Schatzkammer und Zeughaus
In der Geschichte und Theorie des Museums kann man Sammlungstypen unterscheiden. Meine These lautet, dass es unter anderem zwei Linien gibt: Museen in der Tradition der Schatzkammer und Museen in der Tradition des Zeughauses. Es gibt also Museen, in denen Schätze gesammelt werden und es gibt Museen, in denen Waffen gesammelt werden. Von diesem Unterschied lebt zum Beispiel eine Szene in dem Marvelfilm Black Panther. Da ist etwas erst Schatz, dann plötzlich Waffe.
Fast ein ganzer Film, nämlich Bacurau von Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles lebt von dieser Unterscheidung. Insoweit können auch Bilder entweder als Schätze oder als Waffen auftauchen, man kann natürlch auch was wechseln und verwechseln, wandeln und verwandeln. In dem Film Bacurau markiert das einen Scheitelpunkt im Film: Die Leute um Udo Kier, die nicht aus dem Sertão kommen, glauben, die Objekte im Museum von Bacurau seien Schätze und wissen nicht, dass es Waffen sind, so gehen sie erstens bei ihrer Recherche nicht ins Museum und zweitens alle drauf. Das ist natürlich nur eine Szene, eine wichtige Szene von mehreren wichtigen Szenen. Aber der Film wird bei seinen Vorführungen zur Wucht. In Brasilien, in Recife, lief der Film 2019.De Schlangen vor dem Kino brauchten sehr lange, bis sie ein nur ein bisschen kürzer wurden. Dieser Film entlädt sich an einem bestimmten Punkt mit wuchtiger Katharis, und wenn man im Kinosaal während des Films die Leute aufspringen und jubeln sieht, dann steht auch die Frage im Saal, ob dieser Film selbst Schatz oder Waffe ist.
Man erkennt den Unterschied zwischen Schatzkammern und Zeughäusern erst und nur im Protokoll, also zum Beispiel in den Gesten und Gebärden, mit denen die Leute sich im Museum vor den Bildern bewegen. An den Gegenständen, den Namen der Museen, ihren Sammlungsgebieten oder ihrer Architektur und Inneneinrichtung erkennt man das nicht.
Da gibt es Faustregeln, die man mit Formeln, von mir aus sogar Pathosformeln beschreiben kann. Stehen die Leute besonnen und still vor einem Bild und sieht man dann, wie es in ihnen prickelt und sie andächtig und stumm eintauchen ins Bild, dann ist es eine Schatzkammer. Das kann man mit Nelson Goodman die Prickel-und-Tauch-Formel nennen. Fangen die Leute an, vor dem Bild schon so zu gestikulieren, wie man das auch vor Gericht oder von Höfen, Foren oder Innenhöfen, vielleicht sogar Kasernenhöfen sieht, setzen also schon die ersten Ermahnungs- und Ratschlagsgesten oder gar schon die adlocutio, die berühmte Feldherrengeste ein, macht jemand im Museum nur mit zwei Beinen schon eine Levade, dann liegt es nahe, dass man in einem Zeughaus gelandet ist. Dann ist Vorsicht geboten. Macht jemand einen Anschlag auf ein Bild, zum Beispiel mit Säure oder einem Messer, dann ist alles klar, dann gibt es keinen Zweifel mehr, allenfalls den, ob das nicht ein Rückschlag war.
Noch so eine These: russische Museen sind eher Zeughäuser und weil die Brasilianer die Russen Südamerika sind, sind auch brasilianische Museen (Bacurau!) Zeughäuser.


















