Künstlich aufgepeitschte Leidenschaft füllt das Herz, dass es beinah’ platzt
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Künstlich aufgepeitschte Leidenschaft füllt das Herz, dass es beinah’ platzt
Georg Groddeck: Auszug aus einem Brief an Freud (27. 5. 1917)
In: Der Mensch und sein Es, (c) 1970 by Limes Verlag in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, zitiert nach: Briefwechsel G. Groddeck - S. Freud, München: Kindler 1974, S. 9f.
Zu meinen - oder soll ich sagen - Ihren Anschauungen bin ich nicht durch das Studium von Neurosen gekommen, sondern durch die Beobachtungen von Leiden, die man körperlich zu nennen pflegt. Meinen ärztlichen Ruf verdanke ich ursprünglich meiner Tätigkeit als physikalischer Therapeut, speziell als Masseur. Infolgedessen ist meine Klientel wohl anders geartet als die der Psychoanalytiker.
Längst ehe ich jene oben erwähnte Kranke im Jahre 1909 kennenlernte, hatte sich bei mir die Überzeugung festgesetzt, daß die Unterscheidung von Seele und Körper nur eine Wort- nicht eine Wesensunterscheidung ist, daß Körper und Seele ein Gemeinsames sind, daß darin ein ES steckt, eine Kraft, von der wir gelebt werden, während wir zu leben glauben. Selbstverständlich kann ich diese Idee nicht als mein Eigentum beanspruchen, aber sie war und ist der Ausgangspunkt meiner Tätigkeit.
Mit anderen Worten, ich habe von vornherein die Scheidung körperlicher und seelischer Leiden abgelehnt, habe den einzelnen Menschen an sich, das ES in ihm zu behandeln versucht, einen Weg zu finden gesucht, der in das Unbetretene, Unbetretbare führt. Ich bin mir bewußt, daß ich mindestens hart an der Grenze des Mystischen, vielleicht schon mitten darin mich bewege. Trotzdem zwingen mich die einfachen Tatsachen, diesen Weg weiter zu gehen.
Die Psychoanalyse arbeitet, wenn ich es recht verstehe, vorläufig mit dem Begriff der Neurose. Ich vermute allerdings, daß auch für Sie hinter diesem Wort das ganze Menschenleben liegt.
Jedenfalls ist es so für mich. Das ES, das in geheimnisvollem Zusammenhang mit der Sexualität, dem Eros oder wie man es sonst nennen will, steht, formt ebenso die Nase wie die Hand des Menschen, wie es seine Gedanken und Gefühle formt, es äußert sich ebenso als Lungenentzündung oder Krebs wie als Zwangsneurose oder Hysterie, und ebenso wie die als Hysterie oder Neurose hervortretende Tätigkeit des ES Gegenstand der psychoanalytischen Behandlung ist, ist es auch der Herzfehler oder der Krebs.
An sich existieren Wesensunterschiede nicht, die uns zwingen könnten, hier den Versuch der Psychoanalyse zu machen und dort nicht. Vielmehr ist es nur eine praktische Frage, eine Frage des persönlichen Ermessens, wo man aufhören will, psychoanalytisch zu behandeln. Ich brauche den Ausdruck behandeln, weil ich nicht glaube, daß die Tätigkeit des Arztes sich weiter erstreckt als auf die Behandlung, das Heilen besorgt nicht er, sondern eben das ES.
Georg Groddeck: Widerstand
In: Der Mensch und sein Es, (c) 1970 by Limes Verlag in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, zitiert nach: Verdrängen und Heilen, München: Kindler 1974, 2140, S. 20ff.
Freud hat im Laufe seiner Forschungen für die Behandlung und das Verständnis der Neurosen, Psychosen und der Grenzfälle zwischen beiden Erkrankungsformen das Wort Widerstand eingeführt. Sobald man das Gebiet psychoanalytischer Tätigkeit auf die gesamte Medizin ausdehnt, stellt sich erst heraus, welche Bedeutung dieses eine Wort beanspruchen darf. Mit dem Wort »Widerstand« läßt sich nämlich vieles an dem seltsamen Phänomen der Willkür, mit der das Es des Kranken die Behandlung des Arztes zum Guten oder zum Bösen lenkt, ein wenig verständlich machen, wenn auch nicht erklären: vor allem ist es als Richtschnur für den Gang der Behandlung brauchbar.
