Dieser Eintrag ergänzt den Abschlussbericht zu dem Projekt DIE ENDEMITEN. Die Videos zeigen die Zielsetzungen und die Umsetzungen.
Das Projekt DIE ENDEMITEN beschäftigt sich - wie POLDER - mit Erzähl-Systemen. Andere würden vielleicht sagen mit “Erzählblasen”.
Die Jugendlichen der Theatergruppe UM 16 (Junges Theater Winterthur) haben mit der Digitalbühne über 120 Geschichten geschrieben, die in einer eigenen, neu entwickelten Körpersprache aufgeführt werden. Jede Vorstellung wird dabei zu einem einzigartigen Abend, da das Zufallsprinzip immer andere Geschichten zusammenstellt, zu denen die Gruppe improvisiert. Das ist aus unserer Sicht getanztes, politisierendes und doch besänftigendes Storytelling. Die Endemiten ist keine eigentliche Theatervorstellung, mehr ein Labor, dass das Zusammenspiel von Wort, Tanz & Musik erkundet. Ein verdichteter Workshop.
Choreographie: Meret Hottinger.
(mehr Infos, u.a. Interview mit den MacherInnen, bei denen die Zusammenhänge zwischen endemitischer Spielweise und den Ansätzen Brechts erläutert werden: LINK )
Neben unserer grossen Passion für das Geschichten-erfinden- und -erzählen sollten Bewegung, Raum und Sound das Herzstück dieser Anlage sein. Die Sprache, das gesprochene Wort auf der Bühne wollten wir für einmal nur sehr begrenzt und stilisiert einsetzen. Die Arbeit mit dem Körper und der Einsatz von “tänzerisch-mimischen” Elementen war uns ein schon lange gehegter Wunsch, der in einem eigenen, präzisen Bewegungs- Vocabulaire der Endemiten mündete. Die Improvisation jedes Spielers, das Gelingen, sowie auch das Scheitern einer “Szene”, wollten wir durch ein eigen dafür geschaffenes, klares Regelwerk (Do’s and Don’ts) auf der Bühne möglich machen. Das Würfelsystem (Zufallsprinzip) hebelte jeweils vorgefasste Pläne bzgl. der Dramaturgie des Abends immer wieder aus und ermöglichte bei den Spielern immer wieder neue Konstellationen, um noch nie geprobte Geschichten auf der Bühne umzusetzen.
Mitten in die Proben knallte der Konflikt um das AfD Podium (In Berlin GESSNERGATE genannt, Infos zu dem Fall hier: LINK ).
Das Projekt ENDEMITEN wurde von diesem Konflikt beeinflusst, weil gewisse Künstlerinnen im Team, wie Meret Hottinger, Samuel Schwarz, Maria Cecilia Quadri von der Digitalbühne sich ( zusammen mit anderen Künstlern wie Tim Zulauf ) sich ganz klar und öffentlich nistanziert hatten von der Entscheidung der Kuration der Gessnerallee, Marc Jongen/Oliver Kessler einzuladen und diese Wahl kritisierten. In dem Sinn, dass die verschwörungstheoretischen Tendenzen von AfD und NO BILLAG Initianten und die Nähe zu - aus anthroposophischen Kreisen kommenden Verschwörungsmystiker Daniele Ganser und Ken Jebsen - offensichtlich sind.
Auch die Endemiten haben etwas Mystisches. Wir identifizieren uns nicht mit dieser Sorte von Spiritualität, noch distanzieren wir uns von ihr. Die Spiritualität der Endemiten ist “endemisch”, die bezieht sich auf nichts anderes als auf sich selbst. Das Projekt versuchte also dezidiert unpolitisch zu sein, und das in einer politisch aufgeladenen Situation. Friedensstiftung war unser Anliegen, was natürlich auch wieder ambivalent verstanden werden kann (angesichts unterschiedlich motivierter Friedensaktivist*innen)
Einblick in das Regelsystem der Endemiten
DIE SPIELREGELN
Die endemitischen Rituale folgen gewissen Regeln. Diese Regeln wurden in den Proben entwickelt von Samuel Schwarz, Kaspar Weiss, Corinne Soland, Meret Hottinger, Philippe Graber. Sie sind anschaulich erklärt in den folgenden Video-Tutorials
#1 SONNENAUFGANG
Die Endemiten beginnen ihr frühmorgendliches Ritual des Geschichten-Erzählens. Sie verhalten sich nach gewissen Bewegungsmustern zu den von ihnen zuvor geschriebenen Geschichten. Die performenden Endemiten hören die durch Zufall ausgewählte Geschichte zum ersten Mal. Nur einige wenige Grundgesten sind als gemeinsames Bewegungsvokabular vorhanden.
#2 PROBLEM UND LÖSUNG - DAS KULTURWESEN
Ein Endemit muss ein Problem alleine lösen. Der Zufall will, dass der Schauspieler Kaspar Weiss das KULTURWESEN darstellen muss. Dabei findet er interessante Lösungen. Das Rudel entscheidet sich am Ende, ob die Performance geglückt ist.
Wichtig dabei: Endemiten verhandeln nicht. Endemiten diskutieren nicht, debattieren nicht, erörtern nicht. Endemiten erzählen Geschichten.
#4 KONFLIKT - EIN KONFLIKT-DRAMOLETT
Ein typisches Konflikt-Dramolett. Hier thematisieren die Endemiten den Umstand, dass auch jemand böse Texte in die Kiste legen kann, die die Endemiten dem Ungewissen ausliefern. Die Endemiten hören die Geschichten zum ersten Mal und reagieren intuitiv auf das Gehörte auf Basis des Regelsystems.
Und ein Beispiel zu Mis en Place & Tanz
Während der Entwicklung des Regelsystems brach am Theaterhaus Gessnerallee der erwähnte Konflikt aus, weil die Gessnerallee einen rechtsextremen AfD-Politiker eingeladen hatte.
Im Rudel der Endemiten tauchte in dieser Phase zum ersten Mal das mysteriöse grüne Gudu auf, womöglich ein Pseudonym für diesen Politiker? Hier ein Dramolett (mit einem intensiven aggressiven Mis-en-Place), das dieses grüne Gudu thematisiert. Wenn sie über diesen Fall mehr erfahren wollen, dann gehen sie zu Teil 2 unseres EInblicks in das Regelwerk der Endemiten.
Endemiten - Vertiefung. Hier geht’s weiter:
https://derpolder.tumblr.com/post/165690738370/endemiten-2-vertiefung