Besser leben mit Piepston – Ode an die Einparkhilfe
Unser Wechsel von einem rostigen, alten Kleinwagen zu einem fast fabrikneuen Familienauto mit aktueller Ausstattung hat einiges an Komfort mitgebracht, den ich nicht mehr missen möchte. Darunter beispielsweise Android Auto, durch das ich wiederum Spotify, Audible und Google Maps unterwegs nutzen kann (so es die Netzabdeckung zulässt). Doch auf all das würde ich sofort verzichten, wenn man mir dafür die Einparkhilfe an der Rückseite des Autos ließe. Keine andere neue Technikanschaffung seit dem Smartphone hat mir in den letzten Jahren so viel Autonomie und Seelenfrieden verschafft.
Ich bin nämlich einfach furchtbar schlecht darin, das rückwärtige Maß eines Autos einzuschätzen. Dies ist eventuell verknüpft mit meiner Unfähigkeit, Richtungsangaben dreidimensional in meinem Kopf zu drehen und in Informationen umzuwandeln, was mir auch das Lesen von Karten und Uhren mit Zeigern erschwert. Doch das ist nur eine laienhafte Vermutung. Woran auch immer es liegt: Trotz Prophezeiungen von wohlmeinenden Eltern und Fahrlehrern habe ich mir diese Fähigkeit in den inzwischen 19 Jahren meines Führerscheinbesitzes niemals aneignen können. Auch teilweise sehr teure Denkzettel halfen mir nicht dabei, besser einzuschätzen wo das Auto, das ich fahre, hinten aufhört – weder zerstörte Rücklichter noch zahlreiche unfreiwillige Begegnungen mit Pfostenecken, Eisenzäunen, Mäuerchen und fremden Stoßstangen. Aus Angst, etwas zu beschädigen, traute ich mich daher jahrelang in keine engen Parklücken, rückwärts schon gar nicht. Und oft wähnte ich mich als so hoffnungslos eingeklemmt, dass ich fremde Menschen zum Herauswinken heranrufen musste, die mir beruhigend zuriefen, dass noch “soooo viel Platz sei.”
Dementsprechend misstrauisch begegnete ich der Einparkhilfe des neuen Autos, denn es konnte einfach nicht sein, was sie mir erzählte. Auch wenn die Grafik mir deutlich mehrere Stufen sicheren Abstands anzeigte und der Piepston noch ganz gelassen war, das Auto hinter mir war GANZ EINDEUTIG VIEL ZU NAH DRAN und die Lackierung bestimmt SEHR TEUER. So stieg ich anfangs zunächst immer wieder aus, um zu kontrollieren, wann der Piepston anfing hektisch zu werden. Bald stellte ich fest, dass selbst wenn das Auto schon höchst alarmierend piepste, immer noch kein Blechschaden zu befürchten war. Und seitdem sind die Einparkhilfe und ich die besten Freunde.
Keine Einfahrt zu schräg, keine Parklücke zu klein, rückwärts einparken in der Einbahnstraße, warum denn nicht? Der Piepston wird mir schon sagen, wenn es zu knapp wird. Ohne Angst fahre ich in fremde Städte mit verwinkelten Gässchen oder nach Millimeter gebauten Parkhäuser. In Situationen, die mich noch letztes Jahr in Tränen hätte ausbrechen lassen, beruhigt mich das Display zuverlässig: schau, es ist alles gut, noch ein bisschen korrigieren und du bist frei.
Nur die gutmeinenden Menschen da draußen können ja nicht wissen, dass ich nicht mehr allein bin. Sie sehen mich immer noch langsam und vorsichtig das Auto aus knapp bemessenen Parkpositionen navigieren (denn es ist ja immer noch sehr neu und übertreiben wollen wir es nicht). Und sie winken und rufen weiterhin, jetzt ungefragt, dass noch “sooo viel Platz” sei. Dann lasse ich das Fenster herunter und rufe vergnügt, “ich weiß – aber danke trotzdem!”