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Kleine Überraschung für meine Kleine, hoffe es hat dir gefallen - Stay strong wir schaffen das 💗
Du überraschst mich immer wieder aufs Neue, danke liebes 💗 dezemberkalt
dezemberkalt.
dezemberkalt.
Seufzend schloss er sein Heft. Sieben Seiten geschrieben. Das sollte genug für heute sein. Sein mittlerweile kalter Kaffee stand zwar noch am anderen Ende des kleinen Mahagonitisches aber das Teller mit dem halb gegessenem Apfelstrudel war nunmehr verschwunden. Vermutlich hatte es der Kellner mitgenommen, als er in sein Geschreibsel vertieft war. Verschlafen rieb er sich die Augen. Er dürfte an die anderthalb Stunden beschäftigt gewesen sein, genau wusste er es nicht, aber er vermutete es, denn inzwischen saß eine komplett neue Garnitur von Menschen in dem kleinen Kaffeehaus. Zwar war er nun schon seit langer Zeit, länger als er zugeben möchte, als Schriftsteller tätig, doch es überraschte ihn immer wieder aufs Neue, wie viel an ihm spurlos vorüberging, wenn er einmal von einem Schreibanfall gepackt wurde. Noch ein letzter stolzer Blick auf sein Heft, dann steckte er es in seine Laptoptasche. Dabei fiel ihm sein treuer Reiseführer für Hamburg ins Auge. Er nahm ihn kurz heraus und blätterte ihn durch. Wie sehr er die Stadt vermisste. Aber er vermisste auch andere Städte zu gleich, er war ein niemals zufrieden stellbarer Reisender, auf der Suche nach seiner Stadt, obgleich man wohl eine Stadt zu seiner Stadt machen müsste, denn kein Platz der Welt, so schön er sein mag, ist makellos. Wenn man will, findet man immer etwas zum Aussetzen, selbst an Hamburg. Er bestellte ein Glas Wein, das er sich nach harter Arbeit wohl verdient hatte. Just in dem Moment, wo er den Kellner zu sich rufen wollte, fiel ihm das Mädchen nur einige Meter weiter auf. Er erkannte sie sofort. Sie war gerade in ein Buch vertieft, und er konnte nicht anders, als sie anzusehen. Dabei merkte gar nicht mehr, wie der Kellner ihn bereits zum dritten Mal um die Bestellung fragte. Einen doppelten Espresso, bitte, murmelte er geistesabwesend. Wie lange hatte er sie nicht gesehen? Viel zu lange. Am liebsten würde er sich zu ihr setzen, doch irgendetwas hemmte ihn. Was sollte er ihr denn bitteschön sagen? Ta-Da, hier wäre ich wieder, nach zig Monaten, wie ist dein Leben so verlaufen? Es war nicht nur seine Schuld, redete er sich ein, er war viel beschäftigt. Nachdem letztes Jahr sein neuestes Buch veröffentlicht worden war, war er wieder ständig am Reisen. Berlin, Hamburg, Frankfurt, München, Köln, Wien. Und wieder von vorne. Lesungen, Interviews, Auftritte. Er kam kaum zur Ruhe. Wie es eben so ist. Man lebt sein Leben, und die Zeit rauscht an einem vorbei. Und sie? Sie ist noch hübscher geworden, dachte er, seit er sie das letzte Mal vor gut einem halben Jahr in Wien getroffen hatte. Damals gingen sie noch essen, mit ein paar Kollegen und Freunden, und sie zelebrierten ihr beinahe einjähriges Bestehen ihrer Freundschaft. Melancholisch dachte er zurück, als sie sich zum Ersten mal trafen, bei einer Verleihung irgendeines Jugendliteraturpreises. Sie gewann nicht, durfte aber trotzdem einige Gedichte und Zeilen aus ihrem Werk vortragen. Es hatte ihn sofort in den Bann gezogen. Oder vielleicht war es auch ihr langes, braunes Haar, das auf ihre Schultern fiel, ihre tief blauen Augen, die endlos tief schienen und ihre porzellanweiße Haut. Natürlich war er viel zu schüchtern, sie anschließend anzusprechen, aber zum Glück hatte er einen Freund dabei, der