Tag 2127 / Auf dem Küchenboden heulend
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Tag 2127 / Auf dem Küchenboden heulend
Tag 3243 / Bei mir ist es eine Ausnahme, wenn ich pünktlich bin
Das geht so nicht! Immer, wenn ich andere Kollegen sehe, die ja auch nach 9.00 Uhr ankommen mit dem Fahrrad oder mit dem Auto, andere Kollegen, die auch nach 9.00 Uhr im Aufzug stehen, dann denke ich, ich bin ja nicht die Einzige, die erst jetzt kommt. Das Problem ist, dass ich fast jeden Morgen andere Kollegen sehe, die auch nach 9:00 Uhr kommen. Es sind also nicht immer die gleichen. Das passiert ihnen vielleicht einmal in der Woche, vielleicht einmal im Monat. Vielleicht passiert ihnen das nur einmal im Jahr.
Was sagt die Ärztin, was vielleicht das Wichtigste ist? Ja, ich gehe zur Arbeit. Ich melde mich nicht krank. Und das habe ich auch vor ein, zwei Tagen gedacht: Danke, dass ich trotz Januar jeden Tag hingehe. Der Januar ist immer der schwerste Monat. Wenn der vorbei ist, wird irgendwas von mir genommen, dann fällt es ab spätestens im März. Da werde ich richtig aufblühen, weil dann der Frühling kommt und weil meine Geburtstage kommen und weil die Tage länger werden und weil wir dann die Uhr umstellen und dann geht alles wieder bergauf und dann kann man ab April draußen schwimmen. Der März ist so lange hin. Wir sind im Januar. Aber der Januar ist nicht mehr lang, er hat nur noch zehn Tage.
Tag 3006 / Die Traurigkeit steht er an der Ecke und wartet
Manchmal wirft sie ihr Netz aus. Sie trifft mich nicht, aber einen Teil von mir. Wenn ich das Gleichgewicht verliere, hat sie mich.
Hier hält mich meine Katze, die Sonne, das Wasser.
Die Traurigkeit schickt Push-Nachrichten mit Gefühlsblitzen und physischen Symptomen. In meinem Rachen hängt Übelkeit. Ich möchte mich schütteln, wegdrehen von der Ecke, die Haut, die das Netz der Traurigkeit berührte, desinfizieren.
Die Traurigkeit löst ein Unheilklang in meinem Kopf aus, in meinem Ohr.
Tag 2880 / Es hat mich so krass unsagbar viel Überwindung gekostet, überhaupt loszugehen
und zu versuchen, pünktlich da zu sein. Es war 9:01 Uhr, als ich mich einloggte. Ich war zu spät, aber nicht so viel zu spät. Es war ein ganz schlimmer Tag. Unter den zehn schlimmsten Tagen war er aber nicht.
Tag 2850 / Gleiche Stelle, gleicher Tag
24. Dezember, Großes Fenster. Ein paar Stunden eher als letztes Jahr. Wesentlich besser drauf. Gott lässt hier die Sonne über die Bäume gucken. Mich getraut, bis zum Ende des Stegs zu gehen, obwohl da immer eine Restangst in mir bleibt. Ich kann schwimmen, es kann mir nichts passieren, selbst wenn ich ausrutsche und ins Wasser falle. Trotzdem ist da diese unbegründete Angst. Mich gezwungen, bis zum Ende zu gehen, weil ich denke, ich wachse an Dingen, vor denen ich Angst habe. Ich kann hier auch auf dem nassen Laub den Hang hochklettern, mich an den Wurzeln festhalten. Da ist keine Angst, nur Unsicherheit, vor allem Vertrauen. Es riecht so gut! Der Forst Grunewald, die Havel, der Wannsee - das sind meine Glücksorte, meine Kraftorte. Hier ist was ganz Besonderes. Ich bin heute nicht so traurig wie vor einem Jahr um diese Zeit, obwohl ich eigentlich trauriger bin, was ich zumindest gestern im Meeting geteilt habe - dieses Familienfest und ich habe diese Familie nicht. Ich hätte sie gerne gegründet. Diesmal ist weniger Glauben daran, dass es klappt in Aarhus. Aber es ist Hoffnung. Ich fahre hin, weil ich möchte, dass es klappt. Aber ich hab jetzt schon ein Mal die Erfahrung gemacht, dass es nicht sofort geht. Deshalb kann ich auch nicht so viel Zuversicht mitnehmen. Meine erste Erfahrung war: Es hat leider nicht funktioniert.
