Die Big-Data-risierung des Menschen steht in der Tradition der Dokumentation und braucht Critique, meint Ronald E. Day
Ronald E. Day (2014) Indexing it all: The Modern Documentary Subsuming of the Subject and its Mediation of the Real. In: iConference 2014 Proceedings (p. 565 - 576). doi: 10.9776/14140
Kernaussagen:
Für die Entwicklung der Dokumentation im 20. und 21. Jahrhundert lassen sich Entwicklungsstufen bestimmen. (sh. auch unten)
Jede dieser Stufen steht für eine höhere Stufe des Einschlusses (subsumption) von menschlichen Akteuren und Texten in zunehmend abstrakter dokumentarische Abbildungsformen.
Der Prozess wird durch die dialektische Wechselbeziehung der Verfahren und Organisationsformen der modernen Dokumentation mit den Ideologien des Spätkapitalismus (Neoliberalismus).
Im Zentrum dieser Entwicklung stehen der Prozess der Indexierung und der Stand der Indexikalität. Die Indexierung entspricht der individuellen, sozialen und textuellen Positionierung von Subjekten (Menschen) und Objekten (z.B. Texten) mithilfe von Techniken und Technologien der Dokumentation. Die Indexikalität entspricht den Modi der aus der dokumentarischen Indexierung entstehenden Zitation und Referenzierung.
In der Moderne sind Indexierung und Idexikalität zentrale und in ihrer Bedeutung wachsende Quellen / Mittel der sozialen Positionierung der Individuen.
Dokumentarische Praxen wirken demzufolge zunehmend nicht nur als Verfahren zur Vermittlung intersubjektiven Austauschs sondern auch zur Vermittlung von Identität.
Dokumentarische Verfahren und Technologien verbinden dialektisch technische UND ideologische Operationen.
Den auf permanentes Bewerten gerichteten Verfahren im Anschluss an das Social Computing, Social Big Data und neoliberale Gouvernmentalität (sh. unten) muss mit (der Möglichkeit) der Kritik (Critique) begegnet werden können. Ohne Kritik neigen Bewertungen dazu, zunehmend ideologisch und formalisiert zu werden.
Die analysierten Traditionsstufen bzw. Episteme der Dokumentation
Europäische Dokumentation (vor allem: Paul Otlet)
Anwendung von hermeneutischen und psychologischen Ansätzen des 19. Jahrhunderts
Das Buch ist kein externes Objekt sondern etwas, mit dem der Leser, seinen jeweiligen Informationsbedürfnissen folgend, in eine individuelle Wechselbeziehung eintritt.
Information, die Dokumente und das Subjekt (mit seinem Informationsbedürfnis) bilden einen Kontext, wobei sich auch der Mensch sich in diesem (über seine Informationsbedürfnisse) selbst einordnet / positioniert. Er wird damit Teil der Beziehungen innerhalb des Dokumentationssystems.
technologische und epistemologische Transformation des Dokumentenretrieval zum Information Retrieval (Lösung vom Träger), vor allem 1960er und 1970er Jahre
zugleich: Transformation der Dokumentationswissenschaft bzw. -kunde (documentation studies) zur Informationswissenschaft (information science)
Beide, Nutzer und Text, werden in diesem Zusammenhang zu Information im System.
Schlüsseltechnologien: automatische Zitationsindexierung (Eugene Garfields / ISI Science, Social Science, Arts and Humanities Citation Indexes), Infrastrukturalisierung von dokumentarische Verfahren (Computerisierung, Vernetzung)
ermöglicht: Analyse wissenschaftlichen Verhaltens, bibliometrisches Ranking von Autoren (=Individuen, dokumentarisches Subjekt) auf einer Ebene mit Publikationen bzw. Informationsobjekten.
folgt ideologischen Normen der Wissenschaftsgemeinschaft bzw. Reputationsgenese in der Wissenschaft
Web-Link-Analysen (nach den Mustern der Zitationsanalyse) UND Recommender-Systeme
Übertragung der sozialen Logik der Zitationsanalysen auf allgemeine Nutzergruppen von digitalen Informationssystemen
Elemente:
- Metadaten und Texte (Webseiten, Webobjekte), die zueinander in Beziehung gesetzt und auf dieser Grundlage gerankt werden
- automatisch identifizierte Ähnlichkeiten zwischen Objekten
- Beziehungen zwischen Subjekten ("Friends")
Ziel: Vorhersagen über das Informationsverhalten und zu Informationsbedürfnissen
Kernbegriffe: Interpellation (nach Louis Althusser) von Subjekten und Interpolation von Daten (Interpellation bedeutet in etwa: Der Prozess der individuellen Identitätsbildung durch eine von sozialen und politischen Instanzen verkörperte Ideologie.)
Social Computing vermittelt menschliche Interaktionen über technische Infrastrukturen von Empfehlungssystemen, Boole'schen Verknüpfungen, rekursiven Algorithmen und Sprachverarbeitungssystemen, deren Zweck es ist, den semantischen Gehalt und semantische Ähnlichkeiten zu bestimmen.
Ziel: Übertragung menschlicher Fähigkeiten (menschlicher Subjektivität) auf technische Systeme
Während die Dokumentation das Ziel verfolgte, Inhalte aus Dokumenten zu den Nutzern zu übertragen, sollen in der Künstlichen Intelligenz bestimmten intellektuelle Kapazitäten in die Maschinen hineingecodet / geskriptet werden.
Computer sind nicht Übertragungskanäle der Kommunikations zwischen Menschen (human to human interaction) sondern werden selbst Kommunikanten (human to computer interaction).
Social Big Data und neoliberale Gouvernementalität
zentrale Anwendung des Social Computing zur gouvernementalen Zwecken: Große Datenmengen werden mittels Inter- und Extrapolation zu Vorhersagen zum individuellen Verhalten und als Basis für soziale und politische Entscheidungen und Steuerungen benutzt
Dokumentarische Objekte und Subjekte werden dabei als data-points verknüpft, in denen Interessen und Ableitungen aus dem Datenbestand zusammengeführt werden. Auf dieser Basis werden die Subjekte nach Interpellationen (Identitätsbildung / Identifizierung durch ideologische Einordnung) und sozialen Positionierungen, als Datum zusammengefasst mit dokumentarischen Objekten, analysiert. Für ein Individuum können Daten und Aufzeichnung in Echtzeit und rückwirkend relationiert und auf Ableitungen und Vorhersagen hin ausgewertet werden.
Die daraus entstehende Gouvernementalität, deren Kernmerkmale Eigenpositionierung (vielleicht auch: Evaluation) und Wettbewerb sind, ist durch umfassende Prozesse der Kontrolle und Eigen-Kontrolle gekennzeichnet mittels großer und rekursiver Datenbestände gekennzeichnet. (cybernetic governance)