die beiden bekannt machte, dafür war er ihm bis heute unendlich dankbar. Sofort kamen sie ins Gespräch, und tauschten sich aus über das Schreiben, Theater und ihre Lieblingsstädte. Vielleicht lag es an ihrer Reife und ihrem smarten Auftreten, aber er hielt sie für sehr viel älter als sie war. Fast erschreckte es ihn, als sie erklärte, sie müsse jetzt los, weil sie am nächsten Tag zur Schule müsse. Die Matura bereite sich ja nicht von selbst vor. Aber das machte sie fast noch interessanter. Und die Art wie sie sprach, leise, mit zittriger Stimme, ihren Kopf dabei immer schüchtern gesenkt, beeindruckte ihn ebenso wie ihr Augenaufschlag, unschuldig und fast engelsgleich. Danach trafen sie sich einige Male, und er begann zu schreiben, sie lieferte ihm Stoff für einen seiner Hauptcharaktere seines letzten Romans. Sie unterstützten sich, kritisierten sich auch, und es entwickelte sich eine Freundschaft die mithalten konnte mit jener von Goethe und Schiller. Trotzdem verloren sich dann nach gut einem Jahr irgendwie ihre Wege. Wie das Leben eben spielt. Man trifft jemand, Schicksal. Man verliert jemand, Zufall. Oder umgekehrt. Oder weder noch. Das ist wohl die Ironie des Lebens. Aber jetzt saß sie wieder da. Und er beschloss, hallo zu sagen. Und in dem Moment, wo sie aufblickte, ihr Buch weglegte und aufrichtiger lächelte, als es je jemand könnte, wusste er, dass er da fortfahren könnte, wo sie sich vor einem halben Jahr verabschiedet hatten. Smalltalk fiel ihm nie leicht, leider ihr auch nicht, also saßen sie eine Weile nur nebeneinander, bis irgendwer die Stille brach, aber wer das war, war nicht wichtig, in jenem Moment.
Ob er sie vermisste, fragte sie ihn. Und ob er oft an sie dachte. Er überlegte kurz. Eigentlich, musste er sich zugestehen, dachte er nicht oft an sie. Trotzdem vermisste er sie. Zumindest hatte er das Gefühl, etwas fehlte. Aber das konnte alles bedeuten. Ihr Blick war nicht fokussiert, sie schien nicht ganz beim Gespräch zu sein. „Wenn ich Sie belästige“, sagte er, „dann sagen Sie es doch bitte. Ich will mich niemanden aufdrängen!“ „Hören Sie“, lächelte sie sanfte, „ich habe oft genug Einsamkeit erfahren um Gesellschaft wie die Ihre mehr als zu schätzen.“ Daraufhin lehnte er sich beruhigt zurück und blickte wieder in ihre Richtung. Sie war gerade damit beschäftigt, mit der einen Hand ihre Zigarette auszudrücken und sich mit der anderen eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Vorsichtig rückte er etwas näher. „Wissen Sie“, er räusperte sich, „ ich hatte noch nie für jemanden das Gefühl von Zuneigung und Bewunderung zugleich“. Zögernd blinzelte sie ihn an. Sie schien ihn nicht ganz zu verstehen. Also fuhr er nach einer kurzen Pause fort: „Und das macht Sie wohl zu etwas Besonderem, wenn ich so sagen darf. Die Leute, die ich bewundere, schätze ich nicht. Und die, die ich schätze, bewundere ich nicht. Aber bei Ihnen ist das anders.“ Ich glaube, wir haben uns einfach zu lange nicht gesehen, sagte ihr Blick, du redest dir was ein, denk an deinen Sohn, der Junge braucht dich, auch wenn er sehr gut bei seiner Mutter lebt. Ihre blauen Augen glänzten im schummrigen Licht des Cafés. Er schüttelte leicht den Kopf, er musste auf andere Gedanken kommen. Doch ihre schlanke Hand griff nach seiner und er musste sich zusammenreißen, um sie nicht sofort in den Arm zu nehmen. „Sie wissen ja, was ich von Ihnen halte“, flüsterte sie mit rauer Stimme während sie ihre Hand in seine legte und sie kurz darauf wieder zurückzog. Was hatte das