Aufprall im Sand. Deformierte Gesichter am Anlauf; wie mein Fuß. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, Schmerz. Der Schock hält mir nie lange genug. Ich balle die Fäuste unter Tage, will den Sand greifen, doch er ist staubtrocken. Lange geschieht nur nichts; Windstille und Zeitlupe. Wenn dann einer erst losläuft, kommen sie gemeinsam. Die Situation wird ernst. Rettungswagen fällt. Von allen weiß keine Hand, was sie bewegt, trotzdem bewegt es sich im Fluss. Massenhaft O2 in meinen Blutbahnen, dass der kleine, bald alle Finger kribbeln. Langsam atmen, Atempause, dann lange aus und es wird alles wieder gut. Einfach; wie im Lehrbuch. Nur den Schuh nicht ausziehen, Fuß und Bein stabil eingraben. Ein schnell improvisiertes Tuch verdeckt dabei die Sonne. Dann noch etwas Kälte. Schmerz pocht brutal. Gesammelte Aufmerksamkeit auf mich, bitte. Danke und dazu ein falscher Zeitpunkt. Blicke in vertraute Augen, ein wenig Hoffnung. Blicke auch in umliegende Augen, ohne Rückblicke. Stimmung heben, ob der Versuch gültig war. Gespieltes Sorgenlachen. Auch wegen meiner Schwangerschaftsatmung. Ärger über den Schmerz meiner Dummheit, wenn Verbissenheit siegt, verliert Kontrolle. Dass keine Tränen fließen, zweiundzwanzig Jahre Erwachsensein. Da, man hört das Blaulicht schon. Peinliche Rotwangen im bleichen Schattengesicht. Auffahrt für Rettungsfahrzeuge freihalten. Retter mit im Sonnenlicht reflektierenden Hosenstreifen nähern sich im müden Zombieschritt. Kreislauf. Ja, alles gut hier unten, nur keine Lust mehr auf Sandkastenspiele. Zugang brauche ich von euch nicht, dafür gibt es das Y-Chromosom. Auf die Trage und weg, bloß weg. Einfach in der Theorie, in den Daumen beißen; Schmerzverlagerung. Nur nicht den Starter beim Ablauf stören. Das hektische Geräusch der Rollen wie Flughafenkoffer. Die Sonne brennt, Urlaub in der Türkei. Viele gute Besserungen und Mitleidsmienen als Wegzehrung. Der Wettkampf darf weitergehen, weil keinem mehr nach Springen ist. Sand kratzt mir den Rücken wund. Startnummer 111, trotzdem kein Blaulicht bei der Kopfsteinpflasterfahrt; Martinshorn nur in meinem Kopf. Kugelschreibergeräusche wechseln sich ab mit zum Sterben trivialen Fragen. Ankunft an automatischen Notfallaufnahmeschwingtüren. Neonröhrenflackern, nackte Decke, immer mal Licht im Dunkel, Vorsicht Kurve, wieder Schwingtüren, neue Farbtemperatur. Alles wie in den Filmen, scherze ich noch, als mein Kopf unaufhörlich gegen Sanitäterbauchfett stößt. Die Trage hält im Flur. Einmal noch die gleichen Fragen. Meine Retter mit den spannenden Reflexionen schwirren ab. Obwohl um mich herum alles passiert, bin ich allein. Es gibt auch andere, denen es noch schlechter geht. Trotzdem dumm gelaufen der Sprung. Es dauert ewig, bis etwas passiert. Doch nicht mit mir. Junger Mann, dicker Finger, zu kleiner Ring, das alte Problem. Die Feuerwehr rückt an, als kaltes Wasser und Spülmittel nicht mehr helfen. Spannung überwiegt Schmerz. Bremsen lösen sich und schwungvoll geht es zum Röntgen. Ich mag Röntgenfrauen nicht: Kalte Hände, kaltes Herz. Kann auch die böse Gewohnheit sein, dennoch sehne ich mich nach Feinfühligkeit. Wieder zurück auf den Flur; Zeit als durchaus dehnbarer Begriff. Als mein Handy kommt, ein paar Telefonate, schnell wieder auf die Beine kommen, regeln, wie es weitergeht, da steht ein Arzt vor mir. Wir müssen operieren, Titanfuß; natürlich. Wäre ja auch peinlich gewesen, für ein paar