich.
Gut, ganz fair ist diese Rechnung nicht. Dem E-Book-Boom stehen in Deutschland noch ein paar doofe Hindernisse im Weg. Aber vielleicht verstehen Sie jetzt, dass ich mir Sorgen mache, wenn dem gedruckten Buch der Garaus gemacht werden soll und Politiker wie Sie vorschlagen, ich solle künftig - zumal in einer Welt der Tauschbörsen und digitalen Bibliotheken - von den E-Book-Verkäufen leben.