Grübeln ist schlecht. Ganz schlecht sogar. Grübeln ist etwas für Loser, für Spaßbremsen, für Menschen, die sich nicht entscheiden können, die keine Lösungen finden, die vor leeren weißen Blättern sitzen bleiben.
Grübeln heißt graben ohne Boden, ohne Ziel. Grübeln heißt im Kreis denken, keine Auswege finden. Grübeln heißt nicht einschlafen können, nicht entspannen können, nie gedankenlos sein. Grübeln heißt schwarze Gedanken wiederkäuen, chew it over, ruminare, ressasser des idées noires.
Grübeln macht müde, macht angespannt, macht unsozial. Und grübeln ist gefährlich. Weil grübeln nämlich ansteckend ist. Weil Grübler dauernd Fragen stellen und jede Antwort als zu simpel verwerfen. Weil Grübler anderen mit Fleiß die gute Laune verderben.
Und grübeln tut weh. Grübeln verursacht Kopfschmerzen, Hausschmerzen, Weltschmerzen. Kiefer, die aufeinander knirschen. Wände, gegen die gerannt wird, und Decken, die auf Köpfe fallen.
Es tut uns offenbar mehr weh als vieles andere. Eine Serie von 11 Studien, die kürzlich in «Science» veröffentlich wurde, zeigt, dass die meisten Erwachsenen es als sehr unangenehm empfinden, für mehrere Minuten in einem Raum mit ihren Gedanken alleine zu sein. 67 % der Männer verpassten sich lieber einen leichten Elektroshock als sich selbst beim Denken zuzuhören. Selbst bei älteren Menschen ergab sich kein anderes Bild.
Man könnte nun natürlich immer noch finden, dass dies bei Kindern anders sein müsse. Schließlich können sich diese oft sehr gut alleine mit ausgefeilten Fantasiespielen beschäftigen. Doch warum wäre dann «Geh in dein Zimmer und denk darüber nach, was du getan hast!» eine Strafe?
Ich erinnere mich selbst noch ziemlich gut daran, wie ich mit 13 in einem Ferienlager dafür bestraft wurde, dass ich nach der Sperrstunde noch mit einigen anderen Mädchen in einem Jungenzimmer gefunden worden war. (Und nein, es war kein Knutschen und kein Alkohol im Spiel, von härteren Sachen ganz zu schweigen. Es war 1993 und Red Bull und Mozartkugeln waren uns verrucht genug.)
Ohne jede Erklärung wurde ich in ein leeres Zimmer geführt und musste dort still auf einem Stuhl sitzen bleiben, bis die Betreuerin zurückkam. Eine Uhr war nicht in Sicht und auch sonst nichts, das sich bewegte oder irgendwie interessant gewesen wäre. Die gefühlte halbe Stunde gab mir unangenehm viel Zeit, um mich zu fragen, auf was ich dort eigentlich warten musste, was als nächstes geschehen würde, ob man mich nach Hause schicken oder nur meine Eltern über mein Fehlverhalten in Kenntnis setzen würde. Ob man mich von Ausflügen ausschließen oder mir nur zusätzlichen Küchendienst verpassen würde. Und wie es wohl meinen Komplizinnen gerade erging. Man holte mich schließlich und schickte mich ohne weitere Begleitung und Überwachung auf mein Zimmer. Es war wohl noch nie einer auf die Idee gekommen, eine zweite Sitzung zu riskieren, jedenfalls nicht am selben Abend.
Was für eine seltsame, unangemessene Strafe! Im Nachhinein empfinde ich sie fast als sadistisch und wundere mich darüber, dass niemand der Betreuer das System jemals hinterfragte. Eine härtere, bleibendere Buße jedenfalls als jede Strafpredigt und jeder Putzdienst.
Und auch als Kind muss ich die Langeweile und Alleinbleiben als große Bedrohung empfunden habe. Da ich es damals für sehr realistisch erachtete, eines Tages als politische Gefangene im Gefängnis zu landen (möglicherweise Zelle an Zelle mit Nelson Mandela), verbrachte ich meine Einfschlafstunden damit, mir zu überlegen, wie ich die Zeit dort sinnvoll würde nutzen können und ob man mir wohl Zugang zu Papier und Stiften und Büchern gewähren würde.
Unabhängig vom Alter scheint uns also schon die Vorstellung vom Gedankenhören, Gedankenzappen, Gedankenwälzen und -wiederkäuen in Angst und Schrecken zu versetzen.
Martin und ich, Helden des Wiederkäuens, die wir nun einmal sind, wollen dahin gehen, wo es richtig wehtut. Wir wollen unser Losertum und Spaßbremsendasein bereitwillig annehmen und ausschlachten, wollen intern, interaktiv und interpassiv, exzessiv, expressiv und exorbitant miteinander und gegeneinander und aneinander vorbeigrübeln.
Ohne Ausweg und ohne Lösung.
Herzlich willkommen beim großen Grübeln.