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Slytherin House aesthetics
Ungelesen.
Ich will Schriftsteller werden! im Juni 2014.
Ungelesen.
Selten fällt es ihm so schwer das weiße Blatt zu füllen. Seine letzte Zigarette raucht noch im Aschenbecher, doch in ihm ist nichts mehr. Man kann fast sagen er wäre ausgebrannt wie sein Glimmstängel. Erschöpft starrt er auf die schier endlos scheinenden Stapel mit Gedichten und Fragmenten. Er wollte schon immer ein großer, zeitgenössischer Schreiber werden, doch er ist wohl nicht für Großes bestimmt. Es geht ihm weniger um Ruhm und Geld, vielmehr darum, dass er es nicht mehr erträgt, dass seine Werke, in die er so viel Kraft und Schmerz steckt, wofür er buchstäblich ausblutet, ungelesen verkommen. Wie sollte er die Welt verändern, wenn niemand zuhört, wenn ihn niemand liest? War er denn in der falschen Zeit geboren? Kann er einfach nicht das Richtige produzieren, etwas, das alle lesen wollen? Oder liegt es bloß an der Gesellschaft? Ist er verdammt, einer von den unzähligen, vergessenen Künstlern zu werden? Warum ist ihm Erfolg nicht vergönnt? Seit Jahren schon befindet er sich in diesem mühsamen Lernprozess – und jetzt? Geschrieben für nichts? Er hat sich in Jugendjahren wohl ein Hirngespinst in den Kopf gesetzt und für etwas Ordentliches hatte es ohnehin nie gereicht. Seit er lesen kann, liest er. Seit er schreiben kann, schreibt er. Viel Anderes hat er nie probiert oder zu schnell wieder aufgegeben.
Leidenschaftlich geht er nur wenigen Dingen nach. Der Liebe, unter anderem. Der Musik, vielleicht. Und dem Schreiben, auf jeden Fall. Wenn das Blatt die Tinte aufsaugt, sind das Augenblicke der Zufriedenheit. Es ist so schwer sich in dieser lauten, verbrauchten Welt einige Momente der Ruhe zu nehmen. Doch das Schreiben ermöglicht es. Ist das Blatt schließlich voll erfüllt ihn ein Gefühl des Stolzes und der Kraft. Manchmal auch der Frustration und Hass, wenn die Worte nicht so herauswollen, wie er sie in seinem Kopf anordnet. Er will Künstler sein. Ist das zuviel verlangt? Dieses Glück, das gleichzeitig ein Unglück darstellt, ist leider nur Wenigen Seelen vorbehalten. Nun möchte er nach zahlreichen Fehlschlägen endlich wieder schreiben, einen Charakter erschaffen und ihn alle erdenklichen Abenteuer erleben lassen. Es ist Zeit für etwas Neues. Er ist bereit dafür.
Die Fotografie.
Nachkriegsliteratur 2014. Mai 2014. geschrieben frühmorgens. Ein Schnappschuss aus dem Kriegsalltag einer Daheimgebliebenen.
Enttäuscht verließ Anna das Postamt, das sie mit der Hoffnung, einen Brief von August erhalten zu haben, aufgesucht hatte. Schon seit Wochen hat sie nichts mehr von ihm gehört, obwohl er doch versprochen hatte, jede Gelegenheit, schreiben zu dürfen, zu nutzen. Ihre Mutter glaubte, er wäre einfach zu beschäftigt, das Vaterland zu verteidigen und sie solle sich doch nicht verrückt machen, ihre Tante hingegen glaubte, er wäre gefallen. Doch das mochte sie sich nicht einmal im Traum vorstellen, denn alleine der Gedanke daran löste einen krampfartigen Schmerz in ihrer Herzgegend aus.
August war gerade erst 20, als er vor einem halben Jahr einrückte. Er war guter Dinge, bald zurückkommen zu dürfen, denn der Krieg sei bestimmt bald gewonnen. Anna glaubte ihm, denn seine treuen Augen logen nicht. Doch mittlerweile plagten sie Zweifel. Die anderen Länder konnten nicht so viel schwächer sein als ihres, denn sonst hätten sie sich nicht auf einen Krieg eingelassen. Auch wenn die Zeitungen etwas anderes behaupten. Man musste der Wahrheit ins Gesicht blicken: Dieser Krieg war noch lange nicht vorbei, doch das durfte man nicht laut aussprechen, denn das wäre verbaler Hochverrat, man äußert keine Skepsis an der kaiserlichen Armee und damit am Kaiser selbst. Nicht umsonst wurde er von Gott auserkoren, das Land zu führen. Natürlich wollte Anna wie viele andere in ihrem Alter euphorisiert sein von den Nachrichten der Schlachten, vom Blut des Nationalismus, das ihnen durch die Adern pumpte, doch sie vermisste August zu sehr, um noch so aufgeregt zu sein wie vor einigen Monaten. Sie war desillusioniert, frustriert.