Tag 2623 / Auf dem Rückweg war der Hinweg nicht mehr so schlimm
Tag 2621 / Gestern gedacht, heute Morgen gedacht, ich sag das Meeting ab
Auf dem Hinweg gedacht, ich gehe auf jeden Fall nach einer Stunde, nach der Halbzeit. Dann wieder viel gutes Echo. Die hören mir so gerne zu. Dass ich mal schön weitermachen soll. Dass ich mal genau gucken soll, was nicht stimmt. Irgendwie wie Gehirnwäsche. Da die ziehen das Gift aus mir raus. Dass ich ja in der Pubertät angefangen habe zu saufen und deshalb weiß ich gar nicht, wer ich bin, was gut für mich ist, was ich möchte. So viel Komplimente, dass ich gut aussehe, dass die Haare schön sind.
Tag 2566 / dann hatte ich Höhenangst und bin trotzdem weitergegangen
Er ist zufrieden. Ich hätte eine freundliche, fröhliche Art. Dass vieles schon sehr gut läuft, findet er toll.
Ich wusste gar nicht, wo es langgeht, wie lang der Weg ist, ob ich den gehen kann ohne Skistöcke. Ich bin einfach langgegangen, immer weiter. Ich hatte keine Wanderkarte dabei. Ich bin einfach gegangen und dann hatte ich Höhenangst und bin trotzdem weitergegangen, weil ich da ankommen wollte. Und ich wusste gar nicht genau, wo. Aber ich wollte ankommen. Und so ist das ja auch jetzt in dem Job. Ich weiß gar nicht, wo es langgeht. Ich hab nicht die richtige Ausrüstung. Ich gehe trotzdem weiter.
Und wenn mir mein Zeugnis vom alten Arbeitgeber nicht gefällt, dann hab ich schon verloren, wenn ich gar nicht versuche, das ändern zu lassen. Ich versuche, dass sie es ändern und damit habe ich schon gewonnen. Ob sie es ändern oder nicht, darauf kommt es gar nicht mehr an. Ich habe gewonnen, weil ich die Dinge nicht so akzeptiere wie sie sind und weil ich zeige, wie man es besser machen kann. Natürlich möchte kein Personaler wissen, wie man ein besseres Zeugnis schreibt. Auch mein Vorgesetzter möchte nicht von der ehemaligen Angestellten Korrekturen im Zeugnis entgegennehmen. Ich bin da gelandet, wo ich jetzt bin, nicht, weil ich bei euch war, sondern weil ich besser bin, nicht in allem, aber in einigem.
Ich bin da gelandet, wo ich jetzt bin, weil ich das sehr akribisch angehe mit dem Zeugnis, weil ich mir eine Rechtsberatung einhole, weil ich mich auf diese Frau verlasse, weil ich die Sätze so formuliere wie sie sie vorformuliert hat, weil ich ganz sauber die Stellen im Zeugnis markiere, weil ich denke, es ist Schwachsinn, das alles in einem Fließtext aufzuschreiben. Es ist besser, alles durchzunummerieren. Ich bin schon so sicher in meinem neuen Job, dass ich der anderen sage, was besprochen wurde und sie sich dann bedankt, weil sie es vergessen hat. Und ich habe auch den Eindruck, dass jetzt der andere mir nicht mehr mit so viel Skepsis entgegenkommt, sondern ihm klar ist, auch er braucht meine Hilfe. Und das ist eine super Position. Alle brauchen meine Hilfe. Und bevor sie etwas von mir bekommen, muss erst mal verstehen, worum es geht.