jetzt zu bedeuten? „Verwirr mich nicht“, dachte er. Sollte das jetzt abschätzig gemeint sein oder das totale Gegenteil? Aus ihrer Stimme war das einfach nicht zu erkennen. Inzwischen hatte sie sich eine neue Zigarette angezündet und ein Glas Wein bestellt. Wir sollten über Literatur reden, meinte sie und lächelte wieder aufrichtig, das konnten wir doch immer am besten. Mit der leeren Kaffeetasse im Auge, nickte er kurz und überlies ihr so den Anfang des Gesprächs. Er wusste, dass ihr das nicht leicht fallen würde, weil sie immer darauf wartete, dass andere auf sie zukamen. Doch sie musste auch mal lernen, den ersten Schritt zu tun. Ob er gerade an etwas Neuem schreibe, wollte sie wissen, und dass sie Krieg und Frieden von Tolstoi gelesen habe, wie er es ihr empfohlen habe, und dass ihr der Roman zwar gefiele, aber ihr Lieblingsbuch würde es nicht werden, obwohl sie verstünde, warum er zu den Klassikern der Weltliteratur zählt. Dann wartete sie auf eine Antwort, doch er blieb ruhig und sah aus der Glasfront hinaus, beobachtete die Leute, die am Gehweg vorbeirauschten. „Ich weiß nicht, ob mich meine Bewunderung für Ihr Werk nicht von dem Menschen dahinter ablenkt“, seufzte sie und trank. „Mögen Sie meine Schriften etwa mehr als mich?“ Enttäuscht rückte er etwas weg von ihr. Es grenzte für ihn schon fast ans Kränken, was sie ihm da gesagt hatte, schließlich definierte er sich nicht nur über sein Schreiben. Naja, zumindest nicht mehr als andere Schriftsteller. „Hören Sie zu, lassen wir die Förmlichkeiten – in Ordnung, Daniel? Was ich damit sagen wollte, ist“, zog ein letztes mal an der Zigarette, drückte sie aus und schob den Aschenbecher aus ihrem Blickfeld, „ich kenne dich kaum. Und du mich nicht. Obwohl wir uns schon so oft gesehen haben. Aber ich weiß nicht, wer du bist. Ich kenne die Charaktere in deinen Büchern besser als dich.“ „Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt“, nuschelte er in ihre Richtung. Sie wurde schlagartig weiß. Damit hat sie wohl nicht gerechnet, dachte er. Nun fiel ihr keine Antwort ein. Verlegen griff sie nach ihrem Glas Wein und trank einen kräftigen Schluck. Gleichzeitig fingerte sie nach ihrer Packung Zigaretten und dem Feuerzeug, das darauf lag. Ihm fiel auf, wie sich ihr Dekolleté und ihre Wangen rot färbten. „Ich weiß, das kommt jetzt plötzlich, aber ich meine es wirklich so, ich mache dir nichts vor. Was denkst du? Bitte sag etwas. Irgendetwas. Sag, was du von mir haltest. Ich weiß, ich bin ein Stück Älter, aber…“ „Zwanzig Jahre“, unterbrach sie ihn. Sie schien sich unwohl zu fühlen und zitterte beim Anzünden ihrer Zigarette, für das sie drei Versuche brauchte, „ich bin noch nicht mal so alt.“ Anstatt das zu sagen hätte sie mir auch ins Gesicht spucken können, dachte er bei sich, und versuchte sich seine Frustration nicht anmerken zu lassen. „Du musst das doch verstehen, du warst sicher auch schon einmal verliebt!“ „Nein, ich hüte mich vor dem Verliebtsein. Ist man verliebt, bietet man eine perfekte Angriffsfläche zum Verletztwerden. Du hast einen Sohn, Daniel.“ „Verletztwerden? Mach dich nicht lächerlich, du bist gerade einmal 19.“ „Erst nächsten Monat.“ „Siehst du, wir lernen uns kennen.“ Er versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nicht. Das war wohl Versagen auf größter Ebene. Wenn er jetzt nicht nur eine Freundschaft verspielt hatte, dann hatte er jetzt auch seinen größten Bewunderer verloren, seine beste Kritikerin und seine größte Inspirationsquelle. Warum musste er auch immer den Mund aufmachen? „Ich mag dich auch, aber wie gesagt, wir kennen uns kaum, das könnte ein Fehler sein.