Auf dem Weg zur Munitionsfabrik, wo sie seit einigen Monaten arbeitete, lief sie dem Greißler beinahe in die Arme. Als sie sich entschuldigte, lächelte der alte, sanftmütige Mann müde zurück. Ob sie wieder was von ihrem August gehört habe, rief er ihr nach, als sie weiter ihres Wegs ging. Doch Anna tat so, als hätte sie es nicht mehr gehört. Sie wollte gerade nicht über ihren Verlobten sprechen, auch dem Greißler zuliebe. Er hatte an der Ostfront bereits zwei seiner vier erwachsenen Söhne verloren, versuchte aber, tapfer zu sein, was ihm allerdings schwer fiel, wenn er alle paar Monate sein eigen Fleisch und Blut beerdigen musste. Anna mochte den Alten, und half ihm manchmal beim Regale einräumen in seinem Geschäft, wofür er sich mit einigen Karamelzuckerln zu bedanken wusste. Doch seit das alles angefangen hatte, war er nicht mehr derselbe. Den Meisten fiel es nicht auf, aber sie wusste, wie er sich fühlen musste. Wenn sie etwas mehr Zeit hätte, hätte sie mit ihm geplaudert, doch sie war schon spät dran.
Anna mochte ihre Arbeit. Es gefiel ihr, ein paar Kronen zu verdienen, und so etwas unabhängiger zu sein. Nur, dass sie Waffen herstellen musste, war nicht ihres, vor allem, wenn sie daran dachte, dass ihr August damit schießen sollte. Bald sollte sie außerdem lernen, wie man Lastwagen fuhr. Ihre Mutter war dagegen, denn das sei nichts für ein so zartes Mädchen, doch Anna wollte alles tun, was man von ihr in beruflicher Hinsicht verlangte und wenn sie mit ihrer Arbeit die Situation zu Hause verbessern konnte, dann wollte sie es tun. Doch immerhin konnte sie so ihre Mutter ein wenig unterstützen, wo doch alles immer teurer wurde und man stets hungrig ins Bett musste. Trotzdem versuchte sie, ein paar Kronen zur Seite zu legen, um, wenn August wieder nach Hause kommt, bald zusammenziehen zu können. Sie zog die mittlerweile abgegriffene schwarz-weiß Fotografie ihres Liebsten aus ihrer Rocktasche und betrachtete sie. Tränen stiegen ihr hoch, wenn sie ihn in Uniform sah. Stolz war Augusts Blick in die Kamera gerichtet. Woher hätte er auch wissen sollen, was auf ihn zukam?
Über einen wortlosen Schreiber
Mai 2014. Weil Schreibblockaden zu den frustrierendsten Dingen gehören und ich meine Ideen zurzeit nicht zu Papier bringe.
Über einen wortlosen Schreiber
Wieder nichts. Er zerknüllte den Zettel mit seinen Notizen und warf ihn Richtung Mülleimer. Verzweifelt fuhr er sich durch seine dunklen Haare und versuchte durchzuatmen. Warum konnte er bloß nicht schreiben? Die Idee war geboren, zumindest in Fragmenten. Und in seinem Kopf waren die Worte meisterhaft aneinandergereiht. Wieso brachte er es nicht zu Papier? Einen schweren Seufzer ausstoßend erhob er sich von seinem Schreibtisch, den er in den letzten Tagen und Nächten höchstens zum Wasserlassen verlies. Auf und ab gehend, dabei die Decke anblickend, musste er feststellen, dass er ausgebrannt war. Nun, festgestellt hatte er das schon lange, aber nun musste er diesen Zustand annehmen, was ein guter erster Schritt war, denn nun konnte er anfangen, dagegen anzustreben. Wo stand er denn nun? Jung, melancholisch, wortlos. Nirgends, offensichtlich. Die Inspirationen waren hier, aber die Worte mochten nicht aus seiner Feder gleiten, wie bei anderen Schriftstellern. Seine Gedanken waren sortiert, doch irgendetwas fehlte. Es lag an ihm, etwas daran zu ändern. Sonst würde er niemals einen Roman fertigstellen. Und dann hätten die anderen, seine Freunde und Familie, Recht gehabt. Diese Genugtuung wollte er ihnen aber nicht bieten. Er wollte ihnen zeigen, dass er das Zeug zum erfolgreichen, starken, selbstständigen Schreiber hatte, und dass man davon sehr wohl leben konnte! Also, nun war es wieder daran, zu schreiben und zu schreiben und zu schreiben, um die Blockade, die seine einzige Lebensader langsam verschloss, zu lösen. Die Idee für das Buch war bloß bruchstückhaft da, daher nahm er sich vor, einfach einmal ein Konzept zu kreieren. Er sollte einen Roman schreiben, der sich verkaufen lies… Stattdessen beschloss er, einen Text über einen Schriftsteller, der nichts zu Papier bringt, zu schreiben.
Reflektion Eins
März 2014.