Die Krankheit ist eine Ausdrucksform des Es: Wenn Gebärden, Worte, Gedanken, Handlungen, Schlafen, Verdauen, Absondern und so weiter nicht ausreichen, um bestimmte Vorgänge innerhalb des Einzel-Es deutlich genug zur Erscheinung zu bringen, greift das Es hinaus in die Umwelt und sucht sich dort irgend etwas aus, womit es sich krank macht, um mit Hilfe der Krankheitserscheinungen auszudrücken, was es auf dem gewöhnlichen Wege nicht ausdrücken kann.
Wenn wir nun auch die Gesetze, nach denen das Es handelt, nicht kennen und begreifen können, ja wenn wir auch nicht einmal wissen, ob solche Gesetze existieren, so wissen wir doch aus der Erfahrung jedes Lebensaugenblicks, daß das Es Gewohnheiten hat, in denen es zu leben und zu handeln liebt. Es ist daher anzunehmen, daß das Es nur ungern zu dem außergewöhnlichen Mittel der Erkrankung greift und so bald als möglich zu seinen gewohnten Ausdrucksformen des gesunden Lebens zurückzukehren sucht.
Mit anderen Worten: in dem kranken Es ist stets bis zum Eintritt des Todes ein Wille zur Gesundheit vorhanden, dem der Wille zur Krankheit feindlich gegenübersteht, Widerstand leistet. Da das Es mittels der Krankheit Dinge ausdrücken will, die es auf gesundem Wege nicht ausdrücken kann, andererseits aber im Es der Trieb ist, auf gesunde Ausdrucksmöglichkeiten zurückzugreifen, wird die Genesung eintreten, sobald das Es sich davon überzeugt hat, daß es den Ausnahmezustand nicht mehr braucht.
Im Allgemeinen erwirbt sich das Es diese Überzeugung von selbst. Tut es das nicht, so ist der Augenblick da, wo die Behandlung einzugreifen hat, mit Recht eingreift.
Ihre Aufgabe ist - und das ist, so vielgestaltig sie auch sein mag, die einzige Aufgabe der Behandlung - dem kranken Es aus der Umwelt Dinge vorzulegen, die dem nachempfindenden Es des Behandlers, des Arztes, zweckmäßig erscheinen. In erster Linie wird es dabei darauf ankommen, dem kranken und eigenwilligen Es zu beweisen, daß es mit seinen gesunden Ausdrucksformen wieder auskommen kann.
Nimmt das Es des Kranken diesen Beweis, der mit Messer, Arznei, Klima, Bad, sogenannter Naturheilkunde, mit Suggestion oder Psychoanalyse, mit scheinbarer oder echter Wahrheit und mit scheinbarer oder echter Lüge, kurz mit allen psychophysischen Mitteln des Lebens zweckmäßig und erfolgreich geführt werden kann, nimmt es diesen Beweis nicht an, so weiß der Behandler, der Arzt, daß der Wille zur Krankheit, - ein Wille, der häufig genug nichts anderes als schlechte Gewohnheit ist - Widerstand leistet. Seine Aufgabe ist dann, diesen Widerstand zu erforschen und auf irgendeine Weise, mit Gewalt oder mit List, zu überwinden.
Warum das Es so häufig - denn die Selbstheilungen ohne Behandlung sind die Regel, die Notwendigkeit fremder Hilfe die Ausnahme - warum es so häufig nach einer Weile die Sprache des Krankseins, die zum mindesten den einen Vorteil hat, die Mitmenschen aufhorchen zu lassen, aufgibt, mag in andren Zusammenhängen erörtert werden. Für die Tatsache jedoch, daß ein bestimmtes Es hartnäckig an seiner Entdeckung, daß vieles sich leichter durch Krankheit als durch Gesundheit deutlich machen läßt, festhält und entweder anfällig, kränklich ist oder langwierige Krankheiten wählt, erklärt sich wenigstens zum Teil daraus, daß schon das kleine Kind, dem verhältnismäßig wenig Ausdrucksmittel zur Verfügung stehen, erfährt, was für ein gewaltiges Machtmittel die Krankheit ist.
