Schwarz-Weiß und Farbe – von einer neuen Welt in einer alten
Im Rahmen der Ausstellung „Kunst fühlen“ (ab 10. Mai) werden Werke aus der Sammlung und Leihgaben zeitgenössischer Kunst präsentiert. Die Ausstellung möchte ein Raum schaffen, in dem sich alle Menschen angesprochen fühlen und miteinander in den Dialog kommen. Der Künstler Eric Beier macht den Auftakt in der Ausstellung und gibt hier einen Einblick in seine Lebensrealität, die seine Kunst prägt.
Für meine eigene Kunst ist der Ausgangspunkt immer die Auseinandersetzung mit meiner Lebensrealität. Mit einer Querschnittslähmung zu leben heißt viel mehr, als nicht laufen zu können und auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein. Es bedeutet, mit einem Körper zu leben, der nur dem Augenschein nach und ohne Weiteres vergleichbar mit einem nicht behinderten Körper ist – der nur sitzt und ansonsten recht ähnlich erscheint. Dasselbe gilt natürlich auch für andere Behinderungen, auch für solche, die unsichtbar sind. Mit einer Behinderung zu leben ist nicht nur eine Herausforderung oder ein Schicksal, das gemeistert werden muss.
In meinem Fall bedeutet es, täglich um meine Teilhabe an der Gesellschaft und die Freiheit, tun und lassen zu können, was ich möchte, kämpfen zu müssen. Dies mache ich indem ich die Kontrolle über diesen Körper zurückgewinne und eine völlig neue Beziehung – im Vergleich zur vorherigen und über sehr viele Jahre gewachsenen – zu ihm aufbaue. Denn beides entgleitet mit der Zäsur eines folgenschweren Unfalls, der eine dauerhafte Behinderung wie diese nach sich zieht.
Plötzlich ist da kein spürbarer Harndrang mehr: Darmlähmung, Spastiken – willkürliche Zuckungen der gelähmten Areale des Körpers –, Impotenz, Angst vor Dekubiti (Druckstellen, die durch Dauerbelastung auftreten). Im Verlauf mehrerer Jahre kommen Schmerzen in Gelenken und im Rücken durch Abnutzung und asymmetrische Belastung hinzu. Psychischer Druck: das Herabsehen der Mitmenschen, Ausgeschlossen-Sein aus einem Umfeld, das man gewohnt war. Barrieren: Treppen, Freunde, die in der dritten Etage wohnen. Verminderte Belastbarkeit. Das Gefühl einer ständigen Bedrohung durch Armut und Einsamkeit. Abhängigkeit von der Versorgung mit Hilfsmitteln und medizinischem Material sowie vom guten Willen der dafür zuständigen Stellen. Die Folge: Entfremdung. Die Welt erscheint in einer ungewohnten Perspektive. Was bisher selbstverständlich war, rückt in unerreichbare Ferne. Unberührte Natur ist kein reiner Genuss mehr – mit einer körperlichen Behinderung kann man sich in ihr nur schwer bewegen, mit einem Rollstuhl oft gar nicht (auch Krücken eignen sich an einem Sandstrand nicht besonders gut als Gehhilfe). Es geht also darum eine neue Welt zu entdecken, zu erobern, ja sie zu erschaffen, ohne dabei aber die alte zu verlassen.
Auf Dauer ist dies allein in einer von Menschen geschaffenen Umwelt möglich – und dort auch nur in Bereichen, in denen diese besondere körperliche Situation mitgedacht wurde: in solchen mit WCs, Aufzügen, Rampen, Ermäßigungen und im Allgemeinen reservierten Räumen für behinderungsbedingte Bedarfe wie etwa Parkplätze. Materialien wie Folien und Kunststoffe sind plötzlich nicht mehr (in erster Linie) Umweltverschmutzung oder potenzielles Mikroplastik – sie sind Garant meiner Mobilität und machen mein Leben und Überleben möglich. Spritzen, Medikamente und Hilfsmittel sind kein Interieur von Krankenhäusern mehr. Sie werden auf eine sehr intime Art Teil meiner täglichen körperlichen Routine und führen mir täglich die Verletzbarkeit und Zerbrechlichkeit meiner körperlichen Existenz mit unnachgiebiger Deutlichkeit vor Augen.
Mit Worten lässt sich ab einem bestimmten Punkt weniger fassen, als man denkt. Auf Fragen zu meiner Situation weiß ich oft keine adäquate Antwort. Wir wissen auch nicht, wie es ist, eine Fledermaus zu sein oder was Farbe ist, wenn wir nur Schwarz-Weiß sehen könnten. Es fehlt die Vergleichbarkeit und das Erlebnis als Erkenntnisgewinn. Was möglich ist, ist die Übersetzung in Kunst: eine Sprache, die nicht auf eine Sinneswahrnehmung allein angewiesen ist – nicht allein auf Klang oder Worte oder gegenständliche Bilder –, mit der wir aber gemeinsam fühlen können, wenn wir uns auf sie und ihre Möglichkeiten einlassen.
Über die Ausstellung:
Die Ausstellung „Kunst fühlen. Wir. Alle. Zusammen.“ (10. Mai bis 7. September 2025) ist ein gemeinsames Projekt der Kunsthalle Bremen mit einer eigens hierfür gegründeten inklusiven Projektgruppe von Menschen mit und ohne Behinderung. Die Ausstellung und die Zusammenarbeit mit der Projektgruppe werden von Aktion Mensch gefördert.
Abbildungen: Eric Beier, Flamingo Beach, 2018, Acryl auf Leinwand, Diptychon © Eric Beier | Eric Beier, Vienna Midnight, 2018, Acryl auf Leinwand mit textilem Rahmen, © Eric Beier