Reflektion Eins
Die vorstellbar müdesten Augen blicken starr aus dem blassen Gesicht. Lediglich die Wangen schimmern rötlich und heben sich so von der sonst porzellanfarbenen Haut ab. Seufzend zieht sie sich an. Setzt sich wieder hin. Braucht eine Pause. Nur, um kurz zu reflektieren, wo sie im Leben steht: Arbeitslos. Studium abgebrochen. Wieder bipolar. Na, bipolar war sie schon immer, nur bis vor kurzem wirkten die Pillen noch. Erschöpft versucht sie, aufzustehen. Sie hat Durst. Aber das Wasserglas steht am Tisch einige Meter weiter. Im Moment ist das eine nicht zu überwindende Distanz. Dazu ist sie zu ausgelaugt. Seit Wochen hat sie nicht mehr richtig geschlafen. Nur gerade genug, damit ihr Körper funktioniert, aber nicht genug, um erholt zu sein. Trotzdem nimmt sie keine Schlaftabletten. Sie hat schon einmal gesehen, was sie aus einem Menschen machen können und sie wehrt sich vehement gegen die Abhängigkeit von diversen Substanzen. Reflektion: Nicht suchtkrank. Müde. Erfolgslos. Beschäftigung? Enttäuscht sein. Wer kann denn bloß hinter einem selbstzerstörerischen, stillen Mädchen stehen, wenn sie es selbst nicht kann? Wenn die Familie wüsste, dass ihr Taschengeld in Medikamente und Therapie fließt…würden sie sie dann verstehen? Vielleicht. Aber sie will sich nicht öffnen. Leute sollten nicht zu viel über sie wissen. Sie lässt sich auf ihr Bett fallen. Ihr Zimmer? Ein Chaos. Bücher? Ungelesen. Und sie selbst? War schon lange nicht mehr verliebt, verstaubt innerlich und hat Durst. Reflektion abgeschlossen.
Die Lawine.
März 2014.
Die Lawine.
Massen von Verzweiflung gleiten hinab in sein Tal der Furcht. Sie zerstören Frucht und Land, entwurzeln ihn und lassen ihn still und leblos zurück, als ob nichts gewesen wäre. Nur kristallener Staub erinnert an den Sturz. Mit unterkühltem Herzen und schaurigem Blick sieht er sich um, um das Ausmaß der Zerstörung zu begutachten. Wo einst Halt, ist nunmehr Unsicherheit und die Angst vor einem erneuten Abgang. Um es nicht zu provozieren, wagt er es kaum, zu atmen. Jede Bewegung scheint Brocken zu lockern. Das Schlucken fällt ihm schwer. Immer noch liegt er, unfähig sich aufzurichten, um die Aufräumarbeiten zu beginnen. Wo anfangen? Es ist zu viel verloren, hoffnungslos und unmöglich, das alleine zu schaffen, sein Leben ist ein Chaos. Hinten, weit draußen, hört er, wie ein Sturm aufkommt. Wenn er jetzt geht, kann er es noch bis zum Unterschlupf schaffen. Oder er bleibt. Das Unwetter nimmt seinen Lauf. Quer zum Hang bilden sich Bretter aus miserablem Versagen, oder dem, was er als Versagen deutet. Es beginnt, herunterzurutschen, und ihn unter sich zu begraben. Noch spürt er die feine Beschaffenheit des Zeitdrucks. Bald wird er genug Zeit haben. Nach und nach zieht es ihm die Luft aus den Lungen. Versucht, sich irgendwo festzuhalten, doch es gibt nichts mehr, auf das er sich verlassen kann. Noch ein paar Augenblicke, Schnappschüsse der Realität schießen an ihm vorbei. Ein letzter Herzschlag, dann atmet er die Melancholie aus, bevor er die Augen schließt und das Gewicht auf seiner Brust für immer nachlässt.
Ungesehen.
Februar 2014. Es ist schwer, diese Wehmut ertragen zu müssen. Um einen herum spielt das Leben, doch in einem selbst spielt bloß eine dumpfe Oper, die sich mit ihren ironischen Liedern über einen lustig zu machen scheint. Im Kopf ist so viel Krach, obwohl man in einem Vakuum sitzt. Ein Bombenschlag mit minus fünfzig Dezibel.
Vergangene Schwalbenträume.
Tatendrang. Februar 2014.
Vergangene Schwalbenträume.
Einst zahlreiche Pläne fliegen fort Im Schwalbenmeer Eines ist dir klar, du triffst sie nicht mehr Und fühlst dich nun so seltsam leer Denn Fernweh trieb dich in die Enge Wolltest raus und nicht rein ins U-Bahn Gedränge Um acht Uhr morgens in der Ferne Hörst du trübe, altbekannte Schwalbengesänge Fast ein Jahr Arbeit, für eine Woche Spanien Doch Anstatt Valencia im Herzen Und starken Schwalbenharmonien Erträgst du bloß stürmische Aufstandsschmerzen In Winterstarre ein Leben lang Die tauben Lebensversprechen rauben dir den Schlaf Steckuhrstress und Sekundendiebe Machen freie Schwalben krank
Wegziehen.
Februar 2014
Wegziehen. Nebelfelder hängen schwer Über den Bergen Gesichter so leer Dieses Dorf gibt mir nichts mehr Versuche Angst zu verbergen Gedanken zentnerschwer Will mich nicht beschweren
Heimat
Januar 2014, während der Schule
Heimat dort wo die grauen Felsenspitzen schüchtern in die Lüfte ragen wo Kälte und Tragik gleich Heimat und Wärme sind sich Tapferkeit und Ausweg endlich in die Freiheit wagen das letzte Stück vom Wind getragen Sicherheit und Zuversicht sich den Weg ins Leben bahnen wo Weltschmerz und Angst in der Tiefe verhallen während Sommer mit Herbst verschmilzt Gletschertränen Atem spenden und ich ein Teil des Ganzen stets alleine doch nie einsam bin.
scheitern.