überdehnte Bänder den Rettungswagen rufen zu lassen. Bedeutet also mindestens zweimal Frühstück auf Tablett ans Bett. Soweit alles verstanden, riecht der Narkosearzt nach Rauch. Vollnarkose, Rückenmark oder lokal. Freie Wahl; Gewinne, Gewinne, Gewinne! Wohl lokal, damit ich ihre Gesichter sehen kann. Die obligatorisch-skeptische Unterschrift, dass das Krankenhaus keinerlei Schuld trägt, wenn der Arzt es vergeigt. In einer Atempause werde ich traurig. Eine schlafarme Medizinstudentin sieht es; lässt es nicht an sich heran. Sie hat in den Vorlesungen zu gut aufgepasst. Dann rolle ich wieder weiter. Operationssaal 8; Folterkammer wird gescherzt. Aber erst einmal die Aktionspotentiale meiner Nervenbahnen stoppen. Das übernimmt Jill, angehende Chirurgin, mit ihrer großen Giftspritze. Macht nicht den kompetentesten Eindruck, doch Chefs Argusaugen wachen über ihre Mädchenhände. Ultraschallbilder sollen ihr beim Zielen helfen, helfen nicht, trotzdem ein paar Glückstreffer und kein irreparabler Nervenschaden. Aufatmend beginnt die Operation. Ein Schlafmittel bezweckt das Gegenteil und ich rede im Fluss; wohl eher aus Angst. Nach 25 von 45 angesetzten Minuten ist der Fuß um 6 Titanschrauben und eine Titanplatte reicher; mein Marktwert steigert sich. Alle wirken erleichtert und stolz. Auf mich. Jill malt einen Lachsmiley auf den Druckverband an meiner Blutabzapfhand. Wir grinsen uns an. Ein Mann, dessen einzige Aufgabe darin besteht, Kranke auf ihr Zimmer zu schieben, wird angefunkt. Außergewöhnlich selten hat auf der Welt jemand seinen Job so mies erledigt. Ich zähle 2 Türen und eine unsanfte Wandausbuchtung, gegen die er das Krankenbett manövriert. Mein neues Zuhause riecht nach Untermieterunrat; die Schwestern mögen mich. Vor mir im Bett ein Russe, der schnarcht, immer wenn er auf dem Rücken schläft. Eigentlich schläft er immer. Auf dem Rücken. Links neben mir, ich habe das Bett am Fenster, ein wechselhaft seniler Herr, der nachts um halb drei Schwarzbrot verlangt. Er erfand einmal eine Sprache, die nun nur noch er spricht; doch ein Ja passt als Antwort ohne Probleme. In der linken Ecke ein Motorradfahrer, der nach vierzehn Jahren seinen ersten Unfall hatte und das Pferd, das ihn abwarf, nun nie mehr satteln möchte. Tragisch geht es so in die Nacht. Am zweiten Tag fliegender Wechsel: Aus der linken Ecke der Geruch nach Straßeneckenurin und Plastikflaschenalkohol. Ein verwirrter Obdachloser hat sein Bein gebrochen. Das merkte er daran, dass es immer wegknickte, wenn er gehen wollte. Die Schwestern streiten sich um mich, weil ich einfach unkompliziert sei. Keiner will die Alkoholdauerfahne abwaschen. Außerdem könnte er sich beim Nacktfrühstück am Bett etwas anziehen. Bitte. Den Tageshöhepunkt bildet das Ladegerät für mein Handy. Erst mal Facebookstatus: Ich lebe, bemitleidet mich trotzdem. Die schlaftrunkenen Visiten am viel zu frühen Morgen sind wirklich wie in Fernsehserien. Gelegentlich informativ, meist pseudointellektuell, irgendwie bin ich nur ein wortloses Ausstellungsstück; unverkäuflich. Am dritten Morgen geht alles ganz schnell. Wunde gut rot-blau, Röntgenbilder grün, Kreislauf stabil, Krückenakrobatik solide; Entlassungspapiere. Ganze zwei Druckseiten, auf die man lange warten kann. Genau richtig kommen gute Freunde, immer mit bester Laune. Heimlich stibitzen wir einen herumstehenden Rollstuhl, nehmen neuen Anlauf und fliehen gemeinsam in eine ungewisse Freiheit.