Jedenfalls war ich in wien angekommen, nach acht stunden fahrt mit meiner mom (direkt durch münchen und somit durchs oktoberfest), guter FM4 musik und sentimentalen geschichten. Das in wien rein fahren hat in mir ein gefühl des nach hause kommens ausgelöst, obwohl ich bisher nur einen monat in wien gewohnt und gearbeitet hatte. Vielleicht war ich ja schon mal in einem anderen leben hier, keine ahnung.
Ich fand altbauten schon immer hammer. Umso mehr freute ich mich, als ich den eingang betrat und direkt stuck an den hohen decken sah. Meine wg kann man als eine hippiekommune bezeichnen, in welcher es syrisches essen gibt, wenn man abends heim kommt und wo man meistens mit einem joint begrüßt wird (egal ob morgens oder abends). Wir sind offiziell zu viert und in echt aber zu fünft (glaube ich). Ein elektrotechnik-student, eine österreichische Italienerin, deren studienfächer zu exotisch klingen als dass ich sie mir merken könnte und zwei syrer. Die letzteren sind wie meine zwei großen brüder. Alle sind sie gemeinsam umgezogen, nachdem der vermieter in der ersten wohnung sie aus rassistischen gründen nicht mehr haben wollte. Unser neuer vermieter ist achtzig und “typisch wienerisch” wie die alle sagen, was bedeuten soll, dass er viel rummault, es im grunde aber doch nicht böse meint. Wir drehen ungefähr ziemlich oft die musik laut auf, aber die hier herrschenden akustischen eskapaden interessieren ihn nicht, da er schwerhörig ist. Hurra! Und auf grund seiner spannenden vergangenheit hat er einen separaten text verdient, da er viel erlebt hatte, nachdem er als kind seine gesamte familie in auschwitz verlor (es gibt auf youtube sogar eine dokumentation mit ihm).
Zum neben mir einzigen mädel. Sie hat einen melodischen italienischen akzent und eine stark ausgeprägte soziale ader. Irgendwie erinnert sie mich von ihrer art her an pipi langstumpf. Wenn ich ins wohnzimmer komme, sitzt sie auf dem sofa mit nassen haaren und einem ballettbody und lässt sich im kreise der wg zöpfe flechten von aumar, einem der syrer. Zudem hat sie mit acroyoga angefangen. Was das für uns bedeutet, müsste allen klar sein.
Khaled hatte archäologie studiert und will es hier fortführen. Als er und seine kumpels mir im flur zum ersten mal entgegen kamen, war ich nicht gerade begeistert. Sie waren etwas lärmig und zwei von ihnen rauchten zigaretten, in der wohnung, direkt vor meinem zimmer. Bei sowas könnte ich ausrasten. Es gibt kaum schlimmeres, als kalten zigarettenrauch an den klamotten. Jedenfalls setzte ich mich irgendwann zu ihnen ins wohnzimmer, wir rauchten einen und wurden freunde.
Jeder von ihnen hatte ein normales leben in syrien. Ihre familien sind generell ziemlich groß und es ist normal, dass jeder mindestens vier oder fünf geschwister hat. Muhdi hat fünf. Alles schwestern. Als ich darüber loslachte, grinste er nur breit und jeder wusste, ohne etwas sagen zu müssen, was die intention der eltern gewesen war.
Kulturell gibt es unüberraschenderweise noch mehr unterschiede, die mir so richtig vor augen führen, wie offen gesellschaften sein könnten. Kann sich hier jemand vorstellen, jemanden zu sich nach hause einzuladen, den er gerade erst auf der straße kennengelernt hat? Sich anschließend einen tee zu kochen, die shisha anzuzünden um einfach nur rumzuhängen und zu reden? In syrien läuft es aber genau so. Wenn ich sowas höre, wächst in mir das bedürfnis irgendwann aus deutschland auszuwanern. Oh ja.
Krass ist auch, wie viele lebensmittel täglich im müllraum landen. Deppert ist, dass man in deutschland mit heftigen strafen rechnen kann, sollte man beim containern/dumpstern erwischt werden..
(der schweinebraten und der salat waren hervorragend)
Hier interessiert es die leute wenig. Ich glaube, dass das soziale gemeinschaftsgefühl hier grundlegend anders ist. Jedenfalls werde ich hier nicht mehr einkaufen gehen müssen. Ich bin wegen diesen ganzen tatsachen ungefähr die ganze zeit voll aus dem häuschen, für die anderen ist das alles normal. Ich komme mir etwas vor, wie ein landei, das zum ersten mal teil eines großstadtdschungels ist.
Im grunde urleiwand. Immer mit einem debilen grinsen durch die straßen laufen und sich morgens in der metro von den zeitungsverkaufenden jamaikanern einen guten morgen wünschen lassen.
Insgeheim wünsche ich mir, bilderbuch mal über den weg zu laufen (vorallem aber michael buchinger).
La- la- la- la- la- lass mich nicht los
Le- le- le- le- le- leg dich zu mir
Ha- ha- ha- ha- ha- halt mich fest