Gedicht, Januar 2014
scheitern.
zu oft einem die Worte fehlen man kann nicht mehr als alles geben doch wenn einen der Eifer drängt und dabei den Stolz erhängt so begrenzt, sie seh'n nicht weit man selbst ist still, der Zweifel bleibt. das Verlieren ist man gewohnt sag, haben sich die Mühen gelohnt? wenn Sieger selten Freude haben weil and're sich in Wehmut aalen es siegt wohl nur wer wirklich sieht es scheitert auch wer alles gibt
About Writing I.
January 2014. School can be a very frustrating place at times. Just a few days ago during French class I felt this sick, strange dissatisfaction within me so I started to take some notes and immediately felt better. This is the result. It's a few thoughts about the act of writing, enjoy. 'Today was the first time for ages I felt it again - the deep urge to regurgitate the harming thoughts, in order not to hurt myself. Confused I sat in the middle of too many people and tone of the way they spoke was intimidating. I was not able to understand what they said because cold war was about to break out in my head. Again.'
dezemberkalt.
dezemberkalt.
Seufzend schloss er sein Heft. Sieben Seiten geschrieben. Das sollte genug für heute sein. Sein mittlerweile kalter Kaffee stand zwar noch am anderen Ende des kleinen Mahagonitisches aber das Teller mit dem halb gegessenem Apfelstrudel war nunmehr verschwunden. Vermutlich hatte es der Kellner mitgenommen, als er in sein Geschreibsel vertieft war. Verschlafen rieb er sich die Augen. Er dürfte an die anderthalb Stunden beschäftigt gewesen sein, genau wusste er es nicht, aber er vermutete es, denn inzwischen saß eine komplett neue Garnitur von Menschen in dem kleinen Kaffeehaus. Zwar war er nun schon seit langer Zeit, länger als er zugeben möchte, als Schriftsteller tätig, doch es überraschte ihn immer wieder aufs Neue, wie viel an ihm spurlos vorüberging, wenn er einmal von einem Schreibanfall gepackt wurde. Noch ein letzter stolzer Blick auf sein Heft, dann steckte er es in seine Laptoptasche. Dabei fiel ihm sein treuer Reiseführer für Hamburg ins Auge. Er nahm ihn kurz heraus und blätterte ihn durch. Wie sehr er die Stadt vermisste. Aber er vermisste auch andere Städte zu gleich, er war ein niemals zufrieden stellbarer Reisender, auf der Suche nach seiner Stadt, obgleich man wohl eine Stadt zu seiner Stadt machen müsste, denn kein Platz der Welt, so schön er sein mag, ist makellos. Wenn man will, findet man immer etwas zum Aussetzen, selbst an Hamburg. Er bestellte ein Glas Wein, das er sich nach harter Arbeit wohl verdient hatte. Just in dem Moment, wo er den Kellner zu sich rufen wollte, fiel ihm das Mädchen nur einige Meter weiter auf. Er erkannte sie sofort. Sie war gerade in ein Buch vertieft, und er konnte nicht anders, als sie anzusehen. Dabei merkte gar nicht mehr, wie der Kellner ihn bereits zum dritten Mal um die Bestellung fragte. Einen doppelten Espresso, bitte, murmelte er geistesabwesend. Wie lange hatte er sie nicht gesehen? Viel zu lange. Am liebsten würde er sich zu ihr setzen, doch irgendetwas hemmte ihn. Was sollte er ihr denn bitteschön sagen? Ta-Da, hier wäre ich wieder, nach zig Monaten, wie ist dein Leben so verlaufen? Es war nicht nur seine Schuld, redete er sich ein, er war viel beschäftigt. Nachdem letztes Jahr sein neuestes Buch veröffentlicht worden war, war er wieder ständig am Reisen. Berlin, Hamburg, Frankfurt, München, Köln, Wien. Und wieder von vorne. Lesungen, Interviews, Auftritte. Er kam kaum zur Ruhe. Wie es eben so ist. Man lebt sein Leben, und die Zeit rauscht an einem vorbei. Und sie? Sie ist noch hübscher geworden, dachte er, seit er sie das letzte Mal vor gut einem halben Jahr in Wien getroffen hatte. Damals gingen sie noch essen, mit ein paar Kollegen und Freunden, und sie zelebrierten ihr beinahe einjähriges Bestehen ihrer Freundschaft. Melancholisch dachte er zurück, als sie sich zum Ersten mal trafen, bei einer Verleihung irgendeines Jugendliteraturpreises. Sie gewann nicht, durfte aber trotzdem einige Gedichte und Zeilen aus ihrem Werk vortragen. Es hatte ihn sofort in den Bann gezogen. Oder vielleicht war es auch ihr langes, braunes Haar, das auf ihre Schultern fiel, ihre tief blauen Augen, die endlos tief schienen und ihre porzellanweiße Haut. Natürlich war er viel zu schüchtern, sie anschließend anzusprechen, aber zum Glück hatte er einen Freund dabei, der die beiden bekannt machte, dafür war er ihm bis heute unendlich dankbar. Sofort kamen sie ins Gespräch, und tauschten sich aus über das Schreiben, Theater