Je frühzeitiger das Kindes-Es diese Entdeckung macht, je eher es ausfindet, welche Krankheitsarten die Umwelt, das ist im wesentlichen die Mutter, am meisten zur sorgfältigen Liebe zwingen, umso tiefer wurzelt sich die Gewöhnung an das Sprechen mit Hilfe des Krankseins und vor allem des chronisch Krankseins. Das muß, obwohl damit die Gefahr entsteht, als ob von dem Verfasser ein großer Wert auf das gesundheitsfördernde Verhalten der Mutter dem Kinde gegenüber gelegt würde, was dem Verfasser aufgrund seiner skeptischen Einstellung aller erzieherischen Tätigkeit gegenüber, soweit sie überlegt, dem Verstande einleuchtend ist, fern liegt, das muß trotz dieser Gefahr schon hier betont werden, weil sich das kranke Es mit Vorlieb - man könnte sagen aus Faulheit - dieser Kindheitserfahrungen als Mittel zum Widerstand bedient und diesen Widerstand durch ein anderes Werkzeug aus der Kinderzeit, dem Freud den Namen »Übertragung« gegeben hat, verstärkt.
Da das Es, um krank zu werden, in die Außenwelt hineinzugreifen pflegt, um sich dort irgendeine Schädigung, eine »pathogene« Mikrobe, eine Erkältung, einen Unglücksfall als »Krankheitsursache« auszuwählen, ist es verständlich, daß es auch die Mittel zum Widerstand zunächst der Umwelt entnimmt, um sie in tausend Abwandlungen und unter immer neuen Masken mit erstaunlicher Schlauheit zu verwenden.
Aus der Masse der Widerstände hebt sich einer als der gebrauchlichste und zur Vereitelung der Behandlung nützlichste hervor, das ist der Widerstand gegen den Arzt. Es ist eine verbreitete, aber deshalb noch längst nicht richtige Annahme, daß der Kranke Vertrauen zu dem Arzt habe, den er sich gewählt hat.
Zunächst wählt er ihn sehr häufig gar nicht selber, sondern geht nur zu ihm, weil irgendwelche Leute, die es gut meinen und infolgedessen falsch raten, in aufdringlicher Form zureden; dabei kann von Vertrauen keine Rede sein. Aber auch die, die nicht zur Behandlung gepreßt werden, kommen höchstens mit halbem Vertrauen zum Arzte: denn nur der Wille zur Genesung sieht in dem Arzte den helfenden Freund, der Wille zum Kranksein, dessen Existenz gerade durch das Kranksein bestätigt ist, betrachtet den Arzt als den gefährlichsten Feind und lauert im stärksten Mißtrauen darauf, Gründe für diese Feinschaft zu finden. Wenn das krankheitssüchtige Es derlei Gründe nicht findet, so erfindet es welche. Das hat den Vorteil, daß der grundlose Groll verschwiegen werden muß und infolgedessen Wochen, Monate, Jahre weiterfressen kann, daß er in seiner Ungerechtigkeit und Verstecktheit, in seiner Niederträchtigkeit den Arzt erbittert und zu Fehlern veranlaßt, daß er vom Kranken als Schuld empfunden wird, verdrängt wird und in der Verdrängung doppelt gefährlich wirkt, daß er abgebüßt werden will und als naheliegende Buße die Verschlimmerung oder Verschlechterung der Krankheit wählt.
Der Zweck dieser vorläufigen Besprechung des Widerstandes ist erreicht, wenn daraus hervorgeht, wie wichtig seine Rolle im kranken Leben ist, wie unumgänglich notwendig seine Erforschung für das theoretische Denken über Gesundheit und Krankheit ist und daß der Widerstand und seine Überwindung das Tätigkeitsfeld und das Ziel jeder Behandlung bei jeder Krankheit ist. Daß der Widerstand gegen den Arzt für die Behandlung, und zwar nur für die Behandlung, die größte Bedeutung hat, sollten weder Arzt noch Kranker je vergessen.
Man kann als Grundsatz annehmen, daß jede Verschlimmerung der Erkrankung, mag sie geartet sein wie sie wolle, zweierlei mit eindringlicher Deutlichkeit sagt: »Du Arzt hast einen Fehler begangen« und »Du Kranker hast eine Gemeinheit gegen deinen Arzt begangen«. Das freimütige Eingestehen eines Fehlers ist die Vorbedingung für das Glücken feinfühlender Verführung des Kranken zur Wahrhaftigkeit, in der letzten Endes alle Gesundheit beschlossen liegt. Der Kranke weiß, daß Krankheit ein unehrliches Mittel ist. Er ist geneigt, im Arzte den Richter zu sehen, umso geneigter, weil er weiß, daß Ärzte nicht richten dürfen.
»Wenn ich diesen da, der sich rühmt Helfer zu sein, dazu bringe zu urteilen und zu verurteilen, so ist es auch mir erlaubt, zu Gericht zu sitzen über andere und über mich, so ist es auch mir erlaubt, Leid und Tod über mich selbst zu verhängen; dann ist Krankheit keine Sünde mehr«, so folgert der Kranke. Welch ein Irrtum! Arzt und Kranker haben eins gemein: weder der Kranke noch der Arzt haben ein Recht zu richten; weder für den Kranken noch für den Arzt gibt es Moral; weder für den Kranken noch für den Arzt gibt es Sünde. Sie stehen beide jenseits von Gut und Böse.
Sigmund Freud: Der psychische Apparat (1938)
In: Abriß der Psychoanalyse, III. Teil, 8. Kapitel: Die psychische Apparat und die Außenwelt, Gesammelte Werke, 17. Bd., © 1941 Imago Publishing Co. Ltd., London, Abdruck mit Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1972, S. 9ff.
A. Die Psychoanalyse macht eine Grundvoraussetzung, deren Diskussion philosophischem Denken vorbehalten bleibt, deren Rechtfertigung in ihren Resultaten liegt. Von dem, was wir unsere Psyche (Seelenleben) nennen, ist uns zweierlei bekannt, erstens das körperliche Organ und Schauplatz desselben, das Gehirn (Nervensystem), anderseits unsere Bewußtseinsakte, die unmittelbar gegeben sind und uns durch keinerlei Beschreibung näher gebracht werden können. Alles dazwischen ist uns unbekannt, eine direkte Beziehung zwischen beiden Endpunkten unseres Wissens ist nicht gegeben. Wenn sie bestünde, würde sie höchstens eine genaue Lokalisation der Bewußtseinsvorgänge liefern und für deren Verständnis nichts leisten.
B. Unsere beiden Annahmen setzen an diesen Enden oder Anfangen unseres Wissens an. Die erste betrifft die Lokalisation. Wir nehmen an, daß das Seelenleben die Funktion eines Apparates ist, dem wir räumliche Ausdehnung und Zusammensetzung aus mehreren Stücken zuschreiben, den wir uns also ähnlich vorstellen wie ein Fernrohr, ein Mikroskop u. dgl. Der konsequente Ausbau einer solchen Vorstellung ist ungeachtet gewisser bereits versuchter Annäherung eine wissenschaftliche Neuheit.
C. Zur Kenntnis dieses psychischen Apparates sind wir durch das Studium der individuellen Entwicklung des menschlichen Wesens gekommen. Die älteste dieser psychischen Provinzen oder Instanzen nennen wir das Es; sein Inhalt ist alles, was ererbt, bei Geburt mitgebracht, konstitutionell festgelegt ist, vor allem also die aus der Körperorganisation stammenden Triebe, die hier einen ersten uns in seinen Formen unbekannten psychischen Ausdruck finden.1
D. Unter dem Einfluß der uns umgebenden realen Außenwelt hat ein Teil des Es eine besondere Entwicklung erfahren. Ursprünglich als Rindenschicht mit den Organen zur Reizaufnahme und den Einrichtungen zum Reizschutz ausgestattet, hat sich eine besondere Organisation hergestellt, die von nun an zwischen Es und Außenwelt vermittelt. Diesem Bezirk unseres Seelenlebens lassen wir den Namen des Ichs.
E. Die hauptsächlichen Charaktere des Ich. Infolge der vorgebildeten Beziehung zwischen Sinneswahrnehmung und Muskelaktion hat das Ich die Verfügung über die willkürlichen Bewegungen. Es hat die Aufgabe der Selbstbehauptung, erfüllt sie, indem es nach außen die Reize kennenlernt, Erfahrungen über sie aufspeichert (im Gedächtnis), überstarke Reize vermeidet (durch Flucht), mäßigen Reizen begegnet (durch Anpassung), und endlich lernt, die Außenwelt in zweckmäßiger Weise zu seinem Vorteil zu verändern (Aktivität); nach innen gegen das Es, indem es die Herrschaft über die Triebansprüche gewinnt, entscheidet, ob sie zur Befriedigung zugelassen werden sollen, diese Befriedigung auf die in der Außenwelt günstigen Zeiten und Umstände verschiebt oder ihre Erregungen überhaupt unterdrückt. In seiner Tätigkeit wird es durch die Beachtungen der in ihm vorhandenen oder in dasselbe eingetragenen Reizspannungen geleitet. Deren Erhöhung wird allgemein als Unlust, deren Herabsetzung als Lust empfunden. Wahrscheinlich sind es aber nicht die absoluten Höhen dieser Reizspannung, sondern etwas im Rhythmus ihrer Veränderung, was als Lust oder Unlust empfunden wird.
Das Ich strebt nach Lust, will der Unlust ausweichen. Eine erwartete, vorausgesehene Unluststeigerung wird mit dem Angstsignal beantwortet, ihr Anlaß, ob er von außen oder von innen droht, heißt Gefahr. Von Zeit zu Zeit löst das Ich seine Verbindung mit der Außenwelt und zieht sich in den Schlafzustand zurück, in dem es seine Organisation weitgehend verändert. Aus dem Schlafzustand ist zu schließen, daß diese Organisation in einer besonderen Verteilung der seelischen Energie besteht.
F. Als Niederschlag der langen Kindheitsperiode, während der der werdende Mensch in Abhängigkeit von seinen Eltern lebt, bildet sich in seinem Ich eine besondere Instanz heraus, in der sich dieser elterliche Einfluß fortsetzt. Sie hat den Namen des Über-Ichs erhalten. Insoweit dieses Über-Ich sich vom Ich sondert und sich ihm entgegenstellt, ist es eine dritte Macht, der das Ich Rechnung tragen muß.
G. Eine Handlung des Ichs ist dann korrekt, wenn sie gleichzeitig den Anforderungen des Es, des Über-Ichs und der Realität genügt, also deren Ansprüche miteinander zu versöhnen weiß. Die Einzelheiten der Beziehung zwischen Ich und Über-Ich werden durchwegs aus der Zurückführung auf das Verhältnis des Kindes zu seinen Eltern verständlich. Im Elterneinfluß wirkt natürlich nicht nur das persönliche Wesen der Eltern, sondern auch der durch sie fortgepflanzte Einfluß von Familien-, Rassen- und Volkstradition sowie die von ihnen vertretenen Anforderungen des jeweiligen sozialen Milieus. Ebenso nimmt das Über-Ich im Laufe der individuellen Entwicklung Beiträge von seiten späterer Fortsetzer und Ersatzpersonen der Eltern auf, wie Erzieher, öffentliche Vorbilder, in der Gesellschaft verehrter Ideale. Man sieht, daß Es und Über-Ich bei all ihrer fundamentalen Verschiedenheit die eine Übereinstimmung zeigen, daß sie die Einflüsse der Vergangenheit repräsentieren, das Es den der ererbten, das Über-Ich im wesentlichen den der von anderen übernommenen, während das Ich hauptsächlich durch das selbst Erlebte, also Akzidentelle und Aktuelle bestimmt wird.
Dies allgemeine Schema eines psychischen Apparates wird man auch für die höheren, dem Menschen seelisch ähnlichen Tiere gelten lassen. Ein Über-Ich ist überall dort anzunehmen, wo es wie beim Menschen eine längere Zeit kindlicher Abhängigkeit gegeben hat. Eine Scheidung von Ich und Es ist unvermeidlich anzunehmen.
Die Tierpsychologie hat die interessante Aufgabe, die sich hier ergibt, noch nicht in Angriff genommen.
Sigmund Freud: »Widerstand«
In: Abriß der Psychoanalyse, II. Teil, 6. Kapitel: Die psychoanalytische Technik, Gesammelte Werke, 17. Bd., © 1941 Imago Publishing Co. Ltd., London, Abdruck mit Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1972, S. 36ff.
A. Mit der Erwähnung des Widerstandes sind wir an den zweiten, wichtigeren Teil unserer Aufgabe herangekommen. Wir haben schon gehört, daß sich das Ich gegen das Eindringen unerwünschter Elemente aus dem unbewußten und verdrängten Es durch Gegenbesetzungen schützt, deren Intaktheit eine Bedingung seiner normalen Funktion ist. Je bedrängter sich das Ich nun fühlt, desto krampfhafter beharrt es, gleichsam verängstigt, auf diesen Gegenbesetzungen, um seinen Restbestand vor weiteren Einbrüchen zu beschützen. Diese defensive Tendenz stimmt aber durchaus nicht zu den Absichten unserer Behandlung. Wir wollen im Gegenteil, daß das Ich, durch die Sicherheit unserer Hilfe kühn geworden, den Angriff wage, um das Verlorene wieder zu erobern. Dabei bekommen wir nun die Stärke dieser Gegenbesetzungen als Widerstände gegen unsere Arbeit zu spüren. Das Ich schreckt vor solchen Unternehmungen zurück, die gefährlich scheinen und mit Unlust drohen, es muß beständig angeeifert und beschwichtigt werden, um sich uns nicht zu verweigern. Diesen Widerstand, der die ganze Behandlung über anhält und sich bei jedem neuen Stück der Arbeit erneuert, heißen wir, nicht ganz korrekt, den Verdrängungswiderstand. Wir werden hören, daß es nicht der einzige ist, der uns bevorsteht.
B. Es ist interessant, daß sich in dieser Situation die Parteibildung gewissermaßen umkehrt, denn das Ich sträubt sich gegen unsere Anregung, das Unbewußte aber, sonst unser Gegner, leistet uns Hilfe, denn es hat einen natürlichen »Auftrieb«, es verlangt nichts so sehr, als über die ihm gesetzten Grenzen ins Ich und bis zum Bewußtsein vorzudringen. Der Kampf, der sich entspinnt, wenn wir unsere Absicht erreichen und das Ich zur Überwindung seiner Widerstände bewegen können, vollzieht sich unter unserer Leitung und mit unserer Hilfeleistung. Es ist gleichgültig, welchen Ausgang er nimmt, ob er dazu führt, daß das Ich einen bisher zurückgewiesenen Triebanspruch nach neuerlicher Prüfung annimmt, oder ob es ihn wiederum, diesmal endgültig, verwirft. In beiden Fällen ist eine dauernde Gefahr beseitigt, der Umfang des Ichs erweitert und ein kostspieliger Aufwand überflüssig gemacht worden.
C. Die Überwindung der Widerstände ist der Teil unserer Arbeit, der die meiste Zeit und die größte Mühe in Anspruch nimmt. Es lohnt sich aber auch, denn er bringt eine vorteilhafte Ichveränderung zustande, die sich unabhängig vom Erfolg der Übertragung erhalten und im Leben bewähren wird. Gleichzeitig haben wir auch an der Beseitigung jener Ichveränderung gearbeitet, die sich unter dem Einfluß des Unbewußten hergestellt hatte, denn wann immer wir solche Abkömmlinge desselben im Ich nachweisen konnten, haben wir ihre illegitime Herkunft aufgezeigt und das Ich zu ihrer Verwerfung angeregt. Wir erinnern uns, es war eine der Vorbedingungen unserer vertragsmäßigen Hilfeleistung, daß eine solche Ichveränderung durch das Eindringen unbewußter Elemente ein gewisses Ausmaß nicht überstiegen habe.
D. Je weiter unsere Arbeit fortschreitet und je tiefer sich unsere Einsicht in das Seelenleben des Neurotikers gestaltet, desto deutlicher drängt sich uns die Kenntnis zweier neuer Momente auf, die als Quellen des Widerstandes die größte Beachtung fordern. Beide sind dem Kranken völlig unbekannt, beide konnten beim Abschluß unseres Vertrages nicht berücksichtigt werden; sie gehen auch nicht vom Ich des Patienten aus. Man kann sie unter dem gemeinsamen Namen: Krankheits- oder Leidensbedürfnis zusammenfassen, aber sie sind verschiedener Herkunft, wenn auch sonst verwandter Natur. Das erste dieser beiden Momente ist das Schuldgefühl oder Schuldbewußtsein, wie es mit Hinwegsetzung über die Tatsache genannt wird, daß der Kranke es nicht verspürt und nicht erkennt. Es ist offenbar der Beitrag zum Widerstand, den ein besonders hart und grausam gewordenes Über-Ich leistet. Das Individuum soll nicht gesund werden, sondern krank bleiben, denn es verdient nichts Besseres. Dieser Widerstand stört eigentlich unsere intellektuelle Arbeit nicht, aber er macht sie unwirksam, ja er gestattet oft, daß wir eine Form des neurotischen Leidens aufheben, ist aber sofort bereit, sie durch eine andere, eventuell durch eine somatische Erkrankung zu ersetzen. Dieses Schuldbewußtsein erklärt auch die gelegentlich beobachtete Heilung oder Besserung schwerer Neurosen durch reale Unglücksfälle; es kommt nämlich nur darauf an, daß man elend sei, gleichgültig in welcher Weise. Die klaglose Ergebenheit, mit der solche Personen oft ihr schweres Schicksal ertragen, ist sehr merkwürdig, aber auch verräterisch. In der Abwehr dieses Widerstandes müssen wir uns auf das Bewußtmachen desselben und auf den Versuch zum langsamen Abbau des feindseligen Über-Ichs beschränken.
E. Weniger leicht ist es, die Existenz eines anderen Widerstandes zu erweisen, in dessen Bekämpfung wir uns besonders unzulänglich finden. Es gibt unter den Neurotikern Personen, bei denen, nach all ihren Reaktionen zu urteilen, der Trieb zur Selbsterhaltung geradezu eine Verkehrung erfahren hat. Sie scheinen auf nichts anderes als auf Selbstschädigung und Selbstzerstörung auszugehen. Vielleicht gehören auch die Personen, welche am Ende wirklich Selbstmord begehen, zu dieser Gruppe. Wir nehmen an, daß bei ihnen weitgehende Triebentmischungen stattgefunden haben, in deren Folge übergroße Quantitäten des nach innen gewendeten Destruktionstriebs frei geworden sind. Solche Patienten können die Herstellung durch unsere Behandlung nicht erträglich finden, sie widerstreben ihr mit allen Mitteln. Aber wir gestehen es zu, dies ist ein Fall, dessen Aufklärung uns noch nicht ganz geglückt ist.
F. Überblicken wir jetzt nochmals die Situation, in die wir uns mit unserem Versuch, dem neurotischen Ich Hilfe zu bringen, begeben haben. Dieses Ich kann die Aufgabe, welche ihm die Außenwelt einschließlich der menschlichen Gesellschaft stellt, nicht mehr erfüllen. Es verfügt nicht über all seine Erfahrungen, ein großer Teil seines Erinnerungsschatzes ist ihm abhanden gekommen. Seine Aktivität wird durch strenge Verbote des Über-Ichs gehemmt, seine Energie verzehrt sich in vergeblichen Versuchen zur Abwehr der Ansprüche des Es. Überdies ist es infolge der fortgesetzten Einbrüche des Es in seiner Organisation geschädigt, in sich gespalten, bringt keine ordentliche Synthese mehr zustande, wird von einander widerstrebenden Strebungen, unerledigten Konflikten, ungelösten Zweifeln zerrissen. Wir lassen dies geschwächte Ich des Patienten zunächst an der rein intellektuellen Deutungsarbeit teilnehmen, die eine provisorische Ausfüllung der Lücken in seinem seelischen Besitz anstrebt, lassen uns die Autorität seines Über-Ichs übertragen, feuern es an, den Kampf um jeden einzelnen Anspruch des Es aufzunehmen und die Widerstände zu besiegen, die sich dabei ergeben. Gleichzeitig stellen wir die Ordnung in seinem Ich wieder her, indem wir die aus dem Unbewußten eingedrungenen Inhalte und Strebungen aufspüren und durch Rückführung auf ihren Ursprung der Kritik bloßstellen. Wir dienen dem Patienten in verschiedenen Funktionen als Autorität und Elternersatz, als Lehrer und Erzieher, das Beste haben wir für ihn getan, wenn wir als Analytiker die psychischen Vorgänge in seinem Ich aufs normale Niveau heben, unbewußt Gewordenes und Verdrängtes in Vorbewußtes verwandeln und damit dem Ich wieder zu eigen geben.
go away / you're too young / go to sleep / pretty fool / I may actually like you tonight, don't / ruin it