“ „Wir kennen uns seit du siebzehn bist. Ich glaube kaum, dass wahre Liebe ein Fehler sein kann.“ „Übertreib es nicht, mein Freund, übertreib es nicht“, mahnte sie ihn und blickte ihn streng an. Er konnte sich kaum zusammenreißen. Aber er war froh, denn ‚Mein Freund‘ sagte sie nur zu jenen, die ihr wirklich wichtig waren. Er hatte also doch noch Chancen. Zumindest, um zu retten, was noch zu retten war. „Ich bin sehr aufopferungsbereit“, sagte sie schließlich, „und ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn ich mich in dich verliebe. Schließlich wollte ich noch-“ „Also magst du mich auch?“ „Nein, ich bewundere dich“, flüsterte sie und lächelte dabei verlegen. Ihr Hals wurde immer röter und Daniel immer verrückter nach ihr. Simple Biologie, und dazu noch unberechenbare Gefühle eines passionierten Künstlers – irgendwie eine toxische Mischung. Er legte seinen Arm um sie und zog sie näher an sich heran. Dabei küsste er ihr sanft auf den Kopf. Sie zitterte etwas, aber das legte sich, als sie ihn kurz anblickte, bevor sie unsicher auf den Boden starrte. Er ließ sie nicht los und drückte sie etwas fester, wobei er merkte dass sie sich etwas zu ihm drehte. Zart hauchte sie ihm einen Kuss auf die Wange. Jetzt war er sich sicher: Er wollte sie. „Das ist der perfekte Moment, wie wäre es mit einem Kuss?“, flüsterte er in ihr Ohr. Doch sie wich zurück und begann ihre Zigaretten einzupacken. „Daniel, Bewunderung ist nicht Liebe, ich sollte gehen.“ Beim Aufstehen drehte sich noch einmal zu ihm um, und blickte ihn mit ihrem treuen, ehrlichen Blick an. Er wusste, dass sie das nicht leichtfertig sagte, dass sie sich selbst mehr weh tat als ihm. Trotzdem fühlte er sich ernsthaft hintergangen, belogen. Irgendwie war er wütend, versuchte es aber, so gut es ging, hinunterzuschlucken. Sie hätte ihn stattdessen einfach in die eiskalte Donau werfen können. Dann würde er jetzt wenigstens nichts mehr fühlen, wär abgelenkt und müsste sich nicht um seinen verletzten Stolz kümmern. Der war gerade nämlich wirklich gefährlich beschädigt worden. Sie wusste wohl mehr über Liebe, als er wahrhaben wollte und während sie das Café verließ und ihr langes braunes Haar im Windzug zerzauste und den Kragen ihres Mantels hochzog, fiel ihm auf, dass sie ihr Buch liegen gelassen hatte. Er nahm es, und öffnete die Seite mit dem Lesezeichen , Seite hunderteinundreißig, und begann einen sorgfältig unterstrichenen Paragraphen zu lesen:
“He stood waist-deep in the icy, Decemberish water. ‚How about a kiss, Saumensch?’, he said. The surrounding air was a lovely, gorgeous, nauseating cold, not to mention the concrete ache of the water, thickening from his toes to his hips. How about a kiss? How about a kiss? Poor Rudy.“* Er schloss das Buch und mit ihm seine Augen. Sie hatte wohl recht. ‚Bewunderung ist nicht Liebe.‘ Ihre Worte hallten noch immer nach. Ihre Stimme wie ein Echo in seinem leeren Kopf. Sie hatte Recht. Idealisieren ist die größte Schwäche der Liebe. Wir lassen uns von scheinbarer Perfektion in die Irre führen und wachen erst auf, wenn unser Bild zerstört ist, und mit ihm, wir selbst. Nun wäre wohl alles gesagt. Er sollte wohl erwachsen werden. Nur eine Frage stellte er sich noch: War er Rudy? Und schwamm er bereits seit er sie kannte in der dezemberkalten Donau, ohne es zu merken? Wie wäre es mit einem Kuss? Armer Daniel.
*(quote from The Book Thief by Markus Zusak, page 251)