und ihre Lieblingsstädte. Vielleicht lag es an ihrer Reife und ihrem smarten Auftreten, aber er hielt sie für sehr viel älter als sie war. Fast erschreckte es ihn, als sie erklärte, sie müsse jetzt los, weil sie am nächsten Tag zur Schule müsse. Die Matura bereite sich ja nicht von selbst vor. Aber das machte sie fast noch interessanter. Und die Art wie sie sprach, leise, mit zittriger Stimme, ihren Kopf dabei immer schüchtern gesenkt, beeindruckte ihn ebenso wie ihr Augenaufschlag, unschuldig und fast engelsgleich. Danach trafen sie sich einige Male, und er begann zu schreiben, sie lieferte ihm Stoff für einen seiner Hauptcharaktere seines letzten Romans. Sie unterstützten sich, kritisierten sich auch, und es entwickelte sich eine Freundschaft die mithalten konnte mit jener von Goethe und Schiller. Trotzdem verloren sich dann nach gut einem Jahr irgendwie ihre Wege. Wie das Leben eben spielt. Man trifft jemand, Schicksal. Man verliert jemand, Zufall. Oder umgekehrt. Oder weder noch. Das ist wohl die Ironie des Lebens. Aber jetzt saß sie wieder da. Und er beschloss, hallo zu sagen. Und in dem Moment, wo sie aufblickte, ihr Buch weglegte und aufrichtiger lächelte, als es je jemand könnte, wusste er, dass er da fortfahren könnte, wo sie sich vor einem halben Jahr verabschiedet hatten. Smalltalk fiel ihm nie leicht, leider ihr auch nicht, also saßen sie eine Weile nur nebeneinander, bis irgendwer die Stille brach, aber wer das war, war nicht wichtig, in jenem Moment.
Ob er sie vermisste, fragte sie ihn. Und ob er oft an sie dachte. Er überlegte kurz. Eigentlich, musste er sich zugestehen, dachte er nicht oft an sie. Trotzdem vermisste er sie. Zumindest hatte er das Gefühl, etwas fehlte. Aber das konnte alles bedeuten. Ihr Blick war nicht fokussiert, sie schien nicht ganz beim Gespräch zu sein. „Wenn ich Sie belästige“, sagte er, „dann sagen Sie es doch bitte. Ich will mich niemanden aufdrängen!“ „Hören Sie“, lächelte sie sanfte, „ich habe oft genug Einsamkeit erfahren um Gesellschaft wie die Ihre mehr als zu schätzen.“ Daraufhin lehnte er sich beruhigt zurück und blickte wieder in ihre Richtung. Sie war gerade damit beschäftigt, mit der einen Hand ihre Zigarette auszudrücken und sich mit der anderen eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Vorsichtig rückte er etwas näher. „Wissen Sie“, er räusperte sich, „ ich hatte noch nie für jemanden das Gefühl von Zuneigung und Bewunderung zugleich“. Zögernd blinzelte sie ihn an. Sie schien ihn nicht ganz zu verstehen. Also fuhr er nach einer kurzen Pause fort: „Und das macht Sie wohl zu etwas Besonderem, wenn ich so sagen darf. Die Leute, die ich bewundere, schätze ich nicht. Und die, die ich schätze, bewundere ich nicht. Aber bei Ihnen ist das anders.“ Ich glaube, wir haben uns einfach zu lange nicht gesehen, sagte ihr Blick, du redest dir was ein, denk an deinen Sohn, der Junge braucht dich, auch wenn er sehr gut bei seiner Mutter lebt. Ihre blauen Augen glänzten im schummrigen Licht des Cafés. Er schüttelte leicht den Kopf, er musste auf andere Gedanken kommen. Doch ihre schlanke Hand griff nach seiner und er musste sich zusammenreißen, um sie nicht sofort in den Arm zu nehmen. „Sie wissen ja, was ich von Ihnen halte“, flüsterte sie mit rauer Stimme während sie ihre Hand in seine legte und sie kurz darauf wieder zurückzog. Was hatte das jetzt zu bedeuten? „Verwirr mich nicht“, dachte er. Sollte das jetzt abschätzig gemeint sein oder das totale Gegenteil? Aus ihrer Stimme war das einfach nicht zu erkennen. Inzwischen hatte sie sich eine neue Zigarette angezündet und ein Glas Wein bestellt. Wir sollten über Literatur reden, meinte sie und lächelte wieder aufrichtig, das konnten wir doch immer am besten. Mit der leeren Kaffeetasse im Auge, nickte er kurz und überlies ihr so den Anfang des Gesprächs. Er wusste, dass ihr das nicht leicht fallen würde, weil sie immer darauf wartete, dass andere auf sie zukamen. Doch sie musste auch mal lernen, den ersten Schritt zu tun. Ob er gerade an etwas Neuem schreibe, wollte sie wissen, und dass sie Krieg und Frieden von Tolstoi gelesen habe, wie er es ihr empfohlen habe, und dass ihr der Roman zwar gefiele, aber ihr Lieblingsbuch würde es nicht werden, obwohl sie verstünde, warum er zu den Klassikern der Weltliteratur zählt. Dann wartete sie auf eine Antwort, doch er blieb ruhig und sah aus der Glasfront hinaus, beobachtete die Leute, die am Gehweg vorbeirauschten. „Ich weiß nicht, ob mich meine Bewunderung für Ihr Werk nicht von dem Menschen dahinter ablenkt“, seufzte sie und trank. „Mögen Sie meine Schriften etwa mehr als mich?“ Enttäuscht rückte er etwas weg von ihr. Es grenzte für ihn schon fast ans Kränken, was sie ihm da gesagt hatte, schließlich definierte er sich nicht nur über sein Schreiben. Naja, zumindest nicht mehr als andere Schriftsteller. „Hören Sie zu, lassen wir die Förmlichkeiten – in Ordnung, Daniel? Was ich damit sagen wollte, ist“, zog ein letztes mal an der Zigarette, drückte sie aus und schob den Aschenbecher aus ihrem Blickfeld, „ich kenne dich kaum. Und du mich nicht. Obwohl wir uns schon so oft gesehen haben. Aber ich weiß nicht, wer du bist. Ich kenne die Charaktere in deinen Büchern besser als dich.“ „Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt“, nuschelte er in ihre Richtung. Sie wurde schlagartig weiß. Damit hat sie wohl nicht gerechnet, dachte er. Nun fiel ihr keine Antwort ein. Verlegen griff sie nach ihrem Glas Wein und trank einen kräftigen Schluck. Gleichzeitig fingerte sie nach ihrer Packung Zigaretten und dem Feuerzeug, das darauf lag. Ihm fiel auf, wie sich ihr Dekolleté und ihre Wangen rot färbten. „Ich weiß, das kommt jetzt plötzlich, aber ich meine es wirklich so, ich mache dir nichts vor. Was denkst du? Bitte sag etwas. Irgendetwas. Sag, was du von mir haltest. Ich weiß, ich bin ein Stück Älter, aber…“ „Zwanzig Jahre“, unterbrach sie ihn. Sie schien sich unwohl zu fühlen und zitterte beim Anzünden ihrer Zigarette, für das sie drei Versuche brauchte, „ich bin noch nicht mal so alt.“ Anstatt das zu sagen hätte sie mir auch ins Gesicht spucken können, dachte er bei sich, und versuchte sich seine Frustration nicht anmerken zu lassen. „Du musst das doch verstehen, du warst sicher auch schon einmal verliebt!“ „Nein, ich hüte mich vor dem Verliebtsein. Ist man verliebt, bietet man eine perfekte Angriffsfläche zum Verletztwerden. Du hast einen Sohn, Daniel.“ „Verletztwerden? Mach dich nicht lächerlich, du bist gerade einmal 19.“ „Erst nächsten Monat.“ „Siehst du, wir lernen uns kennen.“ Er versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nicht. Das war wohl Versagen auf größter Ebene. Wenn er jetzt nicht nur eine Freundschaft verspielt hatte, dann hatte er jetzt auch seinen größten Bewunderer verloren, seine beste Kritikerin und seine größte Inspirationsquelle. Warum musste er auch immer den Mund aufmachen? „Ich mag dich auch, aber wie gesagt, wir kennen uns kaum, das könnte ein Fehler sein.“ „Wir kennen uns seit du siebzehn bist. Ich glaube kaum, dass wahre Liebe ein Fehler sein kann.“ „Übertreib es nicht, mein Freund, übertreib es nicht“, mahnte sie ihn und blickte ihn streng an. Er konnte sich kaum zusammenreißen. Aber er war froh, denn ‚Mein Freund‘ sagte sie nur zu jenen, die ihr wirklich wichtig waren. Er hatte also doch noch Chancen. Zumindest, um zu retten, was noch zu retten war. „Ich bin sehr aufopferungsbereit“, sagte sie schließlich, „und ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn ich mich in dich verliebe. Schließlich wollte ich noch-“ „Also magst du mich auch?“ „Nein, ich bewundere dich“, flüsterte sie und lächelte dabei verlegen. Ihr Hals wurde immer röter und Daniel immer verrückter nach ihr. Simple Biologie, und dazu noch unberechenbare Gefühle eines passionierten Künstlers – irgendwie eine toxische Mischung. Er legte seinen Arm um sie und zog sie näher an sich heran. Dabei küsste er ihr sanft auf den Kopf. Sie zitterte etwas, aber das legte sich, als sie ihn kurz anblickte, bevor sie unsicher auf den Boden starrte. Er ließ sie nicht los und drückte sie etwas fester, wobei er merkte dass sie sich etwas zu ihm drehte. Zart hauchte sie ihm einen Kuss auf die Wange. Jetzt war er sich sicher: Er wollte sie. „Das ist der perfekte Moment, wie wäre es mit einem Kuss?“, flüsterte er in ihr Ohr. Doch sie wich zurück und begann ihre Zigaretten einzupacken. „Daniel, Bewunderung ist nicht Liebe, ich sollte gehen.“ Beim Aufstehen drehte sich noch einmal zu ihm um, und blickte ihn mit ihrem treuen, ehrlichen Blick an. Er wusste, dass sie das nicht leichtfertig sagte, dass sie sich selbst mehr weh tat als ihm. Trotzdem fühlte er sich ernsthaft hintergangen, belogen. Irgendwie war er wütend, versuchte es aber, so gut es ging, hinunterzuschlucken. Sie hätte ihn stattdessen einfach in die eiskalte Donau werfen können. Dann würde er jetzt wenigstens nichts mehr fühlen, wär abgelenkt und müsste sich nicht um seinen verletzten Stolz kümmern. Der war gerade nämlich wirklich gefährlich beschädigt worden. Sie wusste wohl mehr über Liebe, als er wahrhaben wollte und während sie das Café verließ und ihr langes braunes Haar im Windzug zerzauste und den Kragen ihres Mantels hochzog, fiel ihm auf, dass sie ihr Buch liegen gelassen hatte. Er nahm es, und öffnete die Seite mit dem Lesezeichen , Seite hunderteinundreißig, und begann einen sorgfältig unterstrichenen Paragraphen zu lesen:
“He stood waist-deep in the icy, Decemberish water. ‚How about a kiss, Saumensch?’, he said. The surrounding air was a lovely, gorgeous, nauseating cold, not to mention the concrete ache of the water, thickening from his toes to his hips. How about a kiss? How about a kiss? Poor Rudy.“* Er schloss das Buch und mit ihm seine Augen. Sie hatte wohl recht. ‚Bewunderung ist nicht Liebe.‘ Ihre Worte hallten noch immer nach. Ihre Stimme wie ein Echo in seinem leeren Kopf. Sie hatte Recht. Idealisieren ist die größte Schwäche der Liebe. Wir lassen uns von scheinbarer Perfektion in die Irre führen und wachen erst auf, wenn unser Bild zerstört ist, und mit ihm, wir selbst. Nun wäre wohl alles gesagt. Er sollte wohl erwachsen werden. Nur eine Frage stellte er sich noch: War er Rudy? Und schwamm er bereits seit er sie kannte in der dezemberkalten Donau, ohne es zu merken? Wie wäre es mit einem Kuss? Armer Daniel.
*(quote from The Book Thief by Markus Zusak, page 251)
Der Student von Sylvia Plath
Der Student von Sylvia Plath
Es begann mit dem Geographiestudium. Und Geschichte und Anglistik. Und Slowakisch und Theologie. Sprachwissenschaft, Kunst, Musik und Psychologie. Germanistik und Rechtswissenschaften. Vorlesungen auf zig Instituten, wie sie verschiedener nicht sein konnten. Und es endete, wie es sich zuerst nicht anmuten lässt, sechs Fuß unter der Erde. Dabei war er noch so jung. Und wie konnte es dazu kommen? Wäre es nicht so tragisch, könnte man fast schmunzeln. Ein naiver, aber doch liebenswürdiger Bursche quälte sich durch die Reifeprüfung, bestand, mit Ach und Krach und wurde komplett unvorbereitet ins Leben gelassen. Man hatte ihm die Sterne vom Himmel versprochen und immer davon geredet, dass jetzt die schönste Zeit seines Lebens kommen würde. Darauf hatte er sich gefreut, und wie, denn bisher hatte er nicht viel zu lachen. Er war auch nicht auf den Kopf gefallen und versuchte, möglichst realistisch zu sein, und ihm war wohl bewusst, dass er sich durchbeißen müsste. Und er hatte große Pläne. Das ist die Stelle, wo man sich zu einem Lächeln durchringen könnte. Hatten wir die nicht alle, die Pläne? Wollten wir nicht alle einmal etwas Großes werden? Wollten wir nicht alle die Welt verändern? Etwas erschaffen, das bleibt? Aber irgendwann mussten wir einsehen, dass das nicht so einfach ist und es schon etwas Großartiges ist, wenn man sein Leben meistert und den Alltag übersteht, ohne zu viel Kollateralschaden zu verursachen. Wenn man mit seinem Umfeld klarkommt, möglichst wenig Menschen verletzen und trotzdem so produktiv wie es geht zu sein. Für ihn war das alles nicht so klar, wie für niemand von uns. Er war so voller Tatendrang, ein kluger Bursche. Nicht so wie wir, unmotiviert und gelangweilt. Er verbrachte seine Freizeit in den Hörsälen, so wie wir sie in der Jazzbar neben der Universität verbrachten. Sein Leidensweg begann ab dem Moment, wo er sich entscheiden musste. Für ein, zwei Fächer. Und er konnte es nicht. Stattdessen studierte er alles ein bisschen, wissbegierig wie er war. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis dieses Unterfangen zum Scheitern verurteilt war. Als wir vor ein paar Tagen in seine Wohnung kamen, um seine letzten Habseligkeiten zu entfernen und sie zu seinen alten Eltern zu bringen, damit endlich Platz für neue Mieter war, fand ich ein paar Manuskripte. Vollgeschrieben mit schwer leserlichen Worten, kaum eine freie Zeile. Die zitternde Handschrift lies nur mehr Vermutungen zu, was er genau sagen wollte, aber er schien möglichst viel in möglichst kurzer Zeit schreiben zu wollen. Als ob er gestresst gewesen war. Als ob ihm die Zeit wegliefe. „…mir bleibt doch keine Zeit, ich muss jetzt etwas Erschaffen, bevor es jemand anderes tut.“ Ich steckte die Zettel in meine Tasche und nahm sie mit nach Hause, um sie in Ruhe zu lesen. Mein armer Freund, schrieb offensichtlich, weil er niemand hatte, mit dem er reden konnte. Weil ihn niemand verstand. Nicht einmal ich, obwohl ich ihn doch fast täglich traf. Aber er erzählte von sich aus nie viel. Vielleicht weil er mündlich auf die Schnelle nie die richtigen Worte finden konnte.
„…Ich will so viel wissen, und bin dabei doch so begrenzt.“
Je mehr Worte ich entzifferte, desto schwerer fiel mir das Schlucken. „…das einzige, was schwerer ist, als so viel Wissen wie möglich aufzusaugen, ist, die Menschen, die einen dabei begleiten, zufrieden zu stellen…“ Manchmal fragte ich mich, ob er nicht selbst gewusst hat, wohin seine Neugier und sein unstillbarer Wissensdurst führen würden. Ein kleiner Blick in seine Schriften genügte, um festzustellen, dass hinter dem müden, matten jungen Mann mehr gesteckt hatte, als das, was seine schlaffe, kraftlose Erscheinung anmuten ließ. Es war die scheinbar geistlose Fassade eines schlaftrunkenen, gescheiterten Studenten, die jene, die ihn nicht kannten, dazu veranlassten, ihn zu meiden. Trotzdem war er wohl nie ganz einsam. Immerzu hatte er seine Bücher, seine Studien, sein Schreiben und seine Handvoll Freunde, mich inkludiert, die versuchten, ihn nicht ganz aus den Augen zu verlieren, während wir anfingen, zu arbeiten und Teil des Systems zu werden. Scheiternde und funktionierende Beziehungen hatten, die Universität irgendwie abschlossen, leere Titel erlangten. „Das Nicht-Wissen ist nicht mein Problem. Das Lernen und Lesen ist kein Problem. Aber die Gewissheit, nie alles lernen zu können, was ich wissen müsste, um zufrieden sterben zu können…das macht mir zu schaffen.“ Es klappte trotz allem… Bis zu jenen Tag, als er nicht mehr studierte. Seine Bücher geschlossen blieben. Er nicht ans Telefon ging. Keinen Spaziergang um den grauen Wohnblock machte und sich nicht kurz auf die Bank unter dem Kastanienbaum, der ganz alleine schwermütig im Park stand, setzte. „Dieses Leben hier grenzt mich ein. Ich will nicht mehr in all meinen Möglichkeiten begrenzt sein. Ich will wissen und sehen, was es alles gibt, die Welt in all ihren Facetten überblicken…entdecken, was noch nicht entdeckt wurde…Mehr als die erbärmlichen Wände der Universität und mehr Leute kennen, als die öden Studenten, die ihr Leben auf bereits lang niedergetrampelten Pfaden führen. Mehr Sprachen lernen, um mehr ausdrücken zu können, damit ich endlich begriffen werde und damit ich mehr erschließe… Wenn ich mich nicht mehr vermitteln kann, mir die Worte ausgehen, dann bin ich nicht mehr. Wenn ich mich nicht mehr aussehe, weiß ich nicht mehr weiter. Je veut être en vie, ich will am Leben sein – oder gar nichts mehr empfinden müssen.“ Zu Hause angekommen, begann ich sofort nach dem letzten Buch zu suchen, dass ich mir von ihm lieh. Er meinte, ich könne es behalten. Ich schlug die erste Seite auf, und begann nun endlich die Widmung, die für mich damals fremd war, zu verstehen. „Mein lieber Freund, behalte dir stets folgende Worte einer weisen Frau in Erinnerung, aber nimm es dir nicht zu sehr zu Herzen. Gib dich zufrieden, mit dem was du hast. Sonst endest du wie ich. ‘I can never read all the books I want; I can never be all the people I want and live all the lives I want. I can never train myself in all the skills I want. And why do I want? I want to live and feel all the shades, tones and variations of mental and physical experience possible in life. And I am horribly limited.‘ -Sylvia Plath“
Mädchen in Gelb
Text vom Januar 2014, aus der Angst vor der Zukunft entstanden.
"Einsamkeit ist keine Erscheinung, sondern ein Gefühl, das man immer in sich trägt und dessen man sich entledigen muss. [...] Ich glaube, das ist das Studentenleben von dem wir einst gemeinsam träumten."
Ein Appell gegen die Apathie
Lest mehr Bücher. Hört mehr Musik. Malt mehr Bilder. Treibt mehr Sport. Schreibt mehr Geschichten. Erlebt mehr. Reist mehr. Lernt mehr. Egal, was: Hauptsache man MACHT etwas. - Ein Appell gegen Apathie, den kleinen Bruder der Depression
For the woeful artist.
This goes out to all the good ideas that never got the chance to evolve into something grand. This goes out to all the thoughts that have been buried deep in a sordid soul. This goes out to all the stories never written, pictures never painted and all the songs never sung. This goes out to all the afflicted artists that never laughed, only faked a smile and tried to stay alive. Rest in peace. You are truly missed